Emmaus und Neuperlach

Nein, Emmaus und Neuperlach trennen Welten. Und doch nicht.

Ostermontag.

Ich weiß nicht, wie oft ich über diesen Gang nach Emmaus nachgedacht habe. Ich weiß nicht, mit wie vielen Jugendlichen ich darüber gesprochen habe. Man wird alt.

Nicht erkennen, was ist.

Ostermontag in München Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Gehen wir nicht alle auf einem Weg, ohne zu erkennen, wo er wirklich hinführt? Wenn ich das das, was jener Zimmermanns Sohn sagte, ernst nehme, hieße das, ich muss meinen Nächsten lieben. Nur, wer ist das? Die Frau in meinem Wohnblock, der wir unser selbstgebackenes Brot vorbeibringen, wissend, dass sie in der reichen Stadt München am Rande des Existenzminimums lebt? Ist es die Frau drei Häuser weiter, die nur mit ihren Augen sichtbar gemeinsam mit ihren Kindern einkaufen geht? Ich kann die ängstlichen Blicke, die sie im Supermarkt begleiten, verstehen und muss mich immer wieder an die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit erinnern.

Heute Morgen sah ich die Osterbotschaft des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Ein Machwerk, nein, Verzeihung, ein Meisterwerk an politischer Manipulation. Ob er je Leni Riefenstahls berühmten Film „Der Triumph des Willens“ gesehen hat? Mehr entsetzt hat mich allerdings der Kommentar eines alten Freundes, der meinte, ein guter Christ sei man nur, wenn man mindestens Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag die Messe besuchte.

Nun, ich glaube, ein guter Christ ist man, wenn man die Werte, die jener Jude namens Jechua, den man später zum Gottes Sohn erklärte, beherzigt. Zentraler Wert ist und bleibt für mich dabei: Liebe deinen Nächsten. Ich saß in der Osternacht (doch ich gehe da immer noch gerne hin, auch wenn es dieses Mal eine rechte Laienspielertruppe war) hinter drei hübschen Mädels mit Schmollmund. Meine Vermutung: sie waren da, weil Mama und/oder Papa es wollten. Sie wussten kaum wohin mit ihren Händen während der Messe. Ich fand das recht amüsant, weil es mir immer wieder die Unzeitgemäßheit unserer eigenen Symbole deutlich macht. Aber wollen wir daran wirklich unseren Glauben fest machen?

Wissen Sie, was mich heute Morgen (zugegeben: ich lese Zeitung, digital und im Bett) noch beeindruckte? Ein Gespräch zwischen Réne Scheu und Peter Sloterdijk in der NZZ. Man mag zu Sloterdijk stehen, wie man will, aber seine Äußerungen sind immer nachdenkenswert. Sie finden sie provozierend? Genau deshalb sind sie nachdenkenswert.

Darf ich zitieren?

„Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Medien sind Themen-Umwälzanlagen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit: Weltwissen entsteht überwiegend medial, die sogenannte eigene Erfahrung spielt eine immer kleinere Rolle.“

Da zitiert Sloterdijk Niklas Luhmann, und die Aussage wird mit zunehmendem Alter nicht weniger wahr. Unserer eigenen Erfahrungen zählen immer weniger. Steven Spielberg schrieb gestern, er sähe in Virtual Reality die ultimative Droge. Was zählt ist nicht, was ist, sondern was ich glaube. Ich kann mir das gut vorstellen. Wenn ich mir die Reaktionen vieler meiner Freunde (männlich und weiblich gemeint – ich möchte die Kiste genus vs. sexus hier nicht aufmachen) auf Aussagen im Web betrachte, kann ich nur den Kopf schütteln. Soviel Hass, so beschränkte Weltsicht. Darf ich noch einmal auf Soterdijk zurückkommen?

Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja, im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt, hat zugenommen, und zwar in allen Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht, Inländer gegen Ausländer, Alt gegen Jung.

