De Lijn

Man spricht das „de lein“ aus, aber es hat mit einer Leine wenig bis gar nichts zu tun. De Lijn heißt auf Niederländisch „die Linie“; in unserem aktuellen Kontext handelt es sich um den Verkehrsverbund in West Flandern. Wie ich darauf komme? Wenn ich mich wirklich langweile, es an Bord kein Handelsblatt gibt, kein Artikel dringend geschrieben werden muss, greife ich zum Lufthansa Magazin. Das soll jetzt nicht abwertend gemeint sein. Die (vermutlich jungen) Damen und Herren, die dieses Magazin publizieren, geben sich redlich Mühe, trotz der Vorgaben ihrer Meister (der Marketing Abteilung der Lufthansa), ein lesbares Magazin zu produzieren. Einmal im Monat lese ich es auch. Man kann von dem Format durchaus etwas lernen für die gegenwärtige Unternehmenskommunikation, die ja auch zu meinen Geschäftsbereichen zählt. Aber ich schweife ab.

Vor einigen Monaten las ich in eben jenem Magazin einen Beitrag über die flämische Küstentram. Es war ein überaus interessanter, gut geschriebener Beitrag. Heute bin ich überzeugt davon, dass es ein „plant“ war. Ein Beitrag, der gegen Bezahlung oder sonstige Vorteile ins Magazin gehievt  wurde. Schön blöd, auf so etwas hereinzufallen, mögen Sie sagen. Nun ja, shit happens, oder politisch korrekter formuliert:  die Geschichte war wirklich gut geschrieben.

Wir machten uns also auf gen Brügge (siehe mein letzter Beitrag), erwarben ein fünf Tage Ticket für „de Lijn“, was zugegebenermaßen günstig ist, downloadeten (ist Deutsch nicht eine wunderbare Sprache) die App (ohne App geht heute gar nichts mehr), und begannen zu planen.

De Lijn – © Thomas Michael Glaw 2018

Das erste, was wir bemerkten, ist, dass die famose App allerlei Alternativen enthält, die in jenem Ticket von „De Lijn“ nicht enthalten sind. So kann man von Brügge nach Ostende zwar durchaus mit dem Bus fahren (De Lijn umfasst nur Busse und die Küstentram – das sagt einem aber niemand). Man braucht dann aber zweieinhalb Stunden. Alternativ kann man auch 4,30 Euro bezahlen und ist in 12 Minuten da. Mit der belgischen Bahn. Genau die Alternative, die einem auch die App von „De Lijn“ vorschlägt.

Am ersten Tag waren wir wagemutig. Wir nahmen den Bus nach Blankeberge. Das Erlebnis war es wert, denn es brachte uns der belgischen Gesellschaft heute ein gutes Stück näher. Mit an Bord dieses Busses waren rund ein Dutzend Schwarzafrikaner, die sich über ihre Belange während der ganzen, etwa 25 Minuten dauernden Fahrt, unterhielten. Man konnte, ob der Lautstärke, nicht weghören. Die Frauen benutzten eine Sprache, mit der ich nicht vertraut war, die Männer sprachen in einer Mischung aus Französisch, Englisch und einer mir nicht bekannten Sprache.  Es war nicht uninteressant, ihnen zuzuhören. Interessanter jedenfalls als den Kindern, die sich einfach ein einer nicht näher zu definierenden Sprache anschrien, Doch wirklich. Anschrien.

Kusttram – © Thomas Michel Glaw 2018

Wir stiegen dann alle gemeinsam in Blankenberge aus. Unsere schwarzafrikanischen Freunde gingen ihres Weges und wir nahmen die nächste Küstentram. Das Bild, das die Lufthansa gezeichnet hatte, verflüchtigte sich schnell. Freiheit. Gute Sicht auf die Küste. Interessante Menschen.

Die Küstentram (Kusttram sprich Linie 0) ist vor allem ein Nahverkehrsmittel für Menschen, die ihren Urlaub an der belgischen Kanalküste verbringen. Wer glaubt, er könne die belgische Küste betrachten, sollte sich besser ganz hinten hinsetzen, denn die meisten Waggons sind mit dieser modernen Werbung beklebt (siehe Rom), die nur eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung der Umgebung ermöglichen.

