Singer’s World

Isaac Bashevis Singer.

Ich weiß nicht, wem unter Ihnen der Namen etwas sagt, ich bin Anfang der achtziger Jahre über Singers großen Roman „Die Familie Moschkat“ auf der Münchner Auerdult gestolpert. Es war eine Mark, die gut investiert war, denn aus diesem Roman habe ich mehr über das Ostjudentum und seinen Untergang erfahren als aus all den bemühten Geschichtsstunden in einem deutschen Gymnasium.

Vor etwa zwei Monaten fiel mir „Eine Kindheit in Warschau“ von selben Autor in die Hände und damit erwachte der Wunsch nach langer Zeit wieder einmal nach Warschau zurückzukehren und mich auf die wenigen verbliebenen Spuren des Judentums in der polnischen Hauptstadt zu begeben. Ich wollte gerne sehen ob noch der eine oder andere Stein aus den Straßen, in denen vor dem ersten Weltkrieg die aus den Schteteln nach Warschau strebenden Ostjuden Quartier machten vorhanden war.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Ich war mir durchaus bewusst, dass es wahrscheinlich ein sinnloses Unterfangen werden würde und doch wollte ich einfach da gewesen sein. Wir haben uns in Warschau, wie in den meisten Städten, wenn wir reisen, mit Bus und Tram bewegt. Zum einen sieht man mehr, zum anderen sind diese Verkehrsmittel bei weitem nicht so steril wie die U Bahn. Trotzdem ist es schwer in Warschau mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen. Sicher gibt es eine Sprachbarriere, aber viele junge Polen sprechen genügend Englisch um eine Konversation zu führen. Trotzdem kommt, anders als in Rom oder Madrid einfach kein Gespräch in Gang.

Isaak Singers Vater war Rabbiner in der Krochmalna, einer Straße, die es auch heute noch gibt. Natürlich weiß ich, dass die deutsche Wehrmacht das Ghetto dem Erdboden gleichgemacht hatte und wenig später den ganzen Westteil Warschau. Trotzdem hoffte ich Spuren zu finden. Die ältesten noch erhaltenen Bauten befanden sich in einem furchtbaren Zustand. Furchtbar? Doch. Dem Verfall nahe oder wahlweise geschmacklos in ein neues Gebäude integriert. Und doch spürte man, wenn man den Gebäuden näher kommt, ein wenig den Atem der Geschichte. Das klingt zu pathetisch? Mag sein, aber so habe ich es empfunden. Und gerochen. Feuchtigkeit. Moder.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Während man an anderen Orten auf pathetischen Protz wert legt, scheint der Erhalt der wenigen noch erhaltenen Gebäude, die ein Gefühl für die vergangene Zeit erahnen lassen, niemand zu interessieren. Wenn man vor ihnen steht wünscht man sich bestenfalls einen Schutzhelm oder wechselt die Straßenseite.

Trotzdem kann man sich die Enge, die Dunkelheit, den Pferdemist auf den Straßen vorstellen, wenn man dort in einem Hauseingang steht. Es waren eher die Presslufthämmer im nächsten Gebäude, die störten. Szenen aus dem Buch bewegten meine Fantasie, ebenso wie wie der Blick auf die Weichsel am Tag zuvor. Singer beschreibt einen Ausflug an den Fluss mit einem Freund.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof beschloss unsere Reise in die Vergangenheit. Andern als in Prag, wo der alte jüdische Friedhof ein Touristenmagnet ist, durch den stündlich hunderte Besucher geschleust werden, liegt der jüdische Friedhof in Warschau still, fast verschlafen da. Bäume hängen schräg zwischen anderen, die Gemeinde bedankt sich für die Spende von 2,50 Euro, damit man den Friedhof besuchen kann. Eine fast unendlich scheinende Zahl von Gräbern, eng beieinander, bedecken den Waldboden. Langsamer Verfall, neben von Nachgeborenen veranstalteter Prahlerei macht nachdenklich, beschwört die Vergänglichkeit. Als wir uns aus der Vergangenheit lösten, die schattigen und von Spinnweben bedeckten Gräberfelder hinter uns lassen und uns wieder dem Hauptweg nähern, geraten wir in eine von Videokamera und Fotografin begleiteten Gruppe von jungen Israelis, die auf der Suche nach, ja was, in wenigen Minuten durch den Friedhof gescheucht werden. Eine andere Gruppe ist bereits auf dem Rückweg und vor dem Friedhof stehen vier weitere Busse. Finden werden sie in diesem Tempo nichts. schon gar nicht die Vergangenheit.

