Einstieg unter Tage

Das Ruhrgebiet – eine Legende, Vergangenheit, fast vergessen..
In den letzten Jahren waren wir mehrfach in diesem ehemaligen Industriezentrum Deutschlands unterwegs, auf den Spuren der Kohle, des Bergbaus und der Gewinnung von Eisen und Stahl.

Zeche Zollern - © 2016 Thomas Michael Glaw

Zeche Zollern – © 2016 Thomas Michael Glaw

Vorhängeschlösser – eine ganze Reihe zieren dieses Bild. Sie gehören zu den ersten Dingen, die man bei der Besichtigung der Zeche Zollern sieht: In der Waschkaue, den Räumen, in denen sich die Bergleute umzogen, bevor sie unter Tage fuhren, wurde die normale Kleidung gegen die Bergmannskluft getauscht und in Körbe gesteckt, die unter die Decke gezogen wurden. Mit dem Schloss, zu dem nur der Bergmann selbst Schlüssel besaß, wurde das Hab und Gut gesichert.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, als Enkelin eines Bergmanns auf diese Vorhängeschlösser zu schauen: es gibt keine Spinte oder Schränke, der private Platz, der den Bergleuten damals an ihrem Platz zugeteilt wurde, beschränkt sich auf den einen Korb, so groß wie ein mittelgroßer Topf mit ein paar Haken, der Kette, an dem er hängt und das Schloss. Die Stechkarte, die in einen Kasten gesteckt wurde, zeigte, wer gerade alles tief unter der Erde arbeitete, und wessen Familien zu informieren waren, sollte es einen Zwischenfall geben. Ein einfaches, aber auch notwendiges Prinzip, betete doch jede Familie darum, dass der Ehemann und Vater nach der Schicht heil nach Hause kam. Nicht immer wurden diese Gebete erhört, es gab immer wieder Unfälle, die eine Familie vergeblich auf die Rückkehr warten ließ.
Besucht man heute diese Denkmäler der Industriekultur, kann man, trotz guter Darstellungen, Erklärungen und der Möglichkeit, viele Orte Begehen und Begreifen zu können, sich die damalige Situation nur schwer vorstellen. Heute, wo Arbeitsplätze auch gesundheitlich so sicher wie möglich sind, so dass wir es uns leisten, nicht nur den Betriebsunfall sondern alle möglichen Eventualitäten abzusichern, ist diese Angst der Menschen damals unvorstellbar.
Nein, es waren andere Zeiten. Ich lade Sie ein, sich eines der Vorhängeschlösser auszusuchen und in den nächsten Monaten auf eine Entdeckungsreise in eine fast vergessene Gegend mitzugehen, die vor den Toren meiner Heimat liegt.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zu unserem Jahreskalender 2016 : Nahaufnahme Ruhrgebiet – Analoge Industrie

Angst

Eigentlich passt das Thema nicht in mein Blog, aber vieles, das in den letzten Wochen, im wirklichen Leben, wie in den Medien geschehen ist, oder auch nicht, hat mich sehr nachdenklich zurückgelassen.

Wir werden von Flüchtlingen überschwemmt. Sagt man.

Wir schaffen das nicht. Sagt man.

Vor Ort in Bayern herrscht Chaos. Sagt man.

Menschen - © 2016 Thomas Michael Glaw

Menschen – © 2016 Thomas Michael Glaw

Viel schlimmer:

Ein alter Freund, Amerikaner, weit gereist, mehrsprachig, deutsche Wurzeln, lange im Nahen Osten gearbeitet, postet auf einmal ein offensichtlich gefälschtes Video, auf dem Jugendliche dunkler Hautfarbe und mit Kopftüchern angetan von sich geben, sie hassten alle Deutschen, und faselt von kriminellen Parallelgesellschaften. Eines seiner nächsten Postings war eine Werbung der Firma Glock.

Der von mir durchaus geschätzte Rainer Meyer, der als Don Alphonso in der FAZ bloggt, lamentiert seit Wochen nur noch über das Übel mit den Asylanten. Neulich konnte er nicht mal bei seiner Sparkasse Geld abheben, weil vier dunkle Gestalten mit Bierflaschen im Foyer standen. Ganz klar: böse Ausländer. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts nannte man die Jungens „Halbstarke“ und wenn sie es zu toll getrieben haben, rief der brave Bürgen den Schupo.

