StadtGründungsBenno

Es ist ein Weilchen her, dass ich mich hier verbreitert habe.
Entschuldigung.
Es gab zu viel zu tun.
Ich habe einen weiteren Krimi veröffentlicht (Mach dir kein Bild) und ein Rom Führer für junge Leute (Viva Roma!) wollte rechtzeitig vor der Reisesaison auf den Weg gebracht werden. Und dann war da noch die DSGVO …

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Gestern jedoch war ich auf dem Münchner Stadtgründungsfest. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht das wievielte es war, aber es war, glauben Sie mir, eine Farce. Seit einiger Zeit feiert die katholische Kirche das Benno Fest, das Fest des Patrons der Stadt München, am selben Tag. Das war der eigentliche Grund, warum wir uns in die Stadt aufgemacht hatten. Um Freunde zu treffen.

Die Rolltreppe am Odeonsplatz spuckte einen aus dem Untergrund in ein unglaublichen Gewurl von Menschen – das ist bei derartigen Events relativ normal. Als ich jedoch die Reihen der Buden durchschritt, begann ich mich zu fragen: was soll das alles, oder vielmehr: was hat das alles mit München zu tun?

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Selbst wenn man diesem inszenierten Handwerkermarkt noch etwas abgewinnen konnte, spätestens beim Gang durch die Theatinerstraße wurde klar, dass es hier, egal was Oberbürgermeister Reiter salbungsvoll verkündete, nur um eines ging: Kommerz.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin seit dreißig Jahren selbstständig. Ich weiß durchaus, dass man Geld verdienen muss. Aber muss man an so einem Tag wirklich nur Tand verticken? Könnte man nicht Organisationen das Feld bereiten, die dabei sind, einem besseren München den Weg zu bereiten? Interessante Ideen haben? Neues vorstellen wollen?

Handgeschöpftes Briefpapier? Goldschmiede? Alte Bilderrahmen? Puppen?

Also bitte.

Auch die katholische Kirche hat sich keinen wirklichen Gefallen mit der Zusammenlegung beider Festlichkeiten getan. Das Fest am Odeonsplatz zu begehen hatte etwas. Zwar waren die Stände auch früher schon nicht sonderlich innovativ (Tipp: Man könnte die Ausstattung vom Katholikentag zum Teil recyclen …), aber das Fest hatte durchaus etwas familiäres.

Na ja.
Bei einem interkulturellen Training letzten Donnerstag habe ich – wie immer – verkündet, dass die Deutschen viel zu viel kritisieren und jetzt bin ich selbst in diese Falle getappt.

Sei’s drum.
Ab und zu muss man auch mal granteln können 🙂

Aber dann war da doch noch etwas.
Mitten in der Fußgängerzone gab es Stellwände mit der Aufschrift „Bevor ich sterbe“ bzw. auf Englisch „Before I die“., die permanent von alten wie jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft umlagert waren.

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Das, was sich die Menschen vor ihrem Tod noch erhofften, schwankte zwischen berührend und naiv, und doch ließ es die meisten für einen Moment oder länger verharren. Nachdenklich werden. Auch wenn man das natürlich mit dem Handy festhalten musste. Man sollte in dem unglaublich schnellen städtischen Leben mehr solcher Momente haben. Hier gibt es ein weites Feld, um  Menschen zum Nachdenken über ihr Leben zu motivieren.

Und sonst?

Da gab es noch einen Pudel.
Allerdings ohne großartigen Kern, jedoch als gern genutzten Hintergrund für Selfies.

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Die Ausstellung in der Hypo Kunsthalle zu Faust in der Kunst ist allerdings durchaus sehenswert. Ein Nachdenken über das faustische in unserem Leben ist gerade in diesen Zeiten … ach lassen wir’s. Macht ja doch keiner 🙂

 

 

 

 

Herbsttag

Herbsttag - © Thomas Michael Glaw

Herbsttag – © Thomas Michael Glaw

Ein fauler Tag. Das Gegengewicht zu einer ausgefüllten Woche. Nein, sie war nicht übervoll, aber voll. Es ist schön, an einem der letzten Oktobertage noch einmal die milde, wärmende Sonne zu genießen. Menschen zuzuschauen, die schon lange Schatten werfen. Rilke kommt einem in den Sinn. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren.