Isaac Singer hätte sicher eine Geschichte daraus gemacht. Ich traue mich nicht.

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Warschau: Eine Suche

Vor 44 Jahres war ich das letzte Mal in Warschau. Ich war durchaus zwischendurch in Polen, meistens jedoch in Schlesien. Dort läuft das Leben ein wenig langsamer als im hippen Warschau, wo ich gestern ankam. Aber ich übertreibe. So hip ist Warschau nämlich gar nicht, auch wenn es das wohl gerne wäre. Natürlich gibt es auch hier all das Jungvolk, das nichts besseres zu tun hat, als auf diesen wunderbaren neuen elektrischen nicht-mehr-Tretrollern durch die Straßen zu pesen, natürlich sind auch hier sämtliche Sushi Bars mittags von jungen Männern in Konfirmationsanzügen in verwaschenem blau bevölkert, die mit nackten, stachligen Männerbeinen in Sneakern demonstrieren, dass sie voll im Trend liegen. Und auch all die gebräunten jungen Damen , die ihre nackten Beine in kurzen Röcken auf dem abendlichen Weg zum Weichsel Strand möglichst dekorativ in der Tramlinie 4 arrangieren, auch sie sind natürlich voll hip.

Markthallen wie in der Provinz – © 2019 T M Glaw

Daneben gibt es aber noch die vielen jungen Familien, die die Einkäufe nach Hause schleppen, die vielen alten Frauen, die sich mit dem Rollator aus Jaruzielskis Zeiten durch die Stadt bewegen und die vielen alten Männer in Unterhosen auf irgendwelchen baufälligen Balkonen, die morgens um elf wohl schon ein Rendezvous mit der Wodkaflasche hatten.

Wenn man als Deutscher nach Warschau kommt, egal wie jung oder alt man ist, wird man den letzten Krieg nicht los. Es waren die Deutschen, die diese Stadt auf der Westseite der Weichsel dem Erdboden gleich gemacht haben – auch wenn die rote Armee auf der Ostseite einfach tatenlos zugesehen hat. Zumindest verdanken wir dieser Tatsache heute einen außerordentlich kreativen Stadtteil namens Praga, der sich in den vergangenen 6 Jahren von der dunklen Seite Warschaus zur hippen gemausert hat. Na ja,da haben wir es wieder: hip … Sagen wir lieber chaotisch – kreativ, das wird man dort lieber hören und es entspricht auch eher der Wahrheit. Ein wenig wie die Anfänge von Haidhausen vor dreißig Jahren, wenn ich das mal als Wahlmünchner so behaupten darf. Ich bin gespannt, ob man hier in Warschau die Gentrifizierung aufhalten kann, oder ob die Jüngelchen mit ihren gestylten Mädels und den Konfirmantenanzügen hier demnächst auch Einzug halten. Natürlich mit Bart. Bei so manchem fragte ich mich heute Mittag, ob letzterer vielleicht doch aus einem Theaterfundus stammt – irgendwie war das Kind zu jung dafür.

Wandkunst – © 2019 T M Glaw

Der Wandel der Bausubstanz ist faszinierend. Neben den überwiegend aus den fünfziger Jahren stammenden Plattenbauten stampft man ein Hochhaus neben dem nächsten aus dem Boden. Durchaus wagemutige Architektur, nebenbei bemerkt. Liebeskind lässt grüßen. Das faszinierende ist, dass es irgendwie ein Gesamtbild ergibt. Das Störenste ist vielleicht die nach dem Krieg nach den Canaletto Bildern wieder erstandene Stare Miasto, die Altstadt, heute das Mekka der Touristen und der Con-Artisten. Wie haben sie nur kurz gestreift und eigentlich war das schon zu viel.

