Venedig

„So ist Venedig, die Schöne, schmeichelnd und verdächtig, Legende und Falle für die Fremden“, schrieb Thomas Manns in seiner Novelle „Tod in Venedig“.

Es ist kaum je treffender formuliert worden.

Eigentlich Wahnsinn im Hochsommer ein Wochenende dort zu verbringen; bisweilen bringt aber ein Gewitter nicht nur eine Klärung der Atmosphäre, sondern auch Licht und Stimmung, die der Stadt so viel mehr zu entsprechen scheinen.

Frühes Aufstehen lohnt sich.

Venezianische Spiegelungen

Venezianische Spiegelungen

Endliche graue Fassaden, die sich aufrecken gen Himmel, als ob sie sich mit ihm vermählen wollten.

Mülleimer die geleert werden.

Müllsäcke die verharren.

Menschen, die unbehindert von Touristenhorden ihrem Tagwerk nachgehen.

Gondeln, die, verpackt in Plastik, darauf harren wieder tausende knipsende Touristen durch die Rii – Canale, Plural Canali, heißen nur wie wenigsten Wasserstraßen in Venedig, Rio, Plural Rii, die meisten -zu befördern.

Verpackte Gondeln

Verpackte Gondeln

Eine blitzblanke Thunfischdose, deren Reinheit sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, auf eine streunende Katze zurückführen lässt.

Florians Tische in geometrischer Präzision, deren Stille nur durch ein Mädchen gestört wird, die die Verstimmung des gestrigen Abends am Telefonino zu beseitigen trachtet.

Florians Tische

Florians Tische

Morgengeräusche.

Das Rumpeln von Plastikkoffern auf Rollen, in denen Touristen ihre Habe durch die Welt rollen.

Wo sind die Lederkoffer, die sich zu Thomas Manns Zeiten mit elegantem Schwung ins Motoscafo befördern ließen.

Reminiszenzen vergangener Tage.

Stattdessen: klonk, klonk, klonk.

Juli – Einladung

Boote auf dem Potomac in Washington D.C. – bunt, farbenfroh, neben- und zum teil übereinander gestapelt, als würden sie rufen: „komm, setz dich in mich und lass uns losfahren, irgendwo hin.“ Sie strahlen eine Leichtigkeit aus, die uns gerne im Sommer überkommt, wenn die Luft duftet und uns warm umspielt, wenn die Ferien, der Urlaub in greifbare Nähe rückt.

Ist es die Möglichkeit, für eine Zeit auszubrechen, den Alltag hinter sich zu lassen oder sind es die geheimen, über Jahre verdrängten Wünsche, denen man versucht Raum zu geben, die uns lebendiger werden lassen, die uns uns selbst wieder näher bringen?

Boote auf dem Potomac

Boote auf dem Potomac

Warum gibt man sich selbst eigentlich so wenig Raum, so wenig Zeit zum entfalten? Sind es nicht gerade unsere Wünsche und Leidenschaften, die uns zu besonderen Leistungen bringen, die uns wirklich gut werden lassen?

Manchmal schrecke ich dabei aber auch selbst zurück vor meiner eigenen Courage – bin ich wirklich gut genug?

Was, wenn ich scheitere?

Manchmal gehe auch ich nicht auf das volle Risiko, bleibe lieber in gewohnten Gefilden, in denen ich mich nicht mir selbst stellen muss sondern wo mein Wissen und meine Erfahrung genügen.

Aber lebendiger, ehrlicher und mehr ICH wäre eigentlich …

Vielleicht nehme ich doch das 3. Boot von links und schau mal, wohin es mich treibt..

Gastbeitrag von Dorothea Elsner

Den vollständigen Kalender finden Sie auf http://www.thomasmichaelglaw.com

Auszüge aus diesem Blog gibt es auch als Buch :
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Narben

Narben sind hochinteressant. Sie lassen uns wissen, dass unserem Gegenüber schon einmal etwas Schmerzhaftes passiert ist. Auch bei der Diagnose sind sie durchaus hilfreich. Seelische Narben sind bei weitem schwieriger zu identifizieren; wenn man sie entdeckt, ist einem häufig schon eine Situation um die Ohren geflogen.

Bei Gebäuden ist das anders.

Köln

Köln

In der letzten Woche hatte ich das Glück wieder einmal in Köln und Aachen zu sein. Neben der selbstironisch freundlichen Atmosphäre, die einen dort umfängt und das Nachdenken über drängende Fragen ungeheuer erleichterte, hatte ich auch einige Momente der Muße oder gar des Müßiggangs, um mit offenen Augen durch die Straßen zugehen.

Mir fielen die Narben auf.

Köln

Köln

Wer, wie ich, einen großen Teil seines erwachsenen Lebens in München verbracht hat, weiß sehr wohl um die Kunst Narben zu verbergen. Das lernt man nicht nur als junger Alumnus in der medizinischen Fakultät, man lernt es auch wenn man mit offenen Augen durch die Straßen geht. Es ist alles in allem eine Frage der Ästhetik. Kann ich es ertragen im Stadtbild Lücken zu lassen, muss ich sie mit zeitnahen Rekonstruktionen auffüllen oder kann ich es vielleicht gar aushalten, dass sich dort einfach temporäre Architektur – so schlecht sie auch sein mag – breit macht.

Ich finde es überaus interessant, dass sich gerade im Rheintal, das über Jahrhunderte unter wechselndem Kriegsglück, aller Arten von Besetzungen und unglaublichen Zerstörungen zu leiden hatte, diese Leichtigkeit des Seins bildete. Oder vielleicht gerade deswegen ?

Köln

Köln

Man mag so manches, was dort architektonisch gewachsen ist, für unschön halten. Gewiss. Aber es steht für die Menschen und die Gesellschaft, in der es gewachsen ist. Insofern ist es für mich zunächst einmal schön. Der Ausdruck menschlichen Seins (und auch des Unsinns, den es gebiert) gebietet durchaus eines gewissen Respekts, zumal ich finde, dass eine solche Haltung wesentlich realitätsnaher ist als die, die nur ein Disneyland mit anderen Mitteln schafft.

Geschichte und Geschichten, die sich auch und immer wieder in Narben zeigen.
Ich hatte gestern das Glück einen Menschen zu bewirten, der Geschichte und Geschichten in recht einmaliger Weise verquickt.
So wie die Stadt Köln.