Berlin O

Wanderer, kommst du nach Berlin, so möchte man schillernd beginnen, nur was sollte man denn verkündigen, wenn man denn angekommen ist? Wenn man den Charme und das kleinflächige Chaos des Flughafens Tegel, so es einem gelingt, den passenden Stadtbus zu finden, hinter sich gelassen hat, erwarten einen die üblichen desolaten Straßen und die wunderbaren Berliner Busfahrer, die damit brillant umzugehen wissen. Eigentlich wollten wir ja auch gar nichts verkünden, sondern einfach ein paar Tage in Deutschlands Hauptstadt genießen.

In der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit, sollte dieses Mal vor allem der Osten der Stadt erkundet werden – auch, um zu sehen, ob es denn noch den berühmten kleinen Unterschied zwischen West und Ost gäbe. Wir können Sie beruhigen: vielleicht war es mangelnde Sensibilität unsererseits, aber wir konnten keinen feststellen.

Nachdem die Architekturfotografie zu unseren Arbeitsfeldern gehört, wollten wir zunächst einmal die Karl-Marx-Allee entlang laufen. Das Kino International ist und bleibt eine Stilikone.

Kino International Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Vieles in dieser Straße ist optisch immer noch interessant, jedoch fotografisch schwer umzusetzen. Das Licht war nicht perfekt, viele spannende Eingangsbereiche werden gerade renoviert, und doch lassen sich immer wieder wunderschöne kleine Stillleben finden.

Karl Marx Allee Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Unser Spaziergang führte uns dann an die East Side Gallery. Uns war klar, dass das ein Touristenmagnet ist, dass die Selfie Brigade allerdings in derartigen Mengen dort aufkreuzen würde, hatte ich mir nicht vorgestellt. Die Bilder schienen nicht wirklich zu interessieren, bestenfalls als Hintergrund. Ein Pärchen in den frühen Fünfziger entblödete sich nicht, als Bettler vor der Wand zu posieren. Es sind sicher auch dieselben, die die vielen Bettler einfach weiter schicken, wahrscheinlich auch ohne auf ihren oft vorhandenen Wortwitz einzugehen. Da drückt man schon mal den einen oder anderen Euro ab. Es war die dem Wasser zugewandte Seite, die die spannenden Bilder bot.

East Side Gallers Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Mich faszinierte hier der natürliche Übergang zwischen schwarz-weiß und farbig. Um den Alexanderplatz herum lassen sich noch am ehesten Zeugnisse der zur Schau gestellten, vermeintlichen Modernität des Regimes in der Hauptstadt der DDR finden. An vielen der Gebäude nagt eindeutig der Zahn der Zeit, und doch stehen sie für eine architektonische Moderne, die in ihrer gesellschaftlichen Komponente nie in der DDR angekommen ist.

Berlin Alexanderplatz – © 2017 Thomas Michael Glaw

Auch wenn die Trambahnen eine gewisse Farbigkeit ins Bild bringen, so ist das grau unübersehbar. In einigen Teilen Ostberlins ist dieses zur Schau gestellte grau einer Farbigkeit gewichen, die einen Gegenentwurf darstellt, so wie hier am Prenzlauer Berg, wo sich ein sympathischer Kietz gebildet hat, ein Kietz in dem man gerne spazieren geht und in Cafés wie dem „Hüftengold“ gerne frühstückt und die Bienen bei ihrer Arbeit beobachtet.

Cafe Hüftengold Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

 

 

Lichte Momente.

In München ist wieder einmal Auer Dult Zeit. Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass dieser Markt für mich eine magische Anziehungskraft besitzt. Die Mischung aus Trödelmarkt und Kirmes, auf der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft vergnügen, ist eine der letzten Ur-Münchner Institutionen, die noch nicht auf dem Altar des Kommerzes geopfert wurde.

Ich habe dort schon für wenige Euro, manchmal sogar nur für einen einzigen, kleine Kunstwerke, wie Klabunds „Moreau“ oder Franz Werfels frühe Gedichte in dem Band „Wir sind“ in Erstausgaben erstanden. Dieses Mal fiel mir  „Einmal“ von Wim Wenders in die Hände. Für vier Euro wieder einmal ein Schnäppchen, das vom Verlag der Autoren vertriebene Buch kostet im Handel das Zehnfache.