Ein anderer Freund aus dem oberbayerischen Dorf in dem ich einige Jahre verbracht habe, eine Seele von einem Mensch, stets bereit zu helfen, postet die Fotografie eines Briefes, aus dem hervorgeht, dass in Rostock ein Flüchtling 1004 Euro im Monat bekäme und stellt die Frage, wie es denn der deutschen Rentnerin erging. Der Brief ist zwar echt, nur die Summe bezieht sich auf eine „Bedarfsgemeinschaft“, die vier Personen umfasst, ergo 251 Euro im Monat pro Person.

Die einzige vernünftige Erklärung, die mir zu all dem einfällt ist das, was man auf Englisch „the German Angst“ nennt – eine Angst vor einer nicht vorhandenen Gefahr, die einem den Mut zu handeln nimmt, die anscheinend Teil unseres Volkscharakters ist und die sich im Moment gerade wieder einmal die Bahn bricht. Auch wenn ich kein Parteigänger von Angela Merkel bin, so bin ich doch sehr froh, dass wenigstens sie einen kühlen Kopf bewahrt, während die in Bayern dominierenden Parteifreunde eher im Trüben fischen.

Meinen ausländischen Studentinnen und Studenten zeigen sich immer amüsiert über den Ordnungswahn der Deutschen, die vielen Regeln, die mangelnde Flexibilität. Ich finde, dass sehr viele Menschen, Behörden und Organisationen in diesem Land mit Augenmaß, Flexibilität und unter Anwendung bestehender Regeln handeln. Europa hat den Exodus der Menschen aus dem Nahen Osten quasi mit initiiert, durch die radikale Kürzung der Mittel für die Flüchtingscamps in Jordanien und anderen Ländern und die Menschen bewusst dem Hunger, wenn nicht gar dem Verhungern ausgesetzt. Erinnert sich noch jemand an die Erzählung von den Bremer Stadtmusikanten? „Etwas Besseres als den Tod findest Du überall“, sagte der Esel zum Hahn.

Ich finde wir sollten uns nicht den Schneid abkaufen lassen. Wir sollten uns um die kümmern, die unsere Hilfe brauchen. Wir sollten diejenigen, die sich hier ein Leben aufbauen wollen unterstützen, denn die werden Steuern zahlen und unser marodes Rentensystem noch ein paar Jahre am Überleben erhalten. Vielleicht merken die Volksvertreter in Berlin ja doch irgendwann, dass eine grundlegende Änderung Not tut. Wir sollten allerdings auch diejenigen, die nicht das Recht haben zu uns zu kommen in ihre Heimatländer zurückführen und mit den dortigen Regierungen klare Vereinbarungen treffen. Wir sollten diese kriminelle Vereinigung namens IS gemeinsam mit anderen zerstören. Ich wähle dieses Wort bewusst, denn als alter Soldat glaube ich, dass sie keine andere Sprache verstehen werden.

Letztlich sollten wir alle, vor allem diejenigen von uns, die gerne und schnell etwas posten, aber auch diejenigen, die das als Journalistin oder Journalist tun, „s‘ Hirn einschalten“ , wie man in Bayern so charmant sagt, besser recherchieren und über die Wirkung ihrer Meldungen lieber einmal mehr nachdenken.

Frau Merkel hat gesagt „Wir schaffen das“.

Ich glaube schon. Wenn wir nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind.

Baratijas

nennt man auf Spanisch Kleinigkeiten, oft auch Trödelkram. Ich möchte einfach noch ein paar kurze Bemerkungen zu unserer Stippvisite in Sevilla loswerden. Das verhältnismäßig schlechte Wetter begleitete uns weiter und meine übergroße Liebe für Wind und Wetter an der Atlantikküste hatte mir eine nette Grippe eingebracht, die mich auch ein wenig bei der Arbeit behinderte.

