Überfluss

Fontana dei Quattro Fiume - Rom © Thomas Michael Glaw

Fontana dei Quattro Fiume – Rom © Thomas Michael Glaw

 

Wie eine unebene, durchscheinende Wand wirkt das Wasser, das flächig in das Becken des römischen Brunnens fällt; die durchbrochenen Stellen geben den Blick auf den weißen Marmor frei.
Wasser als Element der Kunst, zur Inszenierung von Wohlstand und Reichtum – mit diesem Ziel entstanden nicht nur in Rom sondern auch in vielen anderen alten Städten unzählige Brunnen, die heute beliebte Sehenswürdigkeiten und Fotoobjekte sind.
Ich musste schmunzeln, als ich beim ersten Vertiefen in das Strategiespiel „Siedler“, die Anweisung bekam, Brunnen und Denkmäler zu bauen, um die Lebensqualität meiner Stadt zu steigern. Nicht nur im antiken Rom oder in der digitalen Reise zurück in die Vergangenheit wirken Brunnen positiv auf die Menschen. Auch bei uns sind die Orte, an denen man sie heute in Wohnanlagen, auf Plätzen und in den Städten findet, besondere Treffpunkte für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft:
Der Springbrunnen am Stachus in München erfrischt Jung und Alt im Sommer, seien es die Kinder, die durch die Wasserstrahlen laufen und sie versuchen zu fangen, seien es ältere Damen, Jugendliche, arabischen Touristen oder afrikanische Straßenverkäufer, die sich auf den Steinwürfeln sitzend von der kühlen Brise berieseln lassen. Um die Wasserschale einige Meter weiter, bei der aus einer Höhe von gut 3 Metern das Wasser in die Tiefe stürzt, ruhen sich die Menschen vom Stadtbummel aus und sammeln neue Kräfte. Aber auch weniger kunstvolle Brunnen wie der in unserer Wohnanlage oder in Einkaufszentren haben eine besondere Anziehungskraft, laden zum Ausruhen, Spielen und Verweilen ein.
Es ist vor allem das Wasser, die Lebendigkeit, die es ausstrahlt, die immer wieder neuen Wege, die es sich sucht und die Erfrischung, die es ermöglicht, das den besonderen Reiz ausmacht. Wer hat nicht den spontanen Wunsch, an einem sonnigen Tag hinein zu greifen, den Wasserstrahl zu fangen und sich abzukühlen?
Vielleicht nutze ich die ein- oder andere sonnige Mittagspause in den nächsten Wochen zum Verweilen an einem der vielen Brunnen..

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Kalenderblatt Juni 2015

Eindeutig

Glasklar ist das Wasser der Loisach auf dem Bild, kein Schaum oder aufgewirbelter Schlamm trügt die Sicht.

Klar – eindeutig erscheint uns auch im Alltag so manche Situation, nachvollziehbar ein Standpunkt, ein Argument. Manchmal sind wir dennoch überrascht, wenn die Konsequenz, die die Beteiligten daraus ziehen, völlig anders ausfällt, oder sich eine Situation ganz anders entwickelt, als wir es erwartet haben.

Loisach im April - Copyright Thomas Michael Glaw

Loisach im April – Copyright Thomas Michael Glaw

 

Wer schon mal versucht hat, einen Gegenstand im klaren Wasser zu greifen, weiß, dass der Schein trügt, etwas doch nicht dort ist, wo es zu sein scheint, dass es auch anders aussieht, wenn es an die Oberfläche kommt.

So wie der Brechungswinkel des Wassers die Perspektive verändert, sind es auch die unterschiedlichen Blickwinkel und Perspektiven, die im alltäglichen Miteinander zu Irritationen führen:
Ein Gespräch – vier Personen diskutieren über ein konkretes Problem, hören die selben Worte, klären Fragen, vereinbaren den weiteren Weg – und merken erst nach einigen Wochen, wie die nächsten Schritte gegangen werden sollen, dass doch jeder etwas ganz anderes verstanden hat.

Wie kommt es dazu?

Es war doch alles klar, klar, wie das Wasser auf dem Foto.

