Ostern

Rumlaufen.
Ostereier kaufen.
Kühlschrank füllen.
Nochmal losziehen.
Suchen.

Suchen – Cadiz 1

Vieles im Leben findet man zufällig. Wenn man denn mit offenen Augen durchs Leben geht. So wie diese Dinge bei einem Spaziergang am Strand. Viele Menschen haben die Offenheit für das Leben, die Suche nach Neuem, jedoch aufgegeben. Viktor Frankl nannte jenes Sinnlosigkeitsgefühl, das sich anscheinend zunehmend des Menschen von heute bemächtigt, existenzielles Vakuum. Viele in meiner Umgebung erleben auch Ostern als existentielles Vakuum, das auf Gedeih und Verderb gefüllt werden muss. Reiseziele gibt es genug, Champagnermarken (für die jüngere Generation wohl eher Wodka) auch.

Suchen – Cadiz 2

Das Harz
der abgebrannten
Osterfeuer
umschmeichelt noch
die tristen Quader.

Beton reckt sich
aufstrebend, himmelwärts
ohne zu wissen,
wonach er strebt,
worauf er hofft.

Das Licht der Straßenlampen,
der Hecken schaler Schatten,
ein Wahlplakat
und eine leere Zigarettenschachtel
verwehren uns den Blick.

Auf Licht im Dunkel

Cadiz – Suchen 3

Auferstehung.

Für mich beginnt sie dort, wo wir aufstehen von unserem oft bornierten Interessendenken, uns öffnen für Liebe und beginnen, uns für Gerechtigkeit einzusetzen.

Jedes Ostern könnte dafür ein Anfang sein.

 

Die Bilder in diesem Beitrag entstammen meinem Projekt Strandgut. Die Sammlung von Fotografien und Gedichten ist seit April 2017 als Buch gleichen Titels im Buchhandel erhältlich.

Warten

Die Hälfte des Lebens besteht aus Warten:
Warten auf die U-Bahn.
Warten auf die Liebste.
Warten, dass der Vorhang sich öffnet.
Warten an Grenzen.
Warten an Barrieren.

Warten 1 – © Thomas Michael Glaw

Und immer gibt es da eine Schranke.
Oder einen Pfosten.
Etwas, das uns erinnert:
Geh nicht weiter – außer man fordert dich dazu auf.

Viele Menschen stehen an diesem Samstag vor solchen Barrieren und wissen nicht, wie es weiter geht. Die in diesem Beitrag abgebildeten Schranken lassen sich relativ leicht umgehen. Neben ihnen hat niemand Stacheldraht verlegt. Hinter ihnen warten keine Soldaten, die von Victor Orban oder einem anderen nationalistischen Potentaten beauftragt wurden, im Zweifelsfall zu schießen.

Trotzdem bleibt das öde Warten.

Warten 2 – © Thomas Michael Glaw

Warten lädt zum Nachdenken ein. Wenn man denn ob einer existenziellen Bedrohung dazu in der Lage ist. Wenn man in einer Schlange für Opernkarten steht, und nicht an der ungarischen Grenze. Wenn man auf einen Freund wartet, und nicht in einem Seelenverkäufer über das Mittelmeer schippert und auf festes Land hofft.

Warten nervt.
Ätzt.
Treibt in den Wahnsinn.

Weiß – Rote Schlagbäume.

Nichts geht mehr.
Vorwärts.

Warten 3 – © Thomas Michael Glaw

Karsamstag.
Warten auf Erlösung.
Nur wovon?
Wozu?

Wir könnten es seit zweitausend Jahren besser machen.
Warum tun wir es nicht?

Ein Freund, seines Zeichens katholischer Priester, nannte es nach dem dritten Glas Côte du Rhone einmal ganz großes Theater. Ganz Unrecht hat er nicht. Auch wenn ich selbst daran lange mitgewirkt habe.

Andererseits steht am Ende immer Hoffnung.

Hope dies last sagt man auf englisch.

Schnitt

Im modernen Film ist es Mode geworden, mit harten, schnellen Schnitten zu arbeiten. Auch in der preisträchtigen Literatur dieser Jahre werden Charaktere nicht mehr langsam entwickelt, sondern entstehen oft aus sich schnell aneinanderreihenden Konflikten. Heute morgen las ich in einem Blog über die Gedichte John Burnsides, um kurz darauf in einem leicht wippenden Sessel in seine langsam dahin fließenden Worte einzutauchen. Fuchsspuren im Schnee, Vororte verborgen hinter Hecken, das Auge des Betrachters blickt durch seine Augen. Langsamkeit geht also doch noch.

Trotzdem scheint mir im Moment auch das Leben selbst voll harter Schnitte zu sein. Zuerst ein Spaziergang im fast sommerlichen München, ein erstes Eis am Gärtnerplatz, Menschen, denen die Sonne ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte, spielende Kinder, viele verschiedene Sprachen.

München im April – © Thomas Michael Glaw

Am Abend kamen dann die Meldungen aus Stockholm

München im April / 2 © Thomas Michael Glaw

Für mich war es, als ob alles, was ich gesehen hatte, all die Farben, das Bunte, das Treiben auf den Straßen, das Lachen des Kellners, der unsere Pizza servierte, als ob all das mit einem Mal grau geworden war. Ein harten Schnitt. Leben in Schwarz – Weiß. Von religiösen Fanatikern in unser Leben getragen: Farbe/Schwarz-Weiß, Leben/Tod, Lachen/Tränen. Ich frage mich manchmal, wie lange wir das noch aushalten können. Natürlich kann man von der Realität in seine eigenen Gedankenpaläste fliehen, aber die Realität holt einen beständig ein, ob nun in Form von tollwütigen LKWs oder menschlichen Bomben. Und immer ist der Mörder jemand, der es im Namen Allahs, des gütigen, tut.

Wir Christen begehen heute den Tod unseres Religionsstifters. Sein Tod war ebenso brutal wie der der zahlreichen Opfer islamistischen Terrors in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. Was haben wir falsch gemacht, dass selbst aus unserem Land sich junge Männer aufmachen, um das  Morden zu lernen?

Der Karfreitag heißt auf englisch „Good Friday“. Ich frage mich heute mehr denn je, was denn gut an diesem Freitag ist. Und gut an dieser eigenartigen Zeit in der wir leben.

„Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“
(Friedrich Hölderlin: Der Gang aufs Land)