Wir hatten natürlich auch übersehen, dass der sechste Januar für die Spanier ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist, als der 25. Dezember für uns, sprich, alle Museen und öffentliche Einrichtungen waren an diesem Tag geschlossen. Ich hätte natürlich sehr gerne im Reales Alcázares de Sevilla fotografiert, einem schönen Beispiel für die Mudéjar Architektur, also unter christlicher Herrschaft entstandene Bauten mit islamischem Einfluss. Ich mag de Leichtigkeit der Konstruktion, das Filigrane des Schmuckes. Die Handwerker haben dem christlichen Bauherren, Pedro I von Kastilien, der vermutlich des Arabischen nicht mächtig war,  zudem hübsche Wandfriesen untergejubelt: لا إله إلا الله  – normalerweise wird das mit „Es gibt keinen Gott außer Allah“ übersetzt. Der amerikanische Religionswissenschaftler Reza Aslan verwies allerdings schon vor Jahren auf einen relativ trivialen Irrtum: eigentlich bedeutet dieser Satz natürlich „Es gibt keinen Gott außer Gott“ (Lā ilāha illā ʾllāh), eine Aussage, die wohl die meisten monotheistischen Religionen unterschreiben würden. Interessanter Gedanke angesichts vieler, auch bei uns, anstehender Debatten.

Lichtbildnerisch empfand ich in Sevilla die extrem schmalen Gassen als Herausforderung. Unverhofft kamen wir außerhalb des sehr touristisch geprägten Stadtkerns, an zahlreichen kleinen Läden vorbei, die ich für meine „Fassadensammlung“ festgehalten habe. In schwarz – weiß entwickelt (wenn man das bei digitalen Bildern noch so sagen darf), haben sie einen besonderen Charme.

Bar in Sevilla - © Thomas Michael Glaw 2016

Bar in Sevilla – © Thomas Michael Glaw 2016

Das schlechte Wetter hat natürlich auch unsere Absicht, im wahrsten Sinne des Wortes, getrübt ein wenig an der Kathedrale von Sevilla zu fotografieren, die viele architektonisch interessante kleine Eigenheiten hat. Ich sammle auch schon seit vielen Jahre diese kleinen Wasserspeier, bei denen man an den meisten großen europäischen Kathedralen fündig wird. Interessante Hintergrundinformationen dazu findet sich auch in dem sehr lesbaren Buch Die Zeit der Kathedralen von Georges Duby .

 Gargouille am Dom von Sevilla - © Thomas Michael Glaw 2016

Gargouille am Dom von Sevilla – © Thomas Michael Glaw 2016

Was macht man sonst in Sevilla wenn der Hals kratzt und die Nase im Gleichklang mit dem Himmel tropft? Man geht spazieren, wenn der Alcazar geschlossen ist, im Botanischen Garten der Maria Luisa, fühlt sich im Januar in den Herbst versetzt, hängt seinen Gedanken nach und geht heißen Tee trinken. Rum gibt es übrigens hier auch.

Park Maria Luisa Sevilla - © Thomas Michael Glaw 2016

Park Maria Luisa Sevilla – © Thomas Michael Glaw 2016

Noch ein letzter Tipp: gehen Sie nicht im Stadtzentrum essen und vermeiden Sie Restaurants mit mehrsprachigen Speisekarten. Ein fünfzehn minütiger Spaziergang durch die engen Gassen macht sich in geschmacklicher Hinsicht und im Hinblick auf den Preis auf jeden Fall bezahlt. Wenn es dann allerdings unbedingt noch eine zweite Flasche Verdejo oder Ribera del Duero sein muss, viel Spaß beim Rückweg durch dieses wunderbar verwinkelte Gassensystem. Ihr GPS wird nämlich meistens, auf Grund der Höhe der Häuser, nicht genug Satelliten sehen …

 

Cadiz

oder die Rückkehr zum Meer: Geplant war, was man auf Englisch so schön „a gentle drive“ nennt. Ein unübersetzbarer Ausdruck in Deutschland, einem Land, in dem die Freiheit zu Rasen, zu den vom ADAC verteidigten Grundwerten menschlicher Existenz gehört. In Spanien ist das bei einer gesetzlich verordneten Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf Autobahnen zugegebenermaßen schwierig. Freie Fahrt für freie Bürger -vielleicht wäre das ja eine weitere Idee für Pablo Iglesias „Podemos“ Bewegung. Nachdem es dem durchschnittlichen Spanier, beziehungsweise der durchschnittlichen Spanierin, beim Autofahren jedoch ein wenig an Übersicht mangelt, vielleicht doch keine so gute.