Sucht man mit den Beteiligten das Gespräch, stellt man fest, dass jeder das Gesagte aus einem andern Winkel gehört und seine Erfahrungen, Erwartungen, Wünsche zu Grund gelegt hat

Nicht die Worte an sich, die persönliche Interpretation, das, was ich verstanden habe, bestimmt mein Handeln und sorgt dafür, dass ich etwas Bestimmtes erwarte. Wenn ich sicher gehen möchte, dass wir alle an einem Strang ziehen, das gleiche Ziel verfolgen oder ich den anderen verstehe, muss ich sehr aufmerksam sein. Ich darf nicht von mir und meinen Erfahrungen auf den anderen schließen, sondern muss nachfragen. Ich darf nicht mir selbst die Antwort auf die Fragen geben, die sich bei mir im Gespräch auftun, mir Unklarheiten nicht selbst erklären, sondern muss den anderen auffordern, mir zu erzählen, was er damit meint, wie er sich den weiteren Weg vorstellt.

Erst wenn ich mir die Zeit nehme, die Perspektive des anderen einzunehmen, mich unter die Wasseroberfläche zu begeben, verstehe ich den anderen, sehe den weiteren Weg und werde weniger davon überrascht von dem Aussehen des Steins, den ich aus dem Wasser hole.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner.

Das Bild ist das Blatt „April“ aus unserem Jahreskalender 2015 „La forma dell‘ acqua“ zur Ausstellung „formen des wassers„.

Römische Reminiszenzen

Manchmal muss man Rom einige Tage oder Wochen hinter sich lassen, um einen klaren Blick auf das zu werfen, was man erlebt hat. Es mag wohl sein, dass dies bei jeder großen Stadt so ist, aber bei Rom und New York finde ich diese Sentiment am auffälligsten.

Gewiss, manchmal fallen mir auch zu meiner Wahlheimat München entscheidende Dinge erst ein, wenn ich wieder in meiner römischen Lieblingspizzeria, am Freitagabend in Monti sitze (und nein, ich schreibe jetzt nicht, wie die heißt oder wo sie zu finden ist – Kennern der Szene ist der „Freitagabend“ Hinweis genug ;).

Es war wohl der letzte Besuch in Rom für dieses Jahr, zumindest habe ich noch keinen weiteren Grund (und keinen weiteren Auftraggeber) finden können.

Die ewige Stadt … doch, ein wenig Ewigkeit beschleicht einen schon, wenn man durch die Straßen streift, Freunde trifft, Fremde beobachtet … man kann sich sogar in einem Irish Pub in einer Vorstadt heimisch fühlen – es müssen nur die richtigen Gäste da sein.

Kunstausstellungen.

M C Escher - Rom

M C Escher – Rom

Doch, ich mag Kunstausstellungen. Ich besuche auch regelmäßig dieselben. Und ärgere mich jedes Mal, wenn mich als allerersten ein großes Schild anschreit: FOTOGRAFIEREN VERBOTEN! Ich spare mir jetzt die Übersetzung in diverse Sprache – es ist überall dasselbe, vor allem bei kleineren Ausstellungen. Große Museen haben längst erkannt, dass in der Fotografie keine Gefahr steckt. Ich erinnere nur an Bendor Grosvenor wunderbar ironischen Artikel in der Financial Times vom 23. August 2014 – es macht keinen Sinn die Fotografie zu verbieten, viele große Museen (Louvre, Metropolitan, Royal Gallery) haben schon reagiert und dieses sinnlose Verbot aufgehoben. Warum sinnlos? Die meisten Touristen können sowie keine hochwertigen digitalen Bilder auf die schnelle machen, warum auch? Wen es wirklich interessiert kauft einen Katalog – wenn er denn gut gemacht ist und den Preis wert. Was ein solches Verbot verhindert, ist Besucher mit den Kunstwerken abzubilden, was es verhindert, ist Kunst, ist Beobachtung, ist Festschreiben von Zeitgeschichte. Julian Barnes Einleitung zu „Metroland“ ist ein wunderbares literarisches Beispiel dafür …

Es ist einfach nur dumm.

