Morgenstimmung

Es gibt Tage, die sind für mich untrennbar mit Musik verbunden, dazu gehört auch der Ostersonntag. Nein, es ist nicht Bach, auch wenn John Eliot Gardeners Interpretation der Johannes Passion für mich fester Bestandteil der vorösterlichen Zeit ist. Es die „Morgenstimmung“, das Allegretto pastorale aus der ersten Suite von Edvard Griegs „Peer Gynt“. Es sind diese sanften Töne, verbunden mit dem Gezwitscher der Vögel im Park vor meinem Fenster, die das besondere ausmachen.

Morgenstimmung - © Thomas Michael Glaw

Morgenstimmung – © Thomas Michael Glaw

Wir haben nicht vergeblich gewartet. Am Ende einer dunklen Nacht steht eine wärmende, leuchtende, strahlende Sonne. Der Weg mag lang gewesen sein, aber das Warten hat sich gelohnt, die Hoffnung hat nicht getrogen.

Woran denken Sie bei diesem Ostererlebnis? Im Leben jedes Menschen, gibt es solche Erlebnisse, einige aus meinem eigenen Leben gehen mir an Ostern immer wieder durch den Kopf. Auf manches musste man lange warten, aber am Ende hat sich das Warten gelohnt. Wer zu der Minderheit gehört, die heute Nacht bzw. heute Morgen in der Kirche war, hat vernommen, dass das Grab leer war. Nur so richtig glauben, dass Jesus auferstanden war, wollte eigentlich noch keiner.

Mein Sohn erklärte mir letzte Woche was eine „Eskalation“ ist. Ich kannte den Begriff zwar aus der politischen Theorie der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, aber dass es sich dabei um einen kollektiven Luftsprung auf Grund besonders laut wabernder Bässe handelt, war mir bis dato entgangen.

Graffiti - © Thomas Michael Glaw

Graffiti – © Thomas Michael Glaw

Warum veranstalteten Jesu Freunde also keine Eskalation, tanzten keinen Kasachok, sondern schüttelten eher ungläubig den Kopf? Zweifeln gehört zum Menschen ebenso wie glauben. Auch unser heutiges Leben ist trotz des Ostererlebnisses, das sich jedes Jahr wiederholt, eher von Zweifel als von Glauben, Vertrauen, Zutrauen und Hoffnung geprägt. Die Sichtweise „das Glas ist halb leer “ erscheint mir dabei sehr Deutsch zu sein. Viele meiner Freunde, aber auch meiner Schüler und Studenten haben eher „erst“ etwas erreicht als „schon“. Klingt es nicht so viel besser, wenn ich denke „ich habe schon die Hälfte der Seminararbeit geschrieben?“

Schottische Landschaft - © Thomas Michael Glaw

Schottische Landschaft – © Thomas Michael Glaw

Auch die anhaltende Debatte um Flucht und Asyl scheint mir sehr viel mit mangelndem Vertrauen und mangelndem Selbstvertrauen zu tun zu haben. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa. Die Europäische Union hat über eine halbe Milliarde Einwohner – und da sollen wir uns nicht um eine Million Flüchtlinge kümmern können (wenn es den überhaupt so viele werden)? Man ist geneigt zu schreiben: get real.

Abgesehen von der Hoffnung , oder wie der Kölner sagt, „Et hätt noch emmer joot jejange“, wünsche ich mir ein wenig mehr Gelassenheit. Es ist diese Gelassenheit, die ich immer wieder in der Natur finde und auch versuche in der Landschaftsfotografie abzubilden. „Halte mich nicht fest,“ sagt Jesus später zu Maria. Auch wir sollten loslassen lernen, Gewohntes zurücklassen, gelassen offen werden für neues. Ich vertraue darauf, dass da am Ende einer (oder eine 🙂 ) sein wird, die mich auffängt.

 

 

Warten

Warten kann die Hölle sein. Wenn man einen Flieger erwischen muss und die S – Bahn mal wieder aus unerfindlichen Gründen nicht fährt. Wenn die A 99 mal wieder steht, und keiner was gesagt hat. Wenn ein dringend erwartetes Buch irgendwo fest hängt.

