Noch einmal Prag

Man könnte noch viele Beiträge über die Stadt Prag verfassen, sich über Fensterstürze verbreiten, über Musik, über Literatur oder über die Konsequenzen von Absinth, der im modernen Prag keine größere Rolle spielt als in anderen europäischen Hauptstädten.

Ein Kollege, dessen Blog ich nur wärmsten empfehlen kann, meinte, man könne die schönsten Façaden im jüdischen Viertel finden. Was die Façaden angeht, stimme ich mit ihm nicht überein, denn Façaden sind für mich wie Gesichter, und ich finde die Schönheit vor allem in den Unterschieden. Das gilt natürlich auch für Prag, wo man die Koexistenz der letzten Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, fast körperlich spüren kann. Man findet jedoch einiges mehr in diesem Viertel.

Dem ehemaligen jüdischen Viertel.

Josevo - © Thomas Michael Glaw 2017

Josevo – © Thomas Michael Glaw 2017

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, so ist von Juden in diesem Viertel nicht mehr viel zu spüren. Wir beobachteten zwei teuer und elegant gekleidete Herren am Sonntag beim Betreten des jüdischen Gemeindehauses, sie erinnerten in Kleidung und Haartracht ein wenig an Chassidim. Das jüdische Leben in Prag schien sich ansonsten auf die Zurschaustellung einer hunderte von Jahren alten Tradition zu beschränken. Tausende von Touristen zückten ihre Brieftaschen und wirkten dennoch desinteressiert. Als ob sie nur einen Punkt auf einer Liste abhakten. Eine überaus geschminkte ältere Dame schien mehr an ihrer Zigarette als an dem, was sie umgab, interessiert zu sein, als sie über den Friedhof schritt. Da sie schwieg, vermag ich nicht zu sagen, welcher Kultur sie entstammt.

Alter Jüdischer Friedhof Prag - © Thomas Michael Glaw 2017

Alter Jüdischer Friedhof Prag – © Thomas Michael Glaw 2017

Ich wurde mit den Massen über den alten jüdischen Friedhof geschoben. Es war ein respektloses Geziehe entlang oder oberhalb geweihter Erde. Natürlich kann man mit einem alten Friedhof trefflich Geld verdienen, aber ist es das wert? Welchen Sinn macht es, am Eingang darauf hinzuweisen, dass man als Mann sein Haupt bedecken muss – natürlich kann man sich für ein paar Kronen eine Kippa leihen – wenn es danach nicht mehr kontrolliert wird? Den großen, alten, jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs kann man im Übrigen ohne derartige Vorkehrungen besuchen. Wenn man dort an einem sonnigen Morgen spazieren geht, spürt man etwas von der Würde des Ortes, die in Prag nur schwer wahrzunehmen ist. Als Träger einer Baskenmütze ist man zwar generell in diesen kultischen Orten im Vorteil, aber das ganze bekommt in Prag eine gewisse absurde Komponente.

Ähnliches gilt für die Synagogen, die größtenteils aufgelassen sind und als Gedenkstätten oder Museen genutzt werden. Je nachdem wie viele man ansehen möchte, umso teurer wird das Ticket. Was man zu sehen bekommt, lässt einen zum Teil sehr nachdenklich zurück, besonders die Klausen Synagoge, an deren Wänden die Namen der ermordeten Juden Prags zu lesen sind. Aber auch durch dieses Haus schieben sich die Massen. Mir fehlte ein Konzept, das die Menschen lenkt, zum Verweilen anhält, die Massen steuert, diesem Ort zu der Nachdenklichkeit verhilft, die mehr als nur angebracht wäre. Leider blieb ein fahler Nachgeschmack, dass es hier eigentlich nur um Umsatz und Profit geht

Klausen Synagoge Prag - © Thomas Michael Glaw

Klausen Synagoge Prag – © Thomas Michael Glaw

Auch in der Spanischen Synagoge, die man heute als Museum nutzt, hatte man den Eindruck, dass die gegebenen Möglichkeiten nicht wirklich genutzt wurden. Wenn man den Strom der Besucher betrachtet, sollte eigentlich genug Geld vorhanden sein, um eine der heutigen Zeit angemessene Ausstellung zu kuratieren, die sich nicht überwiegend in der NS Zeit bewegt, sondern auch die blühende jüdische Kultur des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts (Kafka, Brod, Werfel, Torberg und viele andere) beleuchtet und adäquat darstellt. Der tiefe Fall, den die Faschisten verursachten, lässt sich nur verstehen, wenn man die Fallhöhe kennt.