Auf dem Weg nach Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Auf dem Weg nach Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Aber ich lenke ab. Der Weg von Granada nach Cadiz sollte eigentlich der Landschaftsfotografie gehören. Wir wollten zumindest einmal erste Pflöcke einschlagen, um irgendwann im Frühjahr zurückzukehren und uns dann der Wildheit der Landschaft zu widmen – Spring it will be … Petrus hatte leider kein Einsehen und garnierte unsere Reiseroute mit einem permanenten Nieselregen, der nur durch zeitweilige Regengüsse unterbrochen wurde – zugegebenermaßen ein wenig schwierig, unter diesen Umständen Farben, Licht und Wolken in Einklang zu bringen. Abgesehen von den Unbilden des Wetters, steht auch das spanische Straßenbauamt der Idee des „Stehenbleibens“ auf Landstraßen nicht sonderlich positiv gegenüber – die Straßenränder fallen mal eben etwa einen halben Meter ab. Nachdem wir leider keinen Landrover, sondern einen Renault Captur zur Verfügung hatten (allein der Versuch, zwei Koffer und eine Fotoausrüstung in dieser Kiste unterzubringen, ist eine Herausforderung) keine empfehlenswerte Lösung.

Cadiz - © Thomas Michael GLaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Ich glaube, es war Lord Byron, der vom glänzenden Cadiz sprach. Zunächst einmal sind wir wie einst Jesus über das Wasser gewandelt, denn unser TomTom kannte, trotz Update auf neue Europakarte direkt vor der Reise, die im September 2015 eröffnete Brücke noch nicht und gab erschreckte Töne von sich. Ich habe Cadiz nicht als glänzend wahr genommen, aber für mich ist die Rückkehr zu einer Stadt am Meer immer etwas Besonderes. Es ist schwer zu erklären, aber die Nähe der See, der permanente Wind, das besondere Licht … ich kann mich dem nur schwer entziehen. Ich könnte stundenlang auf das Meer schauen. Nicht auf diese Badewanne zwischen Europa und Afrika, zugegebenermaßen, aber auf das wirkliche Meer. Es zu riechen, es in seinen Haaren zu spüren, die Bedrohung, wie auch die Tiefe, wahrzunehmen, die gefühlte Unendlichkeit des Horizonts (auch wenn er fototechnisch durchaus endlich ist), die unbewusst vorhandene Tiefe.

Strandgut - © Thomas Michael Glaw 2016

Strandgut – © Thomas Michael Glaw 2016

Für meinen nächsten Gedichtband sammle ich seit drei Jahren „Strandgut“ in fotografischer Form: Angetriebenes, Steine, Federn, Taue, Kadaver … was das Meer wieder ausspuckt erinnert mich in manchem an meine Gedichte, die auch aus Zeilen bestehen, die das Leben von sich gegeben hat.

Die Stadt Cadiz selbst ist – zumindest im Winter – voll reizvoller Normalität. Es fällt auf, wie viele Europa- oder weltweit agierende Geschäfte selbst hier, im südwestlichsten Zipfel Spaniens, ihre Filialen haben, die Menschen wirkten ein wenig entspannter, als im shopping gestressten Granada. Auch hier boxten sich allerdings Gruppen weiblicher Teenager durch die gemächlich treibende Masse, um noch ihren letzten Einkäufen vor dem Eintreffen der Reyes Magos zu frönen.

Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Während wir den Heiligen Königen in Granada nie begegneten – die Schlange vor dem Rathaus, wo man sie angeblich persönlich treffen konnte betrug am Abend stets mindesten 100 Meter – liefen wir ihnen in Cadiz förmlich in die Arme: reizende ältere Herren, die mit Kindern und Erwachsenen gleich liebenswürdig umgingen.

Noch ein letztes Wort zu dieser wunderbaren Stadt am Rande des Ozeans: Suchen Sie sich ein Hotel an der Westseite, und wenn Sie Hunger verspüren, besuchen Sie das Restaurant La Despensa. Üblicherweise geben wir hier unsere kleinen Geheimnisse nicht Preis, aber so viele Leute wird es schon nicht nach Cadiz verschlagen, und dort kocht man wirklich gut. Nur ein Wort der Warnung: wenn Sie Spanisch sprechen und sich mit der Bedienung gut verstehen, seien Sie vorsichtig, wenn Sie zum Café Solo einen Carlos I bestellen. Es könnte passieren, dass man ihnen eine 1/3 Flasche auf zwei Gläser verteilt, und dann wird die bildnerische Arbeit am Nachmittag, wie soll ich mich ausdrücken, spannend.

