Herbst

Gebt es doch zu, liebe KollegInnen – herbstliche Natur ist langweilig. Wir alle haben diese Bilder schon dutzende mal gemacht.. Sonne, Wolken, Farben … und doch verführt das, was die Natur uns da gratis und franko bietet, immer wieder dazu die Linse darauf zu richten – selbst zu papiernen Zeiten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie viele herbstliche Bilder aus mindestens drei Kontinenten in meinem Archiv als Negativ oder Papierbild schmoren.

Herbstliche Nebel
(Degerndorf/Obb.)

Kann man dem Herbst mehr abgewinnen? Herbst des Mittelalters vielleicht .. aber wie soll man Huizingas wunderbares Buch bildlich erfassen, Herbst des Lebens … ist noch ein Weilchen hin bis Allerseelen …

Ich verbinde Herbstliches erstaunlicherweise oft mit Rost, mit industriellen Ruinen … vielleicht der Herbst unseres industriellen Zeitalters. Überbleibsel des industriellen Zeitalters haben, sofern man sie nicht zu düster porträtiert, etwas hilflos anheimelndes und eine ganz eigene Ästhetik. Klar kann man die Ästhetik eines vergangenen industriellen Zeitalters auch so porträtieren wie Bernd und Hilla Becher. Als Lehrmeister werden sie unerreicht bleiben, ihre lichtbildnerische Darstellung hat meine persönliche Sichtweise, besonders im Bezug auf Industriephotographie, bleibend geprägt. Trotzdem glaube ich, dass gerade viele der industriellen Dinosaurier es verdient haben, herbstlich dargestellt zu werden.

Technik im Herbst
Herbst der Technik

Schließlich stehen sie ja im Spätherbst ihres irdischen Daseins. Ich hoffe, wir werden sie als Denkmäler erhalten, denn sie stehen für eine vergangene Zeit, die sicher für viele ArbeiterInnen eine Vorhölle war. Trotzdem glaube ich, dass das digitale Zeitalter, in dem wir jetzt beginnen zu leben, nicht nur uns Lichtbildner vor viele Probleme stellt. Es wird uns alle in der Arbeitswelt wie auch privat mit einer Form von Entfremdung konfrontieren, gegenüber der die Voraussagen von Karl Marx harmlos anmuten werden.

Oder ist es nur der den Deutschen oft unterstellte Pessimismus, der mich hier wieder umtreibt?

Timeline

Wer kennt das Gefühl nicht, dass ihm die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Tempus fugit, pflegte mein alter Lateinlehrer immer zu sagen. Ist Zeit wirklich so flüchtig? Sie erscheint uns immer dann zu schnell zu vergehen, wenn wir sie dringend benötigen, immer dann zu langsam dahinzuschleichen, wenn wir auf etwas warten, etwas erhoffen.

Dabei vergeht sie doch immer gleich schnell. Gut wir wollen einmal ausschließen, dass wir uns der Lichtgeschwindigkeit annähern. Ich denke nicht viele derer, die dieses Blog lesen, werden über entsprechende Möglichkeiten verfügen 🙂

Berlin

Ich weiß nicht, ob es das Alter ist, mir scheint die Zeit manchmal wirklich zu schnell zu vergehen, vor allem wenn sich das Jahr dem Ende entgegen neigt. Als beinahe Münchner ist da die „Wiesn“, sprich das Oktoberfest, immer ein gewisser Meilenstein, von da ist es nicht mehr weit zu Allerheiligen, zum Advent, zu Weihnachten. In manchen Supermärkten streiten sich schon jetzt Wiesnbier und Lebkuchen um die besten Plätze in der Auslage.

Ich habe schon oft versucht, die Flüchtigkeit des Lebens – oder ist es doch die Flüchtigkeit der Zeit – bildlich festzuhalten. Manchmal wurden es sehr nachdenkliche Bilder, die eher die Langsamkeit dokumentierten, als die intendierte Flüchtigkeit. In diesem Blog zwei Beispiele für die Flüchtigkeit aus Berlin und New York.

New York City

Ich gehe das Maß der Zeit auf photographischer Ebene auch anders an und versuche die vergehende Zeit mit Kalenderbildern zu begleiten. Nach einige schwarz-weißen Jahren habe ich mich an Farbe versucht. Zu finden sind sie auf meiner Homepage (www.thomasmichaelglaw.com) – Feedback willkommen.

Link: Kalender 2013

Brüche

Für ein Projekt im Winter dieses Jahres sehe ich im Moment alle meine Fassadenbilder durch. Fassaden können so viel, aber auch so wenig über ein Gebäude aussagen. Manche sind fast gesichtslos, andere kommunizieren etwas über die Zeit, in der sie erbaut wurden, oft auch etwas über die Zeit, in der wir leben.

