Singer’s World

Isaac Bashevis Singer.

Ich weiß nicht, wem unter Ihnen der Namen etwas sagt, ich bin Anfang der achtziger Jahre über Singers großen Roman „Die Familie Moschkat“ auf der Münchner Auerdult gestolpert. Es war eine Mark, die gut investiert war, denn aus diesem Roman habe ich mehr über das Ostjudentum und seinen Untergang erfahren als aus all den bemühten Geschichtsstunden in einem deutschen Gymnasium.

Vor etwa zwei Monaten fiel mir „Eine Kindheit in Warschau“ von selben Autor in die Hände und damit erwachte der Wunsch nach langer Zeit wieder einmal nach Warschau zurückzukehren und mich auf die wenigen verbliebenen Spuren des Judentums in der polnischen Hauptstadt zu begeben. Ich wollte gerne sehen ob noch der eine oder andere Stein aus den Straßen, in denen vor dem ersten Weltkrieg die aus den Schteteln nach Warschau strebenden Ostjuden Quartier machten vorhanden war.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Ich war mir durchaus bewusst, dass es wahrscheinlich ein sinnloses Unterfangen werden würde und doch wollte ich einfach da gewesen sein. Wir haben uns in Warschau, wie in den meisten Städten, wenn wir reisen, mit Bus und Tram bewegt. Zum einen sieht man mehr, zum anderen sind diese Verkehrsmittel bei weitem nicht so steril wie die U Bahn. Trotzdem ist es schwer in Warschau mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen. Sicher gibt es eine Sprachbarriere, aber viele junge Polen sprechen genügend Englisch um eine Konversation zu führen. Trotzdem kommt, anders als in Rom oder Madrid einfach kein Gespräch in Gang.

Isaak Singers Vater war Rabbiner in der Krochmalna, einer Straße, die es auch heute noch gibt. Natürlich weiß ich, dass die deutsche Wehrmacht das Ghetto dem Erdboden gleichgemacht hatte und wenig später den ganzen Westteil Warschau. Trotzdem hoffte ich Spuren zu finden. Die ältesten noch erhaltenen Bauten befanden sich in einem furchtbaren Zustand. Furchtbar? Doch. Dem Verfall nahe oder wahlweise geschmacklos in ein neues Gebäude integriert. Und doch spürte man, wenn man den Gebäuden näher kommt, ein wenig den Atem der Geschichte. Das klingt zu pathetisch? Mag sein, aber so habe ich es empfunden. Und gerochen. Feuchtigkeit. Moder.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Während man an anderen Orten auf pathetischen Protz wert legt, scheint der Erhalt der wenigen noch erhaltenen Gebäude, die ein Gefühl für die vergangene Zeit erahnen lassen, niemand zu interessieren. Wenn man vor ihnen steht wünscht man sich bestenfalls einen Schutzhelm oder wechselt die Straßenseite.

Trotzdem kann man sich die Enge, die Dunkelheit, den Pferdemist auf den Straßen vorstellen, wenn man dort in einem Hauseingang steht. Es waren eher die Presslufthämmer im nächsten Gebäude, die störten. Szenen aus dem Buch bewegten meine Fantasie, ebenso wie wie der Blick auf die Weichsel am Tag zuvor. Singer beschreibt einen Ausflug an den Fluss mit einem Freund.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof beschloss unsere Reise in die Vergangenheit. Andern als in Prag, wo der alte jüdische Friedhof ein Touristenmagnet ist, durch den stündlich hunderte Besucher geschleust werden, liegt der jüdische Friedhof in Warschau still, fast verschlafen da. Bäume hängen schräg zwischen anderen, die Gemeinde bedankt sich für die Spende von 2,50 Euro, damit man den Friedhof besuchen kann. Eine fast unendlich scheinende Zahl von Gräbern, eng beieinander, bedecken den Waldboden. Langsamer Verfall, neben von Nachgeborenen veranstalteter Prahlerei macht nachdenklich, beschwört die Vergänglichkeit. Als wir uns aus der Vergangenheit lösten, die schattigen und von Spinnweben bedeckten Gräberfelder hinter uns lassen und uns wieder dem Hauptweg nähern, geraten wir in eine von Videokamera und Fotografin begleiteten Gruppe von jungen Israelis, die auf der Suche nach, ja was, in wenigen Minuten durch den Friedhof gescheucht werden. Eine andere Gruppe ist bereits auf dem Rückweg und vor dem Friedhof stehen vier weitere Busse. Finden werden sie in diesem Tempo nichts. schon gar nicht die Vergangenheit.

Isaac Singer hätte sicher eine Geschichte daraus gemacht. Ich traue mich nicht.

Warschau: Eine Suche

Vor 44 Jahres war ich das letzte Mal in Warschau. Ich war durchaus zwischendurch in Polen, meistens jedoch in Schlesien. Dort läuft das Leben ein wenig langsamer als im hippen Warschau, wo ich gestern ankam. Aber ich übertreibe. So hip ist Warschau nämlich gar nicht, auch wenn es das wohl gerne wäre. Natürlich gibt es auch hier all das Jungvolk, das nichts besseres zu tun hat, als auf diesen wunderbaren neuen elektrischen nicht-mehr-Tretrollern durch die Straßen zu pesen, natürlich sind auch hier sämtliche Sushi Bars mittags von jungen Männern in Konfirmationsanzügen in verwaschenem blau bevölkert, die mit nackten, stachligen Männerbeinen in Sneakern demonstrieren, dass sie voll im Trend liegen. Und auch all die gebräunten jungen Damen , die ihre nackten Beine in kurzen Röcken auf dem abendlichen Weg zum Weichsel Strand möglichst dekorativ in der Tramlinie 4 arrangieren, auch sie sind natürlich voll hip.

Markthallen wie in der Provinz – © 2019 T M Glaw

Daneben gibt es aber noch die vielen jungen Familien, die die Einkäufe nach Hause schleppen, die vielen alten Frauen, die sich mit dem Rollator aus Jaruzielskis Zeiten durch die Stadt bewegen und die vielen alten Männer in Unterhosen auf irgendwelchen baufälligen Balkonen, die morgens um elf wohl schon ein Rendezvous mit der Wodkaflasche hatten.

