Dezemberbahn

Abfahrt München 6:50

Ein Blick in die Gesichter der Mitreisenden. Müde, gestresst, geschäftig, den Blicken ausweichend, manche gelangweilt: Reisen bedeutet heute nur noch selten Aufbruch zu neuen Abenteuern, dem Kennenlernen und Erleben anderer Menschen und Kulturen. Es ist zur Alltäglichkeit geworden. Man reist viele Kilometer zur Arbeit, fährt in den Urlaub, wo man möglichst sein eigenes Ding machen möchte, und sitzt schweigend, in sein Handy vertieft, gegenüber oder telefoniert mit Gott und der Welt (wohl eher letzteres).

Es entspannt mich, wenn ich meinem selbst gesteckten Plan folgen kann, wenn es keine Verzögerungen gibt, wenn ich den nächsten Zug / die nächste Deadline gut erreiche. In vielen außerplanmäßigen Stopps, Hürden oder Verzögerungen stecken allerdings auch Chancen, man muss aktiv werden, um sie zu meistern.

Mancher „Elefant“ wird vielleicht zur „Maus“ , die er eigentlich war.

Bahnsteig – © 2017 Thomas Michael Glaw

Schichtwechsel

Für die meisten Reisenden im Abteil endet in Stuttgart die Fahrt mit dem IC 2266. Man hat sein Ziel, seinen Arbeits- / Tagungsort erreicht oder steigt um. Die Klientel wechselt von Business zu Senioren. Auch mein dauer-telefonierender Nachbar gegenüber, der mit mir kein Wort gewechselt hat, ist ausgestiegen.

Menschen unterwegs, an Bahnhöfen, in Zügen oder der U-Bahn zu beobachten, ist immer wieder interessant. Mal hilflos ungeschickt, mal penetrant laut und Raum einnehmend, bewegen sie sich auf der Reisebühne. Dabei ist es spannend zu sehen, wie sich die Präsenz verändert.
Schafft man es, ihnen ein Lächeln zu schenken?

Bahnstopp – © 2017 Thomas Michael Glaw

Umstieg Karlsruhe – ca. 1 Stunde Pause. Dass man ohne Verpflegung auf Reisen geht, war für meine Mutter immer nur schwer verständlich. Ausnahmeweise habe ich heute doch eine Thermoskanne Tee und Brot mitgenommen – eine gute Entscheidung, da es in meinem IC und auch in dem nachfolgenden ICE lediglich ein Bistro gibt. An den Bahnhöfen – auch hier in Karlsruhe – hat man dann „reiche Auswahl“ zwischen Kuchen und Sandwiches bei Starbucks, Dean & Davids, ein oder zwei Großbäckereien, den allgegenwärtigen Dunkin Donuts oder dem Lokal „Zum goldenen M“.

Heimwärts

Nach vielen Begegnungen freut man sich auf das Heimkommen, aber jetzt ist es doch wieder so weit: Durch eine Zugentgleisung in Basel haben alle Züge Richtung Norden Verspätung. Das ist ärgerlich, da selbst großzügig kalkulierte Umsteigezeiten wie Sand zerrinnen und wir Reisende nicht wissen, ob wir unsere Ziele noch erreichen.

Interessant ist, dass durch die Situation automatisch Gespräche entstehen und sich eine Art Reisegemeinschaft entwickelt.

Nachdem ich zehn Minuten vergeblich in der Warteschlange an der Reiseinformation gestanden habe, die sich keinen Millimeter bewegt hat, bin ich in den an Gleis 1 stehenden ICE eingestiegen. Dieser soll nach der Anzeige am Bahnsteig irgendwann Richtung Norden, nach der Anzeige im Zug jedoch Richtung Basel fahren. Laut meinen Mitreisenden, die hier schon seit eineinhalb Stunden sitzen und auch Rhein aufwärts wollen, ist schon seit langem nichts passiert. Informationen gibt es ebenso wenig wie Bahnmitarbeiter, die man fragen könnte.