Prag – © 2017 Thomas Michael Glaw

Als ich das Buch gelesen, vor allem aber betrachtet hatte, wurde mir klar, warum Wim Wenders es angeblich oft dabei hatte. Es sind kleine Momente, die er in rhythmisierter Sprache beschreibt, zusammen mit Fotografien, die eine gewisse Zufälligkeit ausstrahlen und doch den brillanten Filmemacher fühlbar machen, der Licht und Perspektiven mit spielerischer Gelassenheit erfasst.

Seine Texte und Bilder erweckten in mir Erinnerungen an unseren letzten Aufenthalt in Prag. Bilder, die in ihrer Art und Weise Solitäre sind. Bilder, die allein stehen. Sie stehen für Momente, die mich an Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ erinnern, in dem es  nicht nur um Tomas Affären, die Probleme der „unerträglichen Leichtigkeit“ des Westens, sondern auch  um die Normalität in Tschechien oder in Prag geht. Eine sympathische Normalität, eine Freundlichkeit, die man in westliche Großstädten nur mehr selten findet.

Prag © 2017 Thomas Michael Glaw

Die Bilder, die ich für diesen kurzen Blog gewählt habe, spiegeln für mich Momente wieder, bei denen ich an den Roman dachte. Momente, die eine optisch wunderbare Normalität widerspiegeln. Momente, die mich immer wieder zu Wenders Buch zurückführen. Momente, die zwischen Vergangenheit und Moderne oszillieren. Von der Unterführung im letzten Bild zur Brücke im nächsten sind es in der Realität kaum fünf Minuten zu Fuß. Es ist das Normale im Alltag, die Schönheit in dieser Normalität des Alltags, die wir uns immer wieder bewusst machen müssen. Wenn wir das Gefühl verlieren für diese kleinen optischen Momente, die als Kondensationskerne der Erinnerung fungieren, dann beginnen wir uns selbst zu verlieren.

Prag – © 2017 Thomas Michael Glaw

Es ist das Besondere im Normalen, das heute mehr denn je unser Leben und auch das der sogenannten Generation Y ausmacht. Wir sollten an eben diesem Normalen arbeiten. Aus der Normalität wächst das Besondere. Eben jene lichten Momente.

Kleinseite in Grün

Man durchschreitet einen kleinen Park am Ufer der Vltava, der Moldau, wenn man sich vom flussnahen Teil der Kleinseite in Richtung Laurenziberg aufmacht. Dabei kommt man am Denkmal von Josef Dobrovský vorbei. Meiner Meinung nach sollte dieses Denkmal eigentlich auf einer Brücke stehen. Nicht auf der Karlův most, der Karlsbrücke, auf der sich derzeit die Touristen gegenseitig beim Knipsen im Weg stehen, dazu wäre er zu bescheiden gewesen. Aber eine andere der vielen Prager Moldaubrücken schiene mir angemessen. Dobrovský war wirklich ein Brückenbauer zwischen der deutschen und der tschechischen Sprache und Kultur. Er hat übersetzt, eine erste tschechische Grammatik verfasst und gemeinsam mit vielen anderen die Wiedergeburt der tschechischen Sprache betrieben.

Prag – an der Moldau © Thomas Michael Glaw

Wenn man die geschäftige Ujezd überquert hat, betritt man den größten Park der Prager, den die deutsch sprechenden Prager Laurenziberg nannten, und der heute auf Tschechisch Petřínské sady heißt. Man kann es nun wie die meisten Touristen machen und sich mindestens eine halbe Stunde anstellen, um sich von einer Zahnradbahn auf den Berg – na ja, aus bayerischer Sicht bestenfalls ein Hügel – hinaufziehen zu lassen, oder aber man spaziert langsam hinauf, verharrt bei der einen oder anderen schattigen, und, wie in Europa üblich, mit sinnlosen Graffiti verzierten Bank und denkt darüber nach, ob es wohl hier war, wo Franz Kafka den einen oder anderen Brief geschrieben hat oder einfach saß und nachdachte.

Blick vom Prager Laurenziberg – © 2017 Thomas Michael Glaw

Dieser Park hält, sofern man sich von der Bergstation der Zahnradbahn fernhält, tatsächlich, was er verspricht: ein wenig Stille im hektischen Treiben der Prager Altstadt. Prag verfügt über viele schöne Parks, aber dieser ist der einzige, der in der Nähe der Altstadt ist und zudem eine gewisse literarische Bedeutung hat. Beim Gang durch das Grüne eröffnen sich immer wieder Blicke auf die goldenen Dächer von Prag, vor allem, wenn man am Spätnachmittag oder Abend unterwegs ist und die Sonne richtig steht.