Es war übrigens eine Ausstellung zu M C Escher im Chiostro del Bramante, das diesen kleinen Ausbruch auslöste. Sehenswert, wenn auch etwas teuer, den Katalog würde ich zu dem Preis nicht kaufen. Und das Bild hier ist natürlich illegal, aber ich konnte nicht widerstehen und so ein Handy ist schon eine tolle Sache, wenn man weiß wo eine Kamera hängt und mit wem eine der unendlich vielen Aufsichten gerade ratscht.

Einfach nur schlafen,

Sleeping in Rome

Sleeping in Rome

war noch nie sonderlich einfach ein Rom, zumindest wenn man wie ich gerne ein Fenster offen lässt. (Ma i ladri, dottore ! …. ich weiß, ich weiß Paolo, die Diebe) Es sind weniger die Diebe als die zwischen zwei und fünf Uhr morgens ihre Runden machende Müllabfuhr, die die Nachtruhe erschweren. Für mehr und mehr Menschen, ist es aber nicht der ubiquitäre Lärm, sondern schlicht die Not, die die Nachtruhe erschwert. Ich habe noch nie so viele Menschen in Ecken, auf vatikanischem Marmor und auf Bänken schlafen sehen in Rom, wie dieses Jahr. Und nein, das sind keine organisierten Bettler (die schlafen in den Vorstädten, nachdem sie der Minibus abgeholt hat) und auch keine Asylanten (die trauen sich das schlicht nicht) … das sind Menschen, wie du und ich, die auf der Straße gelandet sind. Hat es schon immer gegeben, sagen Sie – gewiss, aber es ist die schiere Zahl, die mich sehr nachdenklich macht.

Noch eine Schlussbemerkung.

Palazzo del Lavoro - Roma

Palazzo del Lavoro – Roma

Kennen Sie den Palazzo della Civiltà Italiana? Nein? Ich kannte ihn auch nicht. Die Römer nennen ihn meisten Palazzo del Lavoro. Es ist ein Überbleibsel des „buio“, der dunklen Zeit, wie es Indro Montanelli so schön nannte, ein gewaltiger Klotzkasten, dessen Fensteranzahl (sechs mal neun) für die Namen des Auftraggebers stehen: Benito Mussolini. Durchaus einen Besuch wert, vor allem am Abend, wenn man einmal faschistische Architektur studieren will.

Warum ich das hier erwähne? Man kann dort prima parken, wenn man in einem Hotel in der westlichen Peripherie haust und sich mit Freunden zum Freitagabend treffen will 😉

Roma Capoccia

„Quanto sei bella Roma quand’è sera” singt Antonello Venditti in einem Lied, das mit diesem Text den Titel gemein hat. „Quanto sei grande Roma quand’è tramonto.“

Neben der gleißenden Sonne der letzten Tage gab es in der Tat einige schöne Abende, ja sogar Sonnenunter- und Sonnenaufgänge. Einer der letzteren, während mein Taxi kurz vor halb sechs Uhr morgens mit 85 über eine Tiberbrücke donnerte, wird mir besonders im Gedächtnis bleiben.

„Mir ist das königliche Rom zu groß.“ schrieb Horaz in seiner VII. Epistel.

Mir auch.

Centrale Montemartini - Roma

Centrale Montemartini – Roma

Rom ist der verzweifelte Versuch Einzelner Ästhetik zu schaffen, die jedoch am Unwillen der Masse scheitert. Schönheit erweist sich stets im einfachen. Die Linienführung einer einzelnen Statue im Garten der Villa Borghese ist schön, der Ausdruck im Gesicht des einen oder anderen Heiligen, das Gesicht Christi am Kreuz einer Kapelle in Santa Maria Maggiore – er sieht dort aus, wie ein junger Palästinenser, dem das Leid über ein zerbombtes Haus oder ein getötetes Kind ins Gesicht geschrieben ist.

