Rilke, Russland, Marbach

Es begann mit den Schwierigkeiten, einen Parkplatz zu finden. Zugegebenermaßen suchten wir einen im Schatten, denn wir hatten umfangreiche Bestände Württemberger Weine im Kofferraum, die wir nur ungern kochen wollten. Aber auch ohne dieses komplizierende Element, wäre es nicht  einfach gewesen, ein Blechgefährt in der Nähe des Marbacher Literaturarchivs abzustellen. Einem Hort deutscher Literatur, was sage ich, Kultur.

Wenn man sich diesem Schrein nähert, hat man gewisse Schwierigkeiten, die richtige Richtung zu finden, denn: das literarische Marbach ist eher ein Labyrinth. Schiller, oder was-auch-immer, scheint einem höheren Zweck dienen zu müssen. Jener höhere Zweck lautet vermutlich: Lasst sie uns nicht finden. Hinweisschilder auf jenem hochkulturellen Gelände stehen völlig im Einklang mit einem  (wie auch immer gearteten) künstlerischen Konzept, zu dessen Rahmenbedingungen offenbar kleine Schrifttypen und unauffällige Stelen gehören. Welch ein Gedanke, dass sich ein Germanist oder eine Germanistin, und wer sonst besucht schon dieses Etablissement, dort nicht per DNA zurechtfinden würde?

Spaß, oder besser Ironie, beiseite, wir wollten eigentlich als unbedarfte Akademiker die Ausstellung „Rilke und Russland“ besuchen, die in der guten, alten Tante FAZ eine ganz anständige Kritik bekommen hatte. Wir waren zudem auf der Rückfahrt von einem Wochenende mit meiner Mutter und bedurften geradezu ein oder zwei ruhiger Stunden.

First Things first: Wir fanden schlussendlich das Literaturmuseum der Moderne. Doch, ehrlich. Das war gar nicht so einfach.

Nachdem wir 9 Euro bezahlt hatten, darauf hingewiesen worden waren, dass eine 20 mal 20 Zentimeter große Handtasche gefährliche Dinge enthalten könnte (und deshalb eingeschlossen werden musste), die Temperatur im Untergeschoss 18 Grad betrug und man deshalb Decken an der  Rezeption erhalten konnte, stürzten wir uns ins Abenteuer.

Wir begaben uns in den Untergrund.
Verziert mit einem Aufkleber.
Erwartungsfroh

Zunächst standen dort ein paar Birken.

Rilke und Birken – © Thomas Michael Glaw 2017

Und dann das

© Thomas Michael Glaw 2017

Was fehlte waren Erklärungen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin wohl vertraut mit Rilke. Seine Gedichte, wie auch Malte Laurids Brigge, begleiten mich seit meinen späten Teenie Jahren. Trotzdem fühlte ich mich ins kalte Wasser geworfen. Letztes Wochenende war ich in Wien und besuchte „die“ große Egon Schiele Ausstellung. Ich fühlte mich – auch als Schiele Liebhaber – von Anfang an bei der Hand genommen. So, als ob man mit Onkel Paul, dem freundlichen Kunsthistoriker, durch eine Ausstellung wanderte. Der einem dies oder jenes mit einem wissenden Lächeln erklärte, ohne sich je ungefragt in die eigenen Gedanken einzumischen.

Die Damen und Herren, die die Ausstellung zu „Rilke und Russland“ gebastelt hatten, hatten sich offenbar entschlossen, nichts zu erklären. Nein, das ist nicht fair. An den schwarzen Kästen, in denen sie ihre Preziosen darboten, gab es durchaus Erklärungen. Größtenteils in weiß auf durchsichtigem Plexiglas. Nicht unbedingt einfach für ältere Betrachter, und schlicht nicht erreichbar für Menschen im Rollstuhl. Die Vitrinen waren zu hoch. Ginge auch anders, oder?

Rilke und Russland – © Thomas Michael Glaw 2017

Was zudem fehlte waren Wegweiser.
Was wollte diese Ausstellung?
Wohin wollte sie uns führen?

Für den Rilke Kenner boten sie einige Preziosen. Zugegeben. Aber diese waren, selbst wenn man kyrillisch lesen kann, oft nur schwer zu entziffern, ob der im wahrsten Sinne des Wortes obskuren Beleuchtung. Wenn man sich einem Objekt näherte, warf man unweigerlich einen Schatten, der das Entziffern um einiges erschwerte.