Auf dem Weg in Richtung der Ewigen Stiege (heute heißt sie petřínské schody), die uns unterhalb des Klosters Strahov in Richtung der Nerudova führt, kommt man an einem zum Kiosk verwandelten Gartenhaus vorbei. In Deutschland hätten die Behörden dieses Ding längst geschlossen. Hygiene, Umweltschutz .. der Gründe wären sicher viele. So aber kann man, fast wie einst bei Tante Erna, auf einer mit allerlei Kitsch, vom Plastikschwan, über ebensolche Ostereier bis hin zu Zwergen, dekorierten Gartenterrasse sitzen, den Blick auf die Stadt genießen, ein kühles Staropramen zwar vom Fass, aber aus einem Plastikbecher, schlürfen (wenn ich das Schild richtig verstanden habe, muss man sich Glasgläser selbst mitbringen) und bei Hunger eine Kolbasa mit frischem Kren verzehren.

Rast – © Thomas Michael Glaw

Betrieben von einem Tante Erna Duplikat und ihrem Göttergatten. Er zapft und kassiert, sie kocht und brät. Und wenn gerade keiner klingelt, sitzen sie im Garten und lösen Kreuzworträtsel oder diskutieren den neuesten Einkaufsprospekt. Ein paar hundert Meter weiter gelangt man aus einem schattigen Waldstück zur Ewigen Stiege, die man vorsichtig herabsteigen sollte. Warum vorsichtig? Nun, sie ist mit kleinen Pflastersteinen gepflastert, und einige haben anscheinend Liebhaber gefunden oder wurden für den Fall eines anstehenden Protestmarsches schon einmal vorsorglich eingesteckt.

Die ewige Stiege – © Thomas Michael Glaw

Bevor man am ehemaligen italienischen Hospital, dem heutigen italienischen Kulturinstitut, vorbeigeht geht, taucht auf der rechten Seite die deutsche Botschaft auf. Die meisten werden es erst merken, wenn sie vor dem durchaus imposanten Portal stehen. Darf ich Sie zu einem Blick auf einen wahrhaft historischen Ort verleiten? Kehren Sie um, benutzen Sie bei der ersten Gelegenheit einen Durchgang in der Mauer, lassen sie den Spielplatz links liegen und gehen Sie einen etwas holprigen Weg links hinter. Nachdem der Herr Botschafter sein Privatleben zu schätzen weiß, ist der größte Teil des Botschaftsgartens nicht einsehbar, gar zu dicht hat Mutter Natur den Blätterwald ausgestattet.

Deutsche Botschaft Prag – © Thomas Michael Glaw

An einer Stelle jedoch, von der aus man das Botschaftsgebäude gut von hinten sehen kann, stehen Sie vor einem Gitter und sehen den Balkon, von dem aus Hans Dietrich Genscher rief: „Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der Rest der Ansprache ging im Jubel unter. Wer das damals erlebt hat, bekommt schon ein wenig Gänsehaut, wenn er da steht. Und wenn Sie sich Sorgen um die barocke Buchsbaumhecke auf dem Foto machen: ein Schild verkündet, dass sich nicht um mangelnde Pflege, sondern um einen Pilz handele, und man sich schon darum kümmere.

Anschließend gingen wir weiter zur ehemaligen Sporer Straße, die heute nach Jan Neruda benannt ist, dem bereits zitierten Autor der Kleinseitner Geschichten und vieler anderer Romane und Erzählungen. Mein Cicerone (Herr Dömling) schrieb in seinem Führer von einer ruhigen Straße, die die Erinnerung an das alte Prag lebendig werden lässt. Wenn wir im Lateinunterricht wieder einmal einen Seneca, Cicero oder Livius fürchterlich verbogen hatten, pflegte mein alter Lateinlehrer zu sagen „Si tacuisses“, was so viel heißt „Ach, wenn du doch nur geschwiegen hättest.“ Das möchte man hier auch dem Ciceronen zurufen.

Nerudova – © 2017 Thomas Michael Glaw

Die Nerudova quirlte nur so von Touristen. Nerudas Geburtshaus wird quasi gar nicht wahrgenommen, und das alte Prag ist zwischen Imbissbuden, Tandläden und original Prager Trdelníkbuden im Dutzend ausgezeichnet verborgen.

Was bleibt von der Kleinseite?

