Wannsee

Wenn man in manchen Teilen Berlins spazieren geht, hat man den Eindruck, die Menschen haben viel zu verbergen. Man liest an den Klingelschildern gar nichts, oder bestenfalls Initialen. Was möchte man verbergen? Seine Identität? Oder ist es nur der Wunsch, prominenter, bekannter zu wirken, als man eigentlich ist? Wenn man in Charlottenburg spazieren geht, stehen neben Häusern, die offenbar den Weltkrieg überlebt haben, weiß gehaltene Burgen, deren langweilige Gärten vor allem durch Kameras beherrscht werden. In den Gärten der alten Häuser sitzen abends sogar Menschen an schön gedeckten Tischen, die miteinander sprechen, lachen, essen und trinken. Und am Klingelschild steht tatsächlich noch „Familie Schulz“.

Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Eine ähnliche Erfahrung machten wir am Samstag morgen, als wir an den Wannsee hinaus fuhren, um das Grab von Heinrich von Kleist zu besuchen. Es war schön, den kurzen Weg zu dieser Stätte zu gehen, denn wir waren allein.  Als Schüler fuhr ich während einer Berlinreise allein mit der S Bahn nach „Wannsee“ hinaus, um an dieser Stelle zu stehen. Warum bin ich wieder dorthin gefahren?

In der vergangenen Woche las ich noch einmal die Autobiografie Marcel Reich Ranickis. Er erzählt, wie ihn ein polnischer Setzer lebend durch die Nazizeit gebracht hat, und er berichtet auch, wie eben jener Setzer von seiner Nacherzählung des Prinz von Homburg beeindruckt war. Er ging soweit zu sagen, dass dieser „Hamburg“ die Nazis nie toleriert hätte.

Der Prinz von Homburg hat mich schon als Schüler fasziniert. Ein Träumer, der zerrissen ist, zwischen Pflichten im ständischen Staat und dem, woran er meint zu glauben. Und am Ende war alles nur „Ein Traum, was sonst.“

Mein Deutschlehrer hat immer versucht, Heinrich von Kleist als eben diesem Träumer darzustellen – ich bin nicht dieser Meinung. Heinrich von Kleist mag Träume gehabt haben – wir haben alle Träume – vor allem aber wollte er Erfolg haben, und als er mit seinen vielen Plänen gescheitert war, nahm er sich am Wannsee, nachdem er seine Geliebte auf ihren Wunsch hin erschossen hatte, das Leben.

Das Grab Heinrich von Kleists – © 2017 Thomas Michael Glaw

Erfolg, auch vermeintlicher, oder vorgegebener, treibt auch am Wannsee seine Blüten. Auch dort gibt es zahlreiche Häuser, die „S“, oder „FD“ beherbergen, vor allem aber werden immer mehr schöne, große Grundstücke, auf denen alten Häuser stehen mit neuer, vorgeblicher Modernität geschuldeten Gebäuden zugebaut, um dem aufstrebenden Wohlstand in Berlin eine neue Bleibe am Wannsee zu geben. Ebenso enttäuschend ist es, dass man nur sehr eingeschränkt am Seeufer selbst spazieren gehen kann, weil das Berliner Baurecht offenbar die quasi komplette Bebauung der Uferränder erlaubt. Einer von vielen Vorteilen des bayerischen Baurechts liegt darin, dass mit ganz wenigen Ausnahmen, die Seen öffentlich zugänglich sein müssen. Man kann also um fast alle großen Seen, den Starnberger-, Ammer-, oder Chiemsee, herumlaufen oder radeln.

Der Prinz von Homburg suchte keinen Erfolg. Letztendlich wollte er dem System dienen. So schildert es Kleist zumindest am Ende. Kann das ein Ziel sein? Muss man das System nicht eher permanent in Frage stellen, um es seinem wahrem Ziel zuzuführen?
Ich kann den Besuch an den Seen an einem Morgen trotzdem empfehlen. Die Ruhe im Wald und der Blick auf Seen und Kanäle – wo möglich – ist ein schöner Gegenentwurf zu Hektik, Menschenmassen und Baustellen im Zentrum der Stadt.

Berlin, Pohlesee – © Thomas Michael Glaw

Berlin O

Wanderer, kommst du nach Berlin, so möchte man schillernd beginnen, nur was sollte man denn verkündigen, wenn man denn angekommen ist? Wenn man den Charme und das kleinflächige Chaos des Flughafens Tegel, so es einem gelingt, den passenden Stadtbus zu finden, hinter sich gelassen hat, erwarten einen die üblichen desolaten Straßen und die wunderbaren Berliner Busfahrer, die damit brillant umzugehen wissen. Eigentlich wollten wir ja auch gar nichts verkünden, sondern einfach ein paar Tage in Deutschlands Hauptstadt genießen.

