Ruhiges Fahrwasser

Ruhig und gleichmäßig fließt die Loisach dahin, nur die kleine Landzunge sorgt für leichte Wellen, die flach über das Wasser gleiten. Nach den Stromschnellen, kleinen Wasserfällen an Engpässen des Flusses weitet sich das Flussbett und biete ein Bild der Entspannung.

Loisach - © Thomas Michael Glaw

Loisach – © Thomas Michael Glaw

Nach einer turbulenten Arbeitswoche, dem Abschluss eines Projekts, das in der Endphase noch einmal richtig hektisch wurde, zieht es mich an solche Orte, an denen ich abschalten, zur Ruhe kommen und durchatmen kann. Auch im Alltag ist es gut, wenn nach einer lebhaften Zeit Ruhe einkehrt, nach Tagen mit vielen Terminen und Besuchen der Kalender leer ist.
Wenn ich die Menschen um mich herum betrachte, scheint es diejenigen zu geben, die gerade vor der Stille, dem zur Ruhe kommen, zu fliehen scheinen. Es scheint für sie nicht vorstellbar zu sein, zu schweigen, nicht oder allein unterwegs zu sein und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Neben der realen Welt bietet auch die digitale vielfältige Möglichkeiten der Flucht vor sich selbst und dem allein sein. Im stetigen „sich neu Erfinden“ verlieren sie jedoch die Orientierung und sich selbst.
Für andere Menschen hingegen scheint die Ruhe, das ruhige Fahrwasser das zu sein, wonach sie streben. Sie bleiben am liebsten im vertrauten Kreis, planen lange im Voraus und tun sich schwer, wenn sich etwas ändern, sie gezwungen sind, sich auf andere und auf Neues einzulassen. Spontanität bedeutet für sie Anstrengung und Unsicherheit. Ihr Lebensmittelpunkt ist das eigene Leben und das der Menschen um sie herum, eine Welt, die immer kleiner zu werden scheint.
Im ruhigen Fahrwasser unterwegs sein, bekannte Wege gehen, nichts Spektakuläres tun sondern einfach auf einer Bank die Sonne genießen, ein Buch zu lesen oder den Gedanken freien Lauf zu lassen, keine Diskussionen zu führen, sondern sich darauf verlassen, dass der andere mich versteht, ich sein kann, wie ich bin, ist sehr erholsam.

Ich brauche jedoch nach einer Weile auch wieder ein paar Stromschnellen.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Blatt September unseres Jahreskalenders 2015

Pariser Geschichten (2)

Natürlich kann man nicht durch Paris gehen, ohne über die vielfältigen architektonischen Versuche unterschiedlicher Epochen zu stolpern.

Moderne Gestaltung scheint geraden Linien zu huldigen, sei es bei Gebäuden, bei Flüssen, bei Kanälen. In Paris scheinen die Versuche moderner Architektur immer wieder Relikten vergangener Tage zu begegnen. Die Geradlinigkeit begegnet anders geformten Linien, die oft viel mehr dem menschlichen Leben entsprechen – denn wessen Leben verläuft schon in geraden Bahnen.

Opernbuchhandlung Paris - © Thomas Michael Glaw

Opernbuchhandlung Paris – © Thomas Michael Glaw

Die Schlichtheit des Geraden zieht auch mich immer wieder an; Linien, die ihre Fortsetzung im Unendlichen erfahren. Linien, denen allerdings etwas fehlt, etwas das Friedrich Schiller im 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen, als ein zentrales Element des menschlichen überhaupt beschreibt: das Spiel.

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Das Spielerische macht unseren Tag, unsere Nächte aus. Wenn wir nicht spielen, leben wir nicht. Selbst das dröge Befolgen von Regeln, das man in diesem Land, in dem ich meistens lebe, so liebt, ist auch nur ein Befolgen von Spielregeln. Nur dass Deutsche diese eben besonders ernst nehmen.

Noix de Coco / Rue de Lancry - © Thomas Michael Glaw

Noix de Coco / Rue de Lancry – © Thomas Michael Glaw

In Paris gibt es ein Museum, wo man das Spielerische besonders schön betrachten kann, auch wenn die Mehrzahl der Besucher (das bitte ich jetzt inklusiv zu verstehen) es eher als Spielplatz ihrer Kameras und Mobiltelefone betrachtet. Diesem Spielplatz möchte ich mich aber in meinem dritten Beitrag widmen.

Spielerische Linien in der Architektur.
Ich finde sie immer wieder in Läden und in den Menschen in, vor und um diese Läden.

Wenn man sich einmal jenseits der, vom Einheitsbrei international tätiger Konzerne geprägten, Fassaden, die leider in München, ebenso wie im kommerziellen und touristischen Zentrum von Paris, die Landschaft prägen, umschaut, so kann man Erstaunliches finden.

Antoine et Lili / Quai de Valmy - © Thomas Michael Glaw

Antoine et Lili / Quai de Valmy – © Thomas Michael Glaw

Farben und Formen, die Menschen ansprechen. Kunden und Besitzer, die miteinander noch wirklich sprechen und nicht nur in einen marktorientierten Dialog eintreten. Menschen, die nicht in Form und Farbe dem entsprechen, was die entsprechenden Hochglanzjournale von uns erwarten.

Ich verfolge das Thema Läden und Ladenfassaden seit langem. Wo Menschen kommen und gehen entstehen Geschichten, die es wert sind aufgezeichnet zu werden.