© Thomas Michael Glaw

Die Veränderungen kommen immer schneller, und viele wünschen sich, in der Vergangenheit zu verharren. Einer Vergangenheit, die keinen Deut besser war. Nur langsamer. Wir leben zu kurz, um die großen Veränderungen auf diesem Planeten wirklich erfahren zu können. Wir verweigern uns ihnen. Große Veränderungen waren immer von großen Wanderungsbewegungen begleitet. Die neue Verbindung von Menschen und Ideen hat immer zu dem beigetragen, was wir heute idiotischerweise Fortschritt nennen.

Fortschreiten von was?

Wir gehen auf etwas zu, das wir noch nicht kennen. Nur gemeinsam werden wir in einer besseren Zukunft ankommen. Das christliche Ideal erscheint mir dafür nicht völlig ungeeignet. Auch ohne drei Gottesdienste an Ostern zu besuchen.

 

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Frohe Ostern – Buona Pasqua -Happy Easter

Die Wochen vor Ostern waren alles andere als besinnlich. Gewiss, da waren Gedanken auf Ostern hin. Eberhardt von Gemmingens „Auf den Weg nach Jerusalem“, war, wie schon oft ein Begleiter. Aber irgendwie habe ich meinen Weg nicht gefunden.

Am heutigen Karsamstag, dem tatsächlich ersten ruhigen Tag seit vielen Wochen, fügte sich einiges, was ich in den letzten Tagen gelesen hatte, zusammen. Heinrich Bedford-Strohm schrieb in einer Betrachtung am Gründonnerstag den Satz „Lernen, sich vergeben zu lassen“.

Lernen sich vergeben zu lassen.

Bischof Bedford – Strohm ging es um Judas, dem Jesus sicher vergeben hätte. Sein Selbstmord war also sinnlos. Es ist aber ein Satz, der sich auch an mich, an uns alle richtet. Den Mut haben, sich vergeben zu lassen, Fehler zuzugeben, Unrecht einzugestehen, um Vergebung zu bitten und Vergebung zu finden. Im Himmel und auf Erden..

Kreuzkirche Münster © Thomas Michael Glaw

Mich erinnerte das an das „Ja, ich bin da“, das sein einiger Zeit auf den Kirchturm der Münsteraner Heilig Kreuz Kirche leuchtet, wo ich ein paar Mal im Jahr meine temporäre Heimat finde.

Ja, ich bin da.

Man kann es, glaube ich, gar nicht oft genug wiederholen. In Zeiten, in denen die Antwort auf fast alles, was man im Netz schreibt, Hass ist. In Zeiten, wenn niemand mehr Zeit für einander hat. ER hat Zeit. Luise Rinser schrieb in „Mirjam“ über den Jeschua ihres Romans: „Man konnte ihn lieben, man konnte ihn hassen, aber ihn übersehen, das nicht. Er war einfach DA. Und er war ER.“

So ist das.

Unser Freiburger Freund Wolfgang Sauer schrieb in seinem diesjährigen Ostergruß über die Kreuzwegmeditation mit Papst Franziskus. Es waren durchweg junge Menschen, die dieses Jahr die Texte der Stationen verfasst hatten. Die Meditation einer jungen Frau, Cecilia Nardini, zur sechsten Kreuzwegstation („Veronika reicht Jesus das Schweißtuch“), hat ihn und auch mich beeindruckt.

Ich möchte diesen Ostergruß an alle unsere Freunde mit Cecilia Nardinis Schlussgebet beenden:

„Jesus, ich bitte dich, gib mir die Kraft, auf andere Personen zuzugehen, auf jeden Menschen, ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob mir vertraut oder unbekannt.

Lass mich in ihren Gesichtern dein Antlitz erkennen. Lass mich meinem Nächsten, in dem du selbst zugegen bist, ohne Zögern beistehen, so wie Veronika dir auf dem Kreuzweg zu Hilfe eilte.“

Mögen euch diese Worte auf eurem Weg begleiten.

Euch allen ein frohes und gesegnetes Osterfest, buona pasqua and Happy Easter.

