Juni – Versunken

Ein Diner in New York City.

Vier Menschen sitzen je zu zweit an einem Tisch und Essen.

New York Diner

New York Diner

Aber statt sich zu unterhalten, blickt jeder in eine andere Richtung, versunken in eigenen Gedanken.

In unserer oft allzu lauten, vollen Welt, in der ständig geredet, reagiert werden muss, in Städten, in denen es in der es kaum Rückzugmöglichkeiten gibt, strahlt dieses Bild eine ungeheure Ruhe aus. „Die Gedanken sind frei“ heißt es in einem deutschen Volkslied von 1780 „wer kann sie erraten“. Ja, welchen Gedanken mögen die vier Personen nachgehen? Wie weit oder eng mag die Gedankenwelt sein? Lassen sie der Phantasie freien lauf? Gehen sie einer konkreten Idee oder einem Gedanken nach oder wägen sie zu einem Problem verschiedene Lösungsmöglichkeiten ab?

Für einen Moment der Umgebung zu entfliehen, mal nicht reden, nicht lesen, spielen, virtuell schreiben oder zuhören sondern in die eigene Gedankenwelt entfliehen, innere Ruhe suchen und darin Kraft tanken – das geht eigentlich an allen Orten.

Es ist erstaunlich, welche Weite dort möglich ist und was es dort alles zu entdecken oder wiederzufinden gibt.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner

Den vollständigen Kalender finden Sie auf http://www.thomasmichaelglaw.com

Auszüge aus diesem Blog gibt es auch als Buch :
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Parallelen

Es war ein eigenartiges Zusammentreffen. Auf einem abendlichen Spaziergang, in der viel beschriebenen blauen Stunde, die auf den Fotos auch tatsächlich „blau“ wiedergegeben wird, fielen mir zahlreiche parallele Strukturen auf: Bänke, Tore, Linien auf den Böden. Optik und das besondere Licht … es war ein kleines Experiment.

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Es gibt so viele Parallelen in unseren Leben, Dinge, die sich immer wiederholen, Dinge, die einem Freund zur gleichen Zeit passieren, zwei Kräne zu in einem bestimmten Moment ihre Ausleger genau parallel ausgerichtet haben. Oft ist es ein optischer Effekt, der im nächsten Moment wieder verflogen ist.

Die Mathematik sagt uns, dass sich parallele Linien in der Unendlichkeit schneiden.

Mir kam der Gedanke an Parallelität heute morgen wieder in den Sinn, als ich in einem der vielen Nachrufe auf Frank Schirrmacher, den viel zu jung, im Alter von nur 54 Jahren, verstorbenen Feuilletonchef der FAZ, den Satz las: Er hat alles immer zu jung erreicht, jetzt ist er zu jung gestorben.

Dieser Satz ließ mich nicht mehr los – war das wirklich eine Parallelität?

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Frank Schirmmacher wirkte in der Tat immer recht jung, was ihn mir jedoch wirklich als jung erscheinen ließ, war sein Interesse an einer großen Vielfalt unterschiedlicher Felder, sein Wille sich schnell in neue Themenfelder einzuarbeiten, sie zu verknüpfen, eine Meinung dazu zu entwickeln und sie zu publizieren. Public intellectual nennt man das in der englischsprachigen Welt.

Einer der Nachrufverfasser schrieb, Schirrmacher sei immer ein Kind geblieben. Wenn man darunter einen kindlichen Geist im Sinne einer nicht enden wollenden Neugierde, eines fragenden Wesens, eines sich parallel auf vielen Wegen bewegenden Menschen versteht, kann ich das gut nachempfinden. Auch ich bin gerne noch in diesem Sinne Kind. Walser schreibt in der FAZ von heute, wenn man nicht mehr überrascht, dann sei man endlich erwachsen geworden. Nun in diesem Sinn ist Martin Walser sicher erwachsen, ich möchte es doch keinesfalls werden.