Ein Mitreisender hat jedoch am Ende des Zuges einen Bahnangestellten gefunden, der bestätigte, dass der Zug wirklich nach Norden fährt, andere wissen, dass dieser ICE auf das Zugpersonal wartet, das aus Basel kommen soll, und über die Bahn-App sehen wir immerhin, wie groß die Verspätung der anderen Züge ist, die in unsere Richtung fahren. Nach mehr als 45 min Warten gibt es endlich eine Durchsage der DB: Der ICE, den ich gebucht habe, soll in Kürze heute auf Gleis 2 einfahren. Geschwind packen wir zu fünft unsere Sachen und stürmen auf das nächste Gleis.

Wege – © 2017 Thomas Michael Glaw

Abschiede

Nun sitze ich also in „meinem“ Zug, auf „meinem Platz“ – zwar 50 min später als geplant – aber dennoch wie gebucht. „Ach, Sie haben reserviert?“ Es klang fast ein wenig traurig, als ich mich von „meinen“ Mitreisenden verabschiedete. Seltsam, noch vor 45 min kannten wir uns nicht, waren nur zufällig in das selbe Abteil geraten. Durch den gemeinsamen „Leidensdruck“ waren wir miteinander ins Gespräch gekommen, hatten unsere Bahnerfahrungen ausgetauscht und manchmal herzlich gelacht. Irgendwie wäre es schon interessant gewesen, die nächste Etappe gemeinsam zu erleben – wer weiß, was noch für Geschichten erzählt worden wären.

(Gastbeitrag von unserer viel Bahn reisenden Kollegin Dorothea Lubahn)

 

Cadiz

oder die Rückkehr zum Meer: Geplant war, was man auf Englisch so schön „a gentle drive“ nennt. Ein unübersetzbarer Ausdruck in Deutschland, einem Land, in dem die Freiheit zu Rasen, zu den vom ADAC verteidigten Grundwerten menschlicher Existenz gehört. In Spanien ist das bei einer gesetzlich verordneten Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf Autobahnen zugegebenermaßen schwierig. Freie Fahrt für freie Bürger -vielleicht wäre das ja eine weitere Idee für Pablo Iglesias „Podemos“ Bewegung. Nachdem es dem durchschnittlichen Spanier, beziehungsweise der durchschnittlichen Spanierin, beim Autofahren jedoch ein wenig an Übersicht mangelt, vielleicht doch keine so gute.

Auf dem Weg nach Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Auf dem Weg nach Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Aber ich lenke ab. Der Weg von Granada nach Cadiz sollte eigentlich der Landschaftsfotografie gehören. Wir wollten zumindest einmal erste Pflöcke einschlagen, um irgendwann im Frühjahr zurückzukehren und uns dann der Wildheit der Landschaft zu widmen – Spring it will be … Petrus hatte leider kein Einsehen und garnierte unsere Reiseroute mit einem permanenten Nieselregen, der nur durch zeitweilige Regengüsse unterbrochen wurde – zugegebenermaßen ein wenig schwierig, unter diesen Umständen Farben, Licht und Wolken in Einklang zu bringen. Abgesehen von den Unbilden des Wetters, steht auch das spanische Straßenbauamt der Idee des „Stehenbleibens“ auf Landstraßen nicht sonderlich positiv gegenüber – die Straßenränder fallen mal eben etwa einen halben Meter ab. Nachdem wir leider keinen Landrover, sondern einen Renault Captur zur Verfügung hatten (allein der Versuch, zwei Koffer und eine Fotoausrüstung in dieser Kiste unterzubringen, ist eine Herausforderung) keine empfehlenswerte Lösung.

