Freiburg – ein Nachschlag

Ein kleiner Nachschlag zu meinem „Andere Orte“ Beitrag muss noch sein – inhaltlich wie fotografisch. Wenn es draußen grau ist, neigt man dazu, die Kamera zu Hause zu lassen. Bei mir war das auch lange Jahre die Prägung durch meine fotografischen Lehrer: keine Sonne heißt  keine Schatten, heißt keine räumliche Tiefe, heißt langweilige Bilder. Basta, wie Gerhard Schröder zu sagen pflegte. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass auch das graue, das von manchen gar als konturlos, verachtete Wetter dieser spätherbstlichen Tiefdruckwetterlagen seinen Reiz hat – besonders in schwarz-weiß.

Bäume am Freiburger Schlossberg - © Thomas Michael Glaw

Bäume am Freiburger Schlossberg – © Thomas Michael Glaw

Mich reizt es, natürlichen Formen gerade in diesem verhüllend umschmeichelnden grau, das farblich über viele Epochen der Vorreiter des Todes war, dynamisches Leben zu verleihen.

Der Sonntag begann jedoch mit einem späten Start. Zugegebenermaßen sind, was der Wetterbericht so gerne „Hochnebel“ nennt – für uns meteorologisch nicht so gebildete Sterbliche einfach tief liegende Wolken – nicht sonderlich inspirierend. Nachdem der Sonntag nur uns gehörte, hatten wir mit dem Gedanken gespielt, den Zug nach Basel zu nehmen, um die Fondation Beyeler aufzusuchen, wo es eine interessante Ausstellung zu Kandinsky, Marc und dem Blauen Reiter gibt, oder aber nach Straßbourg zu fahren, um das Tomi Ungerer Museum aufzusuchen. Aber draußen war es kalt. Und grau. Und Schweizer Museen sind geradezu unverschämt teuer. Wir entschieden uns für ein wenig Textarbeit im Hotelzimmer, spontan meine Mutter zu einem Adventswochenende in München einzuladen, zu einem badischen Mittagessen in einem kleinen Gasthaus und einem Spaziergang auf dem Schlossberg.

Freiburger Schlossberg - © Thomas Michael Glaw

Freiburger Schlossberg – © Thomas Michael Glaw

Um so größer war unser Erstaunen, als kurz nach unserem Eintreffen in eben jenem kleinen Gasthaus ein von einem jungen Paar und einem vielleicht sechsjährigen Jungen namens Paul begleiteter Priester am Nebentisch Platz nahm, in dem wir nach dem kurzem Überlegen eben jenen Stefan Burger wieder erkannten, der am Abend zuvor eine in ihrer Schlichtheit beeindruckende Messe im Freiburger Münster gefeiert hatte. Nein, wir haben nicht gelauscht, und doch ließen sich Teile der Konversation nicht überhören, die unseren Eindruck bestärkten, was für einen wunderbar normalen und gütigen Mann die Freiburger da als Oberhirten haben.

Unser nachfolgender Spaziergang auf den Schlossberg führte uns zunächst am Café Kolben vorbei, wo wir zwei Pfund Kaffee der Marke Schwarzwild erwarben, mit denen wir diese Woche ein paar Menschen in München glücklich machen werden (meine Lieblingsrezeptionistin hat heute das Geschenk mit einem strahlenden Lächeln quittiert). Der Spaziergang über den Dächern der Stadt, der Duft des feuchten Laubs, die jungen Leute, denen wir auf dem Weg begegneten und die in vielerlei Sprachen miteinander plauderten, taten ein übriges. Freiburg ist ein guter Platz, für ein wenig Selbstreflektion.

Freiburg - © Thomas Michael Glaw

Freiburg – © Thomas Michael Glaw

Heute morgen hörte ich im übrigen, dass man in München die Eröffnung der bischöflichen Aktion Adveniat, nach einem „Aufruf zur Selbstlosigkeit“ in der Frauenkirche, im ausgewählten Kreise  im Kaisersaal der Münchner Residenz stilvoll beendet hatte. Wie gesagt, dies ist einer kleinen Indiskretion zu verdanken, offiziell gibt es nichts dazu. Soviel zu den feinen Unterschieden zwischen München und Freiburg.

Andere Orte – Freiburg

Sie mögen sich fragen, warum ich „Andere Orte“ für die Überschrift gewählt habe. Wenn ich Freiburg mit meiner langjährigen Wahlheimat München vergleiche, so ist es einfach ein anderer Ort. Nicht nur geografisch.

Wir kamen an einem grauen Freitag Nachmittag, Dank der deutschen Bahn mit erheblicher Verspätung, in Freiburg an, das uns mit einem grauen Himmel und feuchter Kühle willkommen hieß. Das Münster war, man ist geneigt zu sagen wie immer, eingerüstet, die Straßen waren gefüllt mit zahllosen Touristen und vielen Einheimischen. Alles in allem ein spätherbstlicher Tag, an dem nur die recht dezente Dekoration an den beginnenden Advent erinnerte.

Freiburg im Advent - © Thomas Michael Glaw

Freiburg im Advent – © Thomas Michael Glaw

Es waren die Einheimischen, die aus der Masse herausragten. Es waren Typen. Wenn man durch München läuft, sehen die Mädels eines gewissen Alters alle gleich aus. Und die Frauen jenseits der vierzig oder gar der fünfzig wollen auch noch so aussehen wie die Mädels mit ihren gebügelten Haaren, ihren großen und doch leeren Augen und den gar so verführerisch geschminkten Lippen. Hier in Freiburg laufen Männer und Frauen durch die Straßen, die sich selbst zu genügen scheinen. Die ihre Identität gefunden zu haben scheinen und nicht irgendwelchen verstiegenen oder dümmlichen Idealen hinterher geistern. Die Gesichter sind nicht leer oder angespannt von der verzweifelten Suche nach dem gerade opportunen Gesichtsausdruck, sondern natürlich. Hier gibt es noch Typen.

Als wir am Abend gegen dreiundzwanzig Uhr, nachdem wir uns von unseren Freunden nach einigen Schoppen verabschiedet hatten, durch die Stadt liefen, fiel uns auf, dass aus dem und zum Münster immer noch Menschen strömten. In Freiburg war die „Nacht der Lichter“. Anders jedoch als in München, wo dieser „Event“ zu einem Jugendschauspiel geworden ist, herrschte in Freiburg ein Kommen und Gehen von jung und alt. Viele Menschen suchten zu später Stunde noch einen ruhigen Moment, bei ruhiger Musik und bei Gott. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass die Freiburger Innenstadt, im Gegensatz zur Münchner, noch lebt.

Nacht der Lichter - © Thomas Michael Glaw

Nacht der Lichter – © Thomas Michael Glaw

Ähnlich unaufgeregt verlief am Samstag Abend ein Pontifikalamt mit Bischof Stefan. Endlich mal kein Pomp and Circumstances, wie in München.  Ein Bischof, der mit seiner Gemeinde, ohne irgendwelche vermeintlichen Insignien der Macht, den Beginn des Kirchenjahres und des Advents feiert.

Auch deshalb nannte ich diesen Post „Andere Orte“. Bisweilen braucht man andere Orte, um zu erfahren, dass Leben und Glauben auch anders geht. Und das ist gut so.