Wenn man als Deutscher nach Warschau kommt, egal wie jung oder alt man ist, wird man den letzten Krieg nicht los. Es waren die Deutschen, die diese Stadt auf der Westseite der Weichsel dem Erdboden gleich gemacht haben – auch wenn die rote Armee auf der Ostseite einfach tatenlos zugesehen hat. Zumindest verdanken wir dieser Tatsache heute einen außerordentlich kreativen Stadtteil namens Praga, der sich in den vergangenen 6 Jahren von der dunklen Seite Warschaus zur hippen gemausert hat. Na ja,da haben wir es wieder: hip … Sagen wir lieber chaotisch – kreativ, das wird man dort lieber hören und es entspricht auch eher der Wahrheit. Ein wenig wie die Anfänge von Haidhausen vor dreißig Jahren, wenn ich das mal als Wahlmünchner so behaupten darf. Ich bin gespannt, ob man hier in Warschau die Gentrifizierung aufhalten kann, oder ob die Jüngelchen mit ihren gestylten Mädels und den Konfirmantenanzügen hier demnächst auch Einzug halten. Natürlich mit Bart. Bei so manchem fragte ich mich heute Mittag, ob letzterer vielleicht doch aus einem Theaterfundus stammt – irgendwie war das Kind zu jung dafür.

Wandkunst – © 2019 T M Glaw

Der Wandel der Bausubstanz ist faszinierend. Neben den überwiegend aus den fünfziger Jahren stammenden Plattenbauten stampft man ein Hochhaus neben dem nächsten aus dem Boden. Durchaus wagemutige Architektur, nebenbei bemerkt. Liebeskind lässt grüßen. Das faszinierende ist, dass es irgendwie ein Gesamtbild ergibt. Das Störenste ist vielleicht die nach dem Krieg nach den Canaletto Bildern wieder erstandene Stare Miasto, die Altstadt, heute das Mekka der Touristen und der Con-Artisten. Wie haben sie nur kurz gestreift und eigentlich war das schon zu viel.

Einkaufzentrum im Herzen Warschaus – © 2019 T M Glaw

Kann man die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Deutscher in Warschau vergessen? Ich glaube nein, aber all das Leben, das um einen herum passiert, zeigt, dass die Zeit weitergeht. Was könnte es besseres geben, als in der Geschichte verankert zu sein, während das Leben weiterhin seine Geschichten schreibt.

Brügge oder Zuviel

Wenn man in der Nähe des Kanalsystems wohnt, das Brügge umschließt, bemerkt man zunächst gar nicht so viel von den allgegenwärtigen Touristen. Das eine oder andere Paar geht über die schmalen Bürgersteige, die durch entlang der Hauswände abgestellten Fahrräder noch enger werden. Wenn man eine Wohnung, oder wie wir ein Haus in der Peripherie zeitweise bewohnt, fällt einem Ende August allenfalls auf, dass sich Belgien noch im Sommerferienmodus befindet. Die Bäcker und Metzger sind noch geschlossen. Beim morgendlichen Lauf entlang des Kanals begegnen einem nette Menschen, die lächeln und freundlich grüßen. Katrijn hat mich beim gemeinsamen Stretchen sogar auf einen Kaffee eingeladen. Das rüde Erwachen folgt, wenn man sich nach der ersten, in wunderbarer Ruhe verbrachten Nacht, in Richtung Stadtzentrum aufmacht.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Je näher man diesem kommt, desto zahlreicher werden die Menschen, die irgendwie unorientiert, obwohl meist die Frauen (Mütter, Gefährtinnen, Töchter) die Nase in einen Führer zu haben scheinen, einem nicht näher definierten, magischen Zentrum zustreben.

Die Vielgestalt der Sprachen nimmt zu, die Vielgestalt der Geschäfte nimmt ab. Wer braucht denn wirklich 12 Schokoladengeschäfte (belgische Schoki natürlich) auf einem viertel Quadratkilometer? Zara, Boggi, H&M und wie sie alle heißen, habe ich auch in München. Gewiss, ich hatte damit gerechnet, dass es auch in Brügge ein gerüttelt Maß an Geschäften gibt, die den modernen Touristen bedient. Dass sie die ganze Altstadt in Besitz nehmen, hat mich schon erstaunt. Da ist mir Rom oder Madrid lieber. Zugegeben, diese Städte sind schlicht größer, da fällt es nicht so auf.

Erstaunlich fand ich allerdings auch die hohe Zahl an Leerständen: zum Verkauf oder zur Vermietung anstehende Geschäftsräume, überdies viele leere Galerien. Ob der Verkauf der Seele an den Tourismus vielleicht nur zum Teil geglückt ist?
Wenn dieser Verkauf überhaupt ein Glück sein kann.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Begriff des „overtourism“ macht seit Jahren die Runde. Er findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung ebenso wie in der Financial Times  und anderen, angesehenen internationalen Publikationen. Ich verband in der Vergangenheit das Phänomen des übermäßigen Tourismus meistens mit Venedig. Diesen Sommer ist mir in Rom bewusst geworden, was der plötzliche Zustrom von 60.000 Menschen – in diesem Fall Jugendliche überwiegend mit den besten Intentionen – für eine Stadt bedeutet.

Durch Brügge lief ein wohlhabendes, internationales Publikum, wir hörten ein dutzend Sprachen oder mehr. Vor jedem auch nur halbwegs alt wirkenden Haus bewegten sich zahllose Handies durch die Luft, um es auf die nicht mehr existierende Platte zu bannen und danach nie mehr anzuschauen. In Navid Kermanis Buch „Entlang der Gräben“ sagt eine Führerin, das Fotografieren der Fresken sei auch ohne Blitz verboten. Wegen der Eiligkeit. Als uneiliger Fotograf, finde ich, dass sie durchaus Recht hat. Auch ein gutes Bild bedarf der Zeit, des Nachdenkens über Licht und Schatten, und gegebenenfalls des Wiederkommens. Aber es geht gar nicht mehr um Bilder. Das Selfie ist zur Gewohnheit geworden. So wie man das Telefon abnimmt, wenn es läutet. Man denkt nicht darüber nach und vergisst es danach schnell. So wie die auf dem Handy gespeicherten Bilder. Außer sie sehen richtig cool aus. Dann kann man sie posten.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Für mich sind die Touristen, die ich in Brügge erlebte, die Totengräber des Reisens. Oberflächlich oder gar nicht informiert, vor allem aber mehr oder minder gar nicht interessiert an den Menschen, die dort leben, an der Sprache, die diese Menschen sprechen, an der Kultur, in der sie leben. Eigentlich möchte man nur ein paar schöne Bilder machen, sagen, dass man da gewesen ist. Belgische Schokolade gekauft hat. Die Geschäfte mit belgischer Spitze waren übrigens meistens leer. Too old school.

