Weihnachtsstrauß

Ich gebe ja zu: es war zwar nicht fünf vor zwölf, aber doch zehn vor eins, als ich den Blumenladen in Neubiberg betrat um ein paar Blumen für den Esstisch zu erwerben. Um Eins schließen sie am Samstag. In den Minuten danach stürmten noch drei weitere Männer in den Laden. Die anwesenden Damen lächelten milde. Ich hatte mich schnell mit der Chefin auf eine Amaryllis, ein paar Disteln und ein wenig Drumherum geeinigt. Ich wusste ihr auch zu berichten, dass die Distel das Nationalgewächs Schottland sei. Mein Freund Alex meinte immer, der Grund dafür sei, dass die Distel „prickly and hard to eradicate“ sei – also stachlich und nur schwer auszurotten. Das würde ich ein wenig auch für mich in Anspruch nehmen .

© Thomas Michael Glaw

Der Herr hinter mir hatte es eilige, Griff schnell einen fertigen Strauß, verlangte noch nach einem dieser wunderbaren, geschmackvollen Einstecker in Herzchenform und bezahlte. Als schon halb durch die Ladentür gegangen war, drehte er sich noch einmal um und fragte: „Brauchen die jetzt eigentlich Wasser?“ Die Verkäuferin sah ihn an, als hätte er gefragt, ob der Papst katholisch sei. „Ja freilich!“ antwortete sie. Er erwiderte: „Ich meinte ja nur. Wegen des Tannengrüns.“ „Das braucht auch Wasser“, war die Antwort. „Sonst nadelt es“.

Als er den Laden verlassen hatte haben wir alle herzlich gelacht. Wenn Männer schon einmal Blumen kaufen …

Weihnachtskarten

Es gab eine Zeit, in der man selbst den entferntesten Verwandten zu Weihnachten eine Karte sandte. Als Student in den späten siebziger Jahren war das eher nervig. Heute muss ich sagen, mir fehlen diese Karten.

Bücherregale, die sich langsam mit Weihnachtskarten aus aller Welt füllten, zeigten, dass Weihnachten überall seine Wirkung entfaltete. Natürlich war und ist da auch jede Menge Kommerz am Werk. Natürlich kann man trefflich darüber streiten, was Weihnachten wirklich bedeutet.

© Thomas Michael Glaw

Historiker werden argumentieren, die christliche Kirche hätte das Fest der Geburt ihres Erlösers einfach auf einen Tag kurz nach dem Winter Solstitium verlegt, der schon vor zweitausend Jahren gefeiert wurde. Die Kirche war im Altertum groß darin, alte Traditionen anderer Kulturen zu für sich zu vereinnahmen.

Was aber bedeutet mir Weihnachten heute?

Es ist eine Zeit, Atem zu holen und zu reflektieren. Über ein fast vergangenes Jahr nachzudenken. Darüber, was man Gutes getan hat. Darüber, was man vielleicht besser nicht getan hätte, und darüber, was man, vielleicht wider besseres Wissen, unterlassen hat.

In den letzten Wochen las ich noch einmal Christopher Clarkes „Sleepwalkers“, und es gibt Momente, in denen ich uns auf demselben Weg sehe. Es ist Zeit, aufzuwachen. Wir gehen wieder schleichend auf eine Konfrontation zu, bei der wir alle nur verlieren werden, und vor der uns kein noch so wohlmeinender Gott schützen wird. Er (oder moderner formuliert „Sie“ oder vielleicht noch irgendetwas anderes) hat es in den letzten paar tausend Jahren auch nicht getan. Er hat uns nach der Vertreibung aus dem Paradies uns selbst überlassen. Sprich: wir sind ziemlich allein auf dieser Welt. Und bei allem Vertrauen in ein höheres Wesen: es ist uns überlassen, eine Katastrophe zu verhindern. Nur mit albernen Hashtags wird das nicht gelingen.

Wenn wir die Meinungshoheit weiterhin den Gilets Jaunes, der AfD, den Trumps, den Putins und den Xi Jinpings dieser Welt überlassen, wird bald von dem, das unser Leben wesentlich ausmacht, nichts mehr übrig sein. Die Freiheit, zu denken und zu sagen, was man denkt. Das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz. Eine soziale Verpflichtung des Eigentums. All das, was uns die Aufklärung beschert hat – übrigens auch das zu glauben, was uns gefällt, den Gott zu verehren, der uns entspricht – wird verschwinden.

