Weihnachtsstrauß

Ich gebe ja zu: es war zwar nicht fünf vor zwölf, aber doch zehn vor eins, als ich den Blumenladen in Neubiberg betrat um ein paar Blumen für den Esstisch zu erwerben. Um Eins schließen sie am Samstag. In den Minuten danach stürmten noch drei weitere Männer in den Laden. Die anwesenden Damen lächelten milde. Ich hatte mich schnell mit der Chefin auf eine Amaryllis, ein paar Disteln und ein wenig Drumherum geeinigt. Ich wusste ihr auch zu berichten, dass die Distel das Nationalgewächs Schottland sei. Mein Freund Alex meinte immer, der Grund dafür sei, dass die Distel „prickly and hard to eradicate“ sei – also stachlich und nur schwer auszurotten. Das würde ich ein wenig auch für mich in Anspruch nehmen .

© Thomas Michael Glaw

Der Herr hinter mir hatte es eilige, Griff schnell einen fertigen Strauß, verlangte noch nach einem dieser wunderbaren, geschmackvollen Einstecker in Herzchenform und bezahlte. Als schon halb durch die Ladentür gegangen war, drehte er sich noch einmal um und fragte: „Brauchen die jetzt eigentlich Wasser?“ Die Verkäuferin sah ihn an, als hätte er gefragt, ob der Papst katholisch sei. „Ja freilich!“ antwortete sie. Er erwiderte: „Ich meinte ja nur. Wegen des Tannengrüns.“ „Das braucht auch Wasser“, war die Antwort. „Sonst nadelt es“.

Als er den Laden verlassen hatte haben wir alle herzlich gelacht. Wenn Männer schon einmal Blumen kaufen …

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Weihnachtskarten

Es gab eine Zeit, in der man selbst den entferntesten Verwandten zu Weihnachten eine Karte sandte. Als Student in den späten siebziger Jahren war das eher nervig. Heute muss ich sagen, mir fehlen diese Karten.

Bücherregale, die sich langsam mit Weihnachtskarten aus aller Welt füllten, zeigten, dass Weihnachten überall seine Wirkung entfaltete. Natürlich war und ist da auch jede Menge Kommerz am Werk. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, was Weihnachten wirklich bedeutet.

© Thomas Michael Glaw

Historiker werden argumentieren, die christliche Kirche hätte das Fest der Geburt ihres Erlösers einfach auf einen Tag kurz nach dem Winter Solstitium verlegt, der schon vor zweitausend Jahren gefeiert wurde. Die Kirche war im Altertum groß darin, alte Traditionen anderer Kulturen zu für sich zu vereinnahmen.

Was aber bedeutet mir Weihnachten heute?

Es ist eine Zeit, Atem zu holen und zu reflektieren. Über ein fast vergangenes Jahr nachzudenken. Darüber, was man Gutes getan hat. Darüber, was man vielleicht besser nicht getan hätte, und darüber, was man, vielleicht wider besseres Wissen, unterlassen hat.

In den letzten Wochen las ich noch einmal Christopher Clarkes „Sleepwalkers“, und es gibt Momente, in denen ich uns auf demselben Weg sehe. Es ist Zeit, aufzuwachen. Wir gehen wieder schleichend auf eine Konfrontation zu, bei der wir alle nur verlieren werden, und vor der uns kein noch so wohlmeinender Gott schützen wird. Er (oder moderner formuliert „Sie“ oder vielleicht noch irgendetwas anderes) hat es in den letzten paar tausend Jahren auch nicht getan. Er hat uns nach der Vertreibung aus dem Paradies uns selbst überlassen. Sprich: wir sind ziemlich allein auf dieser Welt. Und bei allem Vertrauen in ein höheres Wesen: es ist uns überlassen, eine Katastrophe zu verhindern. Nur mit albernen Hashtags wird das nicht gelingen.

