Warten

Warten kann die Hölle sein. Wenn man einen Flieger erwischen muss und die S – Bahn mal wieder aus unerfindlichen Gründen nicht fährt. Wenn die A 99 mal wieder steht, und keiner was gesagt hat. Wenn ein dringend erwartetes Buch irgendwo fest hängt.

Es gibt wohl viele Höllen, die Literatur bietet seit hunderten von Jahren ein reichhaltiges Angebot. Eine Journalistin schreibt diese Woche in der Zeit, dass Mathe für sie die Hölle gewesen sein – mein Sohn würde das wahrscheinlich auch unterschreiben.

Wartende Vögel in Neuperlach

Wartende Vögel in Neuperlach

Als ich ein Kind war, gab es im Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche noch den Satz „Hinabgestiegen in die Hölle“. Ich konnte mir das schon als Kind nicht vorstellen. Es machte einfach keinen Sinn. Nicht nur, dass ich mir Jesus an diesem schrecklichen Ort, den ich nur von Darstellungen auf Gemälden und Kirchen kannte, nicht vorstellen konnte, ich konnte – und kann – mir diesen Ort bis heute nicht als Ort der Strafe vorstellen. Irgendwann hieß es dann „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“; damit konnte ich mich schon eher identifizieren. Das erinnerte mich an eine Zwischenwelt, an ein Reich der Schatten, in dem man ziellos treibt. Es erinnerte mich an die traurige Geschichte von Orpheus und Eurydike, an ein weiteres sinnlosen Gebot, das „sich-nicht-umdrehen-dürfen“. Sinnlose Ge- und Verbote waren für mich am ehesten die Hölle, deren mittelalterlicher Ausprägung ich mich jedoch weiterhin verweigere.

In christlicher Tradition denken wir heute an den gestorbenen, den toten Jesus und hoffen auf seine Auferstehung. Hoffnung prägt immer auch das Warten. Dass der geliebte Mensch endlich kommt, die freundliche Dame am Schalter sagt, der Flug stehe jetzt doch zum Einsteigen bereitsteht, vielleicht sogar auf eine bessere Welt oder gar die Erlösung. Der derzeitige Papst scheint mir in seiner Heilsbotschaft eine wohltuende Mischung aus Diesseits und Jenseits anzustreben, ich würde mir wünschen, so manch barocker Kirchenfürst würde seinen Worten auch einmal Taten folgen lassen.

Suchen, gehen, warten.

Darauf, dass die Leere unseres Lebens, durch eine wirkliche, erfüllende Fülle ausgefüllt wird.

Warten.

Auf einen Sonnenaufgang.

 

 

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