Garten der Villa Borghese - Roma

Garten der Villa Borghese – Roma

In der Centrale Montemartini, einem ehemaligen Elektrizitätswerk, hat man antike Statuen der Technik des späten neunzehnten Jahrhunderts gegenüber gestellt. Ich habe beides schon oft fotografiert: die Technik des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, an der mich das Analoge fasziniert, ebenso wie antike Statuen, am liebsten aus der vorklassischen Periode, deren Linienführung in unterschiedlichen Lichtverhältnissen mich noch lange beschäftigen wird.

Der Versuch in Montemartini ist jedoch misslungen. Abgesehen von wenigen Szenen, in denen man mit Hilfe von Licht und Perspektive gestalten konnte, verkam die Technik zur Staffage, zum Bühnenbild, der die Schönheit der Skulpturen eher ver- als aufdeckte.

Centrale Montemartini - Roma

Centrale Montemartini – Roma

Mir kam es dieses Mal so vor, als wäre Rom für die anwesenden Touristen und Jugendlichen auch nur ein Bühnenbild. Touristen, die alles und nichts, vor allem sich selbst fotografieren und doch nicht abbilden.

Schemen.

Schemenhaft blieb auch Rom dieses Mal
Eine leere Kulisse.
ausgefüllt mit Masken hetzender Fremden

Roma capoccia
geschlagene, lebendige
Stadt voll von Atem

Venedig

„So ist Venedig, die Schöne, schmeichelnd und verdächtig, Legende und Falle für die Fremden“, schrieb Thomas Manns in seiner Novelle „Tod in Venedig“.

Es ist kaum je treffender formuliert worden.

Eigentlich Wahnsinn im Hochsommer ein Wochenende dort zu verbringen; bisweilen bringt aber ein Gewitter nicht nur eine Klärung der Atmosphäre, sondern auch Licht und Stimmung, die der Stadt so viel mehr zu entsprechen scheinen.

Frühes Aufstehen lohnt sich.

Venezianische Spiegelungen

Venezianische Spiegelungen

Endliche graue Fassaden, die sich aufrecken gen Himmel, als ob sie sich mit ihm vermählen wollten.

Mülleimer die geleert werden.

Müllsäcke die verharren.

Menschen, die unbehindert von Touristenhorden ihrem Tagwerk nachgehen.

Gondeln, die, verpackt in Plastik, darauf harren wieder tausende knipsende Touristen durch die Rii – Canale, Plural Canali, heißen nur wie wenigsten Wasserstraßen in Venedig, Rio, Plural Rii, die meisten -zu befördern.

Verpackte Gondeln

Verpackte Gondeln

Eine blitzblanke Thunfischdose, deren Reinheit sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, auf eine streunende Katze zurückführen lässt.

Florians Tische in geometrischer Präzision, deren Stille nur durch ein Mädchen gestört wird, die die Verstimmung des gestrigen Abends am Telefonino zu beseitigen trachtet.

Florians Tische

Florians Tische

Morgengeräusche.

Das Rumpeln von Plastikkoffern auf Rollen, in denen Touristen ihre Habe durch die Welt rollen.

Wo sind die Lederkoffer, die sich zu Thomas Manns Zeiten mit elegantem Schwung ins Motoscafo befördern ließen.

Reminiszenzen vergangener Tage.

Stattdessen: klonk, klonk, klonk.

Narben

Narben sind hochinteressant. Sie lassen uns wissen, dass unserem Gegenüber schon einmal etwas Schmerzhaftes passiert ist. Auch bei der Diagnose sind sie durchaus hilfreich. Seelische Narben sind bei weitem schwieriger zu identifizieren; wenn man sie entdeckt, ist einem häufig schon eine Situation um die Ohren geflogen.

Bei Gebäuden ist das anders.

Köln

Köln

In der letzten Woche hatte ich das Glück wieder einmal in Köln und Aachen zu sein. Neben der selbstironisch freundlichen Atmosphäre, die einen dort umfängt und das Nachdenken über drängende Fragen ungeheuer erleichterte, hatte ich auch einige Momente der Muße oder gar des Müßiggangs, um mit offenen Augen durch die Straßen zugehen.

Mir fielen die Narben auf.

