Good Friday

Der Titel mag meine deutschen Leser etwas erstaunen und doch heißt der Tag des Jahres, den wir Karfreitag nennen, in der englischsprachigen Welt „Good Friday“ Man mag sich fragen, was denn gut daran sei, dass der Zimmermannssohn aus Nazareth so elend am Kreuz starb. Das Oxford English Dictionary stellt von dem Wort „good“ die Verbindung zu „pious“ bzw „holy“ her, also eigentlich heiliger Freitag. Nach christlicher Doktrin war der Tod Jesus unumgänglich damit er für uns zum Christus werden konnte.

Als ich Anfang der Woche auf dem Weg zu meinem Zahnarzt war, ging am Münchner Ostfriedhof an einem Kreuz vorbei, dessen Struktur und Aussehen mich anzog. Ich hatte es eilig, denn die U-Bahn hatte Verspätung gehabt, blieb aber auf dem Rückweg wieder hinter den Kreuz stehen.

Perspektivwechsel am Karfreitag

Perspektivwechsel am Karfreitag

Fotografieren heißt für mich mehr als nur sehen in Licht und Schatten. War es zunächst lediglich die durch den Bildhauer nachgeahmte Holzstruktur, so bewegten sich Meine Gedanken recht schnell auf den Kalvarienberg hin – die Schädelstätte, auf der Jesus am Kreuz hing, und auf einen Perspektivwechsel. Wir blicken üblicherweise von vorne auf das Kreuz, einem leidenden Christus ins Gesicht. Wie mag Jesus auf das Land, auf die Menschen vor ihm, auf seine zwei Mitverurteilten neben ihm geblickt haben?

Die flirrende Hitze über dem staubigen Land Israel.

Was mag er gedacht habe?

Die Kirche lehrt er sei ganz Mensch und ganz Gott gewesen. Eigentlich glaubt sie es, aber die Männer, die jene Kirche zu lenken glauben, haben in den letzten 1500 Jahren alles getan, um das, was wir eigentlich nur glauben und keinesfalls wissen können, in Lehrmeinungen zu gießen. Letztere haben sie dann, sehr lange zumindest, mit Feuer und Schwert vertreten. Das Schwert mag heute häufig der Feder gewichen sein, die Konsequenzen können für die Betroffenen immer noch gravierend sein.

Was mag dieser leidende Mann, wirklich dort oben am Kreuz gedacht haben?

Blickte er in dem Moment, als er dachte der Vater habe ihn vergessen in die Seelen der Menschen unter ihm?

Konnte er in Ihnen lesen?

Ich glaube für mich wäre die Enttäuschung über meine Freunde am größten gewesen. So lange war er mit Ihnen zusammen gewesen, so viel hatte er ihnen zu vermitteln versucht. Und jetzt? Alle, aber auch wirklich alle, hatten ihn vergessen, verleugnet.

Nur seine Mutter hat ihn wohl nie allein gelassen. Das muss ihm ein großer Trost gewesen sein.

Wenn ihn die unendliche Liebe, die sein Leben auszeichnete, auch am Kreuz nicht verlassen hatte, dann wird er auch in diesem Moment noch den Funken Liebe, von dem Meister Eckart spricht, in ihrem Herzen erkannt haben.

Wenn wir etwas von ihm lernen können, so ist es einander zu lieben.
Mit allen Konsequenzen.
Wir können auch versuchen ihm nah zu sein.
Liebe kennt weder Zeit noch Raum – sie überwindet sie.

Wirklichkeiten – April

Berlin - Sony Center

Berlin – Sony Center

In der Glasfassade des Sonycenters am Potsdamer Platz spiegeln sich die umliegenden Gebäude. Wenn ich auf dieses Foto sehe, erkenne ich die Dachkonstruktion, die Fassade, aber auch das gegenüberliegende Gebäude und das Innere des Sonycenters selbst. Verschiedene Ebenen sind miteinander verwoben, überlagert, nur mit Mühe auseinander zu halten. Bei solchen Bildern ist es der Fotograf, der entscheidet, welche Ebene er als Bezugspunkt nimmt, was auf dem Bild vordergründig scharf und was unscharf, als nebensächlich, erscheinen soll.

