Irisches Tagebuch (Teil drei)

Mühelos.

Weite auf einer Insel finden.

Mit der Weite auf einer Insel ist es ein wenig, wie mit der Weite im eigenen Leben: man muss über den Tellerrand schauen.

Viele Jahre bin ich auf Berge gewandert, um Einsamkeit, um Weite in der Nähe zu finden.  Das hat durchaus funktioniert, wenn man die richtigen Berge gewählt hat. Sonst hat man vielleicht Weite in Nähe, gewiss aber nicht Einsamkeit gefunden.

Küste bei Kilkee - © Thomas Michael Glaw

Küste bei Kilkee – © Thomas Michael Glaw

Wir hatten glücklicherweise gute Beratung (Danke, Gina), so suchten wir die Weite wirklich da, wo sie sich mit Einsamkeit verband.

Wenn man der Küste östlich von Kilkee folgt, kann man nicht nur die zerstörerischen Kräfte, die das Meer ausübt, hautnah studieren, man realisiert auch die, zugegebenermaßen endliche, Weite des Ozeans.

Als Fotograf finde ich hier ein lichtstarkes Weitwinkel grandios. Es erweitert quasi die eigene Perspektive. Es zeigt Blickwinkel, Licht und Schatten, die uns unsere Augen, ob ihrer Beschränktheit, vorenthalten.  Bisweilen hilft uns tatsächlich die Optik, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Klippen bei Kilkee - © Thomas Michael Glaw

Klippen bei Kilkee – © Thomas Michael Glaw

Die Küstenlinie verändert sich der Macht der Gezeiten folgend, Stürme reißen große Stücke heraus aus dem, was sich Menschen anmaßen zu besitzen. Die kleine Kapelle, die irgendwo dazwischen ihr Dasein fristet, wirkt vergleichsweise harmlos, angesichts der Gewalten, die die Natur – oder ein wie auch immer gearteter Gott – zu entfachen vermögen.

St. Senan's Kapelle - © Thomas Michael Glaw

St. Senan’s Kapelle – © Thomas Michael Glaw

 

Trotzdem ist diese Sicht in die Weite immer auch ein Blick auf sich selbst. Auf die eigene Weite. Und auch auf die eigenen Werke. Vielleicht gar auf die eigenen Werte.

 

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Felsturm – © Thomas Michael Glaw

Einsam und trotzig ragen vereinzelte Felstürme in den Himmel. Wenn man am Rand des Abgrunds steht, kommen sie einem vor wie der eine oder andere Politiker, der sich mit den Gegebenheiten des Lebens im 21. Jahrhundert nicht abfinden will oder kann.  Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen finden sich solche Beispiele, besonders bedauerlich finde ich es in der Jugendarbeit.

 

Die Weite der See verführt geradezu, loszulassen.

Anderen das Feld zu überlassen.

Oder aber sich einzulassen.

Auf neue Zeiten.

Mit Ideen.

 

Anderen neue Weiten aufzuzeigen.

Tief durchzuatmen.

Und dann … loszugehen.

Ewige Jugend

heißt eine Studie des Stanford Professors Robert Pogue Harrison auf Deutsch. Ich finde den Titel des Amerikanischen Originals „Juvenesence“ deutlich erhellender. Harrison geht es um die Kulturgeschichte des Älter Werdens, genauer gesagt, um die Bedeutung des Alters in der Gesellschaft und um den – seiner Meinung nach – seit rund fünfzig Jahren um sich greifenden Jugendkult.

Hip - © 2016 Thomas Michael Glaw

Hip – © 2016 Thomas Michael Glaw

Wenn ich mit den Augen des Fotografen durch München gehe, scheint es mir seit etwa zehn, vielleicht fünfzehn Jahren mehr als nur auffällig: Man ist jung. Besser gesagt: Frau ist jung. Oder gibt sich zumindest so. Früher gab es einmal den bissigen Spruch „Von hinten Lyzeum, von vorne Museum“; soweit möchte ich jetzt nicht gehen. Es ist jedoch äußerlich durchaus fühlbar, dass sich die Generation der Eltern immer mehr auf ihre Kinder zubewegen. Gestern ging ich im Supermarkt an einer Mutter/Tochter Gruppe vorbei, die völlig identisch gekleidet war: Sneakers, zerrissene Jeans, wilde Haare – bliebe nur der Altersunterschied 15/55. Natürlich kann sich jeder/jede so kleiden, wie es ihm/ihr beliebt, mich bewegt jedoch eine ganz andere Frage.