Mit viel Fantasie und Konzentration ein Eindruck davon, wie sich die katholische Gegenreformation mit Kirche und Habsburgs treuen Adligen in barockem Prunk festsetze und zudem ein wunderbarer Spaziergang im grünen Herzen Prags mit einigen herrlichen Momenten. Die Geschichte von dem Hund in dem Brunnen habe ich noch gar nicht erzählt; aber es sollen ja auch keine Kleinseitner Geschichten werden.

Kleinseite

Ich habe eine Schwäche für alte Reiseführer. Ja, auch die alten Baedeker, vor allem aber die alten Merianhefte, an denen man wunderbar verfolgen kann, wie sich Städte zum Tourismus hin entwickeln, und wie sich die Wahrnehmung des Publikums zu Städten, Ländern und Regionen verändert. Auch die Merian Redaktion muss ihr Produkt verkaufen, auch sie ist nicht vor Trends gefeit, ja, auch sie muss Trends bedienen, um „im Geschäft zu bleiben“. Aus meiner Sicht: Leider. Das literarische bleibt mehr und mehr auf der Strecke und weicht dem schnöden Massenprodukt.  Reiseführer für das 21. Jahrhundert, in dem sich das Selfie zum wichtigsten Element der Reise entwickelt, müssen einfach nur geile Locations aufzeigen. Die dann, sobald als Buch und als e-paper publiziert, bald gar nicht mehr so geil sind.

Prag – Kleinseitner Ring – © 2017 Thomas Michael Glaw

Wann immer in Prag mehrere Jugendliche, Junggebliebene, Ältere aus der Straßenbahn ausstiegen und der Platz halbwegs historisch aussah, wurde zunächst einmal fotografiert. Zunächst ein Rundschlag auf alles, was da so herum stand, dann ausgewählte Individuen vor dem, was da so herum stand. Was da so herum stand, schien niemand wirklich zu wissen oder zu interessieren, Hauptsache es sah alt und cool aus. Die Tatsache, das Fotografie auch etwas mit Sonne, Licht und Schatten zu tun hat, ist weitestgehend in den Hintergrund gerückt. Aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt.

Zum Geburtstag hatte ich ein wunderbares Buch aus dem Insel Verlag bekommen „Prag. Literarische Spaziergänge“. Nach meinem etwas kryptische Titel wissen Sie nunmehr vermutlich, wo wir uns befinden: in der goldenen Stadt. Der Autor des Buches, Wolfgang Dömling, ist nicht nur ein außergewöhnlich guter Kenner der deutsch – tschechischen Literatur, er ist zudem ein überaus interessanter Erzähler. Leider scheint er auch er Träumer zu sein. Nachdem ich selbst aber auch gerne träume, ist das eine verzeihliche Sünde.

Prag – Malteserplatz – © 2017 Thomas Michael Glaw

Bei meinem letzten Besuch in Prag hatte ich mich vor allem – neben Holešovice, dem Viertel, wo ich üblicherweise wohne – in der Altstadt aufgehalten. Dieses Mal wollte ich die Kleinseite, tschechisch Malá Strana, kennen lernen. Es ist das Viertel auf der anderen Seite der Vltava, der Moldau, das Viertel, wo auf dem Kleinseitner Ring, dem Malostranské náměstí, nicht nur dereinst Pranger und Galgen standen, sondern sich auch die katholische Gegenreformation in ihrer ganzen barocken Pracht entfaltete, und sich zudem ein Großteil des deutsch-tschechischen literarischen Lebens im neunzehnten Jahrhundert abspielte.

Außerdem hatte ich dem Führer entnommen, dass es dort wohl weniger Touristen gäbe. Natürlich ist man selbst auch immer Tourist, aber man ist doch auch Suchender. Man möchte Verlorenem nachspüren, vielleicht, hier in Prag, einen Punkt finden, wo Kafka träumte, Max Brod spazieren ging, Jan Neruda seinen wunderbaren „Kleinseitner Geschichten“ auf die Spur kam, oder aber Svatopluk Čech den „Wahrhaftigen Ausflug des Herrn Broucek auf den Mond“ konzipierte. Noch Detlev von Liliencron hielt die Kleinseite für den stillsten Stadtteil Prags, der Autor meines Führers stimmt ihm zu. „Einer der bezaubersten – und bis heute stillsten – Plätze im alten Prag ist der an den Malteserplatz anschließende Großprioratsplatz (Velkopřevorské náměstí).“