Alhambra

Die Alhambra als Ganzes, besonders aber die Nasridenpaläste, sind ein Erlebnis, dass man sich einmal im Leben gönnen sollte. Vor die Begegnung mit diesem Kunstwerks hat allerdings die Stadt Granada den Erwerb eines Tickets gesetzt. Die meisten Reiseführer preisen die Möglichkeit des Erwerbs eines Online Tickets – keine Wartezeit, keine Schlange stehen. Prinzipiell bin ich ein großer Freund dieser Online Tickets, ob es das Musée d’Orsay in Paris, die Berliner Museumsinsel, die großen Museen in Madrid oder „dahoam“ in München das Lenbachhaus ist: schnell gebucht, zu Hause ausgedruckt, bisweilen sogar ganz einfach aufs Handy geladen. Die Stadtväter in Granada haben sich allerdings eine besondere „Methode“ ersonnen: bestellen und bezahlen kann man Ticket sehr wohl online – Schlange stehen muss man trotzdem, weil man es an einigen wenigen Automaten der örtlichen Bank „La Caixa“ ausdrucken muss. Für diesen „Service“ verlangt man dann 1,40 Euro extra pro Ticket. Bei ein paar hunderttausend Besuchern pro Jahr ist das ein hübscher Batzen Geld. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: für 1,40 bekommt man in Spanien bestenfalls ein kleines Bier und ich bin sehr dafür, Kunstdenkmäler zu erhalten, aber diese Methode ist doch ein wenig fragwürdig.

Die Gärten der Alhambra im Winter - © Thomas Michael Glaw 2016

Die Gärten der Alhambra im Winter – © Thomas Michael Glaw 2016

Nun wollen wir uns aber den angenehmeren Teilen des Besuches widmen, nämlich der Anlage selbst. Ich gehe davon aus, dass Sie alle Zugriff auf Wikipedia und diverse Kunstreiseführer haben, werde sich also nicht mit dem langweilen, was Sie sowieso überall finden können. Ein Besuch der Alhambra im Winter hat den Vorteil, dass die Besucherzahl nur einen Bruchteil der Sommerbesucher ausmacht (der Nasridenpalast war trotzdem komplett ausgebucht, wir haben fast die letzten Karten drei Wochen vorher online bekommen), die Farben des Parks sind völlig andere, die Früchte an den Bäumen leuchten anders, selbst die Steine sehen anders aus, weil sie nass sind.
Apropos nass: so sehr ich den Besuch im Winter empfehle, versuchen Sie tunlichst, einen Tag mit Dauernieselregen zu vermeiden. Wir konnten das auf Grund eines relativ engen Reiseplanes leider nicht und haben versucht, das Beste daraus zu machen.

Die Gärten der Alhambra im Winter - © Thomas Michael Glaw 2016

Die Gärten der Alhambra im Winter – © Thomas Michael Glaw 2016

Der Park ist ein wenig spanische Natur im Kleinformat, ohne etwas zu Artifizielles an sich zu haben. Klare, strenge Formen vermischen sich mit einer gewissen Wildheit. Überall fließt und sprudelt es; das Wassermanagement ist für eine Anlage dieser Größe, zumal fußend auf einer bald eintausend Jahre alten Technik, absolut faszinierend.