Wenn man junge Menschen heute fragt, wer ihre besten Freunde sind, erhält man oft zur Antwort: meine Eltern. Ich finde das, ehrlich gesagt, erschreckend. Der Generationenkonflikt ist eine Bedingung des Erwachsen Werdens. Wenn meine Eltern meine besten Freunde sind: wie will ich mich selbst als Erwachsener finden? Einer der Gründe mag darin liegen, dass viele Mütter (und Väter) selbst relativ unreif sind – ihr oberstes Ziel ist, geliebt zu werden. Ihr oberstes Ziel sollte jedoch sein, junge Menschen in die Welt zu senden und sie dazu anzuhalten, ihren eigenen Weg zu finden.

Einsam ? - © 2016 Thomas Michael Glaw

Einsam ? – © 2016 Thomas Michael Glaw

Es gibt eine zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Erwachsene kleiden sich nicht nur wie Kinder, sie drücken sich zunehmend auch so aus. Amerikanische Wissenschaftler haben mit Hilfe des „Flesch Kincaid Grade Level Test“ ermittelt, dass sich mehr oder weniger sämtliche republikanischen Präsidentschaftsbewerber von Trump bis Kasich sprachlich auf dem Niveau von 8 – 12 jährigen bewegen. Schade, dass es den Test nicht auf Deutsch gibt. Die Ergebnisse wären wohl vorhersehbar. Die anstehenden Probleme, von der Integration fremder Kulturen bis zum Erhalt des sozialen Friedens verlangen jedoch komplexes Denken und, im wahrsten Sinne des Wortes, erwachsene Lösungen. Ludwig Erhard schrieb die „Soziale Marktwirtschaft“ nicht für einen Haufen kreischender (Pseudo) – Jugendlicher, gekleidet in angesagten Marken.

Kurz bevor ich diesen Text schrieb, hörte ich wieder einmal Beethovens 8. Sinfonie (Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern). Sie ist eines seiner am meisten unterschätzen Werke. Eine „kleine“ Sinfonie; eingequetscht zwischen die Siebte und die Neunte; beide sind nicht nur bedeutende musikalische Werke, sondern auch Werke mit einer politischen Dimension. Kent Nagano interpretiert in seinem Buch „Erwarten Sie Wunder“, den zweiten Satz dieser Sinfonie, das Allegretto Scherzando, als eine Allegorie auf die immer knapper werdende Zeit. Die Bläsersätze zerhacken förmlich die Streicher, um sich am Ende selbst zu zerlegen. Er sieht darin Beethovens sehr frühe kritische Betrachtung des Industriezeitalters, als einer Zeit, die uns allen immer mehr Zeit stiehlt. Seit dem ich seinen Text gelesen habe, habe ich die Sinfonie mehrfach gehört und mich auch mit der Partitur befasst. Ich finde den Gedankengang faszinierend, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Beethoven das wirklich so früh schon gespürt hat.

Mangel an Zeit.

Wenn ich mit Jugendlichen in meinen Seminaren spreche, fällt mir immer wieder auf, dass es ihnen vor allem an zwei Dingen mangelt: Muße und Einsamkeit. Alles wird in der Gruppe unternommen. Alles ist zielorientiert. Und selbst wenn es nicht zweckgerichtet ist, wird die Zeit mit anderen verbracht. Oder vor einem kleinen Bildschirm.

Das Wesentliche ? - © Thomas Michael Glaw

Das Wesentliche ? – © Thomas Michael Glaw

Die Konzentration auf das Wesentliche fehlt.

Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, spielen neue Clips in den sozialen Medien eine zentrale Rolle. Es scheint eine Generation zu sein, die beständig mit fremden Stimmen im Kopf lebt. Leider sind es Stimmen, die sie in der Bedeutungslosigkeit des hier und jetzt festhalten.

Die Vergangenheit fehlt.

Oder um mit Nietzsche zu sprechen: „Man muss eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen, um zum Schöpfer des Zukünftigen zu werden.“

Sich der Zeit bewusst zu werden, heißt auch, sich der Endlichkeit bewusst zu werden. Wenn man sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst geworden ist, hat man den ersten Schritt in Richtung Weisheit unternommen.

Ein Schritt, der vielen Eltern zu wünschen wäre.

Morgenstimmung

Es gibt Tage, die sind für mich untrennbar mit Musik verbunden, dazu gehört auch der Ostersonntag. Nein, es ist nicht Bach, auch wenn John Eliot Gardeners Interpretation der Johannes Passion für mich fester Bestandteil der vorösterlichen Zeit ist. Es die „Morgenstimmung“, das Allegretto pastorale aus der ersten Suite von Edvard Griegs „Peer Gynt“. Es sind diese sanften Töne, verbunden mit dem Gezwitscher der Vögel im Park vor meinem Fenster, die das besondere ausmachen.