Kusttram – © Thomas Michael Glaw

Außerdem ist die Kusttram voll. Jede einzelne. Egal, von wo sie nach wohin auch immer fahren wollen. Sie ist ein Nahverkehrsmittel, aber bestimmt nicht ein Weg, die belgische Küste zu erfahren. Was es da so zu erfahren gibt, berichte ich in einem anderen Beitrag.

Bitte, fahren Sie nicht wegen der Kusttram nach Flandern. Es mag andere Gründe geben. Die Tram ist keiner. Die App von „de Lijn“ ist eher ein abschreckendes Beispiel, wie man Nahverkehr eher nicht organisieren sollte.

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Wanderer kommst du nach Brügge

Nein, es hat keine Schlacht gegeben. Und doch gibt es etwas zu verkünden, davon aber später. Ich wollte schon seit langem einmal die flämische Kusttram, die Küstentrambahn, ausprobieren und auch den „Flanders Fields“ ein wenig nachspüren.

Aber fangen wir am Anfang an. Wir waren zum nachgefeierten fünfundachtzigsten Geburtstag meiner Mutter in Köln und wollten uns von dort aus mit der Bahn nach eben jenem Brügge aufmachen. Wir wollten die Bahn nehmen, denn die Verbindung über Brüssel ist günstig, auch in preislicher Hinsicht, und uns in Flandern mit „de Lijn“, dem dortigen Nahverkehrsverbund, bewegen. Dazu später mehr.

Zunächst einmal erwartete uns am Kölner Hauptbahnhof das übliche DB Chaos. Verspätete Züge, ausgefallene Züge, ausgefallene Entschuldigungen für ausgefallene Züge und Hinweistafeln, die so schnell rotierten, dass man mit dem Lesen nicht mehr nach kam. Züge verschwanden, tauchten wieder auf, verschwanden wieder, wurden geteilt, und aus zehn Minuten Verspätung wurden erst zwanzig, dann vierzig.

Endlich kam der ersehnte ICE, glücklicherweise hatte er auch noch die Originalnummer, so dass unsere Platzkarten noch gültig waren und wir uns nicht um einen Stehplatz im Gang prügeln mussten. Nachdem wir den englischen Enkel einer Hamburger Großmutter zwischen uns platziert hatten, so dass Oma nicht mehr auf dem Koffer sitzen musste, rumpelten wir los Richtung Aachen.

Belgischer Intercity – Erste Klasse

Das interessante an solchen Zugfahrten sind meist die Gespräche, die sich ergeben. Nachdem wir die jeweiligen Verspätungen bis zu diesem Zeitpunkt durchgehechelt hatten (3 Stunden aus Kiel, 2 aus Hamburg) versuchten wir zu ermitteln, ob Großmutter und Enkel noch ihren Eurostar nach London in Brüssel erreichen würden. Die Chancen glichen einer Achterbahnfahrt, da die Verspätungsangaben im Online Portal der Deutschen Bahn ungefähr so schnell wechselten wie die Lottozahlen. Bald war jedoch klar: das wird nichts mit dem Eurostar. Es würde eine nicht geplante Übernachtung in Brüssel werden. Als der Zug sich in Aachen ein wenig leerte, zogen die beiden ins Nachbarabteil um, wo jetzt auch der junge Mann einen komfortablen Sitz hatte. In unserem Abteil wandten sich die Gespräche der Welt der Oper zu, vor allem der mangelnden musikalischen Qualität der Semperoper. Salzburg bekam aber auch sein Fett ab. Geht doch nichts über ein wenig lästern im Erste-Klasse-Abteil.

Dann fingen auch wir an zu rechnen und es begann erneut das Lotteriespiel mit den Verspätungsangaben. Besonders lustig war es in den letzten vierzig Minuten der Reise. Überschreitet man die geplante Ankunftszeit am Endbahnhof, ist für die Bahn der verspätete Zug nämlich angekommen und man bekommt keine Angaben mehr. Am Ende haben wir dann tatsächlich noch den IC nach Brügge erwischt. Trotz sieben Minuten Umstiegszeit und obwohl wir erst auf Gleis 6 erfahren haben, dass es heute von Gleis 16 losgeht. Nein, und ich war nicht einmal außer Atem.