© Thomas Michael Glaw

Das Kind, an dessen Krippe wir heute Abend stehen werden, wollte keine Kreuzzüge, keine Hexenverfolgungen, keine Kriege um seiner selbst willen. Es wollte auch keine Theokratie, wie wir sie heute immer noch in der Kirche haben und wie sie der Ängstlichkeit vieler zu passe kommt. Das Kind, dessen romantisch verklärte Geburt wir heute begehen, ruft seit zweitausend Jahren zur Umkehr auf. Es tut es noch immer.

Nur wir haben es noch immer nicht begriffen.

Trotz allem:

Gesegnete Weihnachten
Buon Natale.
Feliz Navidad.
Joyeux Noel.

Sterne

English version below.

Alles hat seinen Preis.
Sogar Sterne:

© Thomas Michael Glaw

Dereinst zeigten sie einfach nur den Weg nach Bethlehem.
Zu einem Stall.
Und heute?

Alles hat einen Preis.
Wenn man durch die deutschen Innenstädte läuft oder bummelt, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass wirklich alles einen Preis hat.

Weihnachten steht vor der Tür.
Die Gans hat ihren Preis.
Die neue X Box für den Sohnemann auch.
Die Diamantohrringe für die Geliebte gibt es auch nicht umsonst.

Gibt es unbezahlbare Geschenke?
Einen Bugatti vielleicht.
Aber nein, der hat ja auch seinen Preis.
Wer die richtige Kreditkarte hat, für den ist das alles ein Kinderspiel.

Kann man Liebe kaufen?
Ich denke ja.
Aber es ist keine.
Es ist ein kurzer Moment körperlichen Glücks.
Vielleicht.

Liebe ist unbezahlbar.
Frieden ist unbezahlbar.
Freundschaft ist unbezahlbar.

Euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.
Ein paar nachdenkliche Momente.
Und gutes Essen. Doch. Wirklich.

Und einen Freund.
Eine Freundin.
Oder mehr.

 

Everything has it’s price.
And everyone his.
I can’t remember who said this.
Nowadays even stars have their price.
Once they only guided the way to Bethlehem.
To a stable with a manger.

Everything has it’s price.
When I walk through Germany’s inner cities that feeling is reinforced.

Christmas is coming close.
The goose has a price.
The X Box.
The diamond ring for the mistress as well.

Are there priceless things?
Can you buy love?
Maybe something like it,
but it will only be an ephemeral experience.

True love is priceless.
True peace is priceless.
True friendship is priceless.

To all of you a very merry Christmas.
A few contemplative moments.
Good food. No, seriously. I’m a chef after all.

And a friend.
Or more.

 

Verstörende Weihnachten

Es war ein merkwürdiger Advent. Irgendwie wollte sich keine Ruhe einstellen. Man mag sagen: selber schuld, wenn ihr eure Wochenenden so zubaut. Es war aber spannend, nach Freiburg zu fahren, es war schön, meine Mutter in München zu haben, und es war, wie immer, ein wirklich entspannendes Wochenende in Münster. Trotzdem schien die Zeit zu rasen, die berühmte „to do“ Liste nie kürzer zu werden. Auch der nachdenklichen Momente waren viele. Eine junge Frau starb in Freiburg, zwölf weitere Menschen in Berlin.

Die Isar in München © 2016 Thomas Michael Glaw

Die Isar in München © 2016 Thomas Michael Glaw

Ich habe dieses Bild der Isar in München für diesen heiligen Abend bewusst gewählt. Ich weiß, es sollten heute eigentlich Krippen oder Tannenzweige oder zumindest eine Kerze sein. Für mich ist es aber genau diese Weite, die uns Christus gebracht hat. Die Kirche hat diese Weite immer wieder versucht, einzuschränken. Sie hat versucht, aus einer Religion der Freiheit und der Liebe eine Religion der Verbote und der Drohungen zu konstruieren. Und doch ist es gerade diese Weite, die mich an Tagen wie heute glücklich macht.

In einem meiner Kurse kam es diese Woche, genauer gesagt am Tag des Anschlags in Berlin, zu einem kleinen Zusammenstoß. In diesem Seminar wurde schon immer politisch diskutiert, dieses mal ging mich jedoch eine Teilnehmerin dafür an, dass ich die Meinung vertrat, man müsse sich gegen den IS verteidigen. Ihrer Meinung nach könne könne man als Christ nicht zur Waffe greifen, das habe immer nur ins Verderben geführt. Ich versuchte, das Prinzip der wehrhaften Demokratie zu erklären. Als ein anderer Teilnehmer sie dann fragte, ob man dem IS Syrien einfach überlassen sollte, verließ sie wutschnaubend den Raum.

