Emmaus und Neuperlach

Nein, Emmaus und Neuperlach trennen Welten. Und doch nicht.

Ostermontag.

Ich weiß nicht, wie oft ich über diesen Gang nach Emmaus nachgedacht habe. Ich weiß nicht, mit wie vielen Jugendlichen ich darüber gesprochen habe. Man wird alt.

Nicht erkennen, was ist.

Ostermontag in München Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Gehen wir nicht alle auf einem Weg, ohne zu erkennen, wo er wirklich hinführt? Wenn ich das das, was jener Zimmermanns Sohn sagte, ernst nehme, hieße das, ich muss meinen Nächsten lieben. Nur, wer ist das? Die Frau in meinem Wohnblock, der wir unser selbstgebackenes Brot vorbeibringen, wissend, dass sie in der reichen Stadt München am Rande des Existenzminimums lebt? Ist es die Frau drei Häuser weiter, die nur mit ihren Augen sichtbar gemeinsam mit ihren Kindern einkaufen geht? Ich kann die ängstlichen Blicke, die sie im Supermarkt begleiten, verstehen und muss mich immer wieder an die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit erinnern.

Heute Morgen sah ich die Osterbotschaft des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Ein Machwerk, nein, Verzeihung, ein Meisterwerk an politischer Manipulation. Ob er je Leni Riefenstahls berühmten Film „Der Triumph des Willens“ gesehen hat? Mehr entsetzt hat mich allerdings der Kommentar eines alten Freundes, der meinte, ein guter Christ sei man nur, wenn man mindestens Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag die Messe besuchte.

Nun, ich glaube, ein guter Christ ist man, wenn man die Werte, die jener Jude namens Jechua, den man später zum Gottes Sohn erklärte, beherzigt. Zentraler Wert ist und bleibt für mich dabei: Liebe deinen Nächsten. Ich saß in der Osternacht (doch ich gehe da immer noch gerne hin, auch wenn es dieses Mal eine rechte Laienspielertruppe war) hinter drei hübschen Mädels mit Schmollmund. Meine Vermutung: sie waren da, weil Mama und/oder Papa es wollten. Sie wussten kaum wohin mit ihren Händen während der Messe. Ich fand das recht amüsant, weil es mir immer wieder die Unzeitgemäßheit unserer eigenen Symbole deutlich macht. Aber wollen wir daran wirklich unseren Glauben fest machen?

Wissen Sie, was mich heute Morgen (zugegeben: ich lese Zeitung, digital und im Bett) noch beeindruckte? Ein Gespräch zwischen Réne Scheu und Peter Sloterdijk in der NZZ. Man mag zu Sloterdijk stehen, wie man will, aber seine Äußerungen sind immer nachdenkenswert. Sie finden sie provozierend? Genau deshalb sind sie nachdenkenswert.

Darf ich zitieren?

„Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Medien sind Themen-Umwälzanlagen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit: Weltwissen entsteht überwiegend medial, die sogenannte eigene Erfahrung spielt eine immer kleinere Rolle.“

Da zitiert Sloterdijk Niklas Luhmann, und die Aussage wird mit zunehmendem Alter nicht weniger wahr. Unserer eigenen Erfahrungen zählen immer weniger. Steven Spielberg schrieb gestern, er sähe in Virtual Reality die ultimative Droge. Was zählt ist nicht, was ist, sondern was ich glaube. Ich kann mir das gut vorstellen. Wenn ich mir die Reaktionen vieler meiner Freunde (männlich und weiblich gemeint – ich möchte die Kiste genus vs. sexus hier nicht aufmachen) auf Aussagen im Web betrachte, kann ich nur den Kopf schütteln. Soviel Hass, so beschränkte Weltsicht. Darf ich noch einmal auf Soterdijk zurückkommen?

Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja, im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt, hat zugenommen, und zwar in allen Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht, Inländer gegen Ausländer, Alt gegen Jung.

© Thomas Michael Glaw

Die Veränderungen kommen immer schneller, und viele wünschen sich, in der Vergangenheit zu verharren. Einer Vergangenheit, die keinen Deut besser war. Nur langsamer. Wir leben zu kurz, um die großen Veränderungen auf diesem Planeten wirklich erfahren zu können. Wir verweigern uns ihnen. Große Veränderungen waren immer von großen Wanderungsbewegungen begleitet. Die neue Verbindung von Menschen und Ideen hat immer zu dem beigetragen, was wir heute idiotischerweise Fortschritt nennen.

Fortschreiten von was?

Wir gehen auf etwas zu, das wir noch nicht kennen. Nur gemeinsam werden wir in einer besseren Zukunft ankommen. Das christliche Ideal erscheint mir dafür nicht völlig ungeeignet. Auch ohne drei Gottesdienste an Ostern zu besuchen.