Einkaufzentrum im Herzen Warschaus – © 2019 T M Glaw

Kann man die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Deutscher in Warschau vergessen? Ich glaube nein, aber all das Leben, das um einen herum passiert, zeigt, dass die Zeit weitergeht. Was könnte es besseres geben, als in der Geschichte verankert zu sein, während das Leben weiterhin seine Geschichten schreibt.

Shades of Crime

Keine Angst.

Hier wird niemand gefesselt und gibt auch keine albernen Sexspielchen. Höre ich da ein Bedauern? Sorry, Ladies … and Gentlemen. Mir geht es wieder einmal um zwei meiner Lieblingsthemen: Schwarz – Weiß Fotografie und Kriminalromane. Abgesehen von einigen anderen unternehmerischen Aktivitäten verdiene ich mich beiden einen Teil meines Lebensunterhalts und zugleich machen sie mir sehr viel Spaß.

Warum also Shades of Crime?

© 2019 Thomas Michael Glaw

Nun, ich wollte nicht auf Shades of Grey zurückgreifen, denn es erschien mir, wie soll ich sagen, besetzt 🙂 . Gute Kriminalromane drehen sich um die Zwischentöne im menschlichen Leben. Wir betrachten die Welt zwar gerne als einen Zirkus in schwarz und weiß, zumal in Deutschland, wo die Medien immer genau zu wissen scheinen, wer der Gute und wer der Böse ist. Die Realität ist jedoch eine andere.

Um meinen neuen Kriminalroman, der in Münster angesiedelt ist und unter dem Projektnamen „Kreuzbube“ läuft, fertig zu stellen, war ich für ein paar Tage an den Bodensee gereist. Ich mag Martin Walser nicht sonderlich, aber seiner Einschätzung des Sees als Quelle des Lichts, der Inspiration, würde ich durchaus zustimmen. Ich habe es schon immer als schwierig empfunden, die letzten 50 bis 100 Seiten eines Romans zu schreiben. Man muss viele Fäden zusammenfügen, lose Enden verknoten und darf dabei das einmal gewählte Ziel nicht aus dem Auge verlieren.

© 2019 Thomas Michael Glaw

In meiner Erfahrung sind es häufig die Figuren selber, die auf den letzten paar Dutzend Seiten die Regie übernehmen. Der versöhnliche Alte erweist sich auf einmal als stur, die schwache Ehefrau als stark, die entscheidend zur Lösung eines Problems beiträgt. Ich weiß nicht ob Sie das verstehen, aber ich komme mir als Autor oft so vor, als würde ich meinen Figuren nur die Hand leihen. In meinem Fall im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich schreibe jeden Erstentwurf von Hand in Kladden von Clairefontaine. Ich mag dieses Papier – nicht nur als Fotograf, sondern auch als Schreiberling. Was hat das mit den Bodensee zu tun? Das Wetter hat mich nicht nur zeitweise an den Schreibtisch gefesselt, sondern auch einige wunderbare Naturstudien in schwarz – weiß ermöglicht.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Nein, also eigentlich nicht in schwarz und weiß, sondern in Graustufen. So wie das Leben. So wie jeder gute Roman, jeder gute Krimi. Ich freue mich auf die kommenden Wochen und auf die Arbeit mit meiner Lektorin, in der um ganz viele Worte gerungen werden wird. Man sagt George Simenon habe seine Manuskripte immer geschüttelt um zu sehen, ob nicht noch das eine oder andere Adjektiv herausfalle. Wenn es nicht wahr ist, so ist es zumindest gut erfunden. Da hat man es als Fotograf einfachen: Man muss nur auf das Licht achten 🙂

Weihnachtsstrauß

Ich gebe ja zu: es war zwar nicht fünf vor zwölf, aber doch zehn vor eins, als ich den Blumenladen in Neubiberg betrat um ein paar Blumen für den Esstisch zu erwerben. Um Eins schließen sie am Samstag. In den Minuten danach stürmten noch drei weitere Männer in den Laden. Die anwesenden Damen lächelten milde. Ich hatte mich schnell mit der Chefin auf eine Amaryllis, ein paar Disteln und ein wenig Drumherum geeinigt. Ich wusste ihr auch zu berichten, dass die Distel das Nationalgewächs Schottland sei. Mein Freund Alex meinte immer, der Grund dafür sei, dass die Distel „prickly and hard to eradicate“ sei – also stachlich und nur schwer auszurotten. Das würde ich ein wenig auch für mich in Anspruch nehmen .