Last Words 2017

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Grau“ nennen – aber dann hätte ihn niemand gelesen. Mein Herz gehört immer noch der schwarz-weiß Fotografie.  Vor allem den Grauwerten in ihr, was mich zum eigentlichen Thema dieses Jahresabschluss Blogs bringt.

Grauwerte.

Mir scheint, heutzutage muss alles in schwarz-weiß präsentiert werden. Wer für Flüchtlinge ist, sagt das gerade heraus, wer auch nur den leisesten Zweifel daran hegt, wie das im Moment läuft, ist ein Nazi. Nachdenken heißt noch lange nicht, dass man die Pappnasen von der AfD wählt. Die CDU möchte am liebsten alles begrenzen, anstelle einfach genau hinzuschauen und die aufzunehmen, die wirklich unserer Hilfe bedürfen. Helfen ist Christenpflicht. Judenpflicht, Moslempflicht. Das Hilfsgebot dem Schwachen gegenüber existiert in allen großen Religionen. Wir sollten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern einander helfen. Oder mal wieder Lessing lesen. Ringparabel. Klingelt das etwas?

Was das mit diesen Bildern zu tun hat?
Ich habe aus etwa 3000 schwarz-weiß Bildern die ausgewählt, die mich immer noch berühren. Und zwar, weil sie so viele Grauwerte haben. Schatten. Verstecktes. Nachdenkenswertes.

So wie unser Leben.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Was denken Sie, wo dieses Geschäft ist?
In Wien?
In München?
Bestimmt nicht in Zürich …

Es ist in Rom.
Niemand, dem ich dieses Bild bisher zeigt, ist darauf gekommen. Doppelgänger ist einfach zu Deutsch. Ist es nicht so mit vielen Menschen und Situationen, die uns tagtäglich begegnen? Schwupp haben wir eine Klassifikation. Ob sie stimmt, ist eine andere Frage. Ob sie weiter führt, ein ganz andere.

Ich mag dieses Bild. Die Menschen in ihm. Die Geschwindigkeit. Auch die Langsamkeit.

 

Wer mein Blog regelmäßig liest, wird sich vermutlich auch an dieses Bild erinnern.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Prag. Jüdischer Friedhof.

Es ist annähernd ein Jahr her, dass ich dort fotografiert habe. Die Teilnahmslosigkeit der Massen, die sich über diesen Friedhof schoben, spüre ich noch immer. Den mangelnden Respekt. Alle Welt spricht heute darüber, wem und wem nicht, wann und wann nicht Respekt zu erweisen ist.

Aber keiner handelt danach.

Warum geht man über einen jüdischen Friedhof, wenn einen das kein bisschen bewegt?
Warum schiebt man sich durch eine Synagoge, an deren Wänden Tote, Tote und nochmals Tote aufgelistet sind? Liebe deutsche Freunde: wir kommen aus dieser Kiste nicht heraus. Es waren Deutsche, die dem Morden eine industrielle Komponente verliehen haben. Dagegen sind die Kreuze an der Via Appia, die Amis und ihr Agent Orange mit dem folgenden Bombardements, die dreißig Jahre früher auch deutsche Städte erdulden mussten, nichts. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Deswegen kann man trotzdem die Politik des Staates Israel und auch den Unfug, den Donald Trump so verzapft, kritisieren. Man sollte sich nur des anderen immer bewusst bleiben. Vielleicht sollten allerdings auch so manche mit dem gerne bemühten Begriff Antisemitismus ein wenig vorsichtiger umgehen.

 

© 2017 Thomas Michael Glaw

Für mich ist auch dieser Reichstag hin Gittern ein wenig sinnbildlich für das Jahr 2017. Die Politik und ihre Akteure haben sich ein Stück weiter von denen entfernt, die sie vertreten: von uns. Ich schreibe bewusst nicht vom Volk, denn dieser ehedem ehrwürdige Begriff – erinnert sich noch jemand an populus romanus? – ist entwertet worden, als säße man als Teil des Volkes in der Gosse, und die Volksvertreter säßen auf halbem Weg zum Olymp. Die Griechen dachten das auch schon einmal – das Erwachen war sicher hart.