Cadiz - © Thomas Michael GLaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Ich glaube, es war Lord Byron, der vom glänzenden Cadiz sprach. Zunächst einmal sind wir wie einst Jesus über das Wasser gewandelt, denn unser TomTom kannte, trotz Update auf neue Europakarte direkt vor der Reise, die im September 2015 eröffnete Brücke noch nicht und gab erschreckte Töne von sich. Ich habe Cadiz nicht als glänzend wahr genommen, aber für mich ist die Rückkehr zu einer Stadt am Meer immer etwas Besonderes. Es ist schwer zu erklären, aber die Nähe der See, der permanente Wind, das besondere Licht … ich kann mich dem nur schwer entziehen. Ich könnte stundenlang auf das Meer schauen. Nicht auf diese Badewanne zwischen Europa und Afrika, zugegebenermaßen, aber auf das wirkliche Meer. Es zu riechen, es in seinen Haaren zu spüren, die Bedrohung, wie auch die Tiefe, wahrzunehmen, die gefühlte Unendlichkeit des Horizonts (auch wenn er fototechnisch durchaus endlich ist), die unbewusst vorhandene Tiefe.

Strandgut - © Thomas Michael Glaw 2016

Strandgut – © Thomas Michael Glaw 2016

Für meinen nächsten Gedichtband sammle ich seit drei Jahren „Strandgut“ in fotografischer Form: Angetriebenes, Steine, Federn, Taue, Kadaver … was das Meer wieder ausspuckt erinnert mich in manchem an meine Gedichte, die auch aus Zeilen bestehen, die das Leben von sich gegeben hat.

Die Stadt Cadiz selbst ist – zumindest im Winter – voll reizvoller Normalität. Es fällt auf, wie viele Europa- oder weltweit agierende Geschäfte selbst hier, im südwestlichsten Zipfel Spaniens, ihre Filialen haben, die Menschen wirkten ein wenig entspannter, als im shopping gestressten Granada. Auch hier boxten sich allerdings Gruppen weiblicher Teenager durch die gemächlich treibende Masse, um noch ihren letzten Einkäufen vor dem Eintreffen der Reyes Magos zu frönen.

Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Während wir den Heiligen Königen in Granada nie begegneten – die Schlange vor dem Rathaus, wo man sie angeblich persönlich treffen konnte betrug am Abend stets mindesten 100 Meter – liefen wir ihnen in Cadiz förmlich in die Arme: reizende ältere Herren, die mit Kindern und Erwachsenen gleich liebenswürdig umgingen.

Noch ein letztes Wort zu dieser wunderbaren Stadt am Rande des Ozeans: Suchen Sie sich ein Hotel an der Westseite, und wenn Sie Hunger verspüren, besuchen Sie das Restaurant La Despensa. Üblicherweise geben wir hier unsere kleinen Geheimnisse nicht Preis, aber so viele Leute wird es schon nicht nach Cadiz verschlagen, und dort kocht man wirklich gut. Nur ein Wort der Warnung: wenn Sie Spanisch sprechen und sich mit der Bedienung gut verstehen, seien Sie vorsichtig, wenn Sie zum Café Solo einen Carlos I bestellen. Es könnte passieren, dass man ihnen eine 1/3 Flasche auf zwei Gläser verteilt, und dann wird die bildnerische Arbeit am Nachmittag, wie soll ich mich ausdrücken, spannend.

Alhambra

Die Alhambra als Ganzes, besonders aber die Nasridenpaläste, sind ein Erlebnis, dass man sich einmal im Leben gönnen sollte. Vor die Begegnung mit diesem Kunstwerks hat allerdings die Stadt Granada den Erwerb eines Tickets gesetzt. Die meisten Reiseführer preisen die Möglichkeit des Erwerbs eines Online Tickets – keine Wartezeit, keine Schlange stehen. Prinzipiell bin ich ein großer Freund dieser Online Tickets, ob es das Musée d’Orsay in Paris, die Berliner Museumsinsel, die großen Museen in Madrid oder „dahoam“ in München das Lenbachhaus ist: schnell gebucht, zu Hause ausgedruckt, bisweilen sogar ganz einfach aufs Handy geladen. Die Stadtväter in Granada haben sich allerdings eine besondere „Methode“ ersonnen: bestellen und bezahlen kann man Ticket sehr wohl online – Schlange stehen muss man trotzdem, weil man es an einigen wenigen Automaten der örtlichen Bank „La Caixa“ ausdrucken muss. Für diesen „Service“ verlangt man dann 1,40 Euro extra pro Ticket. Bei ein paar hunderttausend Besuchern pro Jahr ist das ein hübscher Batzen Geld. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: für 1,40 bekommt man in Spanien bestenfalls ein kleines Bier und ich bin sehr dafür, Kunstdenkmäler zu erhalten, aber diese Methode ist doch ein wenig fragwürdig.