Wenn wir die Meinungshoheit weiterhin den Gilets Jaunes, der AfD, den Trumps, den Putins und den Xi Jinpings dieser Welt überlassen, wird bald von dem, das unser Leben wesentlich ausmacht, nichts mehr übrig sein. Die Freiheit, zu denken und zu sagen, was man denkt. Das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz. Eine soziale Verpflichtung des Eigentums. All das, was uns die Aufklärung beschert hat – übrigens auch das zu glauben, was uns gefällt, den Gott zu verehren, der uns entspricht – wird verschwinden.

© Thomas Michael Glaw

Das Kind, an dessen Krippe wir heute Abend stehen werden, wollte keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgungen, keine Kriege um seiner selbst willen. Es wollte auch keine Theokratie, wie wir sie heute immer noch in der Kirche haben und wie sie der Ängstlichkeit vieler zu passe kommt. Das Kind, dessen romantisch verklärte Geburt wir heute begehen, ruft seit zweitausend Jahren zur Umkehr auf. Es tut es noch immer.

Nur wir haben es noch immer nicht begriffen.

Trotz allem:

Gesegnete Weihnachten
Buon Natale.
Feliz Navidad.
Joyeux Noel.

Wien, mal wieder

Wenn ich diesen Blogbeitrag auf Englisch geschrieben hätte, hätte ich ihn vermutlich Vienna the Umpteenth betitelt Ich weiß wirklich nicht mehr, wie oft ich schon in dieser Stadt war. Es sind nicht nur die Philharmoniker, die Oper, der Kaffee, der Wein, die Grantler …

Eigentlich bin ich zum arbeiten in Wien. Wir haben Anfang des Jahres bei mediathoughts eine Reihe von Jugendreiseführern mit unserem Romführer VIVA ROMA bemerkenswert erfolgreich begonnen, die wir jetzt mit einem Buch über Wien fortsetzen werden. Zugegeben, ich hatte ein Wörtchen mitzureden, aber die Zahl an Schulklassen und Jugendgruppen die jedes Jahr die oesterreichische Hauptstadt besuchen ist hoch und Wien ist einfach eine faszinierende Melange von Menschen, Kulturen, Religionen und Geschichte.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Ich bin also mal wieder in Wien. Neben den zahlreichen Bildern für den Führer war das Wetter heute auch so typischer wienerisch zwischen Dunst und tiefstehender Sonne angesiedelt, dass ich natürlich ein wenig vom Pfad der Tugend (oder was meine Verlegerin dafür hält) abgewichen bin, um Architektur auf schwarz weiß zu fotografieren.

Wagemutig sind sie nämlich schon die Wiener. Auch wenn sie richtig mit Herzblut über die Umgestaltung ihrer Stadt streiten. Ich verfolge die Streitereien seit langen und mit großem Vergnügen aus der Distanz meiner Wahlheimat München im Falter (wenn Sie mehr wissen wollen gehen Sie mal auf Falter.at).

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Es gibt faszinierende Aus- und Durchblicke in dieser Stadt. Nicht nur bei den Durchhäusern und Pawlatschen, über die ich hier schon einmal geschrieben habe, sondern auch bei der modernen Architektur – und bei den Überbleibseln. Beispielsweise bei den Flaktürmen aus der deutschen Besatzungszeit, die, von Zwangsarbeitern 1941 erreichtet, hier im dritten Bezirk, wo ich üblicherweise wohne, einfach so neben Kinderspielplätzen ihre martialischen Betonwände in den Himmel recken.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Flaktürme im 3. Bezirk

Richtig daneben gegriffen haben die Wiener nur bei der Donau City, von der die UNO City ein Teil darstellt. Abgesehen von einer kleinen, aber interessanten, katholischen Kirche, in der die Messe überwiegend auf englisch gelesen wird, konkurrieren Hochhäuser miteinander, die ohne jegliches Gespür für Dimension, Licht und Wirkung nebeneinander gepflanzt wurden. Nicht nur kann man sie quasi nicht fotografieren, man kann sie eigentlich auch nicht ansehen. Also ich nicht. Ich bekommen von so etwas Magengrimmen.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Donau City

Die UNO City ist übrigens nicht zugänglich. Außer mit Sonderausweis oder in meinem Fall mit Akkreditierung und dann auch nur zu besonderen Zeiten und so weiter und so fort. Die Welt bezahlt für die Clowns in ihren teuren Limousinen. Das mindeste wäre, dass sie der Welt erzählen, was sie da eigentlich treiben. Transparenz hilft. Eine bessere Architektur auch. Aber das ist ein anderes Thema.

