Szenenwechsel

Von Berlin nach Essen.

Der Szenenwechsel könnte kaum krasser sein.

Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, könnte man mit Isabella schillernd formulierend, aber so war es ja nicht.

Der zweite Teil unserer rebellischen Bilder befand sich im Folkwang Museum in Essen. Es soll nicht verschwiegen werden, dass es einen kurzen Zwischenstopp in Münster gab, mit einer wunderbaren, von Herrn Pinkus Müllers Gerstensaft begleiteten, mitternächtlichen Gulaschsuppe und unter Zurverfügungstellung (ist Deutsch nicht eine wunderbare Sprache?) von vier Rädern für die Fahrt nach Essen.

Wenn man von Münster nach Essen fährt, so rollt man entlang langsam verfallender Autobahnen (die Pleiterate unter den Städten im Ruhrgebiet ist gigantisch und der Wille von Mutti Merkel, dem Pott seine Lebensadern zu erhalten offenbar gering) in mittlerweile wieder überaus spannende Städte. Ich meine das durchaus ernst. Wenn hier Ironie im Spiel wäre, hätte ich mich natürlich an Paul Fechters Rat gehalten, und den Satz kursiv gesetzt.

Folkwang Museum - © Thomas Michael Glaw

Folkwang Museum – © Thomas Michael Glaw

Der zweite Teil der Ausstellung, die sich mit dem rebellischen Bild auseinandersetzt (übrigens nur noch bis zum 19 Februar – leider) befindet sich im Folkwang Museum in Essen. Wenn man am Tag zuvor im c/o in Berlin war, haut einen dieser Teil der Ausstellung fast um.

Das Folkwang selbst ist schon ein Erlebnis.

Licht
Hell
Klare Gliederung
Freundliches, kompetentes Personal
Spannende Architektur

So war auch die Ausstellung gehängt.
Im Gegensatz zu Berlin begann man zu verstehen, warum die Fotografen so fotografierten.
Zusammenhängende Bilder waren auch zusammenhängend gehängt.
Licht behinderte nicht, es erhellte.
Kurze Videoclips von Gesprächen mit den beteiligten Fotografen taten ein Übriges.

Rebellische Bilder - © Thomas Michael Glaw

Rebellische Bilder – © Thomas Michael Glaw

Wir hatte außerdem Glück.
Nachdem wir gegen Mittag dort aufkreuzten, hatten wir die Ausstellung für etwa zwei Stunden quasi für uns. Ich vermute einmal, um die Mittagszeit geht man in Essen nicht ins Museum. Die Frequentierung änderte sich schlagartig gegen 14:30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt experimentierte ich allerdings bereits mit der Belichtung, um einen bestimmten Winkel des Museum festzuhalten.

Die Ausstellung beschäftigte mich noch lange.

Vielleicht muss ich wirklich auch meine, viel zu lange von Düsseldorf bestimmte, Sichtweise korrigieren. Vielleicht sollte man wieder mit mehr Mut an Themen herangehen. Ungewöhnliche Sichtweise pflegen. Und Menschen wieder erklären, warum man sie fotografiert. Anstatt zu kuschen und jedem Deppen zu versichern, dass man sein Bild garantiert nicht publiziert.

Verbindungen - © Thomas Michael Glaw

Verbindungen – © Thomas Michael Glaw

Fotografen dokumentieren Leben

Und das sollte so bleiben.

PS: Auf dem Heimweg gab es jede Menge Grafik im Himmel. Ich finde auch Stromleitungen faszinierend.

Berlin, Berlin …

wir fahren nach Berlin. Eigentlich war es ein Weihnachtsgeschenk. Ich hatte in der FAZ von einer Ausstellung  mit dem Namen Das rebellische Bild gelesen, die parallel in Berlin, Hannover und Essen stattfand, und wollte sie gerne besuchen. Nun, das Christkind war großzügig. Ausgehend von der Berliner „Werkstatt für Photographie“ und der jungen Essener Szene, zeigt die Ausstellung ein wichtiges Kapitel der deutschen Fotografiegeschichte neu – jenseits der Düsseldorfer Schule um Bernd und Hilla Becher.