Die Gärten der Alhambra im Winter - © Thomas Michael Glaw 2016

Die Gärten der Alhambra im Winter – © Thomas Michael Glaw 2016

Nun wollen wir uns aber den angenehmeren Teilen des Besuches widmen, nämlich der Anlage selbst. Ich gehe davon aus, dass Sie alle Zugriff auf Wikipedia und diverse Kunstreiseführer haben, werde sich also nicht mit dem langweilen, was Sie sowieso überall finden können. Ein Besuch der Alhambra im Winter hat den Vorteil, dass die Besucherzahl nur einen Bruchteil der Sommerbesucher ausmacht (der Nasridenpalast war trotzdem komplett ausgebucht, wir haben fast die letzten Karten drei Wochen vorher online bekommen), die Farben des Parks sind völlig andere, die Früchte an den Bäumen leuchten anders, selbst die Steine sehen anders aus, weil sie nass sind.
Apropos nass: so sehr ich den Besuch im Winter empfehle, versuchen Sie tunlichst, einen Tag mit Dauernieselregen zu vermeiden. Wir konnten das auf Grund eines relativ engen Reiseplanes leider nicht und haben versucht, das Beste daraus zu machen.

Die Gärten der Alhambra im Winter - © Thomas Michael Glaw 2016

Die Gärten der Alhambra im Winter – © Thomas Michael Glaw 2016

Der Park ist ein wenig spanische Natur im Kleinformat, ohne etwas zu Artifizielles an sich zu haben. Klare, strenge Formen vermischen sich mit einer gewissen Wildheit. Überall fließt und sprudelt es; das Wassermanagement ist für eine Anlage dieser Größe, zumal fußend auf einer bald eintausend Jahre alten Technik, absolut faszinierend.

Nasridenpalast - © Thomas Michael Glaw 2016

Nasridenpalast – © Thomas Michael Glaw 2016

Ebenso interessant sind die „Spinnweben Gottes“ , die Wandgestaltung aus arabischen Schriftzeichen und Symbolen, die sich in ihrer Leichtigkeit durch alle Gebäude der ursprünglichen Alhambra zieht. Der Palast Karl V, den dieser spanischer Herrscher (und Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation) da mitten hineingesetzt hat, bleibt ein Fremdkörper. Schwer, massig, massiv, für die Ewigkeit gebaut. Die Konstruktionen und der Schmuck des frühen Islam wirken leicht, fast spielerisch und sind zudem aus Gips, also ganz bewusst der Veränderung, wenn nicht gar dem Verfall, preisgegeben. Wie anders war das Selbstverständnis dieser Herrscher, wenn man es mit dem Dogmatismus in den herrschenden Richtungen des Islam heute vergleicht … Die christlichen Kirchen bauen ja immer noch überwiegend für die Ewigkeit, auch wenn der derzeitige Papst wohl einen Wandel anstrebt. Ob er auch zu mehr Leichtigkeit in den Herzen führen wird?

Nasridenpalast - © Thomas Michael Glaw 2016

Nasridenpalast – © Thomas Michael Glaw 2016

Wenn man die Alhambra nach einem durchaus anstrengenden, halben Tag verlässt und die müden Füße einen (durch den Nieselregen) zurück in die Stadt tragen , nimmt man doch eine gewisse Leichtigkeit im Herzen mit. Eine Leichtigkeit, die das Gewusel der, immer noch heftig shoppenden, Bewohner der Stadt ein wenig leichter zu ertragen macht.