Köln

Köln

Wer, wie ich, einen großen Teil seines erwachsenen Lebens in München verbracht hat, weiß sehr wohl um die Kunst Narben zu verbergen. Das lernt man nicht nur als junger Alumnus in der medizinischen Fakultät, man lernt es auch wenn man mit offenen Augen durch die Straßen geht. Es ist alles in allem eine Frage der Ästhetik. Kann ich es ertragen im Stadtbild Lücken zu lassen, muss ich sie mit zeitnahen Rekonstruktionen auffüllen oder kann ich es vielleicht gar aushalten, dass sich dort einfach temporäre Architektur – so schlecht sie auch sein mag – breit macht.

Ich finde es überaus interessant, dass sich gerade im Rheintal, das über Jahrhunderte unter wechselndem Kriegsglück, aller Arten von Besetzungen und unglaublichen Zerstörungen zu leiden hatte, diese Leichtigkeit des Seins bildete. Oder vielleicht gerade deswegen ?

Köln

Köln

Man mag so manches, was dort architektonisch gewachsen ist, für unschön halten. Gewiss. Aber es steht für die Menschen und die Gesellschaft, in der es gewachsen ist. Insofern ist es für mich zunächst einmal schön. Der Ausdruck menschlichen Seins (und auch des Unsinns, den es gebiert) gebietet durchaus eines gewissen Respekts, zumal ich finde, dass eine solche Haltung wesentlich realitätsnaher ist als die, die nur ein Disneyland mit anderen Mitteln schafft.

Geschichte und Geschichten, die sich auch und immer wieder in Narben zeigen.
Ich hatte gestern das Glück einen Menschen zu bewirten, der Geschichte und Geschichten in recht einmaliger Weise verquickt.
So wie die Stadt Köln.

Mai – Zeitspiegel

Die Münchner Residenz, gespiegelt in einem modernen Brunnen – verschiedene Zeiten, nebeneinander, gegenüber gesetzt oder miteinander verbunden.

Zeitspiegel

Zeitspiegel

In unseren Städten begegnen wir Altem und Neuem. Verschiedene Epochen stehen nebeneinander oder sind architektonisch miteinander verwoben – ein gutes, spürbares Stück Geschichte: dort wo Häuserfronten unterbrochen und durch moderne Fassaden ergänzt wurden, wird die Vergangenheit – Kriege, bauliche Modernisierungstrends aber auch familiäre Geschichte(n) – sichtbar.

Manche Kombinationen wirken sonderbar, befremdlich, nicht stimmig, bei anderen haben Städteplaner und Architekten eine gute Symbiose geschaffen. Oft jedoch ist es das Alte, was den besonderen Reiz ausmacht. „Historische Altstadt“ „Centro storico“ – mit diesen Worten locken Städte und Orte die Besucher in ihre „Gute Stube“. Viel Geld wird für die Renovierung alter Fassaden und Gemäuer aufgewendet, auch für die Residenz, die derzeit teilweise hinter Gerüsten und Planen verborgen liegt.

Als Kind eines Denkmalpflegers hat auf mich das Alte immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt: Die Mauern durchströmt ein Hauch von Geschichte und Geschichten, ein Zugang zur Vergangenheit und den Menschen, die dort vor unserer Zeit gelebt haben. Mit der eigenen Stadt, den Häusern, die einst von der eigenen Familie bewohnt waren, verbindet mich die eigene Geschichte, die eigene Vergangenheit. Es war immer wichtig und ist es auch heute in dieser schnelllebigen Zeit gut zu wissen, wo man herkommt, dass man Wurzeln hat, eine Familiengeschichte und nicht frei schwebend ist. Nicht um einer guten alten Zeit nachzutrauern, die es nie gab, sondern um zu sehen, wodurch man selbst und seine Familie so geworden ist, was bewegend und wichtig war; auch um aus der Vergangenheit zu lernen.