Hinter der langweiligen Front eines nichtssagenden Hauses kann sich großartiges verbergen, hinter der Renaissancefassade eines wunderschönen Palais mögen „Heuschrecken“ sitzen, um ein gängiges Klischee zu bedienen, die nur daran interessiert sind ihre eigenen Taschen zu füllen.

In diesem Projekt möchte ich Fassaden aus dem München des späten 19. Jahrhundert modernen Fassaden gegenüberstellen um ihre photographische Wirkung auszuloten. Was mich an modernen Fassaden reizt ist neben neben ihrem gleichförmigen Detailreichtum, an sich schon ein Gegensatz, ihre graphische Wirkung in der Abbildung.

Chicago Reflexion

Besonders spannend finde ich auch mögliche Spiegelungen, die die Härte der ursprünglichen graphischen Struktur aushebeln. Ich bin mir bewusst, dass gerade Spiegelungen ein grenzwertiges Unterfangen sind, das leicht in die Nähe des Kitsch abgleiten kann. Wenn man den Akzent richtig setzt, vermag man jedoch graphisch interessantes zu erreichen.

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich die Brüche in dieser Spiegelungen. Es sind oft die Brüche, die Kunstwerke aber auch Menschenleben reichen machen. Kaum ein Roman kommt ohne sie aus und in vielen großartigen Zeichnungen und Gemälden, erschließen sie den Kern des Werkes. Ich versuche oft die Brüche in Fassaden, wie auch in menschlichen Gesichtern zu erfassen.

Sie können ein Schlüssel sein.

Nach(t)gedanken

Eigentlich sollte diese kleine Feuilleton Nachgedanken heißen. Nach-gedanken zu 21 Tagen an der Ostküste der USA. Ich habe die Vereinigten Staaten schon oft bereist, ein Teil meiner Ausbildung, ein Teil meines Berufslebens dort verbracht.

Schon immer habe ich aber auch die Nacht geschätzt. Sie ist eine Herausforderung für den Photographen, denn Dunkelheit ist etwas nur schwer festzuhaltendes. Andererseits nützt der Mensch alle ihm nur zur Verfügung stehende Technik, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Der Erfolg dieser Aktion sei dahingestellt.

Trotzdem eröffnet die Dunkelheit neue Perspektiven. Oder sollte ich besser sagen, der Übergang von Tag zur Nacht. in der Einsamkeit kann man zu diesem Zeitpunkt, die Natur intensiver erleben, sie auch intensiver abbilden. Light is the essence … 🙂 .

Salz auf der Haut
(Rehoboth Beacht / After Sunset)

In der Stadt, und in New York City im besonderen, drängt so viel auf die Straße, dass hier die moderne Digitaltechnik ein wesentliches Element beim Einfangen besonderer Momente wird. Es sind nicht nur die viel verschmähten Touristen, die in der beginnenden Dunkelheit das Stadtbild prägen. Wenn die Dunkelheit kommt, löst sich die drückende Hitze und viele versuchen einfach das Leben zu ergreifen, das in dieser Stadt pulsiert. Manche Aufnahmen erinnern an Hollywood Filme im Science Fiction Genre .. Gotham City beispielsweise …

New York City

Viele Situationen konnte ich nicht erfassen; in vielen Stadtteilen sind die Parks wieder zum Leben erwacht, Menschen treffen sich dort heute wieder ohne Furcht um ein Miteinander zu gestalten. Ich werde wohl ein anderes Mal versuchen Schritte in diese Richtung zu gehen und auch dort Leben zu dokumentieren.

Es sind vor allem Farbe, Helligkeit und schnelle Wechsel, die das Bild New York Citys am Abend ausmachen. Es ist, wie schon an anderer Stelle bemerkt, der omnipräsente Kommerz, der das Leben auszumachen scheint. Der fast absurde Wechsel zwischen einem grinsenden M und M und dem Aktienindex, die schreienden Reklamen, und immer wieder Menschen, die wie in einem Strudel von Geschäften ausgespuckt und wieder eingesogen werden.

m & m and reality;

Colours of the Night

New York City
Massen in Bewegung

Mich hat im Zentrum New Yorks am meisten die Intensität der Farben, die Intensität des Daseins beeindruckt. Auch die Geschwindigkeit mit der alles abläuft: nicht nur der Verkehr, die Menschenströme – auch ein Blickkontakt. New York war und ist nicht die Essenz dessen, was die Vereinigten Staaten ausmacht. Man muss die Weite des Raums, die Menschen auf Straßen, vor Kirchen und in Dinern in die Gleichung einbeziehen. New York wird jedoch immer das Bild der USA im Ausland prägen und dieses Bild hat sich in den letzten Jahren sehr positiv verändert.