Es gibt Orte, wo mich dieser Tourismus nicht überrascht. Im schönen, alten Brügge war das schon der Fall. Vielleicht hatte ich einfach die Anziehungskraft der Stadt unterschätzt, noch mehr allerdings den Einfluss auf das normale Leben im städtischen Kontext. Der Gesichtsausdruck der Brügger, wenn sie sich auf ihren Fahrrädern durch die Menschenmassen schlängeln, ist zwischen genervt und stoisch. Die Stadt scheint vom Tourismus zu leben. Dass dem nicht so ist, bemerkt man erst, wenn man jenseits des Altstadtgürtels unterwegs ist und sieht, wie viel mittelständische Industrie existiert; wenn man durch normale Wohngebiete schlendert und normale Märkte und Geschäfte besucht – wenn sie denn offen waren. Wenn man mit normalen Menschen in der Kneipe am Eck ein Bier trinkt. Dort beginnt man mit drei fehlerbehafteten Sätzen auf Niederländisch ein Gespräch, das sich meist auf Englisch fortsetzt. Und Spaß macht.

Ob die Stadt ihre Seele den omnipräsenten Heuschrecken verkauft hat, die nichts verstehen und alles konsumieren? Die Gastronomiepreise bestärken diesen Eindruck. Das belgische „Nationalgericht“ moules frites habe ich selbst in Paris schon deutlich günstiger gegessen. In Brügge ist es ab 24 Euro pro Person zu haben … Croque Monsieur haben wir zu Preisen zwischen 11 und 16 Euro gesehen. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Toast mit Käse. In der Nähe des Place d’Italie in Paris bezahle ich dafür 4,50 Euro.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Tourist mag es zahlen, und dennoch ist es der Massentourismus, der zukünftig das Reisen schwierig, wenn nicht gar unmöglich machen wird. Städte, die aus diesem Trend Kapital schlagen wollen, sind zur geschminkten Gesichtslosigkeit verdammt. Sie müssen oberflächlich versuchen, den einzigartigen Charakter ihrer Stadt zu präsentieren, während ihnen hauptsächlich daran gelegen sein muss, die Notwendigkeiten des internationalen Tourismus zu befriedigen. Sie müssen Touristenströme managen, die glauben, sich in einem einzigen großen Disneyland zu bewegen. Und dort ihr Geld verteilen. Das, was die Städte wirklich ausmacht, historisch, gastronomisch, aber auch zwischenmenschlich, bleibt dabei auf der Strecke.

Für mich bedeutet das nichts anderes als Selbstaufgabe, es bedeutet die Transformationen historischer Stadtzentren, zauberhafter Landschaften, zu Themenparks.

Europa, das so voll von realer Geschichte ist, wird nur noch second hand erfahrbar werden. First hand ist zu kompliziert. Vielleicht auch zu ehrlich. Auf alle Fälle zu groß und zu bunt. Wir mögen es heute aber nur einfach und am besten auf einem kleinen Bildschirm.

Atlantikwall und andere Bunker

Bunker sind nicht mehr zeitgemäß … oder doch? Wenn man die Schlagzeilen überfliegt, den kurzen Nachrichtenschnäppchen zuhört, die in Rundfunk und Fernsehen angeboten werden, könnte man meinen, es wäre höchste Zeit, wieder mit dem Bau neuer Bunker zu beginnen.

Nicht nötig.

Man könnte auch einfach ein Stück Dünenlandschaft an der belgischen Küste erwerben, dort stehen noch genügend herum. Als ich darüber las, dachte ich mir: kann doch nicht sein. Da hat einer irgendwo zwei Bunker fotografiert und erzählt jetzt, die gäbe es überall. Weit gefehlt. Alles was in Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien, Österreich und anderen Ländern nach den zweiten Weltkrieg zerstört wurde – um es dann Ende der fünfziger Jahre, atombombensicher, und mit erheblich größerem Aufwand neu in irgendwelche Berge und Hügel zu sprengen – ist an der belgischen Atlantikküste stehen geblieben. Die Frage nach dem „warum?“ konnte mir niemand schlüssig beantworten. Ich hätte mit Gedenkstätten gerechnet, mit der einen oder anderen aus historischen Gründen erhaltenen Geschützstellung. Nicht aber damit, dass man beim Spazierengehen in den Dünen regelmäßig vor kleineren oder größeren Bauwerken aus Beton steht, die sich einfach in die friedlichen Dünen verirrt zu haben scheinen. In einem Blog habe ich gelesen, dass sich ab und zu Liebespaare dahin zurückziehen. Ich könnte mir eine romantischere Umgebung feststellen. Es sind doch eigentlich genügend Dünen da, Sterne auch, zurzeit sogar Vollmond …

Belgische Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michel Glaw 2018

Interessant fand ich meine eigene Reaktion auf diese steinernen Reminiszenzen eines Krieges, der 12 Jahre vor meiner Geburt beendet wurde. Während mich die Flanders Fields, die Hügel und Felder, die Friedhöfe, Plätze und Dörfer rund um Ypern wirklich bewegten, stand ich diesen Bauwerken entlang der Küste eigentlich nur erstaunt gegenüber. Natürlich denkt man den „D-Day“, auch wenn diese Strände ein ganzes Stück weiter südlich waren, natürlich drängen sich Erinnerungen an Filme und an Bücher auf. Das Gefühl für die Schrecken des Krieges, das in Ypern überaus präsent war, stellte sich bei mir jedochnicht ein.

Vielleicht ist es die Zufälligkeit, mit der man über diese Betonklötze stolpert, vielleicht ist es die Abwesenheit von Friedhöfen, die es einfacher macht, den Gedanken an den tausendfachen Tod, der sich auf diesen Stränden ereignet hat, zu verdrängen.

Belgiscge Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michael Glaw 2018

Mein Sohn würde wahrscheinlich sagen, es sei schon ziemlich schräg. Die Strände sind durchaus einen Besuch wert, die Küstenstädte weniger. Wo es in Italien tausende von „letti sole“ am Strand aufgereiht gibt – Ensemble, die ich von je her vermieden habe und bestenfalls fotografisch oder geometrisch interessant finde – hat man in Belgien die Küste mit hochaufragenden Apartmenthäusern zugekleistert. Den etwas hilflos in den Dünen herumstehenden deutschen Befestigungsanlagen hat man Wohnanlagen für Durchschnittsbürger gegenübergestellt, in denen man auf 40 oder 60 Quadratmetern seinen Sommerurlaub verbringen kann. Die Häuser erinnerten mich an Bienenwaben, nur nicht ganz so kunstvoll – und definitiv nicht so süß gefüllt. Ein Apartment neben dem nächsten und ganz viele übereinander. Es ist eine graue Mauer entlang der See, die deutlich bedrohlicher wirkt als die Bunker, die ein paar hundert Meter weiter südlich in den Dünen stehen.