© Thomas Michael Glaw

Der Herr hinter mir hatte es eilige, Griff schnell einen fertigen Strauß, verlangte noch nach einem dieser wunderbaren, geschmackvollen Einstecker in Herzchenform und bezahlte. Als schon halb durch die Ladentür gegangen war, drehte er sich noch einmal um und fragte: „Brauchen die jetzt eigentlich Wasser?“ Die Verkäuferin sah ihn an, als hätte er gefragt, ob der Papst katholisch sei. „Ja freilich!“ antwortete sie. Er erwiderte: „Ich meinte ja nur. Wegen des Tannengrüns.“ „Das braucht auch Wasser“, war die Antwort. „Sonst nadelt es“.

Als er den Laden verlassen hatte haben wir alle herzlich gelacht. Wenn Männer schon einmal Blumen kaufen …

Weihnachtskarten

Es gab eine Zeit, in der man selbst den entferntesten Verwandten zu Weihnachten eine Karte sandte. Als Student in den späten siebziger Jahren war das eher nervig. Heute muss ich sagen, mir fehlen diese Karten.

Bücherregale, die sich langsam mit Weihnachtskarten aus aller Welt füllten, zeigten, dass Weihnachten überall seine Wirkung entfaltete. Natürlich war und ist da auch jede Menge Kommerz am Werk. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, was Weihnachten wirklich bedeutet.

© Thomas Michael Glaw

Historiker werden argumentieren, die christliche Kirche hätte das Fest der Geburt ihres Erlösers einfach auf einen Tag kurz nach dem Winter Solstitium verlegt, der schon vor zweitausend Jahren gefeiert wurde. Die Kirche war im Altertum groß darin, alte Traditionen anderer Kulturen zu für sich zu vereinnahmen.

Was aber bedeutet mir Weihnachten heute?

Es ist eine Zeit, Atem zu holen und zu reflektieren. Über ein fast vergangenes Jahr nachzudenken. Darüber, was man Gutes getan hat. Darüber, was man vielleicht besser nicht getan hätte, und darüber, was man, vielleicht wider besseres Wissen, unterlassen hat.

In den letzten Wochen las ich noch einmal Christopher Clarkes „Sleepwalkers“, und es gibt Momente, in denen ich uns auf demselben Weg sehe. Es ist Zeit, aufzuwachen. Wir gehen wieder schleichend auf eine Konfrontation zu, bei der wir alle nur verlieren werden, und vor der uns kein noch so wohlmeinender Gott schützen wird. Er (oder moderner formuliert „Sie“ oder vielleicht noch irgendetwas anderes) hat es in den letzten paar tausend Jahren auch nicht getan. Er hat uns nach der Vertreibung aus dem Paradies uns selbst überlassen. Sprich: wir sind ziemlich allein auf dieser Welt. Und bei allem Vertrauen in ein höheres Wesen: es ist uns überlassen, eine Katastrophe zu verhindern. Nur mit albernen Hashtags wird das nicht gelingen.

Wenn wir die Meinungshoheit weiterhin den Gilets Jaunes, der AfD, den Trumps, den Putins und den Xi Jinpings dieser Welt überlassen, wird bald von dem, das unser Leben wesentlich ausmacht, nichts mehr übrig sein. Die Freiheit, zu denken und zu sagen, was man denkt. Das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz. Eine soziale Verpflichtung des Eigentums. All das, was uns die Aufklärung beschert hat – übrigens auch das zu glauben, was uns gefällt, den Gott zu verehren, der uns entspricht – wird verschwinden.