Menschlicher Umgang miteinander ist immer auch ein Spiel. Ein Spiel mit vielen Varianten und Variablen, ein wenig wie das Spiel mit den Linien: endliche und unendliche, gerade und gekrümmte.

Im Village St. Paul - © Thomas Michael Glaw

Im Village St. Paul – © Thomas Michael Glaw

Paris ist, ähnlich wie übrigens auch Köln, eine wahre Fundgrube für kreative Ideen, für Menschen, mit guten, wenn auch bisweilen ein wenig schrägen Ideen – etwas, dass mir im kommerziell so durchgestylten München immer mehr fehlt.

Ich freue mich auf die weitere Arbeit mit Fassaden und den Menschen, die sie beleben.

Pariser Geschichten (1)

Warum fliegt man nach Paris? Geschäftlich? Privat? Museumsbesuch? Essen im Tour d’Argent ?

Ich wollte eigentlich nur wieder einmal die Seine sehen, am Canal St. Martin spazieren gehen, dem Duft von Maigrets Pfeife nachspüren, schauen ob ich eine alte Brasserie wiederfinde, ob es den alten Bäcker im Marais noch gibt und bei einer Messe in der Kathedrale von Evry zugegen sein. Aber alles zu seiner Zeit.

Von München aus bin ich schon immer gerne Lufthansa geflogen. Es hängt mit der Gestaltung des Terminals zusammen, mit dem Service für Leute, die öfter fliegen – trotzdem kam ich mir an Bord des Airbus A 320 so vor, als hätte Karl Lagerfeld den Flieger für eine Reise mit einem Haufen weiblicher Fans gechartert. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich schätze Karl. Ich mag seine Schnitte – ich kann sie mir nicht leisten und ich kann sie auch nicht tragen, weil ich bei 1,75 Körpergröße immerhin 72 Kilo wiege. Ich finde die Damen, die Mode machen oder sie professionell kaufen, die so um Mitte Vierzig sind und dabei gerne so aussehen möchten wie ihre vielleicht 17-jährigen Töchter allerdings meistens nur absurd. Ionesco hat was, aber wenn ich diese „Mädels“ sehe, frage ich mich einfach nur, was aus unseren Schönheitsidealen geworden ist. Kann man nicht mehr zu dem stehen, was man ist? Sind sich die Damen der Tatsache nicht bewusst, dass ihre Hände, ihr Hals und der eine oder andere unprofessionell gesetzte chirurgische Schnitt ihr wahres Alter der Öffentlichkeit preisgeben?

Nun ja, ich saß umgeben von diesen um die Mittagszeit ausschließlich Mineralwasser zu sich nehmenden Bohnenstangen umgeben im Flieger, mich wundernd, bis mir ob eines flüchtigen Blicks auf diverse Email Ausdrucke klar wurde, dass in Paris zur Zeit eine große Order Messe statt fand. Das erklärte alles. Die Blusen, die Schuhe, das wichtige Getue … last but not least das Mineralwasser. Hilft nur nicht gegen Falten 🙂

Aber ich schweife ab.
Paris.

Paris - CDG - © Thomas Michael Glaw

Paris – CDG – © Thomas Michael Glaw

Das erste, was der geneigte Reisende (und ich verwende das hier inklusiv) von Paris mitbekommt ist ein wunderbares Laufband, das ihn an einigen der schönsten Plätze Frankreichs vorbei zu dem Gepäckkarussell bugsiert. Virtuell natürlich. Die Darstellung ist immerhin schöner als die alberne Pharmawerbung, an der man in München vorbei rattert … auch spannend sind die Rolltreppen, mit Hilfe deren man den zentralen Teil des Terminals durchquert.

Wenn man dann auch noch das Wirrwarr der Verkaufsmaschinen des öffentlichen Nahverkehrs entschlüsselt hat, der einen seit Neuestem auch auf Deutsch vor stehen gelassenen Gepäckstücken warnt (sogar akzentfrei) steht einem Besuch in Paris nichts mehr entgegen.

Paris - Pont du Bercy - © Thomas Michael Glaw

Paris – Pont du Bercy – © Thomas Michael Glaw

Soviel hat sich gar nicht geändert.

Gut, die Musiker im Untergrund sind schlechter geworden.
Gut, der Preis für einen „petit blanc“ hat Höhen erreicht, für den ich im Südwesten Frankreichs fast eine ganze Flasche in deutlich besserer Qualität bekomme.
Gut, in den Brasserien des 11, 12 oder 13 Arrondissements bekommt man quasi nur noch Mumpitz zu essen (Burger, Burger, Burger … zu Preisen von 13 Euro aufwärts, oder wahlweise gute Salate zu Preisen von 15 Euro aufwärts.). Im Zentrum ist das schon seit 25 Jahren so, ab hier?

Brasserie - © Thomas Michael Glaw

Brasserie – © Thomas Michael Glaw

Paris ist immer noch schmuddelig.
Die Seine ist immer noch schön.
Die Kanäle auch.
Es gibt immer noch tolle Bäcker.
Und tolle Typen.
Und Menschen aller Hausfarben gehen tolerant miteinander um.

Metro Station Quai de la Gare - © Thomas Michael Glaw

Metro Station Quai de la Gare – © Thomas Michael Glaw

Pas mal.

Mehr folgt.