Strand bei Oostende – © Thomas Michael Glaw 2018

Es sind Formen des Tourismus, die ich nicht verstehe. Warum quetscht man sich samt Familie für zwei oder drei Wochen auf engem Raum zusammen? Warum in einer hässlichen Stadt? Warum an einem windigen Strand, wo es oft regnet und man stets die kolossalen Unterbringungsanstalten im Rücken hat? Es erschließt sich mir noch weniger, als die Touristenmassen, die sich durch den historischen Kern von Brügge wälzen. Aber davon später.

Ypern

Wenn man durch Flandern reist, fühlt man sich ein wenig wie Damiel und Cassiel, die zwei Engel in Wim Wenders „Der Himmel über Berlin“. Man ist ein Suchender, und die Vergangenheit holt einen immer wieder ein. Wenn man auf schmalen Betonstraßen, die an die Pisten der ehemaligen DDR erinnern, durch die Landschaft rund um Ypern fährt, lässt einen das Schlachten nicht los.

Wie viele Schlachten sind hier geschlagen worden.
Wie viel Blut hat diesen Boden getränkt.

Erinnerungen an Indochina kommen auf, auch an die Stätten der Maya, doch die Schauplätze der beiden Weltkriege, hier in Belgien, stehen emotional einfach näher.

Soldatenfriedhof bei Ypern – © Thomas Michael Glaw 2018

In fast jedem Dorf erinnert ein See von weißen Kreuzen an die anderthalb Millionen jungen Männer, die bei diesem sinnlosen Gemetzel ihr Leben ließen. Aber welcher Krieg ist nicht sinnlos, welche geschlagene Schlacht hat die Menschheit je ein Stück weiter gebracht? Hügel, um die herum zehntausende ihr Leben verloren, liegen heute friedlich im Abendlicht. Allenfalls ein hektischer deutscher Tourist aus Bonn, der, sein Auto im Halteverbot parkend, schnell ein paar Fotos macht, stört die Ruhe.

Ob die Größe der Monumente wirklich der Größe der Opfer entspricht?
Einzelne Obelisken stehen einfach in der Landschaft herum, als ob sie selbst langsam den meist auf ihnen proklamierten Heldenmut in Zweifel ziehen.

© Thomas Michael Glaw 2018

Es sind so viele Namen, gemeißelt in Stein, fein säuberlich mit Rängen und Regimentern, dass die Buchstaben vor meinen Augen zu tanzen beginnen.

So viel Blut. So viele Verwundete, Verstümmelte, im Gaskrieg Erblindete oder erbärmlich Erstickte. Es ist gut, Erinnerungen zu bewahren, aber wenn man an diesen Stellen spazieren geht, wird die Erinnerung selbst zu einer gewaltigen Last.

In Langemarck liegen mehr als 40000 junge Männer. Man nennt den Friedhof auch den Studentenfriedhof. Besoffen von den anfeuernden Worten des letzten deutschen Kaisers starben sie in einer Schlacht, auf die sie nicht vorbereitet waren. Was hätten sie wohl noch vorgehabt? Welche Bücher sind nie geschrieben, welche Lieder nie komponiert, welche Geliebte nie gestreichelt worden?

© Thomas Michael Glaw 2018

Es scheint Frieden zu herrschen. Zumindest für den Moment. Einst heiß umkämpfte Kreuzungen sind zu viel befahrenen Kreisverkehren geworden, Hügel, um deren Besitz jahrelang getötet wurde, ermöglichen nunmehr lediglich einen schönen Blick auf Ypern.

Über allem liegt eine eigenartige Stille.
Eine Stille, die schreit.
Ein ausgetrockneter Boden, der das vergossene Blut kaum zu verhüllen vermag.

In Flanders Fields.

De Lijn

Man spricht das „de lein“ aus, aber es hat mit einer Leine wenig bis gar nichts zu tun. De Lijn heißt auf Niederländisch „die Linie“; in unserem aktuellen Kontext handelt es sich um den Verkehrsverbund in West Flandern. Wie ich darauf komme? Wenn ich mich wirklich langweile, es an Bord kein Handelsblatt gibt, kein Artikel dringend geschrieben werden muss, greife ich zum Lufthansa Magazin. Das soll jetzt nicht abwertend gemeint sein. Die (vermutlich jungen) Damen und Herren, die dieses Magazin publizieren, geben sich redlich Mühe, trotz der Vorgaben ihrer Meister (der Marketing Abteilung der Lufthansa), ein lesbares Magazin zu produzieren. Einmal im Monat lese ich es auch. Man kann von dem Format durchaus etwas lernen für die gegenwärtige Unternehmenskommunikation, die ja auch zu meinen Geschäftsbereichen zählt. Aber ich schweife ab.

Vor einigen Monaten las ich in eben jenem Magazin einen Beitrag über die flämische Küstentram. Es war ein überaus interessanter, gut geschriebener Beitrag. Heute bin ich überzeugt davon, dass es ein „plant“ war. Ein Beitrag, der gegen Bezahlung oder sonstige Vorteile ins Magazin gehievt  wurde. Schön blöd, auf so etwas hereinzufallen, mögen Sie sagen. Nun ja, shit happens, oder politisch korrekter formuliert:  die Geschichte war wirklich gut geschrieben.

Wir machten uns also auf gen Brügge (siehe mein letzter Beitrag), erwarben ein fünf Tage Ticket für „de Lijn“, was zugegebenermaßen günstig ist, downloadeten (ist Deutsch nicht eine wunderbare Sprache) die App (ohne App geht heute gar nichts mehr), und begannen zu planen.

De Lijn – © Thomas Michael Glaw 2018

Das erste, was wir bemerkten, ist, dass die famose App allerlei Alternativen enthält, die in jenem Ticket von „De Lijn“ nicht enthalten sind. So kann man von Brügge nach Ostende zwar durchaus mit dem Bus fahren (De Lijn umfasst nur Busse und die Küstentram – das sagt einem aber niemand). Man braucht dann aber zweieinhalb Stunden. Alternativ kann man auch 4,30 Euro bezahlen und ist in 12 Minuten da. Mit der belgischen Bahn. Genau die Alternative, die einem auch die App von „De Lijn“ vorschlägt.