Nasridenpalast - © Thomas Michael Glaw 2016

Nasridenpalast – © Thomas Michael Glaw 2016

Ebenso interessant sind die „Spinnweben Gottes“ , die Wandgestaltung aus arabischen Schriftzeichen und Symbolen, die sich in ihrer Leichtigkeit durch alle Gebäude der ursprünglichen Alhambra zieht. Der Palast Karl V, den dieser spanischer Herrscher (und Kaiser des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation) da mitten hineingesetzt hat, bleibt ein Fremdkörper. Schwer, massig, massiv, für die Ewigkeit gebaut. Die Konstruktionen und der Schmuck des frühen Islam wirken leicht, fast spielerisch und sind zudem aus Gips, also ganz bewusst der Veränderung, wenn nicht gar dem Verfall, preisgegeben. Wie anders war das Selbstverständnis dieser Herrscher, wenn man es mit dem Dogmatismus in den herrschenden Richtungen des Islam heute vergleicht … Die christlichen Kirchen bauen ja immer noch überwiegend für die Ewigkeit, auch wenn der derzeitige Papst wohl einen Wandel anstrebt. Ob er auch zu mehr Leichtigkeit in den Herzen führen wird?

Nasridenpalast - © Thomas Michael Glaw 2016

Nasridenpalast – © Thomas Michael Glaw 2016

Wenn man die Alhambra nach einem durchaus anstrengenden, halben Tag verlässt und die müden Füße einen (durch den Nieselregen) zurück in die Stadt tragen , nimmt man doch eine gewisse Leichtigkeit im Herzen mit. Eine Leichtigkeit, die das Gewusel der, immer noch heftig shoppenden, Bewohner der Stadt ein wenig leichter zu ertragen macht.

Granada

Warum fährt man im Winter nach Granada? Eine berechtigte Frage. Vielleicht, weil die Orangen immer noch an den Bäumen hängen, vielleicht, um verwitterte Granatäpfel an Bäumen zu fotografieren, vielleicht, weil man zu dieser Zeit noch nie dort war .

Aber alles zu seiner Zeit. Ein bemerkenswerter Samstag begann mit einem älteren Ehepaar am Münchner Flughafen, das sich verzweifelte bemühte, einen knapp zwei Kilo schweren Schmuck- oder Schminkkoffer (der Herr mag wissen, was sich darin befand) als Gepäck aufzugeben. Der Automat weigerte sich natürlich beständig, ohne weitere Kommentare abzugeben. Irgendwann war es den beiden dann zu dumm, zumal auch kein hilfreicher Geist in den gelb – blauen Farben der Kranichlinie auftauchte, die Passagiere hinter ihnen deutlich hörbar mit den Füßen scharrten und es ihnen „zu bunt wurde“. Allgemeines Aufatmen.

Weiter ging es mit den Damen und Herren der Sicherheitskontrolle. Als Fotograf mit reichlich Equipment gesegnet ist man ja so einiges gewöhnt, aber dass ich dieses mal nicht auch noch die Filter abschrauben musste um den Zwischenraum auf Sprengstoff zu testen, war auch schon alles. München (und Münster – Osnabrück, das muss an dieser Stelle schon angemerkt werden) sind, was die GRÜNDLICHE Überprüfung von technischer Ausrüstung angeht einsame Spitze. Rom, Paris, Edinburgh, Amsterdam, Madrid … eeeeentspannt. Die haben anscheinend begriffen, dass es nicht die Fotografen dieser Welt sind, die das nächste Flugzeug in die Luft jagen werden.

In der Mancha - © Thomas Michael Glaw 2016

In der Mancha – © Thomas Michael Glaw 2016

Von Madrid aus geht es dann etwas über vier Stunden durch überwiegend menschenleere Gegend Richtung Südwesten. Leider hatten wir nicht genug Zeit, um für aussagekräftige Landschaftsaufnahmen stehenzubleiben, jedem/jeder Interessierten sei die Gegend aber wärmsten empfohlen; ich werde bei nächster Gelegenheit einmal zurückkommen. Wilde Natur, kontrastiert mit streng geometrisch organisierten Olivenhainen, Bergrücken, die fast organisch wirken und Farbspiele zwischen Ocker, fahlem Gelb und Grautönen, die eine Herausforderung darstellen.