Morgenstimmung - © Thomas Michael Glaw

Morgenstimmung – © Thomas Michael Glaw

Wir haben nicht vergeblich gewartet. Am Ende einer dunklen Nacht steht eine wärmende, leuchtende, strahlende Sonne. Der Weg mag lang gewesen sein, aber das Warten hat sich gelohnt, die Hoffnung hat nicht getrogen.

Woran denken Sie bei diesem Ostererlebnis? Im Leben jedes Menschen, gibt es solche Erlebnisse, einige aus meinem eigenen Leben gehen mir an Ostern immer wieder durch den Kopf. Auf manches musste man lange warten, aber am Ende hat sich das Warten gelohnt. Wer zu der Minderheit gehört, die heute Nacht bzw. heute Morgen in der Kirche war, hat vernommen, dass das Grab leer war. Nur so richtig glauben, dass Jesus auferstanden war, wollte eigentlich noch keiner.

Mein Sohn erklärte mir letzte Woche was eine „Eskalation“ ist. Ich kannte den Begriff zwar aus der politischen Theorie der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, aber dass es sich dabei um einen kollektiven Luftsprung auf Grund besonders laut wabernder Bässe handelt, war mir bis dato entgangen.

Graffiti - © Thomas Michael Glaw

Graffiti – © Thomas Michael Glaw

Warum veranstalteten Jesu Freunde also keine Eskalation, tanzten keinen Kasachok, sondern schüttelten eher ungläubig den Kopf? Zweifeln gehört zum Menschen ebenso wie glauben. Auch unser heutiges Leben ist trotz des Ostererlebnisses, das sich jedes Jahr wiederholt, eher von Zweifel als von Glauben, Vertrauen, Zutrauen und Hoffnung geprägt. Die Sichtweise „das Glas ist halb leer “ erscheint mir dabei sehr Deutsch zu sein. Viele meiner Freunde, aber auch meiner Schüler und Studenten haben eher „erst“ etwas erreicht als „schon“. Klingt es nicht so viel besser, wenn ich denke „ich habe schon die Hälfte der Seminararbeit geschrieben?“

Schottische Landschaft - © Thomas Michael Glaw

Schottische Landschaft – © Thomas Michael Glaw

Auch die anhaltende Debatte um Flucht und Asyl scheint mir sehr viel mit mangelndem Vertrauen und mangelndem Selbstvertrauen zu tun zu haben. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa. Die Europäische Union hat über eine halbe Milliarde Einwohner – und da sollen wir uns nicht um eine Million Flüchtlinge kümmern können (wenn es den überhaupt so viele werden)? Man ist geneigt zu schreiben: get real.

Abgesehen von der Hoffnung , oder wie der Kölner sagt, „Et hätt noch emmer joot jejange“, wünsche ich mir ein wenig mehr Gelassenheit. Es ist diese Gelassenheit, die ich immer wieder in der Natur finde und auch versuche in der Landschaftsfotografie abzubilden. „Halte mich nicht fest,“ sagt Jesus später zu Maria. Auch wir sollten loslassen lernen, Gewohntes zurücklassen, gelassen offen werden für neues. Ich vertraue darauf, dass da am Ende einer (oder eine 🙂 ) sein wird, die mich auffängt.

 

 

Warten

Warten kann die Hölle sein. Wenn man einen Flieger erwischen muss und die S – Bahn mal wieder aus unerfindlichen Gründen nicht fährt. Wenn die A 99 mal wieder steht, und keiner was gesagt hat. Wenn ein dringend erwartetes Buch irgendwo fest hängt.

Es gibt wohl viele Höllen, die Literatur bietet seit hunderten von Jahren ein reichhaltiges Angebot. Eine Journalistin schreibt diese Woche in der Zeit, dass Mathe für sie die Hölle gewesen sein – mein Sohn würde das wahrscheinlich auch unterschreiben.