© Thomas Michael Glaw

Das Kind, an dessen Krippe wir heute Abend stehen werden, wollte keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgungen, keine Kriege um seiner selbst willen. Es wollte auch keine Theokratie, wie wir sie heute immer noch in der Kirche haben und wie sie der Ängstlichkeit vieler zu passe kommt. Das Kind, dessen romantisch verklärte Geburt wir heute begehen, ruft seit zweitausend Jahren zur Umkehr auf. Es tut es noch immer.

Nur wir haben es noch immer nicht begriffen.

Trotz allem:

Gesegnete Weihnachten
Buon Natale.
Feliz Navidad.
Joyeux Noel.

Wien, mal wieder

Wenn ich diesen Blogbeitrag auf Englisch geschrieben hätte, hätte ich ihn vermutlich Vienna the Umpteenth betitelt Ich weiß wirklich nicht mehr, wie oft ich schon in dieser Stadt war. Es sind nicht nur die Philharmoniker, die Oper, der Kaffee, der Wein, die Grantler …

Eigentlich bin ich zum arbeiten in Wien. Wir haben Anfang des Jahres bei mediathoughts eine Reihe von Jugendreiseführern mit unserem Romführer VIVA ROMA bemerkenswert erfolgreich begonnen, die wir jetzt mit einem Buch über Wien fortsetzen werden. Zugegeben, ich hatte ein Wörtchen mitzureden, aber die Zahl an Schulklassen und Jugendgruppen die jedes Jahr die oesterreichische Hauptstadt besuchen ist hoch und Wien ist einfach eine faszinierende Melange von Menschen, Kulturen, Religionen und Geschichte.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Ich bin also mal wieder in Wien. Neben den zahlreichen Bildern für den Führer war das Wetter heute auch so typischer wienerisch zwischen Dunst und tiefstehender Sonne angesiedelt, dass ich natürlich ein wenig vom Pfad der Tugend (oder was meine Verlegerin dafür hält) abgewichen bin, um Architektur auf schwarz weiß zu fotografieren.

Wagemutig sind sie nämlich schon die Wiener. Auch wenn sie richtig mit Herzblut über die Umgestaltung ihrer Stadt streiten. Ich verfolge die Streitereien seit langen und mit großem Vergnügen aus der Distanz meiner Wahlheimat München im Falter (wenn Sie mehr wissen wollen gehen Sie mal auf Falter.at).

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Es gibt faszinierende Aus- und Durchblicke in dieser Stadt. Nicht nur bei den Durchhäusern und Pawlatschen, über die ich hier schon einmal geschrieben habe, sondern auch bei der modernen Architektur – und bei den Überbleibseln. Beispielsweise bei den Flaktürmen aus der deutschen Besatzungszeit, die, von Zwangsarbeitern 1941 erreichtet, hier im dritten Bezirk, wo ich üblicherweise wohne, einfach so neben Kinderspielplätzen ihre martialischen Betonwände in den Himmel recken.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Flaktürme im 3. Bezirk

Richtig daneben gegriffen haben die Wiener nur bei der Donau City, von der die UNO City ein Teil darstellt. Abgesehen von einer kleinen, aber interessanten, katholischen Kirche, in der die Messe überwiegend auf englisch gelesen wird, konkurrieren Hochhäuser miteinander, die ohne jegliches Gespür für Dimension, Licht und Wirkung nebeneinander gepflanzt wurden. Nicht nur kann man sie quasi nicht fotografieren, man kann sie eigentlich auch nicht ansehen. Also ich nicht. Ich bekommen von so etwas Magengrimmen.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Donau City

Die UNO City ist übrigens nicht zugänglich. Außer mit Sonderausweis oder in meinem Fall mit Akkreditierung und dann auch nur zu besonderen Zeiten und so weiter und so fort. Die Welt bezahlt für die Clowns in ihren teuren Limousinen. Das mindeste wäre, dass sie der Welt erzählen, was sie da eigentlich treiben. Transparenz hilft. Eine bessere Architektur auch. Aber das ist ein anderes Thema.

Über irgendetwas muss man ja granteln hier.

Beim Grünen Veltliner.

