Oktober – Freiraum

Ein Mädchen in einem Kettenkarussell, herbstliche Bäume im Hintergrund. Es schaut lächelnd nach unten – zu den Eltern, Geschwistern oder Großeltern – man sieht es nicht.

Freiraum

Freiraum

Abheben, Abstand von der Welt, dem Alltag, den Anforderungen, Ansprüchen und dem Eingebunden sein bekommen und aus einer Distanz darauf schauen erfordert oft mehr als nur Schwindelfreiheit.
Nach einem ersten Durchschnaufen, wie man hier in Bayern sagt, merkt man, dass viel mehr passiert:
Mit dem Abstand ändert sich auch der Blick auf mich, meine eigene Welt, meinen Alltag und meine Rolle. Mit zunehmender Distanz erscheint manches in einem anderen Licht, durch das Erkennen von Zusammenhängen wird einiges klarer, manches auch kleiner und unwichtiger.

Zum Spektrum meiner beruflichen Tätigkeiten gehört auch die Leitung von Klausuren, in denen die TeilnehmerInnen Abstand zu den alltäglichen Mühlen, in denen sie arbeiten, gewinnen. Aktivitäten, Jahrespläne und Aufgaben werden auf den Prüfstand gestellt, es wird abgewogen, was noch zeitgemäß und sinnvoll ist; von Überholtem heißt es Abschied nehmen. Das ist alles andere als leicht – es erfordert Mut, mit den Enttäuschungen und Unsicherheiten derer umzugehen, die von den Änderungen betroffen sind. Es erfordert auch Mut, sich selbst zu verändern, etwas sein zu lassen und Freiräume für Neues zu schaffen. Freiräume, die vielleicht auch erst mal leer bleiben.

FREI-RAUM ist freie Zeit,

in der man erspüren kann, was einem wichtig ist,
was man bewegen wollte,
was man bewegt hat und auch,
was einen wirklich bewegt.

Nutzen wir die Zeit der Jahrmärkte und Volksfeste wie der Münchner Auer Dult, steigen wir ein in das Kettenkarussell, lassen uns den Wind um die Nase wehen und gönnen wir uns Freiraum vom Alltag.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Jahreskalender 2014. Den vollständigen Kalender finden Sie unter http://www.thomasmichaelglaw.com

Römische Reminiszenzen

Manchmal muss man Rom einige Tage oder Wochen hinter sich lassen, um einen klaren Blick auf das zu werfen, was man erlebt hat. Es mag wohl sein, dass dies bei jeder großen Stadt so ist, aber bei Rom und New York finde ich diese Sentiment am auffälligsten.

Gewiss, manchmal fallen mir auch zu meiner Wahlheimat München entscheidende Dinge erst ein, wenn ich wieder in meiner römischen Lieblingspizzeria, am Freitagabend in Monti sitze (und nein, ich schreibe jetzt nicht, wie die heißt oder wo sie zu finden ist – Kennern der Szene ist der „Freitagabend“ Hinweis genug ;).

Es war wohl der letzte Besuch in Rom für dieses Jahr, zumindest habe ich noch keinen weiteren Grund (und keinen weiteren Auftraggeber) finden können.

Die ewige Stadt … doch, ein wenig Ewigkeit beschleicht einen schon, wenn man durch die Straßen streift, Freunde trifft, Fremde beobachtet … man kann sich sogar in einem Irish Pub in einer Vorstadt heimisch fühlen – es müssen nur die richtigen Gäste da sein.

Kunstausstellungen.