Über irgendetwas muss man ja granteln hier.

Beim Grünen Veltliner.

 

Simple Food

Fein gehackt und grob gewürfelt. Doch wirklich. Das ist der Titel eines Buches, das im Original The pedant in der Kitchen heißt und von Julian Barnes ist. Ich schätze Julian Barnes sehr. Metroland begleitet mich seit  gefühlt über dreißig Jahren, ähnlich geht es mir mit Flaubert’s Parrot oder The Sound of an Ending. Nein, die Zeit stimmt natürlich nicht. Barnes hat diese Romane deutlich später geschrieben. Trotz sind es Bücher, die man immer wieder aus den mittlerweile, aus Mangel an Platz,  recht schlecht organisierten Bücherregalen zieht, um erneut einen Blick in sie zu werfen. Julian Barnes trifft eine Sprache, die mir entspricht, die schwierig ins Deutsche zu übertragen ist, die subtil witzig ist, aus der man sich nur schwer wieder lösen kann.

© Thomas Michael Glaw

Diese Woche stolperte ich in einem Antiquariat über die deutsche Übersetzung von The Pedant in the Kitchen. Julian Barnes ist ein – in seinen eigenen Worten – spät berufener Koch. Er ist außerdem ein Koch, der dazu neigt Anweisungen in Kochbücher geradezu sklavisch zu befolgen. Meiner Meinung nach ist das ein Rezept für garantiertes Desaster. Rezepte in Kochbüchern stellen – bestenfalls – eine Idee da. Eine Anregung. Eine von vielen Möglichkeiten mit guten Zutaten etwas noch Besseres zu gestalten. Für Julian Barnes sind sie quasi die in Stein gemeißelte Wahrheit.

Ich erwarb das Buch vor allem, um zu sehen, wie die Übersetzerin mit seiner Sprache umgeht. Julian Barnes ist sicher eine Herausforderung und auch diese Übersetzerin ist an ihm gescheitert. Das Buch wirkt, im Vergleich mit dem englischen Original, hölzern.

© Thomas Michael Glaw

Aber ich wollte ja eigentlich auf das Kochen heraus. Wir hatten am Freitag Michael zu Gast, mit dem es galt sein Cambridge C1 Diplom zu feiern und der zudem ein interessanter Gesprächspartner ist. Es war ein Abendessen mit Freund, wie sich Julian Barnes ausdrücken würde. Ich komponierte eine leichte Vorspeise aus Crevetten, Avocado, dem wunderbaren Saft von Orangen aus Amalfi (sorry guys, WIR haben die letzte Kiste bei Ortofrutta gekauft), einem leichten Steakpie (doch, das geht) und einer Nachspeise auf der Basis von gebackenem Ricotta und karamelisierten Pfirsichen. Die Rezepte gibt es bei Gelegenheit auf steaktogether .

Ein paar Flaschen Chateau Brejoux später kam der Freitag, wir waren eigentlich immer noch satt und trotzdem … eine Kleinigkeit wäre jetzt nicht schlecht. Ich inspiziere in solchen Fällen immer gerne – im Gegensatz zu Julian Barnes – Kühlschrank und Speisekammer. Hm … Crevetten, Fenchel, Frühlingszwiebeln … eine halbe Kiste Papardelle von DeCecco. Was könnte man damit machen?