In verantwortungsvollen Positionen braucht es Erfahrung, schallt mir jetzt sicher entgegen. Meine Partnerin Dorothea Lubahn befasst sich seit langen mit einer Methode, die effectuation genannt wird (be³ consulting). Es ist ein Weg, wie junge Unternehmen -start ups- , aber auch jede andere Gruppe, die neue Wege beschreiten will, experimentell solche neuen Wege entdecken kann. Wir sollten keine Angst vor neuen Wegen haben, wir sollten sie ausprobieren. Alternativlos hat ausgedient.

Noch ein letztes:

© Thomas Michael Glaw

Ich weiß, wir hatten das schon mal.
My apologies to the regulars.

Für mich persönlich bleibt es mein Bild des Jahres.
Für mich steckt da alles drin.

Liebe.
Vertrauen.
Wärme.
Rückhalt.
Alles geben.
Die Welt verändern.

Euch allen ein gesegnetes Jahr 2017.
Ich weiß, Erfolg ist keiner der Namen Gottes, sagt Martin Buber.

Trotzdem: Let’s go for it.

Rowohlt-Gernhardt-Ente

Ihnen kommt der Titel merkwürdig vor? Da haben Sie völlig recht. Aber was soll man sonst an einem grauen Dezembertag schreiben? Als ich heute morgen aufstand, zugegebenermaßen um halb zehn, aber ich habe Urlaub, wirbelten draußen kleine, fiese Schneeflocken. Die Art von Flocken, die sich immer zwischen Hals und Kragen niederlassen und dann als einsamer Wassertropfen zwischen Stoff und Hals versinken.

Harry Rowohlt zu lesen ist ein ausgezeichneter Beginn für einen solchen Tag. Nicht weggeschmissene Briefe Band I. Selten etwas besseres zu Weihnachten bekommen.  Harry würde mir da, auf Wolke siebzehn, wo er derzeit sicher sitzt, zweifelsohne zustimmen. Der Kampf geht weiter, nicht war Harry? Er tut es wirklich, nur momentan sind die Protagonisten von „Martin“ bis „Siggi“ eher ins kabarettistische Genre abgeglitten. Sei’s drum.

Über Harry landete ich irgendwann bei Robert Gerhardt. Harry echauffierte sich furchtbar über eine ziemlich dumme Kritik von Fritz Raddatz in der ZEIT aus Anlass von Robert Gerhards 65. Geburtstag, Darf ich zitieren? „Raddatz, daß Sie ein dummes, unberatenes, abgebrochenes Ostzonen-Arschloch sind, das nie irgendwo ankommen wird, das ist ein alter Hut mit alter Krempe …“

Robert Gernhardts Gedichte polarisieren noch immer. Vielen sind sie zu humoristisch. Nicht ernst genug. Auch die Tatsache, dass Gernhardt relativ lange festen Reimformen verhaftet blieb, machte ihn in Deutschland eher verdächtig. Oder lächerlich. Weil nicht modern genug. Nein, ich möchte hier keinen Rundumschlag beginnen. Dazu bin ich, weiß Gott, nicht vertraut genug mit der Materie. Aber ein Nachdenken wäre es schon wert, oder?

Robert Gernhardt schrieb in einer seiner Poetik Vorlesungen, dass Lyrik bisweilen auch direkt zum Herzen sprechen könne. Er verglich das Gedicht mit der Vorführung eines Jongleurs, bei dem man sich auch keine Gedanken mache, warum die Bälle gleichzeitig in der Luft wären, sondern einfach das Schauspiel genieße. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich gerade eine Serie von schwarz-weiß Bildern aus dem Jahr 2017 zusammenstelle, die in mir die Erinnerung an ein Brecht Gedicht wach rief. Erinnern Sie sich an „Die Liebenden“ ?