M C Escher - Rom

M C Escher – Rom

Doch, ich mag Kunstausstellungen. Ich besuche auch regelmäßig dieselben. Und ärgere mich jedes Mal, wenn mich als allerersten ein großes Schild anschreit: FOTOGRAFIEREN VERBOTEN! Ich spare mir jetzt die Übersetzung in diverse Sprache – es ist überall dasselbe, vor allem bei kleineren Ausstellungen. Große Museen haben längst erkannt, dass in der Fotografie keine Gefahr steckt. Ich erinnere nur an Bendor Grosvenor wunderbar ironischen Artikel in der Financial Times vom 23. August 2014 – es macht keinen Sinn die Fotografie zu verbieten, viele große Museen (Louvre, Metropolitan, Royal Gallery) haben schon reagiert und dieses sinnlose Verbot aufgehoben. Warum sinnlos? Die meisten Touristen können sowie keine hochwertigen digitalen Bilder auf die schnelle machen, warum auch? Wen es wirklich interessiert kauft einen Katalog – wenn er denn gut gemacht ist und den Preis wert. Was ein solches Verbot verhindert, ist Besucher mit den Kunstwerken abzubilden, was es verhindert, ist Kunst, ist Beobachtung, ist Festschreiben von Zeitgeschichte. Julian Barnes Einleitung zu „Metroland“ ist ein wunderbares literarisches Beispiel dafür …

Es ist einfach nur dumm.

Es war übrigens eine Ausstellung zu M C Escher im Chiostro del Bramante, das diesen kleinen Ausbruch auslöste. Sehenswert, wenn auch etwas teuer, den Katalog würde ich zu dem Preis nicht kaufen. Und das Bild hier ist natürlich illegal, aber ich konnte nicht widerstehen und so ein Handy ist schon eine tolle Sache, wenn man weiß wo eine Kamera hängt und mit wem eine der unendlich vielen Aufsichten gerade ratscht.

Einfach nur schlafen,

Sleeping in Rome

Sleeping in Rome

war noch nie sonderlich einfach ein Rom, zumindest wenn man wie ich gerne ein Fenster offen lässt. (Ma i ladri, dottore ! …. ich weiß, ich weiß Paolo, die Diebe) Es sind weniger die Diebe als die zwischen zwei und fünf Uhr morgens ihre Runden machende Müllabfuhr, die die Nachtruhe erschweren. Für mehr und mehr Menschen, ist es aber nicht der ubiquitäre Lärm, sondern schlicht die Not, die die Nachtruhe erschwert. Ich habe noch nie so viele Menschen in Ecken, auf vatikanischem Marmor und auf Bänken schlafen sehen in Rom, wie dieses Jahr. Und nein, das sind keine organisierten Bettler (die schlafen in den Vorstädten, nachdem sie der Minibus abgeholt hat) und auch keine Asylanten (die trauen sich das schlicht nicht) … das sind Menschen, wie du und ich, die auf der Straße gelandet sind. Hat es schon immer gegeben, sagen Sie – gewiss, aber es ist die schiere Zahl, die mich sehr nachdenklich macht.

Noch eine Schlussbemerkung.

Palazzo del Lavoro - Roma

Palazzo del Lavoro – Roma

Kennen Sie den Palazzo della Civiltà Italiana? Nein? Ich kannte ihn auch nicht. Die Römer nennen ihn meisten Palazzo del Lavoro. Es ist ein Überbleibsel des „buio“, der dunklen Zeit, wie es Indro Montanelli so schön nannte, ein gewaltiger Klotzkasten, dessen Fensteranzahl (sechs mal neun) für die Namen des Auftraggebers stehen: Benito Mussolini. Durchaus einen Besuch wert, vor allem am Abend, wenn man einmal faschistische Architektur studieren will.

Warum ich das hier erwähne? Man kann dort prima parken, wenn man in einem Hotel in der westlichen Peripherie haust und sich mit Freunden zum Freitagabend treffen will 😉

utopisches zwei

Wer auch immer utopisches eins gelesen hatte, fragte sich wohl „Warum, zum Henker, hat er es utopisches eins genannt, wenn es kein utopisches zwei gibt“

Zu Recht.

