Regenguss

Der Regenschauer machte unserem Spaziergang ein jähes Ende: wie aus Eimern schüttete es vom Himmel; in kürzester Zeit verwandelten sich Wege und Straßenränder in Bäche. Die einzelnen Regentropfen sind für sich genommen harmlos, an warmen Tagen sind sie schneller verdunstet, als man sehen kann. Erst in der Masse sorgen sie dafür, dass die Kleidung, Straßen und Wege durchweicht werden und Rinnsale zu Bächen anwachsen, die kleinere und leichtere Dinge mit sich reißen.

Regenguss -Kalenderbild Oktober 2015 - © Thomas Michael Glaw

Regenguss -Kalenderbild Oktober 2015 – © Thomas Michael Glaw

 

Die Wirkung der Masse – dieses Phänomen macht mich zunehmend nachdenklicher und macht mir manchmal auch Angst:

Da sind die Flüchtlingsströme, die nach Europa und vor allem nach Deutschland drängen. Immer neue Hochrechnungen und Meldungen von den Asylbewerbern füllen Seiten von Zeitungen und Onlineportalen. Der einzelne Mensch aus Syrien, Nigeria, Eritrea oder woher er auch kommen mag mit seiner Geschichte, seinen Hoffnungen und Ängsten wird von der Gruppe „Flüchtlinge“ aufgesogen, einer Gruppe, die inhomogener nicht sein könnte, einer Gruppe, die er oder sie sich nicht ausgesucht hat und die durch ihre zunehmende Größe immer mehr Ängste erzeugt. Viele Ehrenamtliche, die sich für das Thema Asyl engagieren, haben mir in den letzten Wochen erzählt, dass sie in der Arbeit und in Gesprächen mit den Flüchtlingen viel voneinander lernen und dass die Begegnung mit der anderen Kultur eine Bereicherung ist. Aber die positiven Erfahrungen gehen in den negativen Meldungen, der Hilfslosigkeit und den fehlenden Strategien zum Thema Asyl unter, es überwiegt zunehmend die Angst vor Überfremdung und Überforderung.

Da ist die große Zahl der Ehrenamtlichen, Menschen, die sich für andere engagieren und die über ihre Grenzen gehen. Dabei hat das Wort „Gutmenschen“ in den letzten Monaten verschiedene Fassetten bekommen: Menschen, die nach Lösungen suchen und für ihre Ideen nach Mitstreitern suchen; Menschen, die sich und ihre Zeit einfach zur Verfügung stellen und mit anpacken; Menschen, die durch ihr Engagement ein besonderes Ansehen erwerben wollen. Auch hier sind die Interessen der Gruppenmitglieder sehr vielfältig und es braucht ein selektives Hinschauen, um nicht falschen Zielen nachzujagen oder auf der Strecke zu bleiben.

Und da sind auch die Menschen, die auf die Straße gehen und protestieren, sich in dunkler Kleidung am Abend in der Fußgängerzone treffen und mit Trillerpfeife und Transparenten Position beziehen. Aber tun sie das wirklich? Sind die Parolen, die dort gerufen werden, wirklich das Ergebnis einer Beschäftigung mit der Situation und den Erfahrungen, die sie gemacht haben, oder geben sie nur wieder, was andere gesagt haben? Ja, diese größer werdende Gruppe vor der Feldherrnhalle in München mit den einschlägigen Aussagen macht mir Angst.

Es ist mühsam, den einzelnen Tropfen im Regenguss zu sehen, dem einzelnen Menschen in der Masse in die Augen zu schauen und ihn mit all seinen Idealen, Fragen und Ängsten ernst zu nehmen – aber wenn uns dies nicht gelingt, wenn wir keine Wege zur persönlichen Begegnung schaffen, werden wir dem Sog der Masse nichts entgegen zu setzen haben.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Blatt Oktober unseres Jahreskalenders 2015

Night and Day

Es war das alte Lied von Frank Sinatra, das mir in den Sinn kam, als ich an diesen Lampen vorbei ging. Ich war schon dutzende Male an ihnen vorüber gegangen, heute schien das Licht zu stimmen – oder war es meine innere Stimmung?

Sinatras Lied ist im Kern ein Liebeslied, ich sah jedoch einfach das Helle und das Dunkle der Lampen und musste an helle und dunkle Seiten unseres Lebens denken

Ich war mit meinen Gedanken bei einem Artikel in der heutigen FAZ. Es ging darin um Kinderpornografie und das Recht zu fotografieren weiter einzuschränken. Ersteres erregt in mir immer wieder Übelkeit. Vielleicht bin ich, in Werner Schneyders Sinn, zu konservativ um die Beweggründe dieser Männer verstehen zu können. Ich habe viel Zeit mit Jugendlichen verbracht, bin mit vielen durch halb Europa gereist, habe so manchen (weisen?) Rat erteilt, so manche Träne getrocknet und in so manches Lachen herzhaft eingestimmt.

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Wollen Sie wissen was mich wirklich sauer macht? Das wir, die reiche erste Welt, nicht in der Lage sind anderen Ländern zu politischer Stabilität und bescheidenem Wohlstand zu verhelfen, so dass sich Kinder nicht mehr prostituieren müssen.

Es sind nämlich nicht die Bilder, die unbedarfte Eltern ins Netz stellen, oder Fotografen wie ich bisweilen von Kindern machen. Es sind Bilder, die zu keinem anderen Zweck von obskuren Leuten in noch obskureren Studios irgendwo gemacht werden.