Prag – Großprioratsplatz – © Thomas Michael Glaw

Ganz ehrlich, bei unserem Besuch im ersten Teil der Kleinseite, einem abendlichen Spaziergang vom Kleinseitner Ring bis nach říční, sind wir eigentlich nur von Menschen umspült worden. In wenigen Momenten war durchaus Geschichte fühlbar, ebenso wie die Abwesenheit jeglichen Geschichtsbewusstseins bei den meisten Menschen um und herum. Sie halten diese Feststellung für arrogant? Ich kann es nicht ändern. Sie spiegelt meine Eindrücke wieder. Eindrücke aus einem ehedem stillen Viertel, das jegliche Stille verloren hatte. Eindrücke aus einem Viertel, in dem Geschichte nur noch wie Dekoration wirkt, durch das Touristen in nachgebauten Autos aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert chauffiert werden.

Beinahe hätte ich es vergessen. Mitten im unteren Teil dieses Viertels befindet sich natürlich auch die John Lennon Wall. Nun raten Sie mal, wo sich die größte Menschenansammlung befand. Genau. Vielleicht erschließt sich dieses Bauwerk ja eher dem heutigen Verständnis, als die barocken Paläste der katholischen Gegenreformation, die hier sonst so herum stehen.

Ich bin ehrlich gespannt auf den Laurenziberg, auf tschechisch Petřín, und den oberen Teil der Kleinseite. Vielleicht findet sich ja dort eine Bank, wo man in Ruhe eine Geschichte von Jan Neruda oder einen Tagebucheintrag Kafkas lesen kann.

Fachwerk

Fachwerkhäuser.

In Großbritannien nennt man das Tudor Style.

Weiße Flächen, gebrochen durch dunkle Balken.

Es hat immer etwas altertümliches. Menschen, die in der Vergangenheit ruhen.  Es gab tatsächlich eine Zeit, in der solche Bilder einen Bezug zur Geschichte herstellten. Heute stellen sie allenfalls einen Bezug zu einer Marketingkampagne her. Tourismusmarketing.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Ich war auf dem Weg zu meiner Mutter, als ich durch die wenigen, verbliebenen Straßen in der Altstadt eines badischen Städtchens stromerte. Wir wollten eigentlich eine Kleinigkeit essen. Es war kurz vor acht am Abend. Das erste Gasthaus war … geschlossen. Also nicht wirklich. Es gab keine Schilder, es gab auch nichts im Web. Aber es war offensichtlich. Es war zu. Wie weit kann man sich von der Realität des Lebens im 21. Jahrhundert entfernen?

Nun ja, es gab gegenüber noch ein Gasthaus. Als wir hinein gingen, erklärte mir der Besitzer, dass er vor zwanzig Minuten die Küche geschlossen hätte, weil sowieso niemand käme. Es war kurz vor  halb acht. Nun ja, eine deutsche Kleinstadt. Der Besitzer meinte, „Klaus, nebenan“ hätte noch offen. Der Ratskeller. Wo früher mein Mathelehrer versumpft ist. Vier Männer spielen lautstark ein obskures Kartenspiel mit deutschem Blatt, an einem weiteren Tisch ergingen sich ein halbes Dutzend bereits ziemlich angeheiterter Männer und Frauen lautstark über ihre Nachbarn. Davon abgesehen: die Maultaschen waren ausgezeichnet. Der Wein auch.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Beim Gang zurück ins Hotel durch die Altstadt sahen wir viele fast leere Kneipen. Einzelne Männer, die eine oder andere Frau. Es wird einem bewusst, wie leer das Leben in Deutschlands Kleinstädten ist. Am lebendigsten war ein Tisch mit Männern, die Arabisch aus dem Maghreb sprachen.

Beim Weg durch die abendliche Stadt am folgenden Tag, bei einem Glas Wein in einem Lokal, hörten wir Belanglosigkeiten, sahen bunte Farben, gefärbte Haare. Die Nacht enthüllte, nichtsdestotrotz, einige Perspektiven, die wir in der morgendlichen Sonne noch einmal betrachten wollten.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Der Morgenspaziergang, bei dem auch diese Bilder entstanden, zeigt zum einen die graphische Schönheit dieser Strukturen, zum anderen aber auch die Leere der Stadt. Wenige Menschen waren auf dem Weg in die Kirche an diesem Sonntag morgen, wenige Menschen waren überhaupt unterwegs. Der Stadt fehlte das städtische Leben. Sagte man nicht einstmals: „Stadtluft macht frei“? Die Stadtluft dieser Kleinstädte finde ich eher erdrückend. Hier passiert nichts. Und was auch immer passiert, dient keinem wirklichen Zweck. Bürgerliches Leben findet nicht statt. Das Leben schleicht dahin, so wie der Bach, der langsam durch den Ort zieht. Kurz vor dem Versiegen. Nur dass die Bürger wahrscheinlich vor dem Fernseher versiegen werden.