Letztere sind eher rar geworden. Die Menschheit vertraut der digitalen Spielart der Zeitmessung, am besten verbunden mit dem Handy. Briefmarkengroße bunte Bildchen, die uns stets daran erinnern, was gerade so geschieht, wer etwas von einem will, was man alles noch tun muss, wo man eigentlich sein sollte.

Mir geht manchmal der Sekundenzeiger auf meiner bald zwanzig Jahre alten Schweizer Uhr zu schnell.

© Thomas Michael Glaw

© Thomas Michael Glaw

Die milden Farben der Bäume und Sträucher lassen die harten Glas- und Betonkonstruktionen weicher erscheinen. Auf einem Spielplatz spielen Kinder unterschiedlicher Kulturen miteinander. Die Mütter sitzen immer noch brav getrennt. Kopftuch neben Kopftuch, Osteuropa neben Osteuropa, Fernost neben Fernost. Beim Fußball der unter 1,30 m großen scheint eher das Team der Vereinten Nationen unterwegs zu sein. Die Väter stehen vereinzelt am Spielfeldrand, die Hände in den Hosentaschen vergraben und scheinen auch nur mit denen zu sprechen, die in der jeweiligen Muttersprache parlieren können.

Ob es wirklich nur noch eine Generation dauern wird, bis all diese Jungen (Mädchen spielen in Neuperlach nur selten Fußball) in diesem Land, in diesem Kontinent gemeinsam an dessen Zukunft bauen werden? Und die Mädchen auch?

Herbsttag - © Thomas Michael Glaw 2016

Herbsttag – © Thomas Michael Glaw 2016

Die Herbstsonne bleibt bei ihrem milden Licht, auch wenn es langsam kühler wird. Immerhin haben wir heute eine geschenkte Stunde. Nein, von den Kindern gibt es keine Bilder. Ich hätte ja jede einzelne Mutter, jeden einzelnen Vater fragen müssen.

Boom !

oder der dritte Weltkrieg in Neuperlach. Es war das erste mal, dass wir Silvester hier verbracht haben, aber es ist durchaus eine Erfahrung. Tausende waren der Meinung, sie müssten den ganz großen Knall veranstallten, auf mich wirkte das alles eher befremdend.

Silvester in Neuperlach - © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach – © Thomas Michael Glaw

Für mich als Fotografen war der zunehmende Nebel die wirkliche Herausforderung des Abends und zugleich eine Chance für außergewöhnliche Aufnahmen.

Die Bedrohung des Terrors, der gestern seine Finger nach uns ausstreckte, hat uns hier am Stadtrand nicht erreicht. Es war trotzdem beeindruckend, wie Politik und Sicherheitskräfte auf diese Bedrohung reagiert haben und wie die Münchner im Zentrum sich nicht aus ihrer Feierlaune bringen ließen. Die Zivilgesellschaft hat funktioniert.

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Die Bilder hier geben nicht wirklich die Lärmkulisse, die Kakakophonie und die überbordenden Lichtelemente wieder. Verglichen mit anderen europäischen Städten war es eine schräge Sinfonie …

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

 

An- und Verkauf

Der Plan war harmlos genug. Ein zweiter Gang über die Jakobidult – eine der wenigen „events“, um es Neudeutsch zu formulieren, an denen München noch ein wenig des alten Charme ausstrahlt, der es in den letzten hundert Jahren geprägt hat. Ich war schon letztes Wochenende da gewesen. Die Dult ist eine Mischung aus Trödelmarkt, überflüssiger Novitäten für den Haushalt – verkauft von beeindruckenden Gestalten – und Jahrmarkt im herkömmlichen Sinne. Besonders bekömmlich ist dort das Augustiner Bier und der Steckerlfisch.

Auer Jakobidult - © Thomas Michael Glaw

Auer Jakobidult – © Thomas Michael Glaw

Ich suche den Platz üblicherweise auf, um Menschen zu studieren, um zu fotografieren und um … ja um das alte München mit all seinen Typen, seiner Vielfältigkeit, seinem Witz, seiner Hinterlist …. Ich weiß, all das klingt ein wenig verstiegen, aber glauben Sie mir, wenn Sie offenen Auges über die Auer Dult laufen begegnet ihnen all das.

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Auer Jacobidult München – © Thomas Michael GLaw

Heute musste ich allerdings ein Kleines Hindernis überwinden. War es nur mangelnder Orientierungssinn oder doch der Cognac zum Espresso nach einem wunderbarem Pollo all Cacciatore … ich stieg jedenfalls eine Station zu früh aus, sprich bevor sich die U Bahn auf ihren Weg das Isarhochufer hinunter und unter dem Fluss hindurch zum Kolumbusplatz begibt. Na ja, dachte ich mir, kein Problem. Ein kleiner Spazierganz tut dir gut.