Als wir uns in Granada endlich zu einem Hotel nahe des Zentrums mit bezahlbaren Preisen durchgefummelt hatten, hätte uns ein netter Aufkleber im Lift eine Warnung sein sollen. Die Firma OTIS wies mit freundlichen Weihnachtsgrüßen darauf hin, dass der Aufzug in der Nacht vom 24. Dezember für den Papá Noel und in der Nacht auf den 5. Januar für die Reyes Magos, also die heiligen drei Könige, die in Spanien noch einmal Geschenke bringen, reserviert sei. In Deutschland hätten sie sich das niemals getraut, denn es hätte Kritik gehagelt von den Verfechtern einer christenfreien Weihnacht, ebenso wie von der katholischen Kirche. Spanien ist, in vielerlei Hinsicht, ein entspanntes Land. Politisch vielleicht nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Weinachten in Granada - © Thoma Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thoma Michael Glaw 2016

Das dicke Ende kam beim abendlichen Besuch in der Innenstadt. Nach Aufenthalten in Madrid war uns schon klar, dass der Spanier erst gegen acht Uhr abends aufwacht und dann in Massen ins Zentrum strebt. Das ist schön, damit kann man leben. Wir hatten nur übersehen, dass es ja auch noch um das Einkaufen von Geschenken geht. Da können zehnmal am 6. Januar die heiligen drei Könige kommen (Kinder nicht weiterlesen), die Geschenke organisieren immer noch Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel, Tante, Bruder, Schwester, Cousin und Cousine – üblicherweise im Familienverbund, der dann auch schon einmal laut aufschreiend vor einem wunderschön dekorierten Schaufenster stehenbleibt. Auffahrunfälle der harmloseren Art sind also vorprogrammiert.

Weihnachten in Granada - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada – © Thomas Michael Glaw 2016

Bemerkenswert ist der Lärmvorhang, der über dem ganzen hängt. Wir sind durchaus römische Verhältnisse gewöhnt, aber die hier vorhandene Kakophonie aller Tonlagen übertrifft, zumindest für mein Dafürhalten, alles bisher Gehörte. Geht man dann irgendwann gegen 21 Uhr 30 in die Nähe irgendwelcher Lokale, um vielleicht doch noch einen Happen zu essen, wird das ganze eher noch schlimmer – und die Kinder zunehmend ungehaltener.

Verschärft wird das ganz noch durch die ubiquitäre Nutzung von Minipanzern, die als Kinderwagen getarnt sind, aber lässig den Umfang eines Kleinwagens, mit der Einstellung der Besitzerin (oder des Besitzers) am Steuer eines Panzers zu sitzen, kombinieren. Irgendwo in dem Teil sitzt unter einer Plastikplane (es regnet) ein schreiendes Kind, behängt ist das Ganze mit diversen Schirmen, Taschen und allen weiteren Notwendigkeiten – von diversen Weihnachtseinkäufen ganz zu schweigen.

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet - © Thomas Michael Glaw 2016

Weihnachten in Granada bei Tag betrachtet – © Thomas Michael Glaw 2016

Warum fährt man also zu dieser Zeit nach Granada? Vielleicht, um einer Illusion nachzuhängen, vielleicht, um Federico Garcia Lorca auf einer feuchten Parkbank zu lesen, vielleicht, um eine paar Bilder vom – nach unserer Vorstellung – nachweihnachtlichen Granada zu machen. Sicher, um am nächsten Tag (wieder im Nieselregen) die Alhambra zu besuchen. Davon mehr im nächsten Blog.

 

Boom !

oder der dritte Weltkrieg in Neuperlach. Es war das erste mal, dass wir Silvester hier verbracht haben, aber es ist durchaus eine Erfahrung. Tausende waren der Meinung, sie müssten den ganz großen Knall veranstallten, auf mich wirkte das alles eher befremdend.

Silvester in Neuperlach - © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach – © Thomas Michael Glaw

Für mich als Fotografen war der zunehmende Nebel die wirkliche Herausforderung des Abends und zugleich eine Chance für außergewöhnliche Aufnahmen.

Die Bedrohung des Terrors, der gestern seine Finger nach uns ausstreckte, hat uns hier am Stadtrand nicht erreicht. Es war trotzdem beeindruckend, wie Politik und Sicherheitskräfte auf diese Bedrohung reagiert haben und wie die Münchner im Zentrum sich nicht aus ihrer Feierlaune bringen ließen. Die Zivilgesellschaft hat funktioniert.

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Die Bilder hier geben nicht wirklich die Lärmkulisse, die Kakakophonie und die überbordenden Lichtelemente wieder. Verglichen mit anderen europäischen Städten war es eine schräge Sinfonie …

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Silvester in Neuperlach © Thomas Michael Glaw