Ich möchte wirklich niemand von einem Besuch des Josefov, der alten Josefsstadt, des alten jüdischen Viertels abhalten. Vielleicht suchen Sie sich eine Jahreszeit, in der weniger Touristen dorthin strömen, wenn es sie den gibt. Vielleicht lesen sie vorher ein wenig in Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ nach, bei Anton Kuh oder dem großartigen Egon Erwin Kisch.

Nehmen Sie ein paar Bücher mit, lesen einige weitere bevor Sie sich nach Prag aufmachen. Dann müssen Sie nur noch der Melancholie standhalten, die Sie umfängt, wenn Sie durch die alten Gassen gehen und versuchen, den ganzen Lärm, der Sie umgibt, zu vergessen. Trinken Sie im Zweifelsfall einfach ein Pils und einen Slibowitz in der nächsten Kneipe.

Prager Façaden

Wer mich und diesen Blog ein wenig kennt, der weiß, wie sehr mich Façaden faszinieren. Die Front einen Hauses ist für mich wie das Gesicht eines Menschen, man kann unglaublich viel daran erkennen. Ich mag auch altmodische Schreibweisen. Façon, Façade … Der Alte Fritz pflegte angeblich zu sagen in seinem Staat könne jeder nach seiner Façon selig werden. Erst viel später hat man dieses Wort mit „SS“ geschrieben.

Jüdisches Viertel - © Thomas Michael Glaw 2017

Jüdisches Viertel – © Thomas Michael Glaw 2017

Alle großen Städte haben viele verschiedene Façaden, in Prag fielen mir jedoch die Unterschiede mehr auf, als anderswo. Es mag damit zu tun haben, dass meine Besuche in östlichen Städten, einmal abgesehen von Polen und der ehemaligen DDR, mehr als zwanzig Jahre her sind, trotzdem empfand ich in Prag eine Normalität, die nur schwer zu beschreiben ist.

Im Zentrum Prags ist es nicht einfach, Façaden zu fotografieren. Das hängt zum einen mit der Enge der Straßen zusammen – man muss dann schon gewaltig in die fotografische Trickkiste greifen – zum anderen mit der Tatsache, dass die Weihnachtsmärkte mit Buden und tränentreibenden Fichtenholzfeuern die Sicht verstellen. Im Zentrum ist es schön zu sehen, wie viele Häuser den letzten großen Krieg überlebt haben. Prag war in dieser Hinsicht wirklich glücklich. Die Tatsache, dass in den untersten Etagen jetzt dieselben Luxusboutiquen hausen wie in Berlin, München oder Paris ist, ein anderes Thema. Leidig ist es, dass man auf Grund dieser Luxusmieter nicht mehr in die Innenhöfe dieser Häuser vordringen kann, um die Pawlatschen, die umlaufenden Balkone, zu fotografieren. Die spannenderen Arrangements fanden sich daher in der Peripherie.

Prag - © Thomas Michael Glaw

Prag – © Thomas Michael Glaw

Mehr als in anderen Städten im Osten Europas, kann man in Prag auch die Koexistenz von alt und neu beobachten. Wer sich, zumindest vage, an die Romane Joseph Roths erinnert, jenes großartigen Chronisten der untergehenden k.u.k. Monarchie, wird durch weite Teile Prags laufen und vor seinem geistigen Auge die Gespräche zwischen Vater und Sohn von Trotta hören. Wer dann, nach einem schnellen Pils an der Eckkneipe, auf die Elektrische springt und ein paar Stationen weiter in Richtung Peripherie fährt, wird die Häuser finden, in denen, zumindest vor meinem geistigen Auge, die jungen Menschen lebten, die gemeinsam mit Alexander Dubcek nach Freiheit suchten.

Prag - © Thomas Michael Glaw 2017

Prag – © Thomas Michael Glaw 2017

„Dubcek“ und „Swoboda“, Ota Sik und so manch anderer sind heute Geschichte – allerdings eine Geschichte, die die Tschechische Republik konsequent ignoriert, die im Leben der Stadt Prag nicht wahrzunehmen ist. Dieser kurze Moment, dieser Prager Frühling, verdiente ein wenig mehr Aufmerksamkeit, denn wir alle könnten daraus auch für unsere gegenwärtigen Krisen lernen. Gleiches gilt übrigens auch für den arabischen Frühling. Darf ich noch eine letzte Façade hinzufügen?

© Thomas Michael Glaw 2017

© Thomas Michael Glaw 2017

Wer weiß, worum es sich hierbei handelt, spricht entweder Tschechisch, hat sich der Mühe unterzogen, die Worte bei Google Translator einzutippen oder ist schlicht ein Genie. Ich wäre nie darauf gekommen.