Granada

Warum fährt man im Winter nach Granada? Eine berechtigte Frage. Vielleicht, weil die Orangen immer noch an den Bäumen hängen, vielleicht, um verwitterte Granatäpfel an Bäumen zu fotografieren, vielleicht, weil man zu dieser Zeit noch nie dort war .

Aber alles zu seiner Zeit. Ein bemerkenswerter Samstag begann mit einem älteren Ehepaar am Münchner Flughafen, das sich verzweifelte bemühte, einen knapp zwei Kilo schweren Schmuck- oder Schminkkoffer (der Herr mag wissen, was sich darin befand) als Gepäck aufzugeben. Der Automat weigerte sich natürlich beständig, ohne weitere Kommentare abzugeben. Irgendwann war es den beiden dann zu dumm, zumal auch kein hilfreicher Geist in den gelb – blauen Farben der Kranichlinie auftauchte, die Passagiere hinter ihnen deutlich hörbar mit den Füßen scharrten und es ihnen „zu bunt wurde“. Allgemeines Aufatmen.

Weiter ging es mit den Damen und Herren der Sicherheitskontrolle. Als Fotograf mit reichlich Equipment gesegnet ist man ja so einiges gewöhnt, aber dass ich dieses mal nicht auch noch die Filter abschrauben musste um den Zwischenraum auf Sprengstoff zu testen, war auch schon alles. München (und Münster – Osnabrück, das muss an dieser Stelle schon angemerkt werden) sind, was die GRÜNDLICHE Überprüfung von technischer Ausrüstung angeht einsame Spitze. Rom, Paris, Edinburgh, Amsterdam, Madrid … eeeeentspannt. Die haben anscheinend begriffen, dass es nicht die Fotografen dieser Welt sind, die das nächste Flugzeug in die Luft jagen werden.

In der Mancha - © Thomas Michael Glaw 2016

In der Mancha – © Thomas Michael Glaw 2016

Von Madrid aus geht es dann etwas über vier Stunden durch überwiegend menschenleere Gegend Richtung Südwesten. Leider hatten wir nicht genug Zeit, um für aussagekräftige Landschaftsaufnahmen stehenzubleiben, jedem/jeder Interessierten sei die Gegend aber wärmsten empfohlen; ich werde bei nächster Gelegenheit einmal zurückkommen. Wilde Natur, kontrastiert mit streng geometrisch organisierten Olivenhainen, Bergrücken, die fast organisch wirken und Farbspiele zwischen Ocker, fahlem Gelb und Grautönen, die eine Herausforderung darstellen.

Als wir uns in Granada endlich zu einem Hotel nahe des Zentrums mit bezahlbaren Preisen durchgefummelt hatten, hätte uns ein netter Aufkleber im Lift eine Warnung sein sollen. Die Firma OTIS wies mit freundlichen Weihnachtsgrüßen darauf hin, dass der Aufzug in der Nacht vom 24. Dezember für den Papá Noel und in der Nacht auf den 5. Januar für die Reyes Magos, also die heiligen drei Könige, die in Spanien noch einmal Geschenke bringen, reserviert sei. In Deutschland hätten sie sich das niemals getraut, denn es hätte Kritik gehagelt von den Verfechtern einer christenfreien Weihnacht, ebenso wie von der katholischen Kirche. Spanien ist, in vielerlei Hinsicht, ein entspanntes Land. Politisch vielleicht nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Weinachten in Granada - © Thoma Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thoma Michael Glaw 2016

Das dicke Ende kam beim abendlichen Besuch in der Innenstadt. Nach Aufenthalten in Madrid war uns schon klar, dass der Spanier erst gegen acht Uhr abends aufwacht und dann in Massen ins Zentrum strebt. Das ist schön, damit kann man leben. Wir hatten nur übersehen, dass es ja auch noch um das Einkaufen von Geschenken geht. Da können zehnmal am 6. Januar die heiligen drei Könige kommen (Kinder nicht weiterlesen), die Geschenke organisieren immer noch Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tante, Bruder, Schwester, Cousin und Cousine – üblicherweise im Familienverbund, der dann auch schon einmal laut aufschreiend vor einem wunderschön dekorierten Schaufenster stehenbleibt. Auffahrunfälle der harmloseren Art sind also vorprogrammiert.