Mir persönlich pulsiert das Leben ein klein wenig zu sehr; ich hatte am Ende wirklich Sehnsucht nach meinem heimischen Loisachtal und dem nahen München 🙂

MoMa – Views

In den meisten Museen ist es mit hohem Aufwand verbunden eine Genehmigung zum Photographieren zu erhalten. Selbst bei entsprechenden Referenzen ist es schwierig bis unmöglich und mit fast soviel Bürokratie verbunden, als wenn man Frau Merkels „Bunker“ in Berlin von innen ablichten will.

Das Museum of Modern Art in New York ist da eine löbliche Ausnahme – wenn man eine Kamera dabei hat kann man sie an der Garderobe gar nicht abgebmen: Kameras sind von der Aufbewahrung ausgeschlossen 🙂 Kleiner Tipp an meine KollegInnen: nehmt nur eine Kamera mit und ein lichtstarkes Objektiv. Ihr könnt nichts von eurem Equipment abgeben, müsst aber die Tasche da lassen. Dann heißt es also unverrichteter Dinge wieder abziehen, oder drei, vier Objektive am Gürtel hängen haben 😦

Das interessante am MoMa, vor allem an einem Freitag Abend, wenn die Firma Target den Eintritt sponsort, ist, dass heutzutage jeder seine Knipse in Form eines Handys oder Tablets dabei hat und die Leute eigentlich die Bilder nur noch durch ihre eigene kleine Linse betrachten. Man steht vor Jasper Johns Star Spangled Banner mit dem schönsten Lächeln, das man zusammenbringt, und lässt sich von jemand anderem knipsen. Oder man versucht Jackson Pollock, Mark Rothko oder Barnett Newmanns wandfüllende Werke in sein kleines iPhone zu zwingen.

Salute the Stars and Stripes

Marilyn Take One

Nichts für ungut: in dem ganzen Trubel, gab es durchaus auch einige, die zumindest versuchten, der Moderne einen Sinn abzugewinnen.

Red
Understanding Barnett Newman

Red, Brown, Blue and we
(Mark Rothko)

Neben einigen Gemälden und Skulpturen, die ich gerne (wieder)sehen wollte, fand ist es eigentlich am spannendsten die Menschen zu betrachten und ein paar kleine photographische Studien anzufertigen. Ach ja, nur abschließend, in Bezug auf Photographie, ist das MoMa, zumindest im Moment, etwas dünn bestückt. Hier lohnt sich eher ein Blick ins Met oder eine der vielen Sonderausstellungen in New York City.

Dating on the streets of New York

Big Apple People

Ich kann mich nicht mehr erinnern; war es E L Doctorow, der gesagt hat, man müsse in New York leben, um die Seele der Menschen zu studieren? Menschen studieren kann man hier auf alle Fälle, konzentrierter und in einer faszinierenderen Mischung als sonst irgendwo auf diesem Planeten. Für Asien fiele mir allenfalls das alte Hongkong ein, „alt“ in dem Sinne, dass Elisabeth Regina da noch das Sagen hatte 🙂

Das erste, was einem auffällt in dieser Stadt, sind die Massen an Menschen, die man zu jeder Tages und Nachtzeit antreffen kann, und die das Bild ausfüllen.

People

Was Henri Cartier-Bresson in Paris an Straßenszenen aufspürte springt einem in New York fast kontinuierlich ins Auge – meist ist man nur nicht schnell (oder abgebrüht ?) genug. Die Diva (das wäre sie bestimmt gerne), die im nachtblauen Outfit auf ihre Limousine wartet, das coole Mädchen, das einen Date für diesen Abend „fixed“ (oder vielleicht auch nur mit Chef plaudert), der Solipsist mit seinem Buch mitten im Central Park …

The Diva

The Date

The Solipsist

Es ist der Gegensatz zwischen den omnipräsenten Massen und dem Individuum, die den Reiz dieser Motive ausmachen. Es sind die sich stetig ändernden Farben, wenn man seinen Spaziergang am Broadway gegen 17 Uhr beginnt und langsam die Leuchtreklamen an Strahlkraft gewinnen, die Schatten interessanter werden, die Gesichter der Menschen eine Mischung von Müdigkeit und Erwartung widerspiegeln – bis hin zu dem Punkt wenn die Straßenverkäufer ihre Karren wegschieben und man schon bei ISO 3200 angelangt ist 🙂

Going Home