© Thomas Michael Glaw

Nun man könnte Fenchel und Frühlingszwiebeln streifig schneiden und in einer Pfanne in Butter andünsten bis die Zwiebel leicht golden wird (Maillard Reaktion, für die Chemiker unter uns) dann fügt man pro Person fünf bis sechs Crevetten hinzu. In der Zwischenzeit hat man die Papardelle (Tagliatelle gehen auch) al dente gegart. Dann löscht man den Gemüse/Crevetten Mix mit dem Saft einer jener großartigen Orangen ab (Ich weiß, sie sehen gräßlich aus, aber Duft und Geschmack …) und gibt einen Schuss Noilly Prat zu. Klar, das kling jetzt ziemlich versnobt, aber glauben Sie mir, mit Cinzano oder wie das Zeug heißt ruinieren Sie dieses Gericht. Anschließend müssen Sie nur noch die Pasta mit dem Inhalt der Pfanne vermischen, reichlich frischen, schwarzen Pfeffer hinzufügen und: voila.

© Thomas Michael Glaw

Noch eine Bitte zum Schluss: keinen Parmigiano.

Bitte

BITTE.

Brügge oder Zuviel

Wenn man in der Nähe des Kanalsystems wohnt, das Brügge umschließt, bemerkt man zunächst gar nicht so viel von den allgegenwärtigen Touristen. Das eine oder andere Paar geht über die schmalen Bürgersteige, die durch entlang der Hauswände abgestellten Fahrräder noch enger werden. Wenn man eine Wohnung, oder wie wir ein Haus in der Peripherie zeitweise bewohnt, fällt einem Ende August allenfalls auf, dass sich Belgien noch im Sommerferienmodus befindet. Die Bäcker und Metzger sind noch geschlossen. Beim morgendlichen Lauf entlang des Kanals begegnen einem nette Menschen, die lächeln und freundlich grüßen. Katrijn hat mich beim gemeinsamen Stretchen sogar auf einen Kaffee eingeladen. Das rüde Erwachen folgt, wenn man sich nach der ersten, in wunderbarer Ruhe verbrachten Nacht, in Richtung Stadtzentrum aufmacht.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Je näher man diesem kommt, desto zahlreicher werden die Menschen, die irgendwie unorientiert, obwohl meist die Frauen (Mütter, Gefährtinnen, Töchter) die Nase in einen Führer zu haben scheinen, einem nicht näher definierten, magischen Zentrum zustreben.

Die Vielgestalt der Sprachen nimmt zu, die Vielgestalt der Geschäfte nimmt ab. Wer braucht denn wirklich 12 Schokoladengeschäfte (belgische Schoki natürlich) auf einem viertel Quadratkilometer? Zara, Boggi, H&M und wie sie alle heißen, habe ich auch in München. Gewiss, ich hatte damit gerechnet, dass es auch in Brügge ein gerüttelt Maß an Geschäften gibt, die den modernen Touristen bedient. Dass sie die ganze Altstadt in Besitz nehmen, hat mich schon erstaunt. Da ist mir Rom oder Madrid lieber. Zugegeben, diese Städte sind schlicht größer, da fällt es nicht so auf.

Erstaunlich fand ich allerdings auch die hohe Zahl an Leerständen: zum Verkauf oder zur Vermietung anstehende Geschäftsräume, überdies viele leere Galerien. Ob der Verkauf der Seele an den Tourismus vielleicht nur zum Teil geglückt ist?
Wenn dieser Verkauf überhaupt ein Glück sein kann.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Begriff des „overtourism“ macht seit Jahren die Runde. Er findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung ebenso wie in der Financial Times  und anderen, angesehenen internationalen Publikationen. Ich verband in der Vergangenheit das Phänomen des übermäßigen Tourismus meistens mit Venedig. Diesen Sommer ist mir in Rom bewusst geworden, was der plötzliche Zustrom von 60.000 Menschen – in diesem Fall Jugendliche überwiegend mit den besten Intentionen – für eine Stadt bedeutet.