Weihnachten in Granada - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thomas Michael Glaw 2016

Bemerkenswert ist der Lärmvorhang, der über dem ganzen hängt. Wir sind durchaus römische Verhältnisse gewöhnt, aber die hier vorhandene Kakophonie aller Tonlagen übertrifft, zumindest für mein Dafürhalten, alles bisher Gehörte. Geht man dann irgendwann gegen 21 Uhr 30 in die Nähe irgendwelcher Lokale, um vielleicht doch noch einen Happen zu essen, wird das ganze eher noch schlimmer – und die Kinder zunehmend ungehaltener.

Verschärft wird das ganz noch durch die ubiquitäre Nutzung von Minipanzern, die als Kinderwagen getarnt sind, aber lässig den Umfang eines Kleinwagens, mit der Einstellung der Besitzerin (oder des Besitzers) am Steuer eines Panzers zu sitzen, kombinieren. Irgendwo in dem Teil sitzt unter einer Plastikplane (es regnet) ein schreiendes Kind, behängt ist das Ganze mit diversen Schirmen, Taschen und allen weiteren Notwendigkeiten – von diversen Weihnachtseinkäufen ganz zu schweigen.

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet – © Thomas Michael Glaw 2016

Warum fährt man also zu dieser Zeit nach Granada? Vielleicht, um einer Illusion nachzuhängen, vielleicht, um Federico Garcia Lorca auf einer feuchten Parkbank zu lesen, vielleicht, um eine paar Bilder vom – nach unserer Vorstellung – nachweihnachtlichen Granada zu machen. Sicher, um am nächsten Tag (wieder im Nieselregen) die Alhambra zu besuchen. Davon mehr im nächsten Blog.

 

Pariser Geschichten (2)

Natürlich kann man nicht durch Paris gehen, ohne über die vielfältigen architektonischen Versuche unterschiedlicher Epochen zu stolpern.

Moderne Gestaltung scheint geraden Linien zu huldigen, sei es bei Gebäuden, bei Flüssen, bei Kanälen. In Paris scheinen die Versuche moderner Architektur immer wieder Relikten vergangener Tage zu begegnen. Die Geradlinigkeit begegnet anders geformten Linien, die oft viel mehr dem menschlichen Leben entsprechen – denn wessen Leben verläuft schon in geraden Bahnen.

Opernbuchhandlung Paris - © Thomas Michael Glaw

Opernbuchhandlung Paris – © Thomas Michael Glaw

Die Schlichtheit des Geraden zieht auch mich immer wieder an; Linien, die ihre Fortsetzung im Unendlichen erfahren. Linien, denen allerdings etwas fehlt, etwas das Friedrich Schiller im 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen, als ein zentrales Element des menschlichen überhaupt beschreibt: das Spiel.

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Das Spielerische macht unseren Tag, unsere Nächte aus. Wenn wir nicht spielen, leben wir nicht. Selbst das dröge Befolgen von Regeln, das man in diesem Land, in dem ich meistens lebe, so liebt, ist auch nur ein Befolgen von Spielregeln. Nur dass Deutsche diese eben besonders ernst nehmen.

Noix de Coco / Rue de Lancry - © Thomas Michael Glaw

Noix de Coco / Rue de Lancry – © Thomas Michael Glaw

In Paris gibt es ein Museum, wo man das Spielerische besonders schön betrachten kann, auch wenn die Mehrzahl der Besucher (das bitte ich jetzt inklusiv zu verstehen) es eher als Spielplatz ihrer Kameras und Mobiltelefone betrachtet. Diesem Spielplatz möchte ich mich aber in meinem dritten Beitrag widmen.

Spielerische Linien in der Architektur.
Ich finde sie immer wieder in Läden und in den Menschen in, vor und um diese Läden.