Ich glaube, dass wir das Recht und die Pflicht haben, die Freiheiten, die wir hier alle schätzen, zu verteidigen. Ich möchte weiterhin meine religiösen Feste feiern können, so wie ich möchte, dass unsere jüdischen Mitbürger das mit den ihren tun können, oder meine türkischen Nachbarn, hier in Neuperlach, mit ihren. Ich möchte auch weiterhin mit einem buddhistischen Freund über die vor und Nachteile unserer Religionen in einem Pariser Café diskutieren können, ohne in einem Kerker zu landen. Wenn Marc Lynch in seinem letzten Buch (The new Arab Wars) Recht hat, dann ist das Beste, was wir tun können, uns aus den Kriegen im mittleren Osten herauszuhalten – wir haben sowie keine Chance, dort irgendetwas zum Besseren zu wenden.

Wintertollwood - © Doro Lubahn 2016

Wintertollwood – © Doro Lubahn 2016

Dann gibt es aber noch die Menschen, denen sogar das letzte Hemd fehlt. Eine passive Rolle in einem bewaffneten Konflikt bedeutet nicht, dass wir uns der Verpflichtung zur humanitären Hilfe entziehen dürfen. Wir müssen helfen. Ich glaube nach wie vor, dass die Entscheidung Frau Merkels vielleicht unüberlegt, vielleicht zu schnell, aber dennoch mutig war. Wir müssen nur auch aus Fehlern lernen. Wir müssen alle (ja, auch die Polen, die Ungarn, die Tschechen und all die anderen Angsthasen) bereit sein, denen die Hand zu reichen, die unserer Hilfe benötigen. Wir sollten jedoch schauen, wer da kommt. Vorsicht ist kein Fremdenhass, auch wenn manche gerne dieses Gewürz in ihre politische Suppe geben. Heribert Prantl ist nicht notwendigerweise der Weisheit letzter Schluss.

Bleibt die Frage, was das alles mit Weihnachten zu tun hat.

Friede auf Erden … das wirft fast automatisch die Frage der Theodizee auf. Wie kann ein liebender Gott das alles zulassen? Oft wird es reduziert auf die Frage „Kann es Gott nach Auschwitz geben?“. Mich treibt diese Frage seit langem um. Es gab auch schon vor der Shoa unbegreifliche Grausamkeit und es gab sie danach. Warum lässt Gott das zu? Welchen Sinn können unsere Gebete noch haben? Im Judentum hält man Gottes Handeln von vorne herein für unbegreiflich – nun, das mag helfen. Wir jedoch gehen davon aus, dass Gott Mensch geworden ist, um uns zu erlösen.

Send me an Angel - © Thomas Michael Glaw

Send me an Angel – © Thomas Michael Glaw

Letztes Wochenende besuchte ich in der Münsteraner Überwasserkirche die Ausstellung „Send me an Angel“. Schick mir einen Engel. Engel sind Gottesboten. Oft verkünden sie große Freude. Wir feiern heute, dass uns der Heiland geboren wurde. Der Blick auf diesem Bild ist die Sicht durch zwei stilisierte Engelsflügel auf ein weißes Hemd, das von der Kirchendecke hängt, auf Kreuz und Altar. Es ist bisweilen sehr schwer, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu erklären, warum Jesus sterben musste. Das Fest seiner Geburt, das wir heute begehen, geht dem Tag seines Todes im Kirchenjahr nur wenige Monate voraus. Hermann Hesse nannte es das Kainsmal, das alle Menschen Tragen. Wir sind mitten im Leben vom Tode umfangen.

Trotzdem werde ich nicht aufhören, zu glauben, zu hoffen und zu beten.

Trotzdem werde ich mich heute Abend freuen.

Trotzdem werde ich heute Abend singen.

Und trotzdem sollte wir auch weiterhin alles uns mögliche tun, um Leid zu lindern und Gottes Wegen hier auf Erden ein wenig näher zu kommen.

 

Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest, Merry Christmas, Feliz Navidad, Buon Natale und Joyeux Noel. Und, wenn auch verspätet, chanukka sameach.