Durch Brügge lief ein wohlhabendes, internationales Publikum, wir hörten ein dutzend Sprachen oder mehr. Vor jedem auch nur halbwegs alt wirkenden Haus bewegten sich zahllose Handies durch die Luft, um es auf die nicht mehr existierende Platte zu bannen und danach nie mehr anzuschauen. In Navid Kermanis Buch „Entlang der Gräben“ sagt eine Führerin, das Fotografieren der Fresken sei auch ohne Blitz verboten. Wegen der Eiligkeit. Als uneiliger Fotograf, finde ich, dass sie durchaus Recht hat. Auch ein gutes Bild bedarf der Zeit, des Nachdenkens über Licht und Schatten, und gegebenenfalls des Wiederkommens. Aber es geht gar nicht mehr um Bilder. Das Selfie ist zur Gewohnheit geworden. So wie man das Telefon abnimmt, wenn es läutet. Man denkt nicht darüber nach und vergisst es danach schnell. So wie die auf dem Handy gespeicherten Bilder. Außer sie sehen richtig cool aus. Dann kann man sie posten.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Für mich sind die Touristen, die ich in Brügge erlebte, die Totengräber des Reisens. Oberflächlich oder gar nicht informiert, vor allem aber mehr oder minder gar nicht interessiert an den Menschen, die dort leben, an der Sprache, die diese Menschen sprechen, an der Kultur, in der sie leben. Eigentlich möchte man nur ein paar schöne Bilder machen, sagen, dass man da gewesen ist. Belgische Schokolade gekauft hat. Die Geschäfte mit belgischer Spitze waren übrigens meistens leer. Too old school.

Es gibt Orte, wo mich dieser Tourismus nicht überrascht. Im schönen, alten Brügge war das schon der Fall. Vielleicht hatte ich einfach die Anziehungskraft der Stadt unterschätzt, noch mehr allerdings den Einfluss auf das normale Leben im städtischen Kontext. Der Gesichtsausdruck der Brügger, wenn sie sich auf ihren Fahrrädern durch die Menschenmassen schlängeln, ist zwischen genervt und stoisch. Die Stadt scheint vom Tourismus zu leben. Dass dem nicht so ist, bemerkt man erst, wenn man jenseits des Altstadtgürtels unterwegs ist und sieht, wie viel mittelständische Industrie existiert; wenn man durch normale Wohngebiete schlendert und normale Märkte und Geschäfte besucht – wenn sie denn offen waren. Wenn man mit normalen Menschen in der Kneipe am Eck ein Bier trinkt. Dort beginnt man mit drei fehlerbehafteten Sätzen auf Niederländisch ein Gespräch, das sich meist auf Englisch fortsetzt. Und Spaß macht.

Ob die Stadt ihre Seele den omnipräsenten Heuschrecken verkauft hat, die nichts verstehen und alles konsumieren? Die Gastronomiepreise bestärken diesen Eindruck. Das belgische „Nationalgericht“ moules frites habe ich selbst in Paris schon deutlich günstiger gegessen. In Brügge ist es ab 24 Euro pro Person zu haben … Croque Monsieur haben wir zu Preisen zwischen 11 und 16 Euro gesehen. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Toast mit Käse. In der Nähe des Place d’Italie in Paris bezahle ich dafür 4,50 Euro.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Tourist mag es zahlen, und dennoch ist es der Massentourismus, der zukünftig das Reisen schwierig, wenn nicht gar unmöglich machen wird. Städte, die aus diesem Trend Kapital schlagen wollen, sind zur geschminkten Gesichtslosigkeit verdammt. Sie müssen oberflächlich versuchen, den einzigartigen Charakter ihrer Stadt zu präsentieren, während ihnen hauptsächlich daran gelegen sein muss, die Notwendigkeiten des internationalen Tourismus zu befriedigen. Sie müssen Touristenströme managen, die glauben, sich in einem einzigen großen Disneyland zu bewegen. Und dort ihr Geld verteilen. Das, was die Städte wirklich ausmacht, historisch, gastronomisch, aber auch zwischenmenschlich, bleibt dabei auf der Strecke.

Für mich bedeutet das nichts anderes als Selbstaufgabe, es bedeutet die Transformationen historischer Stadtzentren, zauberhafter Landschaften, zu Themenparks.