Rilke und Russland – © Thomas Michael Glaw 2017

Mir fehlte auch einfach der Zusammenhang. Ich finde ein Konzept, das Rilke auf seine Liebe zu Russland reduziert, ein wenig fragwürdig. Das Mindeste wäre gewesen, dem Besucher / der Besucherin, einen biografischen Leitweg an die Hand zu geben. Ihm / ihr zu erklären, was Rilke sonst noch in Jahren zwischen 1897 und 1924 gemacht hat. Vielleicht sogar eine Erklärung zu dem „warum“ zu versuchen.

Stattdessen: Leere, Dunkelheit, Suchen und einen jungen Studenten, der drei weitere Studenten mit Stentorstimme über diese wunderbare Ausstellung belehrt. Betonräume hallen. Fatal, finden Sie nicht? Nach einer freundlich vorgetragenen Bitte dämpfte er seine Stimme ein wenig, was uns ein „Danke“ anderer Besucher eintrug.

Daneben gab es auch noch Fotografien von Russland. Von der allseits bekannten Barbara Klemm und dem weniger bekannten Mirko Krizanovic. Für sich genommen, auch in dem Spannungsbogen von etwa fünfzehn Jahren, der zwischen den Aufnahmen liegt, ein durchaus interessantes Unterfangen. Es wurden Situationen in Orten abgebildet, die Rilke während seiner Russlandreisen besucht hatte. Was aber hat das konkret mit Rilkes Beziehung zu Russland zu tun? Warum haben es die Macher/innen der Ausstellung nicht geordnet und in einen inhaltlichen Zusammenhang gestellt? Noch eine verpasste Chance.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier das Äußere mehr zählt als der Inhalt. Wenn ich mich an Paul Klees Zitat richtig erinnere, konstituiert das Kitsch. In Marbach konstituierte es eine nur schwer verdauliche Installation, die wenig mit einer Ausstellung gemein hatte. Erinnert sich noch jemand an meinen Blog „utopisches zwei“? Es war eine Ausstellung zu Arno Schmidt, die ich besucht hatte. Auch eklektizistisch. Aber erhellend. Im Gegensatz zu diesem, mit jeder Menge Geld überschüttetem, Machwerk.

Man möchte den Machern raten, beim Folkwang Museum in Essen oder bei der Albertina in Wien in die Lehre zu gehen. Vielleicht verstehen sie dann, wie man Menschen einen Genius näher bringt. Vielleicht lernen sie dort ja auch, wie man einen Katalog erstellt. Der zu Egon Schiele ist großartig, großformatig und wunderbar bebildert. Und kostet 29,90 Euro. Der in Marbach kostet 30 Euro, ist schwarz, kleinformatig, unendlich trendig und enthält wenig.

Das hat er mit der Ausstellung gemein. Es war mehr eine Installation, als eine Hinführung zu der romantischen Liebe Rilkes zu Russland.

Schade.

 

Schwarz Weiß Wien

Das ist kein Abzählreim und auch keine Fußballmannschaft, es ist einfach mein fotografischer Lieblingsblick auf diese vielschichtige Stadt an der Donau. Wenn man erst einmal den quirligen ersten Bezirk, der in den Pfingsttagen vorwiegend von Amerikanern dominiert wird, hinter sich lässt, und langsam durch die Bezirke jenseits der unter Kaiser Franz Joseph geschleiften Befestigungen spaziert, kommt man der Wiener Realität, vielleicht gar der Wiener Seele, etwas näher. Ein wenig auch den modernen Auswirkungen der Donaumonarchie, die dazu führt, dass es Plätze, Straßen und Parks gibt, in denen man sich wie auf dem Balkan vorkommt, wo ältere Männer unter großem stimmlichen Engagement Karten spielen, Mütter, Großmütter und ältere Töchter sich um die kleineren Geschwister kümmern, und über allem ein Hauch Großfamilie schwebt.