 

Mittwochsfeuilleton #1

Essentielles - © Thomas Michael Glaw

Essentielles – © Thomas Michael Glaw

Puh. Nein eigentlich Pooh. Klingt aber genauso. Zumindest auf Englisch. Erinnern Sie sich noch an Winnie-the-Pooh und seinen Freund Christopher Robin? Winnie bitte mit den Bindestrichen, denn es waren erst die Disney Leute, die sie für ihre albernen Filmchen rausgeschmissen haben.

Ja, ich meinte genau jenen Pooh aus dem Hundred Acre Wood. Erinnert sich noch jemand an Pooh’s Corner? Die befindet sich allerdings nicht in Ashdown Forest sondern erschien zu einer Zeit in der ZEIT, als die ZEIT noch eine richtige ZEITschrift war und kein Bilderbuch für den intellektuellen Mainstream. Ich lese diese Publikation immer noch ab und zu, aber nur, wenn ich sie für lau bei den Kranichen mitnehmen kann. Dort darf man das nämlich noch, während man in den aufgepimpten Wartesälen der Bahn jetzt auf jeder Zeitung oder Zeitschrift einen feuerroten Aufkleber findet, der einen dazu auffordert, das Geschreibsel auf alle Fälle ins Regal zurückzulegen, damit es der nächste, der sich beklagenswerterweise in diesem Saal aufhält, auch noch lesen kann. Im Winter sollte man dann vermutlich besser Latexhandschuhe und einen Mundschutz einpacken.

Aber ich schweife ab.  Pooh’s Corner. Dort verbreitete sich der unvergleichliche Harry Rowohlt, dessen gesammelte Ergüsse ich letzte Woche bei einem Antiquar für zwei Euro erwarb. Ich war so glücklich darüber, dass ich dem zerzausten Herrn, der mich vor der Buchhandlung um einen Euro anhaute, auch noch einen mitgab. Gesamtkosten also drei Euro.

Wenn Sie Zeit haben, lesen Sie besser nicht die ZEIT. Nehmen Sie sich Zeit für Harrys Ecken. Sie können das Bärchen sicher irgendwo auftreiben. Gönnen Sie es sich. Es ist schräg. Es ist amüsant (das hört er jetzt sicher nicht gerne), es ist nachdenklich (das vielleicht schon eher), es ist einfach wunderbar.

 

Nachtrag in eigener Sache:

Warum ein Feuilleton? Das hängt mit Paul Fechter, Kurt Emmrich und einigen anderen zusammen. Ich werde Ideen mit meinem Degen aufspießen wie Ernst Jünger einen Käfer. Ich gebe es zu, das ist jetzt bei Harry R. geklaut. Vielleicht schickt er mir ja einen barschen Brief aus den ewigen Jagdgründen. Den rahme ich mir dann ein und hänge ihn neben Doros Bild über dem Schreibtisch. Dann kann sie ihn anlächeln und milder stimmen.

Warum am Mittwoch? Der ist einfach auch nicht viel besser als Dienstag oder Donnerstag.

Und warum mit Bild? Na ja, der Blog hat ja auch irgendetwas mit Fotografie zu tun, da kommt man ja fast nicht um hin. Das Bild mache ich aber immer am Dienstag. Hoffentlich merkt man das nicht.

Das goldene Prag

Im Winter ist es gar nicht so einfach, das „goldene“ Prag zu finden. Es ist die Moldau, die die Stadt bis auf zwei, höchstens drei Stunden pro Tag in eintöniges grau hüllt. Nur selten gelingt es der Sonne vor 13 Uhr den Dunst zu durchbrechen, und gegen vier wird es bereits wieder dunkel. Die Moldau heißt auf tschechisch Vitava, was für mich – zumindest melodisch – nur schwer mit Friedrich Smetanas gleichnamigen Tonwerk in Einklang zu bringen ist.  Smetana verkörpert ein wenig das Dilemma der tschechischen Gesellschaft. Er wandelte sich erst spät zum tschechischen Patrioten,  sein erster erhaltener Brief auf Tschechisch stammt aus dem Jahr 1856, da war er bereits 64 Jahre alt. Trotzdem wird er, neben Dvorák, in Tschechien als der tschechische Musiker vermarktet.  Auch die tschechische Gesellschaft scheint immer noch auf der Suche nach ihrer Identität zu sein. Seinen Ausdruck findet das unter anderem darin, dass es sehr schwer ist, sich in Prag ohne gute Tschechischkenntnisse zurecht zu finden. In München, Paris, Rom oder Madrid – nennen Sie einfach eine beliebige europäische Großstadt –  finden Sie die wichtigen Informationen mehrsprachig, mindestens jedoch auf Englisch, der neuen lingua franca. Nicht so in Prag.