Ich war ganz ehrlich froh, zu gehen. So wie ich das immer bin.

Aber die Perspektiven waren schön.

 

Rilke, Russland, Marbach

Es begann mit den Schwierigkeiten, einen Parkplatz zu finden. Zugegebenermaßen suchten wir einen im Schatten, denn wir hatten umfangreiche Bestände Württemberger Weine im Kofferraum, die wir nur ungern kochen wollten. Aber auch ohne dieses komplizierende Element, wäre es nicht  einfach gewesen, ein Blechgefährt in der Nähe des Marbacher Literaturarchivs abzustellen. Einem Hort deutscher Literatur, was sage ich, Kultur.

Wenn man sich diesem Schrein nähert, hat man gewisse Schwierigkeiten, die richtige Richtung zu finden, denn: das literarische Marbach ist eher ein Labyrinth. Schiller, oder was-auch-immer, scheint einem höheren Zweck dienen zu müssen. Jener höhere Zweck lautet vermutlich: Lasst sie uns nicht finden. Hinweisschilder auf jenem hochkulturellen Gelände stehen völlig im Einklang mit einem  (wie auch immer gearteten) künstlerischen Konzept, zu dessen Rahmenbedingungen offenbar kleine Schrifttypen und unauffällige Stelen gehören. Welch ein Gedanke, dass sich ein Germanist oder eine Germanistin, und wer sonst besucht schon dieses Etablissement, dort nicht per DNA zurechtfinden würde?

Spaß, oder besser Ironie, beiseite, wir wollten eigentlich als unbedarfte Akademiker die Ausstellung „Rilke und Russland“ besuchen, die in der guten, alten Tante FAZ eine ganz anständige Kritik bekommen hatte. Wir waren zudem auf der Rückfahrt von einem Wochenende mit meiner Mutter und bedurften geradezu ein oder zwei ruhiger Stunden.

First Things first: Wir fanden schlussendlich das Literaturmuseum der Moderne. Doch, ehrlich. Das war gar nicht so einfach.

Nachdem wir 9 Euro bezahlt hatten, darauf hingewiesen worden waren, dass eine 20 mal 20 Zentimeter große Handtasche gefährliche Dinge enthalten könnte (und deshalb eingeschlossen werden musste), die Temperatur im Untergeschoss 18 Grad betrug und man deshalb Decken an der  Rezeption erhalten konnte, stürzten wir uns ins Abenteuer.

Wir begaben uns in den Untergrund.
Verziert mit einem Aufkleber.
Erwartungsfroh

Zunächst standen dort ein paar Birken.

Rilke und Birken – © Thomas Michael Glaw 2017

Und dann das

© Thomas Michael Glaw 2017

Was fehlte waren Erklärungen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin wohl vertraut mit Rilke. Seine Gedichte, wie auch Malte Laurids Brigge, begleiten mich seit meinen späten Teenie Jahren. Trotzdem fühlte ich mich ins kalte Wasser geworfen. Letztes Wochenende war ich in Wien und besuchte „die“ große Egon Schiele Ausstellung. Ich fühlte mich – auch als Schiele Liebhaber – von Anfang an bei der Hand genommen. So, als ob man mit Onkel Paul, dem freundlichen Kunsthistoriker, durch eine Ausstellung wanderte. Der einem dies oder jenes mit einem wissenden Lächeln erklärte, ohne sich je ungefragt in die eigenen Gedanken einzumischen.

Die Damen und Herren, die die Ausstellung zu „Rilke und Russland“ gebastelt hatten, hatten sich offenbar entschlossen, nichts zu erklären. Nein, das ist nicht fair. An den schwarzen Kästen, in denen sie ihre Preziosen darboten, gab es durchaus Erklärungen. Größtenteils in weiß auf durchsichtigem Plexiglas. Nicht unbedingt einfach für ältere Betrachter, und schlicht nicht erreichbar für Menschen im Rollstuhl. Die Vitrinen waren zu hoch. Ginge auch anders, oder?