In der wenigen zur Verfügung stehenden Zeit, sollte dieses Mal vor allem der Osten der Stadt erkundet werden – auch, um zu sehen, ob es denn noch den berühmten kleinen Unterschied zwischen West und Ost gäbe. Wir können Sie beruhigen: vielleicht war es mangelnde Sensibilität unsererseits, aber wir konnten keinen feststellen.

Nachdem die Architekturfotografie zu unseren Arbeitsfeldern gehört, wollten wir zunächst einmal die Karl-Marx-Allee entlang laufen. Das Kino International ist und bleibt eine Stilikone.

Kino International Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Vieles in dieser Straße ist optisch immer noch interessant, jedoch fotografisch schwer umzusetzen. Das Licht war nicht perfekt, viele spannende Eingangsbereiche werden gerade renoviert, und doch lassen sich immer wieder wunderschöne kleine Stillleben finden.

Karl Marx Allee Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Unser Spaziergang führte uns dann an die East Side Gallery. Uns war klar, dass das ein Touristenmagnet ist, dass die Selfie Brigade allerdings in derartigen Mengen dort aufkreuzen würde, hatte ich mir nicht vorgestellt. Die Bilder schienen nicht wirklich zu interessieren, bestenfalls als Hintergrund. Ein Pärchen in den frühen Fünfziger entblödete sich nicht, als Bettler vor der Wand zu posieren. Es sind sicher auch dieselben, die die vielen Bettler einfach weiter schicken, wahrscheinlich auch ohne auf ihren oft vorhandenen Wortwitz einzugehen. Da drückt man schon mal den einen oder anderen Euro ab. Es war die dem Wasser zugewandte Seite, die die spannenden Bilder bot.

East Side Gallers Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

Mich faszinierte hier der natürliche Übergang zwischen schwarz-weiß und farbig. Um den Alexanderplatz herum lassen sich noch am ehesten Zeugnisse der zur Schau gestellten, vermeintlichen Modernität des Regimes in der Hauptstadt der DDR finden. An vielen der Gebäude nagt eindeutig der Zahn der Zeit, und doch stehen sie für eine architektonische Moderne, die in ihrer gesellschaftlichen Komponente nie in der DDR angekommen ist.

Berlin Alexanderplatz – © 2017 Thomas Michael Glaw

Auch wenn die Trambahnen eine gewisse Farbigkeit ins Bild bringen, so ist das grau unübersehbar. In einigen Teilen Ostberlins ist dieses zur Schau gestellte grau einer Farbigkeit gewichen, die einen Gegenentwurf darstellt, so wie hier am Prenzlauer Berg, wo sich ein sympathischer Kietz gebildet hat, ein Kietz in dem man gerne spazieren geht und in Cafés wie dem „Hüftengold“ gerne frühstückt und die Bienen bei ihrer Arbeit beobachtet.

Cafe Hüftengold Berlin – © 2017 Thomas Michael Glaw

 

 

Berlin, Berlin …

wir fahren nach Berlin. Eigentlich war es ein Weihnachtsgeschenk. Ich hatte in der FAZ von einer Ausstellung  mit dem Namen Das rebellische Bild gelesen, die parallel in Berlin, Hannover und Essen stattfand, und wollte sie gerne besuchen. Nun, das Christkind war großzügig. Ausgehend von der Berliner „Werkstatt für Photographie“ und der jungen Essener Szene, zeigt die Ausstellung ein wichtiges Kapitel der deutschen Fotografiegeschichte neu – jenseits der Düsseldorfer Schule um Bernd und Hilla Becher.

Ich versprach mir viel von der Ausstellung; ich wollte meine eigene fotografische Sichtweise hinterfragen und mich auch mit der bewusst subjektiven Sichtweise der Autoren bzw. Fotografen – Stichwort Autorenfotografie – auseinandersetzten.

Zuerst wollten wir nach Berlin, im Anschluss sollte es Essen sein, und den dritten Schritt nach Hannover würden wir uns sparen, da dieser Standort eigentlich nichts mit der Werkstatt für Fotografie zu tun hatte. Günstige ICE Tickets waren schnell besorgt, das Ende der Ausstellung im Berliner C/O (Ausstellung Kreuzberg Amerika ) gab die Termine vor.

Es ist immer wieder spannend, in Berlin zu sein. Berlin ist, wie Gosbert Adler, einer der jungen Fotografen, im Interview sagte,  immer noch eine Stadt mit vielen Brüchen, eine Stadt, die den Blick der Fotografen immer wieder anregt. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin tragen allerdings nicht zu dieser Anregung bei. Vielleicht sollten sich die Senatoren der Stadt einmal in anderen deutschen (oder internationalen) Städten informieren, wie man die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Verkehrsmittel – vor allem zwischen S und U Bahn – herstellt und wie man seine Fahrgäste zeitnah über Ausfälle und Ausweichmöglichkeiten informiert und sie nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, im Regen stehen lässt.