Es war einem Übermaß an Arbeit, einer weiteren Rom Reise und einem gewissen Verlust des Momentums geschuldet, das „zwei“ nicht so geschwind auf „eins“ folgte, wie das vielleicht wünschenswert gewesen wäre.

Es gab tatsächlich ein gewisses utopisches Momentum, das mich auf dieser kleinen Nordlandfahrt trieb. Seit meiner Doktorarbeit, anno Tobak, die sich auch mit dem Thema Utopie befasste, wollte ich immer schon einmal nach Bargfeld.

Warum, könnte man fragen, zieht es einen Menschen an den Zusammenfluss der Lutter mit dem Schmalwasser. Es ist das Haus mit der Nummer 37, das mich nach Bargfeld, ebenso wie nach Celle zog.

Es ist der Name Arno Schmidt.
Seine Person.
Sein Werk.

Der Zettelkasten

Der Zettelkasten

Als Fotograf war es letztendlich eine Plethora an privaten Schnappschüssen, die ich hie wie da sehen wollte. Ich wollte wirklich einmal durch das Auge des verehrten Sprachjongleurs blicken, versuchen ihm mit dem Blick des Fotografen auf meinem ureigenen Terrain näherzukommen – wissend, dass ich ihm in sprachlichen Hinsicht wohl nie entsprechen werde.

Bei einer ersten Begegnung mit Arno Schmidt, ich las als siebzehnjähriger seine „Gelehrtenrepublik“, war es wohl Verstörung, die unser Verhältnis prägte. Ich frage mich, ob die Kuratoren der Ausstellung im Bomann Museum in Celle, die übrigens heute ihre Tore schließt, ähnliches im Sinne hatten. Ein dunkler Raum, eine Fülle von Objekten, assoziiert mit Schmidts Werk. Fragmentarisch, so wie auch seine Vorgehensweise, bei aller Akribie, war. Für den, der die Texte kannte, war die Sammlung ebenso faszinierend, wie für die, die sich auf die Macher der Ausstellung einließen und ihren Hinweistafeln folgten. Gewiss gab es da Auslassungen – aber wie will man ein übervolles schriftstellerisches Leben in maximal dreihundert Quadratmeter packen.

Die grüne Lederjacke

Die grüne Lederjacke

Was bleibt?

Lichter, Artefakte, Verspieltes, Dramatisches, Authentisches … viele Dinge die hoffentlich zum Lesen oder wieder lesen der Werke Arno Schmidts ermuntern. Als Mensch wie als Fotograf empfand ich die relative Leere und Stille in der Ausstellung an diesem Tag eher als wohltuend – auch wenn man dem Meister mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte.

Und in Bargfeld?

Früher Nachmittag.
26 Grad im Schatten.
Ein VW Bus voller, nein ich schreib das jetzt nicht, die jede Menge Unsinn von sich gaben, letzteres aber in gnadenlosen Lautstärke. Man wusste nicht ob man angesichts der nonchalant vorgetragenen Ignoranz lachen oder weinen sollte.

Bilder aus den Privatissimum

Bilder aus den Privatissimum

Arno Schmidts Fotografien reflektieren die Ursprünglichkeit, die ich mir erhofft hatte. Sie ermöglichen einen Zugang zur kleinen Welt eines großen Schriftstellers, der sich gar zu gerne hinter der Komplexität seine Gedankengänge verborgen hat. Sein Blick auf das platte Land, auf kleine Details der Landschaft, auf seine Lebensgefährtin, auf „bürgerliche“ Errungenschaften, die wohl doch nicht so unwichtig waren … zeigen eine andere Seite des Autors. Eine Seite, die man seinen Schriften so nicht entnehmen kann, eine Seite, die aber seinen scharfen Blick für das Detail in seinen Romanen erklärt.

Es wäre interessant eine ähnliche Ausstellung mit solchen Fotos von Ernest Hemingway zu gestalten. Wenn es denn die Bilder gäbe …