Ich versprach mir viel von der Ausstellung; ich wollte meine eigene fotografische Sichtweise hinterfragen und mich auch mit der bewusst subjektiven Sichtweise der Autoren bzw. Fotografen – Stichwort Autorenfotografie – auseinandersetzten.

Zuerst wollten wir nach Berlin, im Anschluss sollte es Essen sein, und den dritten Schritt nach Hannover würden wir uns sparen, da dieser Standort eigentlich nichts mit der Werkstatt für Fotografie zu tun hatte. Günstige ICE Tickets waren schnell besorgt, das Ende der Ausstellung im Berliner C/O (Ausstellung Kreuzberg Amerika ) gab die Termine vor.

Es ist immer wieder spannend, in Berlin zu sein. Berlin ist, wie Gosbert Adler, einer der jungen Fotografen, im Interview sagte,  immer noch eine Stadt mit vielen Brüchen, eine Stadt, die den Blick der Fotografen immer wieder anregt. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin tragen allerdings nicht zu dieser Anregung bei. Vielleicht sollten sich die Senatoren der Stadt einmal in anderen deutschen (oder internationalen) Städten informieren, wie man die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Verkehrsmittel – vor allem zwischen S und U Bahn – herstellt und wie man seine Fahrgäste zeitnah über Ausfälle und Ausweichmöglichkeiten informiert und sie nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, im Regen stehen lässt.

Bahnhof Zoologischer Garten - © Thomas Michael Glaw

Bahnhof Zoologischer Garten – © Thomas Michael Glaw

Man lernt auf diese Art und Weise zumindest die Ästhetik der Berliner Bahnhöfe erneut schätzen. Nach einigen Umwegen erreichten wir also von Spandau aus den Bahnhof Zoo und machten uns auf den Weg in das C/O Berlin, einem Ausstellungshaus für zeitgenössische Fotografie. Um es kurz zu machen: die Ausstellung hielt nicht ganz, was sie versprach. Ich hatte mir Einblicke in das Denken der jungen Fotografen erhofft, ein besseres Verständnis der Einflüsse amerikanischer Fotografen – immerhin das Motto der Ausstellung – und eine gut gehängte Ausstellung, die eben dies verdeutlicht. Nicht nur, dass man sich in Räumen relativ schlecht zurecht fand, die Hängung ließ jeglichen Sinn für Zusammenhang und Spannung vermissen. Vieles war zu dunkel, bei anderen Bildern schafften die vielen Spiegelungen einen ganz eigene, aber von der Machern der Ausstellung wohl eher unerwünschte Ästhetik.

In der Berliner c/o Gallerie - © Thomas Michael Glaw 2017

In der Berliner c/o Galerie – © Thomas Michael Glaw 2017

Um ein wenig vorauszugreifen: alle diese Themen hat man im Folkwang Museum in Essen wesentlich besser in den Griff bekommen; davon aber im nächsten Blog.

Was blieb also? Eigentlich wollte ich im langsam vergehenden Tag noch kurz zur Karl Marx Allee, um ein wenig mit sozialistischem Zuckerbäckerstil in fahlem Licht zu experimentieren. Wieder war es der Berliner Nahverkehr, der es verhinderte. Die S Bahnen endeten in der Friedrichstrasse wegen eines Polizeieinsatzes am Alexanderplatz, und dank der Informationspolitik in Berlin haben wir dann irgendwann entnervt aufgegeben und die blaue Stunde im Herzen des alten West-Berlin verbracht.

© Thomas Michael Glaw 2017

© Thomas Michael Glaw 2017

PS: Der Espresso im KaDeWe wäre bei meiner Großmutter unter Plörre gelaufen 🙂