Bahnhof Zoologischer Garten - © Thomas Michael Glaw

Bahnhof Zoologischer Garten – © Thomas Michael Glaw

Man lernt auf diese Art und Weise zumindest die Ästhetik der Berliner Bahnhöfe erneut schätzen. Nach einigen Umwegen erreichten wir also von Spandau aus den Bahnhof Zoo und machten uns auf den Weg in das C/O Berlin, einem Ausstellungshaus für zeitgenössische Fotografie. Um es kurz zu machen: die Ausstellung hielt nicht ganz, was sie versprach. Ich hatte mir Einblicke in das Denken der jungen Fotografen erhofft, ein besseres Verständnis der Einflüsse amerikanischer Fotografen – immerhin das Motto der Ausstellung – und eine gut gehängte Ausstellung, die eben dies verdeutlicht. Nicht nur, dass man sich in Räumen relativ schlecht zurecht fand, die Hängung ließ jeglichen Sinn für Zusammenhang und Spannung vermissen. Vieles war zu dunkel, bei anderen Bildern schafften die vielen Spiegelungen einen ganz eigene, aber von der Machern der Ausstellung wohl eher unerwünschte Ästhetik.

In der Berliner c/o Gallerie - © Thomas Michael Glaw 2017

In der Berliner c/o Galerie – © Thomas Michael Glaw 2017

Um ein wenig vorauszugreifen: alle diese Themen hat man im Folkwang Museum in Essen wesentlich besser in den Griff bekommen; davon aber im nächsten Blog.

Was blieb also? Eigentlich wollte ich im langsam vergehenden Tag noch kurz zur Karl Marx Allee, um ein wenig mit sozialistischem Zuckerbäckerstil in fahlem Licht zu experimentieren. Wieder war es der Berliner Nahverkehr, der es verhinderte. Die S Bahnen endeten in der Friedrichstrasse wegen eines Polizeieinsatzes am Alexanderplatz, und dank der Informationspolitik in Berlin haben wir dann irgendwann entnervt aufgegeben und die blaue Stunde im Herzen des alten West-Berlin verbracht.

© Thomas Michael Glaw 2017

© Thomas Michael Glaw 2017

PS: Der Espresso im KaDeWe wäre bei meiner Großmutter unter Plörre gelaufen 🙂

Wirklichkeiten – April

Berlin - Sony Center

Berlin – Sony Center

In der Glasfassade des Sonycenters am Potsdamer Platz spiegeln sich die umliegenden Gebäude. Wenn ich auf dieses Foto sehe, erkenne ich die Dachkonstruktion, die Fassade, aber auch das gegenüberliegende Gebäude und das Innere des Sonycenters selbst. Verschiedene Ebenen sind miteinander verwoben, überlagert, nur mit Mühe auseinander zu halten. Bei solchen Bildern ist es der Fotograf, der entscheidet, welche Ebene er als Bezugspunkt nimmt, was auf dem Bild vordergründig scharf und was unscharf, als nebensächlich, erscheinen soll.

Wirklichkeiten – so habe ich das Bild bezeichnet. Zunächst irritiert vielleicht dieser Begriff in der Mehrzahl – meinen wir doch oft, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, diese von uns erlebte.

Aber bereits bei einem Gespräch mit dem Partner, Freund oder jemandem, der gerade das gleiche erlebt hat, stellt man fest, dass das, was ich gerade als eindeutig gemeinsam erlebt habe, von dem anderen anders wahrgenommen wurde, dass er es in einen völlig anderen Zusammenhang gedeutet hat, dass sein Bezugspunkt anders war. Ich finde es immer wieder spannend, miteinander auf ein gemeinsames Erlebnis, eine Fragestellung oder eine Geschichte zu schauen – es sind oft Kleinigkeiten, die mir gar nicht aufgefallen sind, ein Blick, eine Färbung in der Stimme, eine kleine Bewegung, ein Schatten auf dem Bild, etwas, das auf den anderen eine besondere Wirkung hat, die eine ganz andere Sicht ermöglichen.

Es gilt nicht „Die Wirklichkeit“ zu beschreiben; es ist bereichernd, die Vielschichtigkeit des Lebens und des Erlebens zu entdecken, die eigene Perspektive zu relativieren und mit wacheren Augen, offeneren Ohren und einem weiten Geist durch die Welt zu gehen


Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Jahreskalender 2014

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