Warum mich das als Fotograf ärgert?

Wie gesagt, als Vater, aber auch als engagierter Ehrenamtlicher in der Jugendarbeit macht mich das „stocknarrisch“, wie wir hier in Bayern sagen.

Als Fotograf finde ich, dass mich die westliche Obsession mit dem Rechts am Bild, die perfiderweise mit Bilderfluten auf Instagram, Facebook & Co einhergeht, davon abhält, die heutige Welt zu dokumentieren. Künstlerisch umzusetzen.

Das „Wahre und Schöne“ nannte man das wohl einmal.

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Eine alte, weißhaarige Dame, die zusammen mit ihrer farbigen Enkeltochter in einem Kettenkarussell sitzt. Herbstfarben. Lachen, Wind in den Haaren. Ein großartiges Bild. Noch vor 25 Jahren hätte man vielleicht einen Preis dafür bekommen. Heute hängt es in meinem Arbeitszimmer. Ich würde nicht wagen es zu publizieren.

Die Welt wird ärmer ohne ihre Biografen, zu denen ich auch uns Fotografen zähle. Henri Cartier Bresson griff in den letzten zehn Jahren seines Lebens fast nur noch zum Zeichenstift. Die Alternative sind Bilder wie die, die diese Gedanken begleiten.

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Ich habe mir übrigens einen neuen Skizzenblock gekauft.

Reflexionen 2

Eigentlich sollte ich heute nicht bloggen.
Oder doch?
Mir geht viel zu viel durch den Kopf.

Letzte Woche fotografierte ich, während ich auf einen geliebten Menschen wartete. Das Glück, nein eigentlich die Kakophonie bayrischer Blasmusik – ich weiß, das geht auch ohne, aber was ich da so hörte … Schwamm, drüber – führte mich aus dem Kabinettsgarten der Münchner Residenz, wo ich Wasser und seine Reflexe festhielt, auf den Platz, wo diese Fotos entstanden.

Münchner Residenz - Reflexionen 1

Münchner Residenz – Reflexionen 1

Ich weiß nicht warum, aber ich musste an Platos Höhlengleichnis denken.

Der Aufstieg aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge, die mit einer Höhle verglichen wird, in die rein geistige Welt des unwandelbaren Seins. Den Aufstieg vollzieht zwar jeder für sich, aber da man dabei Hilfe benötigt, ist es zugleich auch ein kollektives Bemühen.

Ich will das jetzt nicht vertiefen, wen es interessiert und wer es nicht ohnehin kennt, kann eine in erträglichem Deutsch geschriebene Erläuterung in Wikipedia nachschlagen.

Mir kam es dabei mehr auf die Spiegelung an. Nicht Wasser als Spiegel, wie es eigentlich mein Thema dieses Jahr ist – Spiegelung allgemein.

Vieles und viele spiegeln unser Leben. Der Partner, das Kind, die Kollegen, in meinem Fall auch die Studenten. Jeder wirft in gewisser Hinsicht ein Bild zurück; ein Bild dessen, was man glaubt darzustellen. Man sieht sich also primär durch die Augen der anderen.

Das ist nicht immer, was man gerne sehen würde.

Münchner Residenz - Reflexionen 2

Münchner Residenz – Reflexionen 2

Aber es ist eine Chance. Über Platos Höhlengleichnis hinausgehend, wage ich zu behaupten, dass die Höhle einfach Teil unseres Lebens ist. Teil wohlgemerkt. Und dass das Lichtspiel, welches wir als Leben wahrnahmen, durchaus einen Einfluss auf das hat, was wir als wirkliches Leben leben.

Wenn wir lernen, das, was wir wahrnehmen, das was wir sehen, richtig zu interpretieren, so kann es uns sehr wohl dabei helfen, eine Richtschnur für unser Leben zu entwickeln.

Wir sollten lernen den Schatten ein wenig mehr zu vertrauen.
Wir sollten lernen unsere Schatten als Teil unserer selbst zu akzeptieren.

Vor allem sollten wir aber lernen aus den Bildern, die wir sehen, Konsequenzen zu ziehen; für uns und auch für die, mit denen wir leben, arbeiten … und die wir in letzter Konsequenz auch lieben.

Ohnmacht

Wir stehen zwischen Ohnmacht und Allmacht schrieb einmal Ruth Cohen – wann immer ich die Welt bei Licht betrachte wird mir das  klar. Wir könnten – und können ! – so viel zum Besseren ändern. Aber wirklich effektiv sind wir nur im Kleinen.

Wenn ich Kinder beobachte und fotografiere finde ich in ihren Gesichtern bisweilen dem Ausdruck von Ohnmacht. Aber auch von Freude. Von Hoffnung.

Oft von schierer Freude am Spiel, am Dasein.

Allmacht wird uns, hoffentlich, für immer verwehrt bleiben. Aber ein wenig mehr Freude und Hoffnung auf den Gesichtern von Kindern zu sehen – wäre das nicht wert etwas zu ändern?

Was das alles mit Fotografie zu tun hat? Ich glaube, dass Fotografie Menschen dazu bewegen kann die Realität richtig zu sehen – und damit vielleicht auch die Realität zu verändern.

Wäre ein Lächeln in einem Kindergesicht nicht ein wenig Veränderung wert?