Es gibt wohl viele Höllen, die Literatur bietet seit hunderten von Jahren ein reichhaltiges Angebot. Eine Journalistin schreibt diese Woche in der Zeit, dass Mathe für sie die Hölle gewesen sein – mein Sohn würde das wahrscheinlich auch unterschreiben.

Wartende Vögel in Neuperlach

Wartende Vögel in Neuperlach

Als ich ein Kind war, gab es im Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche noch den Satz „Hinabgestiegen in die Hölle“. Ich konnte mir das schon als Kind nicht vorstellen. Es machte einfach keinen Sinn. Nicht nur, dass ich mir Jesus an diesem schrecklichen Ort, den ich nur von Darstellungen auf Gemälden und Kirchen kannte, nicht vorstellen konnte, ich konnte – und kann – mir diesen Ort bis heute nicht als Ort der Strafe vorstellen. Irgendwann hieß es dann „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“; damit konnte ich mich schon eher identifizieren. Das erinnerte mich an eine Zwischenwelt, an ein Reich der Schatten, in dem man ziellos treibt. Es erinnerte mich an die traurige Geschichte von Orpheus und Eurydike, an ein weiteres sinnlosen Gebot, das „sich-nicht-umdrehen-dürfen“. Sinnlose Ge- und Verbote waren für mich am ehesten die Hölle, deren mittelalterlicher Ausprägung ich mich jedoch weiterhin verweigere.

In christlicher Tradition denken wir heute an den gestorbenen, den toten Jesus und hoffen auf seine Auferstehung. Hoffnung prägt immer auch das Warten. Dass der geliebte Mensch endlich kommt, die freundliche Dame am Schalter sagt, der Flug stehe jetzt doch zum Einsteigen bereitsteht, vielleicht sogar auf eine bessere Welt oder gar die Erlösung. Der derzeitige Papst scheint mir in seiner Heilsbotschaft eine wohltuende Mischung aus Diesseits und Jenseits anzustreben, ich würde mir wünschen, so manch barocker Kirchenfürst würde seinen Worten auch einmal Taten folgen lassen.

Suchen, gehen, warten.

Darauf, dass die Leere unseres Lebens, durch eine wirkliche, erfüllende Fülle ausgefüllt wird.

Warten.

Auf einen Sonnenaufgang.

 

 

Leere

Leere ist ein Gefühl, dass mich an jedem Freitag vor Ostern immer stark umfängt. Heute ist es vor allem ein Ereignis, an das ich dabei denke.

Vor einigen Wochen kündigte ein Pfarrer an, dass er gehe. Er meinte damit, er verlasse seine Gemeinde und ginge zunächst einmal in ein Kloster. Er lasse alles zurück. Mein erster Gedanke war, er lässt vor allem die Menschen zurück, die ihm vertraut hatten, die ihm bei vielen spektakulären Ideen gefolgt waren, die durch ihn auch wieder zu einem oder gar ihrem Glauben gefunden hatten.

Sein Weggang hinterlässt eine Leere.

Ich misstraue einfachen Erklärungen, denn unser Leben und auch wir selbst sind zu komplex dafür. Was bleibt ist Leere.

Kann Leere die Antwort auf das Suchen sein? Suchen wir gar die Leere?

Meer bei Ostia (Aus dem Projekt Strandgut)

Meer bei Ostia (Aus dem Zyklus Strandgut)

Man kann in der Leere ganz bei sich sein, es gibt Meditationen, die genau dieses erstreben. Ebenso kann man in der Masse einsam sein. Wenn ich in den letzten Tagen die Bilder aus Idomeni sah, dachte ich mir oft, dass die Menschen, die an diesem Ort auf Gedeih oder Verderb über die Grenze gelangen wollten, trotz der Masse sehr einsam wirkten. Allein, trotz der vielen. Verzweifelt.

Gedanken, die zum heutigen Tag passen.