Dieser belgische Intercity erinnerte mich stark an die Regionalzüge im China der achtziger Jahre, mit denen ich von Beijing nach Chengde gefahren bin. Es saßen zwar nicht vier Leute in der zweiten Klasse nebeneinander, sondern nur drei, aber ich war auch schon lange nicht mehr durch halb im freien liegende Verbindungen zwischen Waggons gegangen. Ein wahrhaft nostalgisches Erlebnis. Als wir die erste Klasse gefunden hatten, war auch sie gut besetzt. Es gab allerdings noch eine Vierergruppe, in der nur eine Dame saß, die ihren Koffer so drapiert hatte, dass von Anfang an klar war: meins! Normalerweise lasse ich mich von so etwas nicht abschrecken, aber die Dame hatte auch einen Blick, der mich sehr stark an eine Französischlehrerin erinnerte und nichts Gutes verhieß. Sie war in der Tat Französin. Ich lächelte also freundlich, wuchtete unser beider Koffer in die Kofferablage und setzte mich der Dame gegenüber. Sie schaute kurz von ihrem Buch auf, blickte mich an, wie man vielleicht eine Spinne auf dem frisch polierten Parkett anblickt, und fragte mich auf Französisch (Ha!), ob sie ihren Koffer wegnehmen solle. Ich antwortete in meinem besten Französisch, das sei schon in Ordnung. Was mir noch einen kritischen Blick einbrachte. Wahrscheinlich war sie wirklich Französischlehrerin, und mit meinem subjonctiv stimmte etwas nicht. Die Pointe kommt, wie immer, zum Schluss: als der Schaffner kam, fragte sie ihn etwas auf Französisch; bei den Flamen kommt das nicht so gut an. Bei einer genaueren Inspektion ihrer Fahrkarte stellte sich zudem heraus, dass sie nur über ein Billet zweiter Klasse verfügte. So kommt man, unverdienter Maßen mögen Sie sagen, zu zwei Fensterplätzen.

Und was hat das jetzt alles mit dem Wanderer zu tun, der nach Brügge kommt. Da geht es Ihnen so wie mir, wenn ich als Kind jeden Abend meinen Vater anbettelte: Nein Papa, die Geschichte ist noch nicht zu Ende! Weitererzählen!

Wir verließen also in Brügge unseren Vorortzug, der unter dem Deckmantel eines Intercitys unterwegs war, und es begann zu regnen. Meine unfehlbare Doro hatte den Weg zu unserem Huisje, sprich unsrer Heimstatt für die nächsten Tage, mit 1,7 km oder 23 Minuten ausgemacht. Im Zug hatte es kein Bier gegeben. Ich hatte die Faxen dicke. Es begann heftiger zu regnen.

Brügge – © Thomas Michael Glaw

Der Taxifahrer hatte sein Handwerk offensichtlich in Les Mans gelernt und fuhr uns in unter sieben Minuten in die Gapaardstraat. Natürlich war es jetzt nicht kurz vor acht, wie geplant, sondern eher kurz vor zehn. Und es schüttete. Meine Wenigkeit hatte nur eine dünne Regenjacke eingepackt, die ich üblicherweise zum Laufen anziehe und die nicht mehr so besonders dicht hält. Aber ein Bier, oder auch zwei, und etwas zu essen hätte jetzt schon etwas.

Also keine Müdigkeit gescheut. Der erste Eindruck von Brügge war: hier werden um zehn Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Auf alle Fälle an einem Donnerstag wenn es regnet. Menschen hetzten nach Hause, Kneipen wurden geschlossen, Kellner standen an Theken und schüttelten auf einen fragenden Blick nur mit dem Kopf. Mein Gesicht wurde immer länger und mein Hemd unter der angeblichen Regenjacke immer nasser. Unter dem leeren aber immerhin überdachten Fischmarkt legten wir eine Pause ein. Ein Blick aufs Handy bestätigte, dass die einzige Kneipe weit und breit, die noch offen zu haben schien, Delaney’s Irish Pub war. Also zurück in den Regen. Und, oh Wunder, der Laden hatte noch offen, war proppe voll (klar, alle anderen hatten ja schon zu) und servierte uns ein Brugse Zot (also einen Brügger Narren) in unter fünf Minuten. Ein wenig später schoben sie dann einen eher geschmacklosen Shepherd’s Pie nach, aber er war warm und wir hatten Hunger. Und das Bier war wirklich nicht schlecht.

Außerdem nieselte es auf dem Heimweg nur noch.

Wanderer kommst du nach Brügge, so vergiss also nicht, dass du nach zehn Uhr zum Irish Pub musst.