Granada

Warum fährt man im Winter nach Granada? Eine berechtigte Frage. Vielleicht, weil die Orangen immer noch an den Bäumen hängen, vielleicht, um verwitterte Granatäpfel an Bäumen zu fotografieren, vielleicht, weil man zu dieser Zeit noch nie dort war .

Aber alles zu seiner Zeit. Ein bemerkenswerter Samstag begann mit einem älteren Ehepaar am Münchner Flughafen, das sich verzweifelte bemühte, einen knapp zwei Kilo schweren Schmuck- oder Schminkkoffer (der Herr mag wissen, was sich darin befand) als Gepäck aufzugeben. Der Automat weigerte sich natürlich beständig, ohne weitere Kommentare abzugeben. Irgendwann war es den beiden dann zu dumm, zumal auch kein hilfreicher Geist in den gelb – blauen Farben der Kranichlinie auftauchte, die Passagiere hinter ihnen deutlich hörbar mit den Füßen scharrten und es ihnen „zu bunt wurde“. Allgemeines Aufatmen.

Weiter ging es mit den Damen und Herren der Sicherheitskontrolle. Als Fotograf mit reichlich Equipment gesegnet ist man ja so einiges gewöhnt, aber dass ich dieses mal nicht auch noch die Filter abschrauben musste um den Zwischenraum auf Sprengstoff zu testen, war auch schon alles. München (und Münster – Osnabrück, das muss an dieser Stelle schon angemerkt werden) sind, was die GRÜNDLICHE Überprüfung von technischer Ausrüstung angeht einsame Spitze. Rom, Paris, Edinburgh, Amsterdam, Madrid … eeeeentspannt. Die haben anscheinend begriffen, dass es nicht die Fotografen dieser Welt sind, die das nächste Flugzeug in die Luft jagen werden.

In der Mancha - © Thomas Michael Glaw 2016

In der Mancha – © Thomas Michael Glaw 2016

Von Madrid aus geht es dann etwas über vier Stunden durch überwiegend menschenleere Gegend Richtung Südwesten. Leider hatten wir nicht genug Zeit, um für aussagekräftige Landschaftsaufnahmen stehenzubleiben, jedem/jeder Interessierten sei die Gegend aber wärmsten empfohlen; ich werde bei nächster Gelegenheit einmal zurückkommen. Wilde Natur, kontrastiert mit streng geometrisch organisierten Olivenhainen, Bergrücken, die fast organisch wirken und Farbspiele zwischen Ocker, fahlem Gelb und Grautönen, die eine Herausforderung darstellen.

Als wir uns in Granada endlich zu einem Hotel nahe des Zentrums mit bezahlbaren Preisen durchgefummelt hatten, hätte uns ein netter Aufkleber im Lift eine Warnung sein sollen. Die Firma OTIS wies mit freundlichen Weihnachtsgrüßen darauf hin, dass der Aufzug in der Nacht vom 24. Dezember für den Papá Noel und in der Nacht auf den 5. Januar für die Reyes Magos, also die heiligen drei Könige, die in Spanien noch einmal Geschenke bringen, reserviert sei. In Deutschland hätten sie sich das niemals getraut, denn es hätte Kritik gehagelt von den Verfechtern einer christenfreien Weihnacht, ebenso wie von der katholischen Kirche. Spanien ist, in vielerlei Hinsicht, ein entspanntes Land. Politisch vielleicht nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Weinachten in Granada - © Thoma Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thoma Michael Glaw 2016

Das dicke Ende kam beim abendlichen Besuch in der Innenstadt. Nach Aufenthalten in Madrid war uns schon klar, dass der Spanier erst gegen acht Uhr abends aufwacht und dann in Massen ins Zentrum strebt. Das ist schön, damit kann man leben. Wir hatten nur übersehen, dass es ja auch noch um das Einkaufen von Geschenken geht. Da können zehnmal am 6. Januar die heiligen drei Könige kommen (Kinder nicht weiterlesen), die Geschenke organisieren immer noch Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tante, Bruder, Schwester, Cousin und Cousine – üblicherweise im Familienverbund, der dann auch schon einmal laut aufschreiend vor einem wunderschön dekorierten Schaufenster stehenbleibt. Auffahrunfälle der harmloseren Art sind also vorprogrammiert.