Das Kreuz hat sich geändert. Wir schlagen keine Menschen mehr daran, aber trotzdem würde sich die große Mehrheit der Europäer die vielen kleinen und großen Kreuze am liebsten nur aus einer ganz großen Distanz betrachten.

Für mich liegt im Zusammentreffen von Himmel und Erde, oder in diesem Fall von Himmel und Meer, immer eine große Zuversicht. Ich vermag das nicht nicht zu erklären. Es ist, als ob sich am alles wieder treffe, alles wieder aufeinander zugehe, alles wieder eins werde.

Meer bei Cadiz (Aus dem Projekt Strandgu)

Meer bei Cadiz (Aus dem Zyklus Strandgut)

 

Jesus war einsam am Kreuz, auch wenn er von Menschen umgeben war.

War auch auch Gott einsam, als er seinen Sohn da hängen sah?

Wir stehen oft einsam in der Masse, einsam vor einander, wohl auch einsam, zweifelnd, wenn nicht gar verzweifelnd, vor Gott; einsam vor dem Kreuz.

Wen opfern wir heute?

Suchen

Ein leeres Blatt, ringen um Worte. Auch um Bilder kann man ringen. Bewegung einfangen, Licht verstehen und auch den Menschen, den man abbildet.

Wir suchen jedoch viel mehr. Vordergründig vielleicht Erfolg, egal welchen Ausdruck dieser in unserem Leben findet. In Wirklichkeit jedoch suchen wir Antworteten auf die Fragen unseres Lebens. Fragen, die wir häufig nicht einmal wagen zu stellen. Fragen nach dem Sinn unserer Existenz. Fragen, die wir vielleicht das letzte Mal in kindlicher Unschuld und Direktheit unserer Großmutter stellten

Warum gibt es mich?

Warum ist Opa schon tot?

Und warum lebt Onkel Paul, der immer so gemein zu mir ist, immer noch?

Meine Großmutter hätte mich ermahnt, dass die letzte Frage ungehörig sei. Die Frage blieb unbeantwortet, sie harrt heute noch, lange nach Onkel Pauls Tod auf eine Antwort.

Spuren im Sand

Spuren im Sand

Spuren im Sand.

Wer mag da wohl gegangen sein?

Ist auch er oder sie auch auf der Suche und mir nur einen Schritt voraus?

Suchen heißt aufbrechen. Alte Strukturen hinterfragen und gegebenenfalls aus ihnen ausbrechen oder auch sie zurücklassen. Auf alte Fragen neue Antworten finden, oder aber ewig gültige Antworten auf neue Situationen anwenden.

Es gibt Tage, und der Donnerstag vor Ostern, den man in Deutschland „Gründonnerstag“ nennt, ist so einer, wenn mich diese Fragen mehr bedrängen, als an anderen. In England heißt dieser Tag „Maundy Thursday“. Das Wort „Maundy“ nimmt direkten Bezug auf das Wort Mandatum im Evangelium nach Johannes, Kapitel 13, Vers 34: mandatum novum do vobis ut diligatis invicem sicut dilexi vos – Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander so lieb habt, wie ich euch geliebt habe.

Angesichts all dessen, was im Namen eines Gottes immer noch getan wird, und dabei denke ich an die Kreuzzüge, die Judenpogrome und die „heilige“ Inquisition ebenso, wie an die Bomben in Brüssel, London oder Madrid, die Vergewaltigungen, Erniedrigungen und Enthauptungen, erscheint mit dieses Wort des Zimmermannssohns aus Bethlehem zeitgemäßer denn je. Man mag das als Gutmenschentum diffamieren, aber die Suche nach Liebe, die Suche nach dem Guten, die Suche nach einer gemeinsamen Zukunft …

Spuren im Sand. Wohin mögen sie wohl führen … Machen wir uns auf, ziehen wir unsere eigenen Spuren im Sand, spüren wir den Wind in unseren Gesichtern, die Sonne auf unserer Haut, den Sand zwischen unseren Zehen. Machen wir uns auf. Befreien wir uns von dem, was uns festhält.  Mandatum novum do vobis ….