© Thomas Michael Glaw

Dieses Bild ist in mancherlei Hinsicht eines meines Lieblingsbilder aus diesem Jahr. Die beiden waren so versunken in einander. Ich komme mir als Fotograf nicht so oft als „peeping tom“ vor, hier war es fast der Fall. Ihre Intimität hatte etwas Unschuldiges, etwas Wunderbares, etwas, in das man nicht eindringen sollte. War es Neugierde, die mich dennoch bewog, ein Bild zu machen? Ich würde das bestreiten. Der Moment war einfach zu schön, um nicht festgehalten zu werden. Zumal in den Zeiten, in denen wir leben.

Aber wir waren bei Brechts „Liebenden“ stehen geblieben. Nachdem ich in einem anderem Leben die wunderbare Berlin/Frankfurter Ausgabe von Brechts Werken zurücklassen musste – nicht, dass sie dort je einer liest – bin ich in meinem neuen Domizil auf Suhrkamps „Ausgewählte Werke in sechs Bänden“ angewiesen. Heute morgen bemerkte ich wieder einmal die Lückenhaftigkeit dieses Machwerks. „Die Liebenden“ hatten sie schlicht vergessen. Vielleicht war es ihnen auch nicht wichtig genug. Darf ich es hier trotzdem noch einmal zitieren?

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Passt doch zu dem Bild, oder?

Ich glaube Gernhardt hat recht. Es gibt Gedichte, da vergisst man die Form, um sich ganz dem Inhalt hinzugeben.

Irgendwann kam dann dann der Ruf nach einem verspäteten Mittagessen.
Ich hatte noch eine Entenbrust im Kühlschrank.

Was ich daraus fabriziert habe, sehen Sie hier:

Entenbrust, Rotkrautsalat, Honigschalotten – © Thomas Michael Glaw

 

Das Rezept dazu finden Sie, wie immer, auf http://www.steaktogether.com/what-we-cook/

 

 

 

 

 

 

Sterne

English version below.

Alles hat seinen Preis.
Sogar Sterne:

© Thomas Michael Glaw

Dereinst zeigten sie einfach nur den Weg nach Bethlehem.
Zu einem Stall.
Und heute?

Alles hat einen Preis.
Wenn man durch die deutschen Innenstädte läuft oder bummelt, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass wirklich alles einen Preis hat.

Weihnachten steht vor der Tür.
Die Gans hat ihren Preis.
Die neue X Box für den Sohnemann auch.
Die Diamantohrringe für die Geliebte gibt es auch nicht umsonst.

Gibt es unbezahlbare Geschenke?
Einen Bugatti vielleicht.
Aber nein, der hat ja auch seinen Preis.
Wer die richtige Kreditkarte hat, für den ist das alles ein Kinderspiel.

Kann man Liebe kaufen?
Ich denke ja.
Aber es ist keine.
Es ist ein kurzer Moment körperlichen Glücks.
Vielleicht.

Liebe ist unbezahlbar.
Frieden ist unbezahlbar.
Freundschaft ist unbezahlbar.

Euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.
Ein paar nachdenkliche Momente.
Und gutes Essen. Doch. Wirklich.

Und einen Freund.
Eine Freundin.
Oder mehr.

 

Everything has it’s price.
And everyone his.
I can’t remember who said this.
Nowadays even stars have their price.
Once they only guided the way to Bethlehem.
To a stable with a manger.

Everything has it’s price.
When I walk through Germany’s inner cities that feeling is reinforced.

Christmas is coming close.
The goose has a price.
The X Box.
The diamond ring for the mistress as well.

Are there priceless things?
Can you buy love?
Maybe something like it,
but it will only be an ephemeral experience.

True love is priceless.
True peace is priceless.
True friendship is priceless.

To all of you a very merry Christmas.
A few contemplative moments.
Good food. No, seriously. I’m a chef after all.

And a friend.
Or more.