Am ersten Tag waren wir wagemutig. Wir nahmen den Bus nach Blankeberge. Das Erlebnis war es wert, denn es brachte uns der belgischen Gesellschaft heute ein gutes Stück näher. Mit an Bord dieses Busses waren rund ein Dutzend Schwarzafrikaner, die sich über ihre Belange während der ganzen, etwa 25 Minuten dauernden Fahrt, unterhielten. Man konnte, ob der Lautstärke, nicht weghören. Die Frauen benutzten eine Sprache, mit der ich nicht vertraut war, die Männer sprachen in einer Mischung aus Französisch, Englisch und einer mir nicht bekannten Sprache.  Es war nicht uninteressant, ihnen zuzuhören. Interessanter jedenfalls als den Kindern, die sich einfach ein einer nicht näher zu definierenden Sprache anschrien, Doch wirklich. Anschrien.

Kusttram – © Thomas Michel Glaw 2018

Wir stiegen dann alle gemeinsam in Blankenberge aus. Unsere schwarzafrikanischen Freunde gingen ihres Weges und wir nahmen die nächste Küstentram. Das Bild, das die Lufthansa gezeichnet hatte, verflüchtigte sich schnell. Freiheit. Gute Sicht auf die Küste. Interessante Menschen.

Die Küstentram (Kusttram sprich Linie 0) ist vor allem ein Nahverkehrsmittel für Menschen, die ihren Urlaub an der belgischen Kanalküste verbringen. Wer glaubt, er könne die belgische Küste betrachten, sollte sich besser ganz hinten hinsetzen, denn die meisten Waggons sind mit dieser modernen Werbung beklebt (siehe Rom), die nur eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung der Umgebung ermöglichen.

Kusttram – © Thomas Michael Glaw

Außerdem ist die Kusttram voll. Jede einzelne. Egal, von wo sie nach wohin auch immer fahren wollen. Sie ist ein Nahverkehrsmittel, aber bestimmt nicht ein Weg, die belgische Küste zu erfahren. Was es da so zu erfahren gibt, berichte ich in einem anderen Beitrag.

Bitte, fahren Sie nicht wegen der Kusttram nach Flandern. Es mag andere Gründe geben. Die Tram ist keiner. Die App von „de Lijn“ ist eher ein abschreckendes Beispiel, wie man Nahverkehr eher nicht organisieren sollte.

Wanderer kommst du nach Brügge

Nein, es hat keine Schlacht gegeben. Und doch gibt es etwas zu verkünden, davon aber später. Ich wollte schon seit langem einmal die flämische Kusttram, die Küstentrambahn, ausprobieren und auch den „Flanders Fields“ ein wenig nachspüren.

Aber fangen wir am Anfang an. Wir waren zum nachgefeierten fünfundachtzigsten Geburtstag meiner Mutter in Köln und wollten uns von dort aus mit der Bahn nach eben jenem Brügge aufmachen. Wir wollten die Bahn nehmen, denn die Verbindung über Brüssel ist günstig, auch in preislicher Hinsicht, und uns in Flandern mit „de Lijn“, dem dortigen Nahverkehrsverbund, bewegen. Dazu später mehr.

Zunächst einmal erwartete uns am Kölner Hauptbahnhof das übliche DB Chaos. Verspätete Züge, ausgefallene Züge, ausgefallene Entschuldigungen für ausgefallene Züge und Hinweistafeln, die so schnell rotierten, dass man mit dem Lesen nicht mehr nach kam. Züge verschwanden, tauchten wieder auf, verschwanden wieder, wurden geteilt, und aus zehn Minuten Verspätung wurden erst zwanzig, dann vierzig.

Endlich kam der ersehnte ICE, glücklicherweise hatte er auch noch die Originalnummer, so dass unsere Platzkarten noch gültig waren und wir uns nicht um einen Stehplatz im Gang prügeln mussten. Nachdem wir den englischen Enkel einer Hamburger Großmutter zwischen uns platziert hatten, so dass Oma nicht mehr auf dem Koffer sitzen musste, rumpelten wir los Richtung Aachen.

Belgischer Intercity – Erste Klasse

Das interessante an solchen Zugfahrten sind meist die Gespräche, die sich ergeben. Nachdem wir die jeweiligen Verspätungen bis zu diesem Zeitpunkt durchgehechelt hatten (3 Stunden aus Kiel, 2 aus Hamburg) versuchten wir zu ermitteln, ob Großmutter und Enkel noch ihren Eurostar nach London in Brüssel erreichen würden. Die Chancen glichen einer Achterbahnfahrt, da die Verspätungsangaben im Online Portal der Deutschen Bahn ungefähr so schnell wechselten wie die Lottozahlen. Bald war jedoch klar: das wird nichts mit dem Eurostar. Es würde eine nicht geplante Übernachtung in Brüssel werden. Als der Zug sich in Aachen ein wenig leerte, zogen die beiden ins Nachbarabteil um, wo jetzt auch der junge Mann einen komfortablen Sitz hatte. In unserem Abteil wandten sich die Gespräche der Welt der Oper zu, vor allem der mangelnden musikalischen Qualität der Semperoper. Salzburg bekam aber auch sein Fett ab. Geht doch nichts über ein wenig lästern im Erste-Klasse-Abteil.

Dann fingen auch wir an zu rechnen und es begann erneut das Lotteriespiel mit den Verspätungsangaben. Besonders lustig war es in den letzten vierzig Minuten der Reise. Überschreitet man die geplante Ankunftszeit am Endbahnhof, ist für die Bahn der verspätete Zug nämlich angekommen und man bekommt keine Angaben mehr. Am Ende haben wir dann tatsächlich noch den IC nach Brügge erwischt. Trotz sieben Minuten Umstiegszeit und obwohl wir erst auf Gleis 6 erfahren haben, dass es heute von Gleis 16 losgeht. Nein, und ich war nicht einmal außer Atem.