StadtGründungsBenno

Es ist ein Weilchen her, dass ich mich hier verbreitert habe.
Entschuldigung.
Es gab zu viel zu tun.
Ich habe einen weiteren Krimi veröffentlicht (Mach dir kein Bild) und ein Rom Führer für junge Leute (Viva Roma!) wollte rechtzeitig vor der Reisesaison auf den Weg gebracht werden. Und dann war da noch die DSGVO …

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Gestern jedoch war ich auf dem Münchner Stadtgründungsfest. Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht das wievielte es war, aber es war, glauben Sie mir, eine Farce. Seit einiger Zeit feiert die katholische Kirche das Benno Fest, das Fest des Patrons der Stadt München, am selben Tag. Das war der eigentliche Grund, warum wir uns in die Stadt aufgemacht hatten. Um Freunde zu treffen.

Die Rolltreppe am Odeonsplatz spuckte einen aus dem Untergrund in ein unglaublichen Gewurl von Menschen – das ist bei derartigen Events relativ normal. Als ich jedoch die Reihen der Buden durchschritt, begann ich mich zu fragen: was soll das alles, oder vielmehr: was hat das alles mit München zu tun?

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Selbst wenn man diesem inszenierten Handwerkermarkt noch etwas abgewinnen konnte, spätestens beim Gang durch die Theatinerstraße wurde klar, dass es hier, egal was Oberbürgermeister Reiter salbungsvoll verkündete, nur um eines ging: Kommerz.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin seit dreißig Jahren selbstständig. Ich weiß durchaus, dass man Geld verdienen muss. Aber muss man an so einem Tag wirklich nur Tand verticken? Könnte man nicht Organisationen das Feld bereiten, die dabei sind, einem besseren München den Weg zu bereiten? Interessante Ideen haben? Neues vorstellen wollen?

Handgeschöpftes Briefpapier? Goldschmiede? Alte Bilderrahmen? Puppen?

Also bitte.

Auch die katholische Kirche hat sich keinen wirklichen Gefallen mit der Zusammenlegung beider Festlichkeiten getan. Das Fest am Odeonsplatz zu begehen hatte etwas. Zwar waren die Stände auch früher schon nicht sonderlich innovativ (Tipp: Man könnte die Ausstattung vom Katholikentag zum Teil recyclen …), aber das Fest hatte durchaus etwas familiäres.

Na ja.
Bei einem interkulturellen Training letzten Donnerstag habe ich – wie immer – verkündet, dass die Deutschen viel zu viel kritisieren und jetzt bin ich selbst in diese Falle getappt.

Sei’s drum.
Ab und zu muss man auch mal granteln können 🙂

Aber dann war da doch noch etwas.
Mitten in der Fußgängerzone gab es Stellwände mit der Aufschrift „Bevor ich sterbe“ bzw. auf Englisch „Before I die“., die permanent von alten wie jungen Menschen unterschiedlichster Herkunft umlagert waren.

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Das, was sich die Menschen vor ihrem Tod noch erhofften, schwankte zwischen berührend und naiv, und doch ließ es die meisten für einen Moment oder länger verharren. Nachdenklich werden. Auch wenn man das natürlich mit dem Handy festhalten musste. Man sollte in dem unglaublich schnellen städtischen Leben mehr solcher Momente haben. Hier gibt es ein weites Feld, um  Menschen zum Nachdenken über ihr Leben zu motivieren.

Und sonst?

Da gab es noch einen Pudel.
Allerdings ohne großartigen Kern, jedoch als gern genutzten Hintergrund für Selfies.

Stadtgründungsfest München 2018 – © Thomas Michael Glaw

Die Ausstellung in der Hypo Kunsthalle zu Faust in der Kunst ist allerdings durchaus sehenswert. Ein Nachdenken über das faustische in unserem Leben ist gerade in diesen Zeiten … ach lassen wir’s. Macht ja doch keiner 🙂

 

 

 

 

Emmaus und Neuperlach

Nein, Emmaus und Neuperlach trennen Welten. Und doch nicht.

Ostermontag.

Ich weiß nicht, wie oft ich über diesen Gang nach Emmaus nachgedacht habe. Ich weiß nicht, mit wie vielen Jugendlichen ich darüber gesprochen habe. Man wird alt.

Nicht erkennen, was ist.