Zeitspiegel – die Zeiten im Licht des Heute zu sehen, mit dem eigenen Blick zu betrachten – vielleicht ist es gerade die Spiegelung der Residenz im Wasser dieses, mit starken Farben durchzogenen Brunnen, die mich zu diesen Gedanken inspiriert.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner

Den vollständigen Kalender finden Sie auf http://www.thomasmichaelglaw.com

Wirklichkeiten – April

Berlin - Sony Center

Berlin – Sony Center

In der Glasfassade des Sonycenters am Potsdamer Platz spiegeln sich die umliegenden Gebäude. Wenn ich auf dieses Foto sehe, erkenne ich die Dachkonstruktion, die Fassade, aber auch das gegenüberliegende Gebäude und das Innere des Sonycenters selbst. Verschiedene Ebenen sind miteinander verwoben, überlagert, nur mit Mühe auseinander zu halten. Bei solchen Bildern ist es der Fotograf, der entscheidet, welche Ebene er als Bezugspunkt nimmt, was auf dem Bild vordergründig scharf und was unscharf, als nebensächlich, erscheinen soll.

Wirklichkeiten – so habe ich das Bild bezeichnet. Zunächst irritiert vielleicht dieser Begriff in der Mehrzahl – meinen wir doch oft, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, diese von uns erlebte.

Aber bereits bei einem Gespräch mit dem Partner, Freund oder jemandem, der gerade das gleiche erlebt hat, stellt man fest, dass das, was ich gerade als eindeutig gemeinsam erlebt habe, von dem anderen anders wahrgenommen wurde, dass er es in einen völlig anderen Zusammenhang gedeutet hat, dass sein Bezugspunkt anders war. Ich finde es immer wieder spannend, miteinander auf ein gemeinsames Erlebnis, eine Fragestellung oder eine Geschichte zu schauen – es sind oft Kleinigkeiten, die mir gar nicht aufgefallen sind, ein Blick, eine Färbung in der Stimme, eine kleine Bewegung, ein Schatten auf dem Bild, etwas, das auf den anderen eine besondere Wirkung hat, die eine ganz andere Sicht ermöglichen.

Es gilt nicht „Die Wirklichkeit“ zu beschreiben; es ist bereichernd, die Vielschichtigkeit des Lebens und des Erlebens zu entdecken, die eigene Perspektive zu relativieren und mit wacheren Augen, offeneren Ohren und einem weiten Geist durch die Welt zu gehen


Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Jahreskalender 2014

Erweiterte Texte dieses Blogs sind jetzt auch als Buch erhältlich :

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Night and Day

Es war das alte Lied von Frank Sinatra, das mir in den Sinn kam, als ich an diesen Lampen vorbei ging. Ich war schon dutzende Male an ihnen vorüber gegangen, heute schien das Licht zu stimmen – oder war es meine innere Stimmung?

Sinatras Lied ist im Kern ein Liebeslied, ich sah jedoch einfach das Helle und das Dunkle der Lampen und musste an helle und dunkle Seiten unseres Lebens denken

Ich war mit meinen Gedanken bei einem Artikel in der heutigen FAZ. Es ging darin um Kinderpornografie und das Recht zu fotografieren weiter einzuschränken. Ersteres erregt in mir immer wieder Übelkeit. Vielleicht bin ich, in Werner Schneyders Sinn, zu konservativ um die Beweggründe dieser Männer verstehen zu können. Ich habe viel Zeit mit Jugendlichen verbracht, bin mit vielen durch halb Europa gereist, habe so manchen (weisen?) Rat erteilt, so manche Träne getrocknet und in so manches Lachen herzhaft eingestimmt.

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Wollen Sie wissen was mich wirklich sauer macht? Das wir, die reiche erste Welt, nicht in der Lage sind anderen Ländern zu politischer Stabilität und bescheidenem Wohlstand zu verhelfen, so dass sich Kinder nicht mehr prostituieren müssen.

Es sind nämlich nicht die Bilder, die unbedarfte Eltern ins Netz stellen, oder Fotografen wie ich bisweilen von Kindern machen. Es sind Bilder, die zu keinem anderen Zweck von obskuren Leuten in noch obskureren Studios irgendwo gemacht werden.

Warum mich das als Fotograf ärgert?