Europa, das so voll von realer Geschichte ist, wird nur noch second hand erfahrbar werden. First hand ist zu kompliziert. Vielleicht auch zu ehrlich. Auf alle Fälle zu groß und zu bunt. Wir mögen es heute aber nur einfach und am besten auf einem kleinen Bildschirm.

Atlantikwall und andere Bunker

Bunker sind nicht mehr zeitgemäß … oder doch? Wenn man die Schlagzeilen überfliegt, den kurzen Nachrichtenschnäppchen zuhört, die in Rundfunk und Fernsehen angeboten werden, könnte man meinen, es wäre höchste Zeit, wieder mit dem Bau neuer Bunker zu beginnen.

Nicht nötig.

Man könnte auch einfach ein Stück Dünenlandschaft an der belgischen Küste erwerben, dort stehen noch genügend herum. Als ich darüber las, dachte ich mir: kann doch nicht sein. Da hat einer irgendwo zwei Bunker fotografiert und erzählt jetzt, die gäbe es überall. Weit gefehlt. Alles was in Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien, Österreich und anderen Ländern nach den zweiten Weltkrieg zerstört wurde – um es dann Ende der fünfziger Jahre, atombombensicher, und mit erheblich größerem Aufwand neu in irgendwelche Berge und Hügel zu sprengen – ist an der belgischen Atlantikküste stehen geblieben. Die Frage nach dem „warum?“ konnte mir niemand schlüssig beantworten. Ich hätte mit Gedenkstätten gerechnet, mit der einen oder anderen aus historischen Gründen erhaltenen Geschützstellung. Nicht aber damit, dass man beim Spazierengehen in den Dünen regelmäßig vor kleineren oder größeren Bauwerken aus Beton steht, die sich einfach in die friedlichen Dünen verirrt zu haben scheinen. In einem Blog habe ich gelesen, dass sich ab und zu Liebespaare dahin zurückziehen. Ich könnte mir eine romantischere Umgebung feststellen. Es sind doch eigentlich genügend Dünen da, Sterne auch, zurzeit sogar Vollmond …

Belgische Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michel Glaw 2018

Interessant fand ich meine eigene Reaktion auf diese steinernen Reminiszenzen eines Krieges, der 12 Jahre vor meiner Geburt beendet wurde. Während mich die Flanders Fields, die Hügel und Felder, die Friedhöfe, Plätze und Dörfer rund um Ypern wirklich bewegten, stand ich diesen Bauwerken entlang der Küste eigentlich nur erstaunt gegenüber. Natürlich denkt man den „D-Day“, auch wenn diese Strände ein ganzes Stück weiter südlich waren, natürlich drängen sich Erinnerungen an Filme und an Bücher auf. Das Gefühl für die Schrecken des Krieges, das in Ypern überaus präsent war, stellte sich bei mir jedochnicht ein.

Vielleicht ist es die Zufälligkeit, mit der man über diese Betonklötze stolpert, vielleicht ist es die Abwesenheit von Friedhöfen, die es einfacher macht, den Gedanken an den tausendfachen Tod, der sich auf diesen Stränden ereignet hat, zu verdrängen.

Belgiscge Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michael Glaw 2018

Mein Sohn würde wahrscheinlich sagen, es sei schon ziemlich schräg. Die Strände sind durchaus einen Besuch wert, die Küstenstädte weniger. Wo es in Italien tausende von „letti sole“ am Strand aufgereiht gibt – Ensemble, die ich von je her vermieden habe und bestenfalls fotografisch oder geometrisch interessant finde – hat man in Belgien die Küste mit hochaufragenden Apartmenthäusern zugekleistert. Den etwas hilflos in den Dünen herumstehenden deutschen Befestigungsanlagen hat man Wohnanlagen für Durchschnittsbürger gegenübergestellt, in denen man auf 40 oder 60 Quadratmetern seinen Sommerurlaub verbringen kann. Die Häuser erinnerten mich an Bienenwaben, nur nicht ganz so kunstvoll – und definitiv nicht so süß gefüllt. Ein Apartment neben dem nächsten und ganz viele übereinander. Es ist eine graue Mauer entlang der See, die deutlich bedrohlicher wirkt als die Bunker, die ein paar hundert Meter weiter südlich in den Dünen stehen.