Wartende Vögel in Neuperlach

Wartende Vögel in Neuperlach

Als ich ein Kind war, gab es im Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche noch den Satz „Hinabgestiegen in die Hölle“. Ich konnte mir das schon als Kind nicht vorstellen. Es machte einfach keinen Sinn. Nicht nur, dass ich mir Jesus an diesem schrecklichen Ort, den ich nur von Darstellungen auf Gemälden und Kirchen kannte, nicht vorstellen konnte, ich konnte – und kann – mir diesen Ort bis heute nicht als Ort der Strafe vorstellen. Irgendwann hieß es dann „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“; damit konnte ich mich schon eher identifizieren. Das erinnerte mich an eine Zwischenwelt, an ein Reich der Schatten, in dem man ziellos treibt. Es erinnerte mich an die traurige Geschichte von Orpheus und Eurydike, an ein weiteres sinnlosen Gebot, das „sich-nicht-umdrehen-dürfen“. Sinnlose Ge- und Verbote waren für mich am ehesten die Hölle, deren mittelalterlicher Ausprägung ich mich jedoch weiterhin verweigere.

In christlicher Tradition denken wir heute an den gestorbenen, den toten Jesus und hoffen auf seine Auferstehung. Hoffnung prägt immer auch das Warten. Dass der geliebte Mensch endlich kommt, die freundliche Dame am Schalter sagt, der Flug stehe jetzt doch zum Einsteigen bereitsteht, vielleicht sogar auf eine bessere Welt oder gar die Erlösung. Der derzeitige Papst scheint mir in seiner Heilsbotschaft eine wohltuende Mischung aus Diesseits und Jenseits anzustreben, ich würde mir wünschen, so manch barocker Kirchenfürst würde seinen Worten auch einmal Taten folgen lassen.

Suchen, gehen, warten.

Darauf, dass die Leere unseres Lebens, durch eine wirkliche, erfüllende Fülle ausgefüllt wird.

Warten.

Auf einen Sonnenaufgang.

 

 

Leere

Leere ist ein Gefühl, dass mich an jedem Freitag vor Ostern immer stark umfängt. Heute ist es vor allem ein Ereignis, an das ich dabei denke.

Vor einigen Wochen kündigte ein Pfarrer an, dass er gehe. Er meinte damit, er verlasse seine Gemeinde und ginge zunächst einmal in ein Kloster. Er lasse alles zurück. Mein erster Gedanke war, er lässt vor allem die Menschen zurück, die ihm vertraut hatten, die ihm bei vielen spektakulären Ideen gefolgt waren, die durch ihn auch wieder zu einem oder gar ihrem Glauben gefunden hatten.

Sein Weggang hinterlässt eine Leere.

Ich misstraue einfachen Erklärungen, denn unser Leben und auch wir selbst sind zu komplex dafür. Was bleibt ist Leere.

Kann Leere die Antwort auf das Suchen sein? Suchen wir gar die Leere?

Meer bei Ostia (Aus dem Projekt Strandgut)

Meer bei Ostia (Aus dem Zyklus Strandgut)

Man kann in der Leere ganz bei sich sein, es gibt Meditationen, die genau dieses erstreben. Ebenso kann man in der Masse einsam sein. Wenn ich in den letzten Tagen die Bilder aus Idomeni sah, dachte ich mir oft, dass die Menschen, die an diesem Ort auf Gedeih oder Verderb über die Grenze gelangen wollten, trotz der Masse sehr einsam wirkten. Allein, trotz der vielen. Verzweifelt.

Gedanken, die zum heutigen Tag passen.

Das Kreuz hat sich geändert. Wir schlagen keine Menschen mehr daran, aber trotzdem würde sich die große Mehrheit der Europäer die vielen kleinen und großen Kreuze am liebsten nur aus einer ganz großen Distanz betrachten.

Für mich liegt im Zusammentreffen von Himmel und Erde, oder in diesem Fall von Himmel und Meer, immer eine große Zuversicht. Ich vermag das nicht nicht zu erklären. Es ist, als ob sich am alles wieder treffe, alles wieder aufeinander zugehe, alles wieder eins werde.

Meer bei Cadiz (Aus dem Projekt Strandgu)

Meer bei Cadiz (Aus dem Zyklus Strandgut)

 

Jesus war einsam am Kreuz, auch wenn er von Menschen umgeben war.

War auch auch Gott einsam, als er seinen Sohn da hängen sah?

Wir stehen oft einsam in der Masse, einsam vor einander, wohl auch einsam, zweifelnd, wenn nicht gar verzweifelnd, vor Gott; einsam vor dem Kreuz.

Wen opfern wir heute?

Krippkes kieken

Krippen anschauen – scheint eine der Lieblingsbeschäftigungen der Münsteraner zwischen den Feiertagen zu sein. Wer in der süddeutschen Krippentradition groß geworden ist, steht staunend vor den großen Figuren aus Holz oder Wachs, die oft sehr persönliche Züge haben.