Wenn man sich einmal jenseits der, vom Einheitsbrei international tätiger Konzerne geprägten, Fassaden, die leider in München, ebenso wie im kommerziellen und touristischen Zentrum von Paris, die Landschaft prägen, umschaut, so kann man Erstaunliches finden.

Antoine et Lili / Quai de Valmy - © Thomas Michael Glaw

Antoine et Lili / Quai de Valmy – © Thomas Michael Glaw

Farben und Formen, die Menschen ansprechen. Kunden und Besitzer, die miteinander noch wirklich sprechen und nicht nur in einen marktorientierten Dialog eintreten. Menschen, die nicht in Form und Farbe dem entsprechen, was die entsprechenden Hochglanzjournale von uns erwarten.

Ich verfolge das Thema Läden und Ladenfassaden seit langem. Wo Menschen kommen und gehen entstehen Geschichten, die es wert sind aufgezeichnet zu werden.

Menschlicher Umgang miteinander ist immer auch ein Spiel. Ein Spiel mit vielen Varianten und Variablen, ein wenig wie das Spiel mit den Linien: endliche und unendliche, gerade und gekrümmte.

Im Village St. Paul - © Thomas Michael Glaw

Im Village St. Paul – © Thomas Michael Glaw

Paris ist, ähnlich wie übrigens auch Köln, eine wahre Fundgrube für kreative Ideen, für Menschen, mit guten, wenn auch bisweilen ein wenig schrägen Ideen – etwas, dass mir im kommerziell so durchgestylten München immer mehr fehlt.

Ich freue mich auf die weitere Arbeit mit Fassaden und den Menschen, die sie beleben.

utopisches zwei

Wer auch immer utopisches eins gelesen hatte, fragte sich wohl „Warum, zum Henker, hat er es utopisches eins genannt, wenn es kein utopisches zwei gibt“

Zu Recht.

Es war einem Übermaß an Arbeit, einer weiteren Rom Reise und einem gewissen Verlust des Momentums geschuldet, das „zwei“ nicht so geschwind auf „eins“ folgte, wie das vielleicht wünschenswert gewesen wäre.

Es gab tatsächlich ein gewisses utopisches Momentum, das mich auf dieser kleinen Nordlandfahrt trieb. Seit meiner Doktorarbeit, anno Tobak, die sich auch mit dem Thema Utopie befasste, wollte ich immer schon einmal nach Bargfeld.

Warum, könnte man fragen, zieht es einen Menschen an den Zusammenfluss der Lutter mit dem Schmalwasser. Es ist das Haus mit der Nummer 37, das mich nach Bargfeld, ebenso wie nach Celle zog.

Es ist der Name Arno Schmidt.
Seine Person.
Sein Werk.

Der Zettelkasten

Der Zettelkasten

Als Fotograf war es letztendlich eine Plethora an privaten Schnappschüssen, die ich hie wie da sehen wollte. Ich wollte wirklich einmal durch das Auge des verehrten Sprachjongleurs blicken, versuchen ihm mit dem Blick des Fotografen auf meinem ureigenen Terrain näherzukommen – wissend, dass ich ihm in sprachlichen Hinsicht wohl nie entsprechen werde.

Bei einer ersten Begegnung mit Arno Schmidt, ich las als siebzehnjähriger seine „Gelehrtenrepublik“, war es wohl Verstörung, die unser Verhältnis prägte. Ich frage mich, ob die Kuratoren der Ausstellung im Bomann Museum in Celle, die übrigens heute ihre Tore schließt, ähnliches im Sinne hatten. Ein dunkler Raum, eine Fülle von Objekten, assoziiert mit Schmidts Werk. Fragmentarisch, so wie auch seine Vorgehensweise, bei aller Akribie, war. Für den, der die Texte kannte, war die Sammlung ebenso faszinierend, wie für die, die sich auf die Macher der Ausstellung einließen und ihren Hinweistafeln folgten. Gewiss gab es da Auslassungen – aber wie will man ein übervolles schriftstellerisches Leben in maximal dreihundert Quadratmeter packen.