Von wegen. Fünf in rascher Folge vorbeiziehende Polizeiwagen hätten mich warnen sollen. Wenn man diesen kleinen Umweg nimmt kommt man in Sichtweite des altehrwürdigen Stadions an der Grünwalder Strasse vorbei, der Heimat der Löwen. Für nicht eingeweihte: der Fussballclub München 1860. Anscheinend hatten die blauen Amateure (1860) gegen die roten Amateure (Bayern) verloren. Das Polizeiaufgebot war beeindruckend, die Zahl der fetten, glatzköpfigen Fans ebenso. Mein reflexartiger Griff zu Kamera wurde mit den Worten „Schaug blos, des weiterkimmst mit deiner Kamera“ quittiert. Angst? Bewusstsein des eigenen Fehlverhaltens? Ein kurzer Check im Web belegte, dass bereits mehr als 1000 Beamte im Einsatz waren. Glaube ich unbesehen. Toller Sport Fußball. Vor allem aber: tolle Fans. Erinnert sich eigentlich noch jemand an Sammy Drechsels Jugendbuch „Elf Freunde sollt ihr sein“? Ich weiß; das war gestern,

Auer Jocobidult München - © Thomas Michael Glaw

Auer Jocobisult – © Thomas Michael Glaw

Letztendlich habe ich es dann doch noch auf die Auer Dult geschafft und neben einigen Krimis das Poesiealbum einer jungen Frau erstanden (für fünf Euro) die zwischen 1912 und 1923 in Leipzig, Berlin, Neufchatel und Rom lebte. Danach gab es dann noch eine anhörbare Predigt im Abendgottesdienst im Dom,

Was will man mehr von einem mäßig sonnigen Sonntag Anfang August 🙂

Übergänge (2)

Übergänge sind in der Photographie ebenso wichtig wie im wirklichen Leben. Wenn man zwischen dem Kalenderfrühling und dem wirklichen Frühling durch München läuft, begegnet einem so manches.

München Ostpark - © Thomas Michael Glaw

München Ostpark – © Thomas Michael Glaw

Es sind nicht nur die Menschen, die den Wandel herbei sehnen, es ist auch die Natur. Es sind Bäume und Sträucher, die förmlich darauf warten, „ausschlagen“ zu dürfen. Fausts Osterspaziergang drängt sich auf, die Suche nach Veränderung, nach etwas Befreiendem …

Rabe / Ostpark - © Thomas Michael GLaw

Rabe / Ostpark – © Thomas Michael GLaw

München hatte am Ostermontag eher graues Wetter zu bieten, Schneeflocken an Anfang April.
Es ist jedoch nicht nur die Wetterlage, die uns vorwärts gehen lässt – es ist der Weg selbst. Wer auch immer es heute in eine katholische Kirche geschafft hat, hat die Geschichte vom Weg der Jünger nach Emmaus vernommen. Die Reise zweier zutiefst enttäuschter, verunsicherter Männer, die gerade noch zur rechten Zeit erkennen, dass am Ende ihres Weges die Wahrheit liegt.
Liegt nicht oft am Ende des Weges die Wahrheit, die wir zu Beginn nicht erkennen konnten – oder wollten?

Ostpark - München /  Thomas Michael Glaw

Ostpark – München / Thomas Michael Glaw

Als Photograph liegt die Wahrheit oft zwischen dem, was man sieht und der Art und Weise, wie man es darstellt. Nein, ich möchte hier nicht auf die vielen Filter, die Photoshop bietet eingehen; allein die Auswahl von Blende und Verschlusszeit ermöglicht völlig unterschiedliche Tiefenschärfen.
Und damit auch völlig unterschiedliche Sichtweisen.

Ostpark - München / © Thomas Michael Glaw

Ostpark – München / © Thomas Michael Glaw

Wie gehen wir damit um?
Wie gehen wir mit dem Erwachen der Natur um?
Wie mit uns?
Wie mit einem Schöpfer? (Wenn wir uns denn einen vorstellen können)

Heilig Abend

Temperaturen, die zwar beim morgendlichen Lauf recht angenehm waren, aber trotzdem eher in den März als in den Dezember gehören.