Da gibt es auch noch viele jener Stiegen, von denen die literarisch bewanderten allenfalls die Strudelhofstiege kennen werden. Manche sind schön und nützlich und verbinden die Straßen eines Bezirks, wie des siebten miteinander, der auf unterschiedlichen Ebenen liegt, manche sind hässlich oder langweilig, aber sie erfüllen denselben Zweck. Es sind einzelne ästhetische Elemente,  die mich interessieren, wie diese Lampen an der Vereinsstiege.

Wien: Vereinsstiege ® Thomas Michael Glaw 2017

Eigentlich wollten wir nachschauen, was von den Wiener Durchgangshäusern noch übriggeblieben war. In einem Merian aus dem Jahr 1968 hatte ich einen Artikel über diese Eigenheit Wiener Architektur gefunden. Höfe, die den Augen des Betrachters zunächst entzogen, dem Kundigen jedoch vertraut sind und die er gerne nutzt, um den dicht bevölkerten Gassen und Straßen ein Schnippchen zu schlagen. Wir fanden tatsächlich noch einige dieser Durchhäuser, im ersten wie auch in anderen Straßenbezirken. Manche hatten sich mittlerweile zu biederen Hinterhöfen gewandelt, andere boten mit den umlaufenden Balkons, den Pawlatschen, eine atmosphärisch dichte Darstellung des Wiens der Kaiserzeit, nur wenige scheinen noch als „Durchhäuser“ genutzt zu werden. Viele waren schlicht verschlossen, bewacht von Kameraaugen, dem Auge des interessierten Betrachters entzogen – wie in Prag.

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – © Thomas Michael Glaw 2017

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – ® Thomas Michael Glaw 2017

Es ist der ruhige Moment im hektischen Treiben, der ebenso fasziniert, wie die technische Herausforderung an den Fotografen.

Treppen und Aufgänge finden sich aber nicht nur in den Stiegen, die Stadt ist voll von ihnen. Auch die Aufgänge zu Museen wie der Albertina oder geradezu herrschaftliche Auffahrten wie zum Parlament, laden zu einer schwarz weißen Darstellung ein.

Wien: Treppenaufgang zur Albertina – ® Thomas Michael Glaw

Wien: Auffahrt zum Parlament – ® Thomas Michael Glaw

Der Fiaker von hinten ist quasi ein Abgesang an das alte Wien. Natürlich gibt es noch unzählige von ihnen. Natürlich verströmen etliche Plätze im ersten Bezirk, die die Wiener meist schnell zu überqueren scheinen, noch den Duft jener Wesen, auf deren Rücken das Glück der Erde ruht. Ihre Funktion ist jedoch zur reinen Touristenbelustigung verkommen, auch wenn den Kutschern immer noch die Aura des Originals anhaftet.

Fiaker – ® Thomas Michael Glaw

Ein Besuch im neunten Bezirk, dem Alsergrund, in dem Schubert seine Jugend verbrachte, und von dem ältere Führer behaupten, man könne dort ein wenig der Melancholie des neunzehnten Jahrhunderts nachspüren, führte uns nur in eine langsam verfallende Gegenwart. Vielleicht war die erwartete Reise in die Vergangenheit unrealistisch gewesen. Es fanden sich dieselben langsam alternden Wiener Gemeindehäuser, endgültig geschlossene kleine Läden und ein Lichtentaler Park, in dem man nicht mehr romantisch wandeln kann, weil er mit einem Basketballcourt und einem Haufen moderner Spielgeräte vollgestellt ist. Unbenommen, alles nützliche Dinge, aber vielleicht wäre in einer, ansonsten recht drögen, Umgebung auch einmal ein Platz, an dem man einfach seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, an dem man Träumen kann, keine schlechte Idee gewesen.

Es gebe noch viel zu berichten, aber der eigentliche Grund unserer Reise war der Besuch der Egon Schiele Ausstellung in der Albertina. Bis Mitte Juni ist sie noch zu sehen, und wer immer dem Werk Egon Schieles rational und emotional näher kommen möchte, dem ist sie zu empfehlen. Mir sind die Eindrücke noch zu nah, als dass ich hier darauf eingehen möchte, zumal ich auf der Ausstellung auch nicht fotografiert habe. Man hätte es dürfen, aber ich stand viel zu stark unter dem Eindruck von Schieles Bilder, und die Hängung bot auch kaum Möglichkeiten, Betrachter und Bild abzulichten, ohne die Aufmerksamkeit von Schieles Werk abzulenken.