Wirklichkeiten – so habe ich das Bild bezeichnet. Zunächst irritiert vielleicht dieser Begriff in der Mehrzahl – meinen wir doch oft, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, diese von uns erlebte.

Aber bereits bei einem Gespräch mit dem Partner, Freund oder jemandem, der gerade das gleiche erlebt hat, stellt man fest, dass das, was ich gerade als eindeutig gemeinsam erlebt habe, von dem anderen anders wahrgenommen wurde, dass er es in einen völlig anderen Zusammenhang gedeutet hat, dass sein Bezugspunkt anders war. Ich finde es immer wieder spannend, miteinander auf ein gemeinsames Erlebnis, eine Fragestellung oder eine Geschichte zu schauen – es sind oft Kleinigkeiten, die mir gar nicht aufgefallen sind, ein Blick, eine Färbung in der Stimme, eine kleine Bewegung, ein Schatten auf dem Bild, etwas, das auf den anderen eine besondere Wirkung hat, die eine ganz andere Sicht ermöglichen.

Es gilt nicht „Die Wirklichkeit“ zu beschreiben; es ist bereichernd, die Vielschichtigkeit des Lebens und des Erlebens zu entdecken, die eigene Perspektive zu relativieren und mit wacheren Augen, offeneren Ohren und einem weiten Geist durch die Welt zu gehen


Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Jahreskalender 2014

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Sein und Schatten

Es war ein zielloses Wandeln durch Neuperlach, immer noch auf der Suche nach Momenten, die diesen Stadtteil Münchens ausmachen, als ich in der milden Abendsonne eine späten Märztages diesen Schatten sah.

Ich musste an Erich Fromms „Haben oder Sein“ denken.

Neuperlacher Schatten

Neuperlacher Schatten

Daran, dass die permanente Jagd nach dem „Haben“ dazu führt, dass wir unsere Fähigkeit zu „Sein“ verlieren, unsere Fähigkeit frei und kreativ zu denken ohne dabei einen möglichen monetären Gewinn vor Augen zu haben.

Wir werden nur noch zu Schatten.

Die Konsequenzen für unsere sozialen wie ökologischen Systeme sind bereits da, nur weigern wir uns, sie zur Kenntnis zu nehmen. Pilotenstreik, Rentendebatte – mir kam angesichts dessen wieder das Bild einer Bettlerin im regnerischen Rom um den Jahreswechsel ins Gedächtnis.

Schatten unserer selbst – Schatten und Licht gehören auch zum Grundrepertoire lichtbildnerischen Arbeitens, Schatten sind faszinierend nur … ohne Licht könnte man sie gar nicht wahrnehmen.

Ähnlich ist es mit der Funktion des Frommschen „Sein“. Es ist die Kreativität, die das Leben auf diesem Planeten, wie auch das der Menschen miteinander überhaupt erst möglich macht. Sie lässt uns Lösungen finden jenseits des sprichwörtlichen Tellerrands. Menschliches Handeln wirft Schatten, deren Länge und Richtung für den Lichtbildner vom Sonnenstand abhängt. Für die Gesellschaft jedoch, ist es das „Sein“ oder das „Haben“, das die Qualität des Schattens ausmacht

Schatten auf einer Hauswand in Neuperlach, kahle Äste, deren erste Blüten man im Schatten nicht zu erkennen vermag. Eine Frau, die gedankenverloren ihren Weg geht.

Ob sie im Alltag gefangen war?
Ob sich hinter ihrem verschlossenen Gesichtsausdruck ein heimlicher Traum verbarg?

Schatten helfen bisweilen, die wahren Strukturen eines Objekts zu ergründen; auch die „Schatten“ bringen uns dem „Sein“ ein Stück näher.

Wenn wir als Menschen, als Gemeinschaft, das „Sein“ aufgeben oder verlieren, werden wir erstarren und jedwedes Umdenken wird versiegen.

Gerade letzteres jedoch brauchen wir heute mehr denn je.