Was das alles mit Parallelen zu tun hat? Es war die Atmosphäre jener blauen Stunde, die Assoziationen zwischen den Bildern und den vielen Parallelen in meinem Leben in weckte. Gleichzeitigkeiten die ich mag, die mein Leben spannend halten, die es mir erlauben andere zu überraschen.

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Kinder werden gerne überrascht und sie überraschen gerne, aber im Gegensatz zu einem kleinen Zeitfenster, genannt Pubertät, wenn junge Menschen gegen alles und nichts aufbegehren – am meisten gegen sich selbst – kann man auf Kinder durchaus rechnen.

Die unangenehmsten Erwachsenen sind die, die in der Pubertät stecken bleiben und selbstverliebt um den eigenen Nabel tanzen. In parallelen Kreisen, die sich allerdings nicht in der Unendlichkeit treffen.

Massen

Massenereignisse machen mich zum einen neugierig, hinterlassen jedoch meist auch einen faden Nachgeschmack. Seit ich „La Rebelión de las Masas“ von Jose Ortega y Gasset gelesen habe, interessiert mich das Verhalten größerer Menschenmengen, sowohl als organisierte, oft nur virtuelle, oder gesellschaftlich aktive Gruppe, wie auch als real handelnde Ansammlung menschlicher Wesen.

Der Regensburger Katholikentag bot reichlich Studienmaterial … Es war ein weites Spektrum von Individualisten mit zum Teil recht verqueren Ideen, die alles andere als den Mainstream widerspiegelten, bis hin zu denen, die mit unzähligen Armbändchen, Schals und Herzchen der Tatsache Ausdruck verliehen, dazu zu gehören.

Ruhig - Dominikanerkirche Regensburg

Ruhig – Dominikanerkirche Regensburg

Der äußere Eindruck dazu zu gehören, oder einer bestimmen Schicht, einem bestimmten Subsystem um mit Luhmann zu sprechen, scheint mir eines der prägenden Elemente dieses doch noch recht jungen 21 Jahrhundert zu sein. Was ist es, das Menschen antreibt so sein zu wollen wie andere – und wer sind die anderen?

Fassaden faszinieren mich seit langem; für mich sind menschliche Gesichter häufig auch nur Fassaden und gerade bei jungen Frauen und Mädchen werden sie in den letzten Jahren immer gleichförmiger. Man fragt sich, wo der Mut zum Aufbruch geblieben ist. Ist es wirklich soviel einfacher in einer gleichförmigen Masse mitzuschwimmen?

Aufblickend

Aufblickend

Es gab selten eine Zeit, die den Individualismus so gepriesen hat, wie die, in der wir im Moment leben, und doch scheinen es die Massen zu sein, die Menschen in große Ströme treiben oder in denen Menschen einfach treiben. In Regensburg schienen die mit den neuen Ideen oft auf das Rentenalter zuzutreiben; wenn man sich politische Bewegungen oder Parteien quer durch Europa betrachtet, ist es oft dasselbe.

Mich bedrückt dieser Mangel an Mut, an Individualismus, an Kreativität. Viele junge Menschen, die sich einsetzen, handeln auch wieder nur in einer „Bewegung“, möglichst anonym und mit Masken. So werden wir weder die Gespenster der Vergangenheit vertreiben, noch denen der Gegenwart Herr werden.

Was das alles mit den Bildern zu tun hat?

Benjamin Seipel 2Flügel

Benjamin Seipel
2Flügel

Nun, ich fand diese Menschen individuell, besonders, tätig, versunken … sie erhoben sich aus der Masse ohne sich hervorheben zu wollen. Man spürte etwas Besonderes.
Der Musikant ist übrigens Benjamin Seipel von 2Flügel (www.2flügel.de), meine ganz persönliche Inspiration auf diesem Katholikentag.
Muss man aber life erleben. Wir werden versuchen ihn nach München zu holen.