Wie gesagt, als Vater, aber auch als engagierter Ehrenamtlicher in der Jugendarbeit macht mich das „stocknarrisch“, wie wir hier in Bayern sagen.

Als Fotograf finde ich, dass mich die westliche Obsession mit dem Rechts am Bild, die perfiderweise mit Bilderfluten auf Instagram, Facebook & Co einhergeht, davon abhält, die heutige Welt zu dokumentieren. Künstlerisch umzusetzen.

Das „Wahre und Schöne“ nannte man das wohl einmal.

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Eine alte, weißhaarige Dame, die zusammen mit ihrer farbigen Enkeltochter in einem Kettenkarussell sitzt. Herbstfarben. Lachen, Wind in den Haaren. Ein großartiges Bild. Noch vor 25 Jahren hätte man vielleicht einen Preis dafür bekommen. Heute hängt es in meinem Arbeitszimmer. Ich würde nicht wagen es zu publizieren.

Die Welt wird ärmer ohne ihre Biografen, zu denen ich auch uns Fotografen zähle. Henri Cartier Bresson griff in den letzten zehn Jahren seines Lebens fast nur noch zum Zeichenstift. Die Alternative sind Bilder wie die, die diese Gedanken begleiten.

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Ich habe mir übrigens einen neuen Skizzenblock gekauft.

Erwachen / Kalenderblatt Januar 2014

In einem ersten Gastbeitrag bietet Dorothea Elsner hier weitere Gedanken zu den von ihr mitgestalteten monatlichen Blättern unseres Jahreskalender. Weitere kurze Texte werden in monatlichem Abstand folgen. Der vollständige Kalender findet sich unter http://www.thomasmichaelglaw.com / Kalender 2014 und trägt den Titel Stadtmomente .

Erwachen - Berlin

Erwachen – Berlin

Januar ist der erste Monat im neuen Jahr. Für viele Menschen wird es wohl ein Start mit guten Vorsätzen, was anders oder besser werden soll, wie man sich selbst ändern möchte. Ein Jahr mit Chancen Neues zu realisieren und Altes hinter sich zu lassen. Auch bei mir taucht immer wieder zum Jahreswechsel die Frage nach einem oder mehreren guten Vorsätzen auf.
Funktioniert das wirklich? Viele Vorsätze scheitern bereits nach wenigen Tagen oder Wochen, die Ziele waren zu hoch gesteckt, der wirkliche Wille fehlte. Der Alltag holt uns ein und die gewohnten Mühlen nehmen ihre gewohnten Bahnen.

Trotzdem ist es mir wichtig, inne zu halten und mich selbst in den Blick zu nehmen, die Straßen vor mir von all dem zu reinigen, was meinen Blick verstellt, manches vermeidlich wichtige auf die Seite zu räumen und meine eigentlichen Wünsche, Vorstellungen und Anliegen wahrzunehmen. Wo stehe ich heute? Was ist mir wirklich wichtig? Was macht mich aus? Was ist mein Weg und mein Ziel?

Das Kalenderbild im Januar zeigt eine Kreuzung in der Innenstadt von Berlin, die Straßen sind ungewöhnlich menschenleer und sauber, als wäre gerade die Straßenreinigung vorbei gefahren – eine Stadt vor dem Erwachen. Das Sinnbild steht nicht nur für den Jahresanfang: Die Straßen Berlins werden immer wieder gereinigt, die Stadt kann zu früher Stunde bisweilen wirklich menschenleer erlebt werden.

Ebenso bietet sich uns immer wieder die Chance, uns selbst in den Blick zu nehmen, unseren Weg selbst zu wählen, neu auszurichten und nicht, wie in den vergangenen Adventstagen und oft auch im Verlauf des Jahres, vom Strom der Massen bestimmen zu lassen. Ich kann jederzeit aus dem Alltag heraus treten und mich und mein Tun neu ausrichten – nicht nur am Jahresanfang – und die nächste Stunde, den Tag, die Woche, den Monat anders zu beginnen, um mir, meinen Zielen, meinem Glauben näher zu kommen und Spuren zu hinterlassen