Rilke und Russland – © Thomas Michael Glaw 2017

Was zudem fehlte waren Wegweiser.
Was wollte diese Ausstellung?
Wohin wollte sie uns führen?

Für den Rilke Kenner boten sie einige Preziosen. Zugegeben. Aber diese waren, selbst wenn man kyrillisch lesen kann, oft nur schwer zu entziffern, ob der im wahrsten Sinne des Wortes obskuren Beleuchtung. Wenn man sich einem Objekt näherte, warf man unweigerlich einen Schatten, der das Entziffern um einiges erschwerte.

Rilke und Russland – © Thomas Michael Glaw 2017

Mir fehlte auch einfach der Zusammenhang. Ich finde ein Konzept, das Rilke auf seine Liebe zu Russland reduziert, ein wenig fragwürdig. Das Mindeste wäre gewesen, dem Besucher / der Besucherin, einen biografischen Leitweg an die Hand zu geben. Ihm / ihr zu erklären, was Rilke sonst noch in Jahren zwischen 1897 und 1924 gemacht hat. Vielleicht sogar eine Erklärung zu dem „warum“ zu versuchen.

Stattdessen: Leere, Dunkelheit, Suchen und einen jungen Studenten, der drei weitere Studenten mit Stentorstimme über diese wunderbare Ausstellung belehrt. Betonräume hallen. Fatal, finden Sie nicht? Nach einer freundlich vorgetragenen Bitte dämpfte er seine Stimme ein wenig, was uns ein „Danke“ anderer Besucher eintrug.

Daneben gab es auch noch Fotografien von Russland. Von der allseits bekannten Barbara Klemm und dem weniger bekannten Mirko Krizanovic. Für sich genommen, auch in dem Spannungsbogen von etwa fünfzehn Jahren, der zwischen den Aufnahmen liegt, ein durchaus interessantes Unterfangen. Es wurden Situationen in Orten abgebildet, die Rilke während seiner Russlandreisen besucht hatte. Was aber hat das konkret mit Rilkes Beziehung zu Russland zu tun? Warum haben es die Macher/innen der Ausstellung nicht geordnet und in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt? Noch eine verpasste Chance.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier das Äußere mehr zählt als der Inhalt. Wenn ich mich an Paul Klees Zitat richtig erinnere, konstituiert das Kitsch. In Marbach konstituierte es eine nur schwer verdauliche Installation, die wenig mit einer Ausstellung gemein hatte. Erinnert sich noch jemand an meinen Blog „utopisches zwei“? Es war eine Ausstellung zu Arno Schmidt, die ich besucht hatte. Auch eklektizistisch. Aber erhellend. Im Gegensatz zu diesem, mit jeder Menge Geld überschüttetem, Machwerk.

Man möchte den Machern raten, beim Folkwang Museum in Essen oder bei der Albertina in Wien in die Lehre zu gehen. Vielleicht verstehen sie dann, wie man Menschen einen Genius näher bringt. Vielleicht lernen sie dort ja auch, wie man einen Katalog erstellt. Der zu Egon Schiele ist großartig, großformatig und wunderbar bebildert. Und kostet 29,90 Euro. Der in Marbach kostet 30 Euro, ist schwarz, kleinformatig, unendlich trendig und enthält wenig.

Das hat er mit der Ausstellung gemein. Es war mehr eine Installation, als eine Hinführung zu der romantischen Liebe Rilkes zu Russland.

Schade.

 

Schwarz Weiß Wien

Das ist kein Abzählreim und auch keine Fußballmannschaft, es ist einfach mein fotografischer Lieblingsblick auf diese vielschichtige Stadt an der Donau. Wenn man erst einmal den quirligen ersten Bezirk, der in den Pfingsttagen vorwiegend von Amerikanern dominiert wird, hinter sich lässt, und langsam durch die Bezirke jenseits der unter Kaiser Franz Joseph geschleiften Befestigungen spaziert, kommt man der Wiener Realität, vielleicht gar der Wiener Seele, etwas näher. Ein wenig auch den modernen Auswirkungen der Donaumonarchie, die dazu führt, dass es Plätze, Straßen und Parks gibt, in denen man sich wie auf dem Balkan vorkommt, wo ältere Männer unter großem stimmlichen Engagement Karten spielen, Mütter, Großmütter und ältere Töchter sich um die kleineren Geschwister kümmern, und über allem ein Hauch Großfamilie schwebt.