 

Köln en passant

Es war tatsächlich „en passant“ geplant. Hauptgrund, von Münster aus einen Abstecher nach Köln zu machen, war eine Fotoausstellung im Museum Ludwig. Die Fotografien erwiesen sich jedoch als so konventionell, dass eine Erwähnung mir nicht notwendig erscheint. Ich beginne langsam zu vermuten, dass der Kölner Kulturklüngel gute Beziehungen zur FAZ pflegt, denn es war wieder einmal eine Kritik in der FAZ, die mich ins schöne Köln gelockt hat. Und wiederum waren das beste an der ganzen Reise ein paar Kölsch.

Na ja, nicht ganz.

Wir hatten uns spontan entschlossen, nach den verschiedenen Weihnachtsmärkten mit ihrem Gedränge, ihrem Geschiebe, den vielen Glühweinständen und Frittenbuden, den Tag mit einer Vesper in Groß Sankt Martin bei der Gemeinschaft von Jerusalem, ausklingen zu lassen. Es sollte eine ruhige Stunde sein, bevor wir uns wieder mit dem Regionalexpress nach Münster aufmachten.

Die Ruhe ließ sich schon beim Betreten des mächtigen, steinernen Baus fast mit Händen greifen. Nur wenige Menschen saßen auf den Stühlen, die Mitglieder der Gemeinschaft knieten im Vorraum des Altars.

© Thomas Michael Glaw

Stille

Nahm man am Anfang noch das eine oder andere Geräusch der nahen Weihnachtsmärkte war, so war es eine innere Stille, die sich der Seele bemächtigte und alles Äußere, die Stimmen, das Gelächter, vom Glühweinkonsum verstärkt, verdrängte.

Weihrauch und dunkle Tönen bildeten die Leinwand für den Sopran der jungen Schwester, die den Raum füllt. Alte Texte, bekannte Gebete.

Es ist, als ob sich Raum und Duft zu einem Kokon verbinden, der behütet vor all dem sinnlosen Geplapper, das einen überall bedrängt und vereinnahmt.

Langsam wird der Raum heller, Kerzen erleuchten. Auch die Helligkeit erreicht mich. Ich nahm Ruhe und Dunkelheit, das Warten auf das Helle mit in diese letzte Woche vor Weihnachten.

Dona nobis pacem.
Herr gib uns Frieden.

Kaum ein Wort kann wohl passender in der heutigen Zeit sein, als dieses.

Dezemberbahn

Abfahrt München 6:50

Ein Blick in die Gesichter der Mitreisenden. Müde, gestresst, geschäftig, den Blicken ausweichend, manche gelangweilt: Reisen bedeutet heute nur noch selten Aufbruch zu neuen Abenteuern, dem Kennenlernen und Erleben anderer Menschen und Kulturen. Es ist zur Alltäglichkeit geworden. Man reist viele Kilometer zur Arbeit, fährt in den Urlaub, wo man möglichst sein eigenes Ding machen möchte, und sitzt schweigend, in sein Handy vertieft, gegenüber oder telefoniert mit Gott und der Welt (wohl eher letzteres).

Es entspannt mich, wenn ich meinem selbst gesteckten Plan folgen kann, wenn es keine Verzögerungen gibt, wenn ich den nächsten Zug / die nächste Deadline gut erreiche. In vielen außerplanmäßigen Stopps, Hürden oder Verzögerungen stecken allerdings auch Chancen, man muss aktiv werden, um sie zu meistern.

Mancher „Elefant“ wird vielleicht zur „Maus“ , die er eigentlich war.

Bahnsteig – © 2017 Thomas Michael Glaw

Schichtwechsel

Für die meisten Reisenden im Abteil endet in Stuttgart die Fahrt mit dem IC 2266. Man hat sein Ziel, seinen Arbeits- / Tagungsort erreicht oder steigt um. Die Klientel wechselt von Business zu Senioren. Auch mein dauer-telefonierender Nachbar gegenüber, der mit mir kein Wort gewechselt hat, ist ausgestiegen.