Krippe Heilig Kreuz Münster

Krippe Heilig Kreuz Münster

Es sind nicht die Stereotypen, die man seit der Barockzeit in den süddeutschen, aber auch italienischen Krippen oft findet. Die Größe der Gesichter erlaubt es dem Schnitzer oder Wachmodellierer individuelle Züge zu schaffen. Viele Figuren tragen norddeutsch – westfälische Züge, ein milder Josef, ein tumber Hirte …. Fotografisch gesehen waren die Lichtverhältnisse die größte Herausforderung.

Krippe Ludgeri Münster

Krippe Ludgeri Münster

Angesichts des heutigen Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris fällt es mir, ehrlich gesagt, schwer über so ein harmloses Thema wie Krippen zu schreiben. Wieder einmal ist im Namen einer Religion getötet worden. Sinnlos getötet worden. Sapere aude, frei übersetzt, habe Mut zu denken, war das Motto der Aufklärung. Ein Motto, das für mich durchaus mit Glauben vereinbar ist. Glaube ist eine sehr individuelle Sache; es ist die Aufgabe unserer Staaten, unserer Demokratie, die freie Ausübung dieses Glaubens zu schützen. Für jeden. Egal ob er Freitags eine Moschee, Samstags eine Synogoge oder Sonntags eine Kirche besucht.

Krippe Überwasserkirche Münster

Krippe Überwasserkirche Münster

Wir sollten nur all jenen, die dieses Recht in Frage stellen wollen, die die Religion wieder zum Maß aller Dinge innerhalb des Staates machen wollen, die Frauen ihre Gott gegebenen Freiheiten verwehren wollen, beherzt entgegentreten.

Das Kind in dieser Krippe ist Zeit seines Lebens den Pharisäern entgegengetreten, für die Religion nur das stumpfsinnige befolgen von Regeln war. Er stand auf der Seite der Schwachen. Mir ist beim Betrachten dieser Bilder, wie auch der Bilder aus Paris, klar geworden, dass wir stark sein müssen, um diesen Verbrechern im Mantel der Religion das Handwerk zu legen.

Schnell. Und möglichst endgültig.

Heilig Abend

Temperaturen, die zwar beim morgendlichen Lauf recht angenehm waren, aber trotzdem eher in den März als in den Dezember gehören.

Ein Papst, der seinen Führungskräften den Kopf zu Recht setzt, vom hofieren der Vorgesetzten warnt, während der Münchner Kardinal seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Weihnachtsfeier ins Stammbuch schreibt, dass „die Treppe noch immer von oben gekehrt wird“.
Wie passt das alles zu dem Kind, dessen Geburt vor vielen hundert Jahren wir heute wieder feiern werden?

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Kein christliches Fest ist so tief in die Erlebniswelt des Menschen eingedrungen, wie Weihnachten. Wir erfahren an diesem Fest, dass Gott – wer auch immer das für dein einzelnen sein mag – die Welt bejaht.

„Ich verkündige euch eine große Freude.“

Ein Engel musste kommen, um uns klar zu machen, dass wir uns freuen dürfen.
Oft ist unser Leben freudlos. Wenn wir uns umblicken, dann jagen wir materiellen Gütern nach. Das Leben ist farblos, langweilig. In den Kurzmitteilungen vieler findet sich das Kürzel „lw“ … langweilig. Mir ist langweilig. Zuviel Arbeit, zuviel Ablenkung, zuviel von allem …

Dennoch ist da ein Engel, der spricht: „Ich verkündige euch eine große Freude.“

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Für mich heißt das: Unglücklich sein kann jeder. Freude verlangt Anstrengung. Man muss etwas dafür tun. Wir sollten wenigstens heute, an Weihnachten, am Tag der Freude, unsere Sorgen ablegen. Wie wäre es, wenn der Engel der Weihnacht heute vor uns stünde, wie damals vor den Hirten und sagte: Hab Freude.
Freude entsteht, wenn man guten Mut findet. Wenn man Vertrauen hat. Wenn man an die Zukunft glaubt. Wenn man anderen Menschen die Hand reicht. Ich glaube, dass der Dienst am Nächsten eine Bedingung echten Glücks ist. Egal wer der nächste ist. Der Nachbar. Tante Frieda. Der Flüchtling aus Syrien. Vielleicht sollte man das auch mal den Pappnasen von Pegida klar machen, die um ihre gefüllten Fleischtöpfe fürchten.

 

Euch allen ein wahrhaft frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.