Da gibt es auch noch viele jener Stiegen, von denen die literarisch bewanderten allenfalls die Strudelhofstiege kennen werden. Manche sind schön und nützlich und verbinden die Straßen eines Bezirks, wie des siebten miteinander, der auf unterschiedlichen Ebenen liegt, manche sind hässlich oder langweilig, aber sie erfüllen denselben Zweck. Es sind einzelne ästhetische Elemente,  die mich interessieren, wie diese Lampen an der Vereinsstiege.

Wien: Vereinsstiege ® Thomas Michael Glaw 2017

Eigentlich wollten wir nachschauen, was von den Wiener Durchgangshäusern noch übriggeblieben war. In einem Merian aus dem Jahr 1968 hatte ich einen Artikel über diese Eigenheit Wiener Architektur gefunden. Höfe, die den Augen des Betrachters zunächst entzogen, dem Kundigen jedoch vertraut sind und die er gerne nutzt, um den dicht bevölkerten Gassen und Straßen ein Schnippchen zu schlagen. Wir fanden tatsächlich noch einige dieser Durchhäuser, im ersten wie auch in anderen Straßenbezirken. Manche hatten sich mittlerweile zu biederen Hinterhöfen gewandelt, andere boten mit den umlaufenden Balkons, den Pawlatschen, eine atmosphärisch dichte Darstellung des Wiens der Kaiserzeit, nur wenige scheinen noch als „Durchhäuser“ genutzt zu werden. Viele waren schlicht verschlossen, bewacht von Kameraaugen, dem Auge des interessierten Betrachters entzogen – wie in Prag.

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – © Thomas Michael Glaw 2017

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – ® Thomas Michael Glaw 2017

Es ist der ruhige Moment im hektischen Treiben, der ebenso fasziniert, wie die technische Herausforderung an den Fotografen.

Treppen und Aufgänge finden sich aber nicht nur in den Stiegen, die Stadt ist voll von ihnen. Auch die Aufgänge zu Museen wie der Albertina oder geradezu herrschaftliche Auffahrten wie zum Parlament, laden zu einer schwarz weißen Darstellung ein.

Wien: Treppenaufgang zur Albertina – ® Thomas Michael Glaw

Wien: Auffahrt zum Parlament – ® Thomas Michael Glaw

Der Fiaker von hinten ist quasi ein Abgesang an das alte Wien. Natürlich gibt es noch unzählige von ihnen. Natürlich verströmen etliche Plätze im ersten Bezirk, die die Wiener meist schnell zu überqueren scheinen, noch den Duft jener Wesen, auf deren Rücken das Glück der Erde ruht. Ihre Funktion ist jedoch zur reinen Touristenbelustigung verkommen, auch wenn den Kutschern immer noch die Aura des Originals anhaftet.

Fiaker – ® Thomas Michael Glaw

Ein Besuch im neunten Bezirk, dem Alsergrund, in dem Schubert seine Jugend verbrachte, und von dem ältere Führer behaupten, man könne dort ein wenig der Melancholie des neunzehnten Jahrhunderts nachspüren, führte uns nur in eine langsam verfallende Gegenwart. Vielleicht war die erwartete Reise in die Vergangenheit unrealistisch gewesen. Es fanden sich dieselben langsam alternden Wiener Gemeindehäuser, endgültig geschlossene kleine Läden und ein Lichtentaler Park, in dem man nicht mehr romantisch wandeln kann, weil er mit einem Basketballcourt und einem Haufen moderner Spielgeräte vollgestellt ist. Unbenommen, alles nützliche Dinge, aber vielleicht wäre in einer, ansonsten recht drögen, Umgebung auch einmal ein Platz, an dem man einfach seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, an dem man Träumen kann, keine schlechte Idee gewesen.

Es gebe noch viel zu berichten, aber der eigentliche Grund unserer Reise war der Besuch der Egon Schiele Ausstellung in der Albertina. Bis Mitte Juni ist sie noch zu sehen, und wer immer dem Werk Egon Schieles rational und emotional näher kommen möchte, dem ist sie zu empfehlen. Mir sind die Eindrücke noch zu nah, als dass ich hier darauf eingehen möchte, zumal ich auf der Ausstellung auch nicht fotografiert habe. Man hätte es dürfen, aber ich stand viel zu stark unter dem Eindruck von Schieles Bilder, und die Hängung bot auch kaum Möglichkeiten, Betrachter und Bild abzulichten, ohne die Aufmerksamkeit von Schieles Werk abzulenken.