Ostermontag in München Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Gehen wir nicht alle auf einem Weg, ohne zu erkennen, wo er wirklich hinführt? Wenn ich das das, was jener Zimmermanns Sohn sagte, ernst nehme, hieße das, ich muss meinen Nächsten lieben. Nur, wer ist das? Die Frau in meinem Wohnblock, der wir unser selbstgebackenes Brot vorbeibringen, wissend, dass sie in der reichen Stadt München am Rande des Existenzminimums lebt? Ist es die Frau drei Häuser weiter, die nur mit ihren Augen sichtbar gemeinsam mit ihren Kindern einkaufen geht? Ich kann die ängstlichen Blicke, die sie im Supermarkt begleiten, verstehen und muss mich immer wieder an die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit erinnern.

Heute Morgen sah ich die Osterbotschaft des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Ein Machwerk, nein, Verzeihung, ein Meisterwerk an politischer Manipulation. Ob er je Leni Riefenstahls berühmten Film „Der Triumph des Willens“ gesehen hat? Mehr entsetzt hat mich allerdings der Kommentar eines alten Freundes, der meinte, ein guter Christ sei man nur, wenn man mindestens Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag die Messe besuchte.

Nun, ich glaube, ein guter Christ ist man, wenn man die Werte, die jener Jude namens Jechua, den man später zum Gottes Sohn erklärte, beherzigt. Zentraler Wert ist und bleibt für mich dabei: Liebe deinen Nächsten. Ich saß in der Osternacht (doch ich gehe da immer noch gerne hin, auch wenn es dieses Mal eine rechte Laienspielertruppe war) hinter drei hübschen Mädels mit Schmollmund. Meine Vermutung: sie waren da, weil Mama und/oder Papa es wollten. Sie wussten kaum wohin mit ihren Händen während der Messe. Ich fand das recht amüsant, weil es mir immer wieder die Unzeitgemäßheit unserer eigenen Symbole deutlich macht. Aber wollen wir daran wirklich unseren Glauben fest machen?

Wissen Sie, was mich heute Morgen (zugegeben: ich lese Zeitung, digital und im Bett) noch beeindruckte? Ein Gespräch zwischen Réne Scheu und Peter Sloterdijk in der NZZ. Man mag zu Sloterdijk stehen, wie man will, aber seine Äußerungen sind immer nachdenkenswert. Sie finden sie provozierend? Genau deshalb sind sie nachdenkenswert.

Darf ich zitieren?

„Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Medien sind Themen-Umwälzanlagen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit: Weltwissen entsteht überwiegend medial, die sogenannte eigene Erfahrung spielt eine immer kleinere Rolle.“

Da zitiert Sloterdijk Niklas Luhmann, und die Aussage wird mit zunehmendem Alter nicht weniger wahr. Unserer eigenen Erfahrungen zählen immer weniger. Steven Spielberg schrieb gestern, er sähe in Virtual Reality die ultimative Droge. Was zählt ist nicht, was ist, sondern was ich glaube. Ich kann mir das gut vorstellen. Wenn ich mir die Reaktionen vieler meiner Freunde (männlich und weiblich gemeint – ich möchte die Kiste genus vs. sexus hier nicht aufmachen) auf Aussagen im Web betrachte, kann ich nur den Kopf schütteln. Soviel Hass, so beschränkte Weltsicht. Darf ich noch einmal auf Soterdijk zurückkommen?

Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja, im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt, hat zugenommen, und zwar in allen Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht, Inländer gegen Ausländer, Alt gegen Jung.

© Thomas Michael Glaw

Die Veränderungen kommen immer schneller, und viele wünschen sich, in der Vergangenheit zu verharren. Einer Vergangenheit, die keinen Deut besser war. Nur langsamer. Wir leben zu kurz, um die großen Veränderungen auf diesem Planeten wirklich erfahren zu können. Wir verweigern uns ihnen. Große Veränderungen waren immer von großen Wanderungsbewegungen begleitet. Die neue Verbindung von Menschen und Ideen hat immer zu dem beigetragen, was wir heute idiotischerweise Fortschritt nennen.

Fortschreiten von was?

Wir gehen auf etwas zu, das wir noch nicht kennen. Nur gemeinsam werden wir in einer besseren Zukunft ankommen. Das christliche Ideal erscheint mir dafür nicht völlig ungeeignet. Auch ohne drei Gottesdienste an Ostern zu besuchen.