Dieser belgische Intercity erinnerte mich stark an die Regionalzüge im China der achtziger Jahre, mit denen ich von Beijing nach Chengde gefahren bin. Es saßen zwar nicht vier Leute in der zweiten Klasse nebeneinander, sondern nur drei, aber ich war auch schon lange nicht mehr durch halb im freien liegende Verbindungen zwischen Waggons gegangen. Ein wahrhaft nostalgisches Erlebnis. Als wir die erste Klasse gefunden hatten, war auch sie gut besetzt. Es gab allerdings noch eine Vierergruppe, in der nur eine Dame saß, die ihren Koffer so drapiert hatte, dass von Anfang an klar war: meins! Normalerweise lasse ich mich von so etwas nicht abschrecken, aber die Dame hatte auch einen Blick, der mich sehr stark an eine Französischlehrerin erinnerte und nichts Gutes verhieß. Sie war in der Tat Französin. Ich lächelte also freundlich, wuchtete unser beider Koffer in die Kofferablage und setzte mich der Dame gegenüber. Sie schaute kurz von ihrem Buch auf, blickte mich an, wie man vielleicht eine Spinne auf dem frisch polierten Parkett anblickt, und fragte mich auf Französisch (Ha!), ob sie ihren Koffer wegnehmen solle. Ich antwortete in meinem besten Französisch, das sei schon in Ordnung. Was mir noch einen kritischen Blick einbrachte. Wahrscheinlich war sie wirklich Französischlehrerin, und mit meinem subjonctiv stimmte etwas nicht. Die Pointe kommt, wie immer, zum Schluss: als der Schaffner kam, fragte sie ihn etwas auf Französisch; bei den Flamen kommt das nicht so gut an. Bei einer genaueren Inspektion ihrer Fahrkarte stellte sich zudem heraus, dass sie nur über ein Billet zweiter Klasse verfügte. So kommt man, unverdienter Maßen mögen Sie sagen, zu zwei Fensterplätzen.

Und was hat das jetzt alles mit dem Wanderer zu tun, der nach Brügge kommt. Da geht es Ihnen so wie mir, wenn ich als Kind jeden Abend meinen Vater anbettelte: Nein Papa, die Geschichte ist noch nicht zu Ende! Weitererzählen!

Wir verließen also in Brügge unseren Vorortzug, der unter dem Deckmantel eines Intercitys unterwegs war, und es begann zu regnen. Meine unfehlbare Doro hatte den Weg zu unserem Huisje, sprich unsrer Heimstatt für die nächsten Tage, mit 1,7 km oder 23 Minuten ausgemacht. Im Zug hatte es kein Bier gegeben. Ich hatte die Faxen dicke. Es begann heftiger zu regnen.

Brügge – © Thomas Michael Glaw

Der Taxifahrer hatte sein Handwerk offensichtlich in Les Mans gelernt und fuhr uns in unter sieben Minuten in die Gapaardstraat. Natürlich war es jetzt nicht kurz vor acht, wie geplant, sondern eher kurz vor zehn. Und es schüttete. Meine Wenigkeit hatte nur eine dünne Regenjacke eingepackt, die ich üblicherweise zum Laufen anziehe und die nicht mehr so besonders dicht hält. Aber ein Bier, oder auch zwei, und etwas zu essen hätte jetzt schon etwas.

Also keine Müdigkeit gescheut. Der erste Eindruck von Brügge war: hier werden um zehn Uhr die Bürgersteige hochgeklappt. Auf alle Fälle an einem Donnerstag wenn es regnet. Menschen hetzten nach Hause, Kneipen wurden geschlossen, Kellner standen an Theken und schüttelten auf einen fragenden Blick nur mit dem Kopf. Mein Gesicht wurde immer länger und mein Hemd unter der angeblichen Regenjacke immer nasser. Unter dem leeren aber immerhin überdachten Fischmarkt legten wir eine Pause ein. Ein Blick aufs Handy bestätigte, dass die einzige Kneipe weit und breit, die noch offen zu haben schien, Delaney’s Irish Pub war. Also zurück in den Regen. Und, oh Wunder, der Laden hatte noch offen, war proppe voll (klar, alle anderen hatten ja schon zu) und servierte uns ein Brugse Zot (also einen Brügger Narren) in unter fünf Minuten. Ein wenig später schoben sie dann einen eher geschmacklosen Shepherd’s Pie nach, aber er war warm und wir hatten Hunger. Und das Bier war wirklich nicht schlecht.

Außerdem nieselte es auf dem Heimweg nur noch.

Wanderer kommst du nach Brügge, so vergiss also nicht, dass du nach zehn Uhr zum Irish Pub musst.

Dezemberbahn

Abfahrt München 6:50

Ein Blick in die Gesichter der Mitreisenden. Müde, gestresst, geschäftig, den Blicken ausweichend, manche gelangweilt: Reisen bedeutet heute nur noch selten Aufbruch zu neuen Abenteuern, dem Kennenlernen und Erleben anderer Menschen und Kulturen. Es ist zur Alltäglichkeit geworden. Man reist viele Kilometer zur Arbeit, fährt in den Urlaub, wo man möglichst sein eigenes Ding machen möchte, und sitzt schweigend, in sein Handy vertieft, gegenüber oder telefoniert mit Gott und der Welt (wohl eher letzteres).

Es entspannt mich, wenn ich meinem selbst gesteckten Plan folgen kann, wenn es keine Verzögerungen gibt, wenn ich den nächsten Zug / die nächste Deadline gut erreiche. In vielen außerplanmäßigen Stopps, Hürden oder Verzögerungen stecken allerdings auch Chancen, man muss aktiv werden, um sie zu meistern.

Mancher „Elefant“ wird vielleicht zur „Maus“ , die er eigentlich war.

Bahnsteig – © 2017 Thomas Michael Glaw

Schichtwechsel

Für die meisten Reisenden im Abteil endet in Stuttgart die Fahrt mit dem IC 2266. Man hat sein Ziel, seinen Arbeits- / Tagungsort erreicht oder steigt um. Die Klientel wechselt von Business zu Senioren. Auch mein dauer-telefonierender Nachbar gegenüber, der mit mir kein Wort gewechselt hat, ist ausgestiegen.

Menschen unterwegs, an Bahnhöfen, in Zügen oder der U-Bahn zu beobachten, ist immer wieder interessant. Mal hilflos ungeschickt, mal penetrant laut und Raum einnehmend, bewegen sie sich auf der Reisebühne. Dabei ist es spannend zu sehen, wie sich die Präsenz verändert.
Schafft man es, ihnen ein Lächeln zu schenken?

Bahnstopp – © 2017 Thomas Michael Glaw

Umstieg Karlsruhe – ca. 1 Stunde Pause. Dass man ohne Verpflegung auf Reisen geht, war für meine Mutter immer nur schwer verständlich. Ausnahmeweise habe ich heute doch eine Thermoskanne Tee und Brot mitgenommen – eine gute Entscheidung, da es in meinem IC und auch in dem nachfolgenden ICE lediglich ein Bistro gibt. An den Bahnhöfen – auch hier in Karlsruhe – hat man dann „reiche Auswahl“ zwischen Kuchen und Sandwiches bei Starbucks, Dean & Davids, ein oder zwei Großbäckereien, den allgegenwärtigen Dunkin Donuts oder dem Lokal „Zum goldenen M“.