 

Simple Food

Fein gehackt und grob gewürfelt. Doch wirklich. Das ist der Titel eines Buches, das im Original The pedant in der Kitchen heißt und von Julian Barnes ist. Ich schätze Julian Barnes sehr. Metroland begleitet mich seit  gefühlt über dreißig Jahren, ähnlich geht es mir mit Flaubert’s Parrot oder The Sound of an Ending. Nein, die Zeit stimmt natürlich nicht. Barnes hat diese Romane deutlich später geschrieben. Trotz sind es Bücher, die man immer wieder aus den mittlerweile, aus Mangel an Platz,  recht schlecht organisierten Bücherregalen zieht, um erneut einen Blick in sie zu werfen. Julian Barnes trifft eine Sprache, die mir entspricht, die schwierig ins Deutsche zu übertragen ist, die subtil witzig ist, aus der man sich nur schwer wieder lösen kann.

© Thomas Michael Glaw

Diese Woche stolperte ich in einem Antiquariat über die deutsche Übersetzung von The Pedant in the Kitchen. Julian Barnes ist ein – in seinen eigenen Worten – spät berufener Koch. Er ist außerdem ein Koch, der dazu neigt Anweisungen in Kochbücher geradezu sklavisch zu befolgen. Meiner Meinung nach ist das ein Rezept für garantiertes Desaster. Rezepte in Kochbüchern stellen – bestenfalls – eine Idee da. Eine Anregung. Eine von vielen Möglichkeiten mit guten Zutaten etwas noch Besseres zu gestalten. Für Julian Barnes sind sie quasi die in Stein gemeißelte Wahrheit.

Ich erwarb das Buch vor allem, um zu sehen, wie die Übersetzerin mit seiner Sprache umgeht. Julian Barnes ist sicher eine Herausforderung und auch diese Übersetzerin ist an ihm gescheitert. Das Buch wirkt, im Vergleich mit dem englischen Original, hölzern.

© Thomas Michael Glaw

Aber ich wollte ja eigentlich auf das Kochen heraus. Wir hatten am Freitag Michael zu Gast, mit dem es galt sein Cambridge C1 Diplom zu feiern und der zudem ein interessanter Gesprächspartner ist. Es war ein Abendessen mit Freund, wie sich Julian Barnes ausdrücken würde. Ich komponierte eine leichte Vorspeise aus Crevetten, Avocado, dem wunderbaren Saft von Orangen aus Amalfi (sorry guys, WIR haben die letzte Kiste bei Ortofrutta gekauft), einem leichten Steakpie (doch, das geht) und einer Nachspeise auf der Basis von gebackenem Ricotta und karamelisierten Pfirsichen. Die Rezepte gibt es bei Gelegenheit auf steaktogether .

Ein paar Flaschen Chateau Brejoux später kam der Freitag, wir waren eigentlich immer noch satt und trotzdem … eine Kleinigkeit wäre jetzt nicht schlecht. Ich inspiziere in solchen Fällen immer gerne – im Gegensatz zu Julian Barnes – Kühlschrank und Speisekammer. Hm … Crevetten, Fenchel, Frühlingszwiebeln … eine halbe Kiste Papardelle von DeCecco. Was könnte man damit machen?

© Thomas Michael Glaw

Nun man könnte Fenchel und Frühlingszwiebeln streifig schneiden und in einer Pfanne in Butter andünsten bis die Zwiebel leicht golden wird (Maillard Reaktion, für die Chemiker unter uns) dann fügt man pro Person fünf bis sechs Crevetten hinzu. In der Zwischenzeit hat man die Papardelle (Tagliatelle gehen auch) al dente gegart. Dann löscht man den Gemüse/Crevetten Mix mit dem Saft einer jener großartigen Orangen ab (Ich weiß, sie sehen gräßlich aus, aber Duft und Geschmack …) und gibt einen Schuss Noilly Prat zu. Klar, das kling jetzt ziemlich versnobt, aber glauben Sie mir, mit Cinzano oder wie das Zeug heißt ruinieren Sie dieses Gericht. Anschließend müssen Sie nur noch die Pasta mit dem Inhalt der Pfanne vermischen, reichlich frischen, schwarzen Pfeffer hinzufügen und: voila.

© Thomas Michael Glaw

Noch eine Bitte zum Schluss: keinen Parmigiano.

Bitte

BITTE.