Ein Papst, der seinen Führungskräften den Kopf zu Recht setzt, vom hofieren der Vorgesetzten warnt, während der Münchner Kardinal seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Weihnachtsfeier ins Stammbuch schreibt, dass „die Treppe noch immer von oben gekehrt wird“.
Wie passt das alles zu dem Kind, dessen Geburt vor vielen hundert Jahren wir heute wieder feiern werden?

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Kein christliches Fest ist so tief in die Erlebniswelt des Menschen eingedrungen, wie Weihnachten. Wir erfahren an diesem Fest, dass Gott – wer auch immer das für dein einzelnen sein mag – die Welt bejaht.

„Ich verkündige euch eine große Freude.“

Ein Engel musste kommen, um uns klar zu machen, dass wir uns freuen dürfen.
Oft ist unser Leben freudlos. Wenn wir uns umblicken, dann jagen wir materiellen Gütern nach. Das Leben ist farblos, langweilig. In den Kurzmitteilungen vieler findet sich das Kürzel „lw“ … langweilig. Mir ist langweilig. Zuviel Arbeit, zuviel Ablenkung, zuviel von allem …

Dennoch ist da ein Engel, der spricht: „Ich verkündige euch eine große Freude.“

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Für mich heißt das: Unglücklich sein kann jeder. Freude verlangt Anstrengung. Man muss etwas dafür tun. Wir sollten wenigstens heute, an Weihnachten, am Tag der Freude, unsere Sorgen ablegen. Wie wäre es, wenn der Engel der Weihnacht heute vor uns stünde, wie damals vor den Hirten und sagte: Hab Freude.
Freude entsteht, wenn man guten Mut findet. Wenn man Vertrauen hat. Wenn man an die Zukunft glaubt. Wenn man anderen Menschen die Hand reicht. Ich glaube, dass der Dienst am Nächsten eine Bedingung echten Glücks ist. Egal wer der nächste ist. Der Nachbar. Tante Frieda. Der Flüchtling aus Syrien. Vielleicht sollte man das auch mal den Pappnasen von Pegida klar machen, die um ihre gefüllten Fleischtöpfe fürchten.

 

Euch allen ein wahrhaft frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Oktober – Freiraum

Ein Mädchen in einem Kettenkarussell, herbstliche Bäume im Hintergrund. Es schaut lächelnd nach unten – zu den Eltern, Geschwistern oder Großeltern – man sieht es nicht.

Freiraum

Freiraum

Abheben, Abstand von der Welt, dem Alltag, den Anforderungen, Ansprüchen und dem Eingebunden sein bekommen und aus einer Distanz darauf schauen erfordert oft mehr als nur Schwindelfreiheit.
Nach einem ersten Durchschnaufen, wie man hier in Bayern sagt, merkt man, dass viel mehr passiert:
Mit dem Abstand ändert sich auch der Blick auf mich, meine eigene Welt, meinen Alltag und meine Rolle. Mit zunehmender Distanz erscheint manches in einem anderen Licht, durch das Erkennen von Zusammenhängen wird einiges klarer, manches auch kleiner und unwichtiger.

Zum Spektrum meiner beruflichen Tätigkeiten gehört auch die Leitung von Klausuren, in denen die TeilnehmerInnen Abstand zu den alltäglichen Mühlen, in denen sie arbeiten, gewinnen. Aktivitäten, Jahrespläne und Aufgaben werden auf den Prüfstand gestellt, es wird abgewogen, was noch zeitgemäß und sinnvoll ist; von Überholtem heißt es Abschied nehmen. Das ist alles andere als leicht – es erfordert Mut, mit den Enttäuschungen und Unsicherheiten derer umzugehen, die von den Änderungen betroffen sind. Es erfordert auch Mut, sich selbst zu verändern, etwas sein zu lassen und Freiräume für Neues zu schaffen. Freiräume, die vielleicht auch erst mal leer bleiben.

FREI-RAUM ist freie Zeit,

in der man erspüren kann, was einem wichtig ist,
was man bewegen wollte,
was man bewegt hat und auch,
was einen wirklich bewegt.

Nutzen wir die Zeit der Jahrmärkte und Volksfeste wie der Münchner Auer Dult, steigen wir ein in das Kettenkarussell, lassen uns den Wind um die Nase wehen und gönnen wir uns Freiraum vom Alltag.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Jahreskalender 2014. Den vollständigen Kalender finden Sie unter http://www.thomasmichaelglaw.com