Strand bei Oostende – © Thomas Michael Glaw 2018

Es sind Formen des Tourismus, die ich nicht verstehe. Warum quetscht man sich samt Familie für zwei oder drei Wochen auf engem Raum zusammen? Warum in einer hässlichen Stadt? Warum an einem windigen Strand, wo es oft regnet und man stets die kolossalen Unterbringungsanstalten im Rücken hat? Es erschließt sich mir noch weniger, als die Touristenmassen, die sich durch den historischen Kern von Brügge wälzen. Aber davon später.

Ypern

Wenn man durch Flandern reist, fühlt man sich ein wenig wie Damiel und Cassiel, die zwei Engel in Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“. Man ist ein Suchender, und die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Wenn man auf schmalen Betonstraßen, die an die Pisten der ehemaligen DDR erinnern, durch die Landschaft rund um Ypern fährt, lässt einen das Schlachten nicht los.

Wie viele Schlachten sind hier geschlagen worden.
Wie viel Blut hat diesen Boden getränkt.

Erinnerungen an Indochina kommen auf, auch an die Stätten der Maya, doch die Schauplätze der beiden Weltkriege, hier in Belgien, stehen emotional einfach näher.

Soldatenfriedhof bei Ypern – © Thomas Michael Glaw 2018

In fast jedem Dorf erinnert ein See von weißen Kreuzen an die anderthalb Millionen jungen Männer, die bei diesem sinnlosen Gemetzel ihr Leben ließen. Aber welcher Krieg ist nicht sinnlos, welche geschlagene Schlacht hat die Menschheit je ein Stück weiter gebracht? Hügel, um die herum zehntausende ihr Leben verloren, liegen heute friedlich im Abendlicht. Allenfalls ein hektischer deutscher Tourist aus Bonn, der, sein Auto im Halteverbot parkend, schnell ein paar Fotos macht, stört die Ruhe.

Ob die Größe der Monumente wirklich der Größe der Opfer entspricht?
Einzelne Obelisken stehen einfach in der Landschaft herum, als ob sie selbst langsam den meist auf ihnen proklamierten Heldenmut in Zweifel ziehen.

© Thomas Michael Glaw 2018

Es sind so viele Namen, gemeißelt in Stein, fein säuberlich mit Rängen und Regimentern, dass die Buchstaben vor meinen Augen zu tanzen beginnen.

So viel Blut. So viele Verwundete, Verstümmelte, im Gaskrieg Erblindete oder erbärmlich Erstickte. Es ist gut, Erinnerungen zu bewahren, aber wenn man an diesen Stellen spazieren geht, wird die Erinnerung selbst zu einer gewaltigen Last.

In Langemarck liegen mehr als 40000 junge Männer. Man nennt den Friedhof auch den Studentenfriedhof. Besoffen von den anfeuernden Worten des letzten deutschen Kaisers starben sie in einer Schlacht, auf die sie nicht vorbereitet waren. Was hätten sie wohl noch vorgehabt? Welche Bücher sind nie geschrieben, welche Lieder nie komponiert, welche Geliebte nie gestreichelt worden?

© Thomas Michael Glaw 2018

Es scheint Frieden zu herrschen. Zumindest für den Moment. Einst heiß umkämpfte Kreuzungen sind zu viel befahrenen Kreisverkehren geworden, Hügel, um deren Besitz jahrelang getötet wurde, ermöglichen nunmehr lediglich einen schönen Blick auf Ypern.

Über allem liegt eine eigenartige Stille.
Eine Stille, die schreit.
Ein ausgetrockneter Boden, der das vergossene Blut kaum zu verhüllen vermag.

In Flanders Fields.