Menschen unterwegs, an Bahnhöfen, in Zügen oder der U-Bahn zu beobachten, ist immer wieder interessant. Mal hilflos ungeschickt, mal penetrant laut und Raum einnehmend, bewegen sie sich auf der Reisebühne. Dabei ist es spannend zu sehen, wie sich die Präsenz verändert.
Schafft man es, ihnen ein Lächeln zu schenken?

Bahnstopp – © 2017 Thomas Michael Glaw

Umstieg Karlsruhe – ca. 1 Stunde Pause. Dass man ohne Verpflegung auf Reisen geht, war für meine Mutter immer nur schwer verständlich. Ausnahmeweise habe ich heute doch eine Thermoskanne Tee und Brot mitgenommen – eine gute Entscheidung, da es in meinem IC und auch in dem nachfolgenden ICE lediglich ein Bistro gibt. An den Bahnhöfen – auch hier in Karlsruhe – hat man dann „reiche Auswahl“ zwischen Kuchen und Sandwiches bei Starbucks, Dean & Davids, ein oder zwei Großbäckereien, den allgegenwärtigen Dunkin Donuts oder dem Lokal „Zum goldenen M“.

Heimwärts

Nach vielen Begegnungen freut man sich auf das Heimkommen, aber jetzt ist es doch wieder so weit: Durch eine Zugentgleisung in Basel haben alle Züge Richtung Norden Verspätung. Das ist ärgerlich, da selbst großzügig kalkulierte Umsteigezeiten wie Sand zerrinnen und wir Reisende nicht wissen, ob wir unsere Ziele noch erreichen.

Interessant ist, dass durch die Situation automatisch Gespräche entstehen und sich eine Art Reisegemeinschaft entwickelt.

Nachdem ich zehn Minuten vergeblich in der Warteschlange an der Reiseinformation gestanden habe, die sich keinen Millimeter bewegt hat, bin ich in den an Gleis 1 stehenden ICE eingestiegen. Dieser soll nach der Anzeige am Bahnsteig irgendwann Richtung Norden, nach der Anzeige im Zug jedoch Richtung Basel fahren. Laut meinen Mitreisenden, die hier schon seit eineinhalb Stunden sitzen und auch Rhein aufwärts wollen, ist schon seit langem nichts passiert. Informationen gibt es ebenso wenig wie Bahnmitarbeiter, die man fragen könnte.

Ein Mitreisender hat jedoch am Ende des Zuges einen Bahnangestellten gefunden, der bestätigte, dass der Zug wirklich nach Norden fährt, andere wissen, dass dieser ICE auf das Zugpersonal wartet, das aus Basel kommen soll, und über die Bahn-App sehen wir immerhin, wie groß die Verspätung der anderen Züge ist, die in unsere Richtung fahren. Nach mehr als 45 min Warten gibt es endlich eine Durchsage der DB: Der ICE, den ich gebucht habe, soll in Kürze heute auf Gleis 2 einfahren. Geschwind packen wir zu fünft unsere Sachen und stürmen auf das nächste Gleis.

Wege – © 2017 Thomas Michael Glaw

Abschiede

Nun sitze ich also in „meinem“ Zug, auf „meinem Platz“ – zwar 50 min später als geplant – aber dennoch wie gebucht. „Ach, Sie haben reserviert?“ Es klang fast ein wenig traurig, als ich mich von „meinen“ Mitreisenden verabschiedete. Seltsam, noch vor 45 min kannten wir uns nicht, waren nur zufällig in das selbe Abteil geraten. Durch den gemeinsamen „Leidensdruck“ waren wir miteinander ins Gespräch gekommen, hatten unsere Bahnerfahrungen ausgetauscht und manchmal herzlich gelacht. Irgendwie wäre es schon interessant gewesen, die nächste Etappe gemeinsam zu erleben – wer weiß, was noch für Geschichten erzählt worden wären.

(Gastbeitrag von unserer viel Bahn reisenden Kollegin Dorothea Lubahn)