Weihnachten in Granada - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thomas Michael Glaw 2016

Bemerkenswert ist der Lärmvorhang, der über dem ganzen hängt. Wir sind durchaus römische Verhältnisse gewöhnt, aber die hier vorhandene Kakophonie aller Tonlagen übertrifft, zumindest für mein Dafürhalten, alles bisher Gehörte. Geht man dann irgendwann gegen 21 Uhr 30 in die Nähe irgendwelcher Lokale, um vielleicht doch noch einen Happen zu essen, wird das ganze eher noch schlimmer – und die Kinder zunehmend ungehaltener.

Verschärft wird das ganz noch durch die ubiquitäre Nutzung von Minipanzern, die als Kinderwagen getarnt sind, aber lässig den Umfang eines Kleinwagens, mit der Einstellung der Besitzerin (oder des Besitzers) am Steuer eines Panzers zu sitzen, kombinieren. Irgendwo in dem Teil sitzt unter einer Plastikplane (es regnet) ein schreiendes Kind, behängt ist das Ganze mit diversen Schirmen, Taschen und allen weiteren Notwendigkeiten – von diversen Weihnachtseinkäufen ganz zu schweigen.

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet – © Thomas Michael Glaw 2016

Warum fährt man also zu dieser Zeit nach Granada? Vielleicht, um einer Illusion nachzuhängen, vielleicht, um Federico Garcia Lorca auf einer feuchten Parkbank zu lesen, vielleicht, um eine paar Bilder vom – nach unserer Vorstellung – nachweihnachtlichen Granada zu machen. Sicher, um am nächsten Tag (wieder im Nieselregen) die Alhambra zu besuchen. Davon mehr im nächsten Blog.

 

Heilig Abend / Christmas Eve

Üblicherweise sieht man auf Beiträgen zu diesem Thema Kerzen, Sterne, Glühwein, lachende Menschen … meine Gedanken wanderten jedoch zu diesem Abend, als ich vor einigen Tagen in der Natur fotografierte.

Moos im Park von Schloss Linderhof © Thomas Michael Glaw

Moos im Park von Schloss Linderhof © Thomas Michael Glaw

Das frische grün, überzogen mit seinen frostigen Spitzen, ist für mich ein sehr schönes Symbol der Welt, in der wir leben. Grün ist nicht nur die Farbe der Hoffnung – zumindest in der Kultur, in der ich lebe; das Grün der Pflanzen steht auch für das Leben an sich. Ohne sie könnten wir auf diesem Planeten nicht existieren. Für mich stehen sie auch für die Schönheit, egal was wir Menschen tun, um sie zu vernichten. Auch die Eiskristalle, die sie überziehen, können sie nicht zerstören. So wie all jene, die Kinder auf den Straßen in Palästina und anderswo töten oder Herbergssuchende kalten Herzens weiterschicken, den ursprünglichen Plan nicht verhindern können.
Wer schon einmal mit dem Finger über frisches Moos gestrichen hat, wird die Sanftheit der kleinen Pflanze noch lange spüren; zudem wächst sie auf fast allem: selbst auf hartem Holz. So wie auch Liebe aus dem härtesten Herzen wachsen kann.

Eiskristalle - © Thomas Michael Glaw

Eiskristalle – © Thomas Michael Glaw

Was hat das nun mit dem Heiligen Abend zu tun?
Dieses Kind, um das sich diverse Religionen mit mehr als 2 Milliarden Gläubigen entwickelt haben, um das es mehr Mythen und Erzählungen gibt, als über irgendeinen anderen Menschen, hat versucht, uns alle vom unendlichen Wert der Liebe zu überzeugen.
In Zeiten, wenn viele Millionen Menschen auf diesem Planeten aus vielen verschiedenen Gründen auf der Flucht sind, in Zeiten wenn Christen, Muslime, Hindus und Juden einander töten, oft durch Staaten und Regierende legalisiert, mag man denken, das Projekt sei gescheitert.
Man vergisst dabei, dass der erwachsene Jesus, den wir Christen als Erlöser verehren, keine politische Revolution anzetteln wollte (das waren die Judäische Volksfront und die Volksfront von Judäa, oder 🙂 ? ), vielmehr hat er jeden und jede angesprochen, um sie von seiner Idee zu überzeugen. Keine Saat geht je vollständig auf, aber die Botschaft wird sich weiter verbreiten, wenn wir sie weiter tragen.
In diesem Dunst von Glühwein, unzähligen Farben und grauenvoller Dudelmusik sollten wir ein wenig mehr auf uns hören und wieder entdecken, was uns wirklich ausmacht: Liebe zum anderen und zu uns selbst. Ein Lächeln, eine zärtliche Berührung, eine helfende Hand ist mehr wert, als alles, was man mit noch so vielen Karten kaufen kann.
In diesem Sinn wünschen wir euch allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