 

Frohe Ostern – Buona Pasqua -Happy Easter

Die Wochen vor Ostern waren alles andere als besinnlich. Gewiss, da waren Gedanken auf Ostern hin. Eberhardt von Gemmingens „Auf den Weg nach Jerusalem“, war, wie schon oft ein Begleiter. Aber irgendwie habe ich meinen Weg nicht gefunden.

Am heutigen Karsamstag, dem tatsächlich ersten ruhigen Tag seit vielen Wochen, fügte sich einiges, was ich in den letzten Tagen gelesen hatte, zusammen. Heinrich Bedford-Strohm schrieb in einer Betrachtung am Gründonnerstag den Satz „Lernen, sich vergeben zu lassen“.

Lernen sich vergeben zu lassen.

Bischof Bedford – Strohm ging es um Judas, dem Jesus sicher vergeben hätte. Sein Selbstmord war also sinnlos. Es ist aber ein Satz, der sich auch an mich, an uns alle richtet. Den Mut haben, sich vergeben zu lassen, Fehler zuzugeben, Unrecht einzugestehen, um Vergebung zu bitten und Vergebung zu finden. Im Himmel und auf Erden..

Kreuzkirche Münster © Thomas Michael Glaw

Mich erinnerte das an das „Ja, ich bin da“, das sein einiger Zeit auf den Kirchturm der Münsteraner Heilig Kreuz Kirche leuchtet, wo ich ein paar Mal im Jahr meine temporäre Heimat finde.

Ja, ich bin da.

Man kann es, glaube ich, gar nicht oft genug wiederholen. In Zeiten, in denen die Antwort auf fast alles, was man im Netz schreibt, Hass ist. In Zeiten, wenn niemand mehr Zeit für einander hat. ER hat Zeit. Luise Rinser schrieb in „Mirjam“ über den Jeschua ihres Romans: „Man konnte ihn lieben, man konnte ihn hassen, aber ihn übersehen, das nicht. Er war einfach DA. Und er war ER.“

So ist das.

Unser Freiburger Freund Wolfgang Sauer schrieb in seinem diesjährigen Ostergruß über die Kreuzwegmeditation mit Papst Franziskus. Es waren durchweg junge Menschen, die dieses Jahr die Texte der Stationen verfasst hatten. Die Meditation einer jungen Frau, Cecilia Nardini, zur sechsten Kreuzwegstation („Veronika reicht Jesus das Schweißtuch“), hat ihn und auch mich beeindruckt.

Ich möchte diesen Ostergruß an alle unsere Freunde mit Cecilia Nardinis Schlussgebet beenden:

„Jesus, ich bitte dich, gib mir die Kraft, auf andere Personen zuzugehen, auf jeden Menschen, ob jung oder alt, ob arm oder reich, ob mir vertraut oder unbekannt.

Lass mich in ihren Gesichtern dein Antlitz erkennen. Lass mich meinem Nächsten, in dem du selbst zugegen bist, ohne Zögern beistehen, so wie Veronika dir auf dem Kreuzweg zu Hilfe eilte.“

Mögen euch diese Worte auf eurem Weg begleiten.

Euch allen ein frohes und gesegnetes Osterfest, buona pasqua and Happy Easter.

Last Words 2017

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag „Grau“ nennen – aber dann hätte ihn niemand gelesen. Mein Herz gehört immer noch der schwarz-weiß Fotografie.  Vor allem den Grauwerten in ihr, was mich zum eigentlichen Thema dieses Jahresabschluss Blogs bringt.

Grauwerte.

Mir scheint, heutzutage muss alles in schwarz-weiß präsentiert werden. Wer für Flüchtlinge ist, sagt das gerade heraus, wer auch nur den leisesten Zweifel daran hegt, wie das im Moment läuft, ist ein Nazi. Nachdenken heißt noch lange nicht, dass man die Pappnasen von der AfD wählt. Die CDU möchte am liebsten alles begrenzen, anstelle einfach genau hinzuschauen und die aufzunehmen, die wirklich unserer Hilfe bedürfen. Helfen ist Christenpflicht. Judenpflicht, Moslempflicht. Das Hilfsgebot dem Schwachen gegenüber existiert in allen großen Religionen. Wir sollten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern einander helfen. Oder mal wieder Lessing lesen. Ringparabel. Klingelt das etwas?