Heimwärts

Nach vielen Begegnungen freut man sich auf das Heimkommen, aber jetzt ist es doch wieder so weit: Durch eine Zugentgleisung in Basel haben alle Züge Richtung Norden Verspätung. Das ist ärgerlich, da selbst großzügig kalkulierte Umsteigezeiten wie Sand zerrinnen und wir Reisende nicht wissen, ob wir unsere Ziele noch erreichen.

Interessant ist, dass durch die Situation automatisch Gespräche entstehen und sich eine Art Reisegemeinschaft entwickelt.

Nachdem ich zehn Minuten vergeblich in der Warteschlange an der Reiseinformation gestanden habe, die sich keinen Millimeter bewegt hat, bin ich in den an Gleis 1 stehenden ICE eingestiegen. Dieser soll nach der Anzeige am Bahnsteig irgendwann Richtung Norden, nach der Anzeige im Zug jedoch Richtung Basel fahren. Laut meinen Mitreisenden, die hier schon seit eineinhalb Stunden sitzen und auch Rhein aufwärts wollen, ist schon seit langem nichts passiert. Informationen gibt es ebenso wenig wie Bahnmitarbeiter, die man fragen könnte.

Ein Mitreisender hat jedoch am Ende des Zuges einen Bahnangestellten gefunden, der bestätigte, dass der Zug wirklich nach Norden fährt, andere wissen, dass dieser ICE auf das Zugpersonal wartet, das aus Basel kommen soll, und über die Bahn-App sehen wir immerhin, wie groß die Verspätung der anderen Züge ist, die in unsere Richtung fahren. Nach mehr als 45 min Warten gibt es endlich eine Durchsage der DB: Der ICE, den ich gebucht habe, soll in Kürze heute auf Gleis 2 einfahren. Geschwind packen wir zu fünft unsere Sachen und stürmen auf das nächste Gleis.

Wege – © 2017 Thomas Michael Glaw

Abschiede

Nun sitze ich also in „meinem“ Zug, auf „meinem Platz“ – zwar 50 min später als geplant – aber dennoch wie gebucht. „Ach, Sie haben reserviert?“ Es klang fast ein wenig traurig, als ich mich von „meinen“ Mitreisenden verabschiedete. Seltsam, noch vor 45 min kannten wir uns nicht, waren nur zufällig in das selbe Abteil geraten. Durch den gemeinsamen „Leidensdruck“ waren wir miteinander ins Gespräch gekommen, hatten unsere Bahnerfahrungen ausgetauscht und manchmal herzlich gelacht. Irgendwie wäre es schon interessant gewesen, die nächste Etappe gemeinsam zu erleben – wer weiß, was noch für Geschichten erzählt worden wären.

(Gastbeitrag von unserer viel Bahn reisenden Kollegin Dorothea Lubahn)

 

Lichte Momente.

In München ist wieder einmal Auer Dult Zeit. Wer meinem Blog schon länger folgt, weiß, dass dieser Markt für mich eine magische Anziehungskraft besitzt. Die Mischung aus Trödelmarkt und Kirmes, auf der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft vergnügen, ist eine der letzten Ur-Münchner Institutionen, die noch nicht auf dem Altar des Kommerzes geopfert wurde.

Ich habe dort schon für wenige Euro, manchmal sogar nur für einen einzigen, kleine Kunstwerke, wie Klabunds „Moreau“ oder Franz Werfels frühe Gedichte in dem Band „Wir sind“ in Erstausgaben erstanden. Dieses Mal fiel mir  „Einmal“ von Wim Wenders in die Hände. Für vier Euro wieder einmal ein Schnäppchen, das vom Verlag der Autoren vertriebene Buch kostet im Handel das Zehnfache.

Prag – © 2017 Thomas Michael Glaw

Als ich das Buch gelesen, vor allem aber betrachtet hatte, wurde mir klar, warum Wim Wenders es angeblich oft dabei hatte. Es sind kleine Momente, die er in rhythmisierter Sprache beschreibt, zusammen mit Fotografien, die eine gewisse Zufälligkeit ausstrahlen und doch den brillanten Filmemacher fühlbar machen, der Licht und Perspektiven mit spielerischer Gelassenheit erfasst.

Seine Texte und Bilder erweckten in mir Erinnerungen an unseren letzten Aufenthalt in Prag. Bilder, die in ihrer Art und Weise Solitäre sind. Bilder, die allein stehen. Sie stehen für Momente, die mich an Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ erinnern, in dem es  nicht nur um Tomas Affären, die Probleme der „unerträglichen Leichtigkeit“ des Westens, sondern auch  um die Normalität in Tschechien oder in Prag geht. Eine sympathische Normalität, eine Freundlichkeit, die man in westliche Großstädten nur mehr selten findet.

Prag © 2017 Thomas Michael Glaw

Die Bilder, die ich für diesen kurzen Blog gewählt habe, spiegeln für mich Momente wieder, bei denen ich an den Roman dachte. Momente, die eine optisch wunderbare Normalität widerspiegeln. Momente, die mich immer wieder zu Wenders Buch zurückführen. Momente, die zwischen Vergangenheit und Moderne oszillieren. Von der Unterführung im letzten Bild zur Brücke im nächsten sind es in der Realität kaum fünf Minuten zu Fuß. Es ist das Normale im Alltag, die Schönheit in dieser Normalität des Alltags, die wir uns immer wieder bewusst machen müssen. Wenn wir das Gefühl verlieren für diese kleinen optischen Momente, die als Kondensationskerne der Erinnerung fungieren, dann beginnen wir uns selbst zu verlieren.

Prag – © 2017 Thomas Michael Glaw

Es ist das Besondere im Normalen, das heute mehr denn je unser Leben und auch das der sogenannten Generation Y ausmacht. Wir sollten an eben diesem Normalen arbeiten. Aus der Normalität wächst das Besondere. Eben jene lichten Momente.

Kleinseite in Grün

Man durchschreitet einen kleinen Park am Ufer der Vltava, der Moldau, wenn man sich vom flussnahen Teil der Kleinseite in Richtung Laurenziberg aufmacht. Dabei kommt man am Denkmal von Josef Dobrovský vorbei. Meiner Meinung nach sollte dieses Denkmal eigentlich auf einer Brücke stehen. Nicht auf der Karlův most, der Karlsbrücke, auf der sich derzeit die Touristen gegenseitig beim Knipsen im Weg stehen, dazu wäre er zu bescheiden gewesen. Aber eine andere der vielen Prager Moldaubrücken schiene mir angemessen. Dobrovský war wirklich ein Brückenbauer zwischen der deutschen und der tschechischen Sprache und Kultur. Er hat übersetzt, eine erste tschechische Grammatik verfasst und gemeinsam mit vielen anderen die Wiedergeburt der tschechischen Sprache betrieben.