 

What kind of pictures would you expect from a text titled „Christmas Eve“? Candles? Tree decoration? Happy faces contemplating hot wine or Eggnog? My thoughts drifted towards that very evening about a week ago, while I was taking pictures in the countryside.
The fresh green colour of this moss symbolizes for me the world we live in. Not only symbolizes the colour green hope, at least in the culture I am living in, green plants embody life and the sheer beauty of it – No matter what men do, it will always remain beautiful. Even when it is covert by frosty crystals, it remains lovely. Cold as ice – which pictures does that evoke in you? Children shot on the street, homeless people turned away? Regardless what happens these days, it will not alter the original plan.
Have you ever touched fresh moss and felt the softness of this little plant? It can grow almost everywhere, even on hard wood. Just as love may grow, even in some, whose life has hardened his or her heart.

Frozen leaf in the park of Linderhof Palace © Thomas Michael Glaw

Frozen leaf in the park of Linderhof Palace © Thomas Michael Glaw

What has all that got to do with Christmas Eve?
This child, around which several religions with more than 2 billion faithful have grown, around which more myths and tales have been told than about any other man, has tried nothing, but to convince mankind of the immeasurable value of love.
In times, when millions of people are refugees, in times when Christians, Muslims, Hindus und Jews kill each other, often legalised by their rulers, you may think that the project failed.
Jesus however, worshipped as redeemer by us Christians, had never intended a political revolution (That was the Judean people’s front, Remember? Or was it the People’s Front of Judea? 🙂 ) Jesus approached everyone to convince them of his idea of love. No crop will ever come up completely, bus the message will continue spreading, if, and only if, we carry it.
In all this haze of mulled wine, horrible colours and even worse music, we might wish to listen a bit more to ourselves and to rediscover who we really are. It is loving others as well as loving ourselves that forms the core of us. A smile, a tender touch, a helping hand is worth much more, than any credit card may buy.
To all of you a very Merry Christmas.

Heilig Abend

Temperaturen, die zwar beim morgendlichen Lauf recht angenehm waren, aber trotzdem eher in den März als in den Dezember gehören.

Ein Papst, der seinen Führungskräften den Kopf zu Recht setzt, vom hofieren der Vorgesetzten warnt, während der Münchner Kardinal seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Weihnachtsfeier ins Stammbuch schreibt, dass „die Treppe noch immer von oben gekehrt wird“.
Wie passt das alles zu dem Kind, dessen Geburt vor vielen hundert Jahren wir heute wieder feiern werden?

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Kein christliches Fest ist so tief in die Erlebniswelt des Menschen eingedrungen, wie Weihnachten. Wir erfahren an diesem Fest, dass Gott – wer auch immer das für dein einzelnen sein mag – die Welt bejaht.

„Ich verkündige euch eine große Freude.“

Ein Engel musste kommen, um uns klar zu machen, dass wir uns freuen dürfen.
Oft ist unser Leben freudlos. Wenn wir uns umblicken, dann jagen wir materiellen Gütern nach. Das Leben ist farblos, langweilig. In den Kurzmitteilungen vieler findet sich das Kürzel „lw“ … langweilig. Mir ist langweilig. Zuviel Arbeit, zuviel Ablenkung, zuviel von allem …

Dennoch ist da ein Engel, der spricht: „Ich verkündige euch eine große Freude.“

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Für mich heißt das: Unglücklich sein kann jeder. Freude verlangt Anstrengung. Man muss etwas dafür tun. Wir sollten wenigstens heute, an Weihnachten, am Tag der Freude, unsere Sorgen ablegen. Wie wäre es, wenn der Engel der Weihnacht heute vor uns stünde, wie damals vor den Hirten und sagte: Hab Freude.
Freude entsteht, wenn man guten Mut findet. Wenn man Vertrauen hat. Wenn man an die Zukunft glaubt. Wenn man anderen Menschen die Hand reicht. Ich glaube, dass der Dienst am Nächsten eine Bedingung echten Glücks ist. Egal wer der nächste ist. Der Nachbar. Tante Frieda. Der Flüchtling aus Syrien. Vielleicht sollte man das auch mal den Pappnasen von Pegida klar machen, die um ihre gefüllten Fleischtöpfe fürchten.

 

Euch allen ein wahrhaft frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.