Was das mit diesen Bildern zu tun hat?
Ich habe aus etwa 3000 schwarz-weiß Bildern die ausgewählt, die mich immer noch berühren. Und zwar, weil sie so viele Grauwerte haben. Schatten. Verstecktes. Nachdenkenswertes.

So wie unser Leben.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Was denken Sie, wo dieses Geschäft ist?
In Wien?
In München?
Bestimmt nicht in Zürich …

Es ist in Rom.
Niemand, dem ich dieses Bild bisher zeigt, ist darauf gekommen. Doppelgänger ist einfach zu Deutsch. Ist es nicht so mit vielen Menschen und Situationen, die uns tagtäglich begegnen? Schwupp haben wir eine Klassifikation. Ob sie stimmt, ist eine andere Frage. Ob sie weiter führt, ein ganz andere.

Ich mag dieses Bild. Die Menschen in ihm. Die Geschwindigkeit. Auch die Langsamkeit.

 

Wer mein Blog regelmäßig liest, wird sich vermutlich auch an dieses Bild erinnern.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Prag. Jüdischer Friedhof.

Es ist annähernd ein Jahr her, dass ich dort fotografiert habe. Die Teilnahmslosigkeit der Massen, die sich über diesen Friedhof schoben, spüre ich noch immer. Den mangelnden Respekt. Alle Welt spricht heute darüber, wem und wem nicht, wann und wann nicht Respekt zu erweisen ist.

Aber keiner handelt danach.

Warum geht man über einen jüdischen Friedhof, wenn einen das kein bisschen bewegt?
Warum schiebt man sich durch eine Synagoge, an deren Wänden Tote, Tote und nochmals Tote aufgelistet sind? Liebe deutsche Freunde: wir kommen aus dieser Kiste nicht heraus. Es waren Deutsche, die dem Morden eine industrielle Komponente verliehen haben. Dagegen sind die Kreuze an der Via Appia, die Amis und ihr Agent Orange mit dem folgenden Bombardements, die dreißig Jahre früher auch deutsche Städte erdulden mussten, nichts. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Deswegen kann man trotzdem die Politik des Staates Israel und auch den Unfug, den Donald Trump so verzapft, kritisieren. Man sollte sich nur des anderen immer bewusst bleiben. Vielleicht sollten allerdings auch so manche mit dem gerne bemühten Begriff Antisemitismus ein wenig vorsichtiger umgehen.

 

© 2017 Thomas Michael Glaw

Für mich ist auch dieser Reichstag hin Gittern ein wenig sinnbildlich für das Jahr 2017. Die Politik und ihre Akteure haben sich ein Stück weiter von denen entfernt, die sie vertreten: von uns. Ich schreibe bewusst nicht vom Volk, denn dieser ehedem ehrwürdige Begriff – erinnert sich noch jemand an populus romanus? – ist entwertet worden, als säße man als Teil des Volkes in der Gosse, und die Volksvertreter säßen auf halbem Weg zum Olymp. Die Griechen dachten das auch schon einmal – das Erwachen war sicher hart.

In verantwortungsvollen Positionen braucht es Erfahrung, schallt mir jetzt sicher entgegen. Meine Partnerin Dorothea Lubahn befasst sich seit langen mit einer Methode, die effectuation genannt wird (be³ consulting). Es ist ein Weg, wie junge Unternehmen -start ups- , aber auch jede andere Gruppe, die neue Wege beschreiten will, experimentell solche neuen Wege entdecken kann. Wir sollten keine Angst vor neuen Wegen haben, wir sollten sie ausprobieren. Alternativlos hat ausgedient.

Noch ein letztes:

© Thomas Michael Glaw

Ich weiß, wir hatten das schon mal.
My apologies to the regulars.

Für mich persönlich bleibt es mein Bild des Jahres.
Für mich steckt da alles drin.

Liebe.
Vertrauen.
Wärme.
Rückhalt.
Alles geben.
Die Welt verändern.

Euch allen ein gesegnetes Jahr 2017.
Ich weiß, Erfolg ist keiner der Namen Gottes, sagt Martin Buber.

Trotzdem: Let’s go for it.