Prag – an der Moldau © Thomas Michael Glaw

Wenn man die geschäftige Ujezd überquert hat, betritt man den größten Park der Prager, den die deutsch sprechenden Prager Laurenziberg nannten, und der heute auf Tschechisch Petřínské sady heißt. Man kann es nun wie die meisten Touristen machen und sich mindestens eine halbe Stunde anstellen, um sich von einer Zahnradbahn auf den Berg – na ja, aus bayerischer Sicht bestenfalls ein Hügel – hinaufziehen zu lassen, oder aber man spaziert langsam hinauf, verharrt bei der einen oder anderen schattigen, und, wie in Europa üblich, mit sinnlosen Graffiti verzierten Bank und denkt darüber nach, ob es wohl hier war, wo Franz Kafka den einen oder anderen Brief geschrieben hat oder einfach saß und nachdachte.

Blick vom Prager Laurenziberg – © 2017 Thomas Michael Glaw

Dieser Park hält, sofern man sich von der Bergstation der Zahnradbahn fernhält, tatsächlich, was er verspricht: ein wenig Stille im hektischen Treiben der Prager Altstadt. Prag verfügt über viele schöne Parks, aber dieser ist der einzige, der in der Nähe der Altstadt ist und zudem eine gewisse literarische Bedeutung hat. Beim Gang durch das Grüne eröffnen sich immer wieder Blicke auf die goldenen Dächer von Prag, vor allem, wenn man am Spätnachmittag oder Abend unterwegs ist und die Sonne richtig steht.

Auf dem Weg in Richtung der Ewigen Stiege (heute heißt sie petřínské schody), die uns unterhalb des Klosters Strahov in Richtung der Nerudova führt, kommt man an einem zum Kiosk verwandelten Gartenhaus vorbei. In Deutschland hätten die Behörden dieses Ding längst geschlossen. Hygiene, Umweltschutz .. der Gründe wären sicher viele. So aber kann man, fast wie einst bei Tante Erna, auf einer mit allerlei Kitsch, vom Plastikschwan, über ebensolche Ostereier bis hin zu Zwergen, dekorierten Gartenterrasse sitzen, den Blick auf die Stadt genießen, ein kühles Staropramen zwar vom Fass, aber aus einem Plastikbecher, schlürfen (wenn ich das Schild richtig verstanden habe, muss man sich Glasgläser selbst mitbringen) und bei Hunger eine Kolbasa mit frischem Kren verzehren.

Rast – © Thomas Michael Glaw

Betrieben von einem Tante Erna Duplikat und ihrem Göttergatten. Er zapft und kassiert, sie kocht und brät. Und wenn gerade keiner klingelt, sitzen sie im Garten und lösen Kreuzworträtsel oder diskutieren den neuesten Einkaufsprospekt. Ein paar hundert Meter weiter gelangt man aus einem schattigen Waldstück zur Ewigen Stiege, die man vorsichtig herabsteigen sollte. Warum vorsichtig? Nun, sie ist mit kleinen Pflastersteinen gepflastert, und einige haben anscheinend Liebhaber gefunden oder wurden für den Fall eines anstehenden Protestmarsches schon einmal vorsorglich eingesteckt.

Die ewige Stiege – © Thomas Michael Glaw

Bevor man am ehemaligen italienischen Hospital, dem heutigen italienischen Kulturinstitut, vorbeigeht geht, taucht auf der rechten Seite die deutsche Botschaft auf. Die meisten werden es erst merken, wenn sie vor dem durchaus imposanten Portal stehen. Darf ich Sie zu einem Blick auf einen wahrhaft historischen Ort verleiten? Kehren Sie um, benutzen Sie bei der ersten Gelegenheit einen Durchgang in der Mauer, lassen sie den Spielplatz links liegen und gehen Sie einen etwas holprigen Weg links hinter. Nachdem der Herr Botschafter sein Privatleben zu schätzen weiß, ist der größte Teil des Botschaftsgartens nicht einsehbar, gar zu dicht hat Mutter Natur den Blätterwald ausgestattet.

Deutsche Botschaft Prag – © Thomas Michael Glaw

An einer Stelle jedoch, von der aus man das Botschaftsgebäude gut von hinten sehen kann, stehen Sie vor einem Gitter und sehen den Balkon, von dem aus Hans Dietrich Genscher rief: „Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der Rest der Ansprache ging im Jubel unter. Wer das damals erlebt hat, bekommt schon ein wenig Gänsehaut, wenn er da steht. Und wenn Sie sich Sorgen um die barocke Buchsbaumhecke auf dem Foto machen: ein Schild verkündet, dass sich nicht um mangelnde Pflege, sondern um einen Pilz handele, und man sich schon darum kümmere.

Anschließend gingen wir weiter zur ehemaligen Sporer Straße, die heute nach Jan Neruda benannt ist, dem bereits zitierten Autor der Kleinseitner Geschichten und vieler anderer Romane und Erzählungen. Mein Cicerone (Herr Dömling) schrieb in seinem Führer von einer ruhigen Straße, die die Erinnerung an das alte Prag lebendig werden lässt. Wenn wir im Lateinunterricht wieder einmal einen Seneca, Cicero oder Livius fürchterlich verbogen hatten, pflegte mein alter Lateinlehrer zu sagen „Si tacuisses“, was so viel heißt „Ach, wenn du doch nur geschwiegen hättest.“ Das möchte man hier auch dem Ciceronen zurufen.

Nerudova – © 2017 Thomas Michael Glaw

Die Nerudova quirlte nur so von Touristen. Nerudas Geburtshaus wird quasi gar nicht wahrgenommen, und das alte Prag ist zwischen Imbissbuden, Tandläden und original Prager Trdelníkbuden im Dutzend ausgezeichnet verborgen.

Was bleibt von der Kleinseite?

Mit viel Fantasie und Konzentration ein Eindruck davon, wie sich die katholische Gegenreformation mit Kirche und Habsburgs treuen Adligen in barockem Prunk festsetze und zudem ein wunderbarer Spaziergang im grünen Herzen Prags mit einigen herrlichen Momenten. Die Geschichte von dem Hund in dem Brunnen habe ich noch gar nicht erzählt; aber es sollen ja auch keine Kleinseitner Geschichten werden.