Die grüne Lederjacke

Die grüne Lederjacke

Was bleibt?

Lichter, Artefakte, Verspieltes, Dramatisches, Authentisches … viele Dinge die hoffentlich zum Lesen oder wieder lesen der Werke Arno Schmidts ermuntern. Als Mensch wie als Fotograf empfand ich die relative Leere und Stille in der Ausstellung an diesem Tag eher als wohltuend – auch wenn man dem Meister mehr Aufmerksamkeit gewünscht hätte.

Und in Bargfeld?

Früher Nachmittag.
26 Grad im Schatten.
Ein VW Bus voller, nein ich schreib das jetzt nicht, die jede Menge Unsinn von sich gaben, letzteres aber in gnadenlosen Lautstärke. Man wusste nicht ob man angesichts der nonchalant vorgetragenen Ignoranz lachen oder weinen sollte.

Bilder aus den Privatissimum

Bilder aus den Privatissimum

Arno Schmidts Fotografien reflektieren die Ursprünglichkeit, die ich mir erhofft hatte. Sie ermöglichen einen Zugang zur kleinen Welt eines großen Schriftstellers, der sich gar zu gerne hinter der Komplexität seine Gedankengänge verborgen hat. Sein Blick auf das platte Land, auf kleine Details der Landschaft, auf seine Lebensgefährtin, auf „bürgerliche“ Errungenschaften, die wohl doch nicht so unwichtig waren … zeigen eine andere Seite des Autors. Eine Seite, die man seinen Schriften so nicht entnehmen kann, eine Seite, die aber seinen scharfen Blick für das Detail in seinen Romanen erklärt.

Es wäre interessant eine ähnliche Ausstellung mit solchen Fotos von Ernest Hemingway zu gestalten. Wenn es denn die Bilder gäbe …

Einblicke – September

Mantua – ein Tordurchgang in der Sonne am Spätnachmittag. Viel ist nicht zu sehen: ein leerer Platz, ein paar wenige Tische, ein telefonierendes Mädchen..
Aber der Blick reizt, ein paar Schritte weiter zu gehen. Wie groß wird der Platz wohl sein, der sich hinter den Mauern verbirgt? Was ist dort zu sehen?

Stadtpläne verraten einem zwar den Weg zu dem Ort, an den man gelangen möchte, aber einen Eindruck dessen, wie es dort aussieht, geben sie nicht. Diese Erkenntnis kommt mir immer wieder, wenn ich auf Reisen unterwegs bin – auf Entdeckertour. Es gilt vielmehr, die Augen offen zu halten, das Interessante und Unerwartete wahrzunehmen, nicht Sehenswürdigkeiten abzuhaken und weiter zu hechten.

Mantua - Einblicke

Mantua – Einblicke

Ein kleiner Ort wie Mantua lädt dabei viel eher ein, als Entdecker unterwegs zu sein, als große Reisemetropolen wie London, Venedig oder andere viel beworbene Urlaubsziele, wo man vor lauter Touristen, Kameras und Handys kaum noch den Ort erleben kann, an dem man selbst gerade steht. Aber auch dort kann man – wenn man seine Perspektive verändert – vieles entdecken:
Unscheinbares, besondere kleine Juwelen, Armut und Einsamkeit oder Gemeinschaft der Menschen, die dort leben, Gerüche, Geschmack von Speisen und Getränken, Wärme ebenso wie Kälte – echtes Leben jenseits des touristischen „heile-Welt-Blicks“ zeigt sich in vielen Dissonanzen und bietet viel mehr Einblicke in fremde Kulturen.

Wagen wir doch wieder öfters, als Entdecker unterwegs zu sein, suchen wir uns eine eigene Perspektive, schmecken und riechen wir selbst, was uns umgibt – mit den eigenen Augen, Ohren, Nase und Mund!

Diese Eindrücke können weder Handys noch Digicams festhalten – Gott sei Dank!

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Kalenderprojekt 2014.
Den vollständigen Kalender finden Sie unter http://www.thomasmichaelglaw.com