Rowohlt-Gernhardt-Ente

Ihnen kommt der Titel merkwürdig vor? Da haben Sie völlig recht. Aber was soll man sonst an einem grauen Dezembertag schreiben? Als ich heute morgen aufstand, zugegebenermaßen um halb zehn, aber ich habe Urlaub, wirbelten draußen kleine, fiese Schneeflocken. Die Art von Flocken, die sich immer zwischen Hals und Kragen niederlassen und dann als einsamer Wassertropfen zwischen Stoff und Hals versinken.

Harry Rowohlt zu lesen ist ein ausgezeichneter Beginn für einen solchen Tag. Nicht weggeschmissene Briefe Band I. Selten etwas besseres zu Weihnachten bekommen.  Harry würde mir da, auf Wolke siebzehn, wo er derzeit sicher sitzt, zweifelsohne zustimmen. Der Kampf geht weiter, nicht war Harry? Er tut es wirklich, nur momentan sind die Protagonisten von „Martin“ bis „Siggi“ eher ins kabarettistische Genre abgeglitten. Sei’s drum.

Über Harry landete ich irgendwann bei Robert Gerhardt. Harry echauffierte sich furchtbar über eine ziemlich dumme Kritik von Fritz Raddatz in der ZEIT aus Anlass von Robert Gerhards 65. Geburtstag, Darf ich zitieren? „Raddatz, daß Sie ein dummes, unberatenes, abgebrochenes Ostzonen-Arschloch sind, das nie irgendwo ankommen wird, das ist ein alter Hut mit alter Krempe …“

Robert Gernhardts Gedichte polarisieren noch immer. Vielen sind sie zu humoristisch. Nicht ernst genug. Auch die Tatsache, dass Gernhardt relativ lange festen Reimformen verhaftet blieb, machte ihn in Deutschland eher verdächtig. Oder lächerlich. Weil nicht modern genug. Nein, ich möchte hier keinen Rundumschlag beginnen. Dazu bin ich, weiß Gott, nicht vertraut genug mit der Materie. Aber ein Nachdenken wäre es schon wert, oder?

Robert Gernhardt schrieb in einer seiner Poetik Vorlesungen, dass Lyrik bisweilen auch direkt zum Herzen sprechen könne. Er verglich das Gedicht mit der Vorführung eines Jongleurs, bei dem man sich auch keine Gedanken mache, warum die Bälle gleichzeitig in der Luft wären, sondern einfach das Schauspiel genieße. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich gerade eine Serie von schwarz-weiß Bildern aus dem Jahr 2017 zusammenstelle, die in mir die Erinnerung an ein Brecht Gedicht wach rief. Erinnern Sie sich an „Die Liebenden“ ?

© Thomas Michael Glaw

Dieses Bild ist in mancherlei Hinsicht eines meines Lieblingsbilder aus diesem Jahr. Die beiden waren so versunken in einander. Ich komme mir als Fotograf nicht so oft als „peeping tom“ vor, hier war es fast der Fall. Ihre Intimität hatte etwas Unschuldiges, etwas Wunderbares, etwas, in das man nicht eindringen sollte. War es Neugierde, die mich dennoch bewog, ein Bild zu machen? Ich würde das bestreiten. Der Moment war einfach zu schön, um nicht festgehalten zu werden. Zumal in den Zeiten, in denen wir leben.

Aber wir waren bei Brechts „Liebenden“ stehen geblieben. Nachdem ich in einem anderem Leben die wunderbare Berlin/Frankfurter Ausgabe von Brechts Werken zurücklassen musste – nicht, dass sie dort je einer liest – bin ich in meinem neuen Domizil auf Suhrkamps „Ausgewählte Werke in sechs Bänden“ angewiesen. Heute morgen bemerkte ich wieder einmal die Lückenhaftigkeit dieses Machwerks. „Die Liebenden“ hatten sie schlicht vergessen. Vielleicht war es ihnen auch nicht wichtig genug. Darf ich es hier trotzdem noch einmal zitieren?

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Passt doch zu dem Bild, oder?

Ich glaube Gernhardt hat recht. Es gibt Gedichte, da vergisst man die Form, um sich ganz dem Inhalt hinzugeben.

Irgendwann kam dann dann der Ruf nach einem verspäteten Mittagessen.
Ich hatte noch eine Entenbrust im Kühlschrank.

Was ich daraus fabriziert habe, sehen Sie hier:

Entenbrust, Rotkrautsalat, Honigschalotten – © Thomas Michael Glaw

 

Das Rezept dazu finden Sie, wie immer, auf http://www.steaktogether.com/what-we-cook/