Winterliches Prag - © 2016 Thomas Michael Glaw

Winterliches Prag – © 2016 Thomas Michael Glaw

Nun ist es nicht so, dass ich mich nicht sprachlich auf diese kurze Reise vorbereitet hätte, ich  erachte es als höflich und wertschätzend, mich zumindest ein wenig der Sprache meines Gastlandes bedienen zu können. Es gibt auch durchaus Parallelen zwischen Tschechisch und Polnisch, letzteres eine Sprache, mit der ich drei Jahre lang verzweifelt gerungen habe. Nein, nicht um Wisława Szymborska oder Adam Mickiewicz lesen zu können, erstere ist kongenial von Karl Dedecius übersetzt, und Pan Tadeusz hat sich mir nie wirklich erschlossen, sondern um im Alltag überleben zu können.  Die Parallelen helfen aber nicht, wenn es darum geht, den Automaten des Nahverkehrs zu bedienen oder Informationen in der „Elektrischen“ zu bekommen. Gut, am Prager Hauptbahnhof spricht der Automat auch Deutsch und Englisch und wir hatten tatsächlich binnen weniger als fünf Minuten unsere 72 Stunden Tickets zum Preis von weniger als einer Streifenkarte hier in München, aber sonst?  Prag geriert sich als als internationale Metropole und ist im Herzen doch nur eine Provinzstadt. Persönlich finde ich das nicht unsympathisch, denn das hat sie mit München gemein; für den Reisenden ist es bisweilen allerdings ein wenig lästig.

Prags Elektrische - © 2016 Thomas Michael Glaw

Prags Elektrische – © 2016 Thomas Michael Glaw

Bleiben wir beim Nebel und der Elektrischen. Der Nebel, oder Dunst, scheint zum winterlichen Prag zu gehören wie der frisch geriebene Kren zu den Würsten, die man Ihnen hier zum Bier serviert. Die Tram gehört einfach zu Prag, wie die Busse zu Rom oder London. Wenn man sich ein wenig auskennt, fährt man Tram. Man wird reich belohnt, denn man sieht deutlich mehr von Prag, als wenn man eine der U Bahn Linien benutzt, und man kann die Prager ebenso wie die Besucher deutlich besser studieren. Was die jugendlichen Besucher zu Silvester anbelangt, die überproportional aus deutschen Landen zu stammen scheinen, so fällt mir dieser wunderbare Satz von Alfred Polgar ein:  „Man muss sich mit Alkohol imprägnieren, bis man lärmdicht ist, muss sich einen Rettungsgürtel aus künstlicher Fidelität umschnallen.“ Mit wenigen Ausnahmen erreichten die Herrschaften am 30. Dezember vollgetankt Prag und verließen es am 2. Januar wieder, müde, die Fahrt im Bus verschlafend, mit guten Kenntnissen von Prag bei Nacht und den einschlägigen Clubs. Gut, es mag billiger gewesen sein als in München oder Berlin. Aber warum fährt man nach Prag, um morgens um fünf volltrunken ins Bett zu sinken und am Nachmittag nach fünf für eine neue Runde aufzustehen? Vielleicht ist es ja mein Alter, mein neunzehnjähriger Sohn konnte mir das bis dato freilich auch nicht schlüssig erklären.

Nehmen Sie trotzdem die Tram. Fahren Sie einmal von einem Ende Stadt zum anderen. Sie werden staunen. Diese ratternden Gefährte transportieren nicht nur die Prager und die Gäste der Stadt, sie scheinen mir auch die Seele der Stadt darzustellen. Ein wenig laut, ein wenig kalt, trotzdem stets zu einem Scherz bereit, bisweilen auch lauthals lachend, rumpeln sie auf ihren vorgegebenen Wegen. Vorsicht ist nur geboten falls Sie nach dem offiziellen Familienfeuerwerk am 1. Januar mit der Nummer sechs in die Stadt fahren, um ins Neujahrskonzert der Philharmoniker zu gehen. Sie wären überrascht, wie viele mögliche Schienenwege es gibt, um vom einen Ufer der Moldau auf das andere zu gelangen. Sie landen dann schon irgendwo in der Altstadt, wo genau ist indessen ob der Hinweise auf tschechisch und der Dunkelheit ein anderes Thema. Es gibt Momente, da ist man bei aller Skepsis, für Google Maps durchaus dankbar.

© 2016 Thomas Michael Glaw

© 2016 Thomas Michael Glaw

Was fällt noch auf, bei einem ersten Umschauen in Prag? Laufende Kleinkinder. Sie meinen, das sei doch kein Thema, natürlich würden Kleinkinder irgendwann einmal laufen? Völlig richtig, die Frage ist nur wann. In Prag sind die Anlagen voll von Müttern mit Kindern, die zwischen ein und zwei Jahren alt sind, und keinen Kinderwagen dabei haben. Die Kinder laufen einfach. Sie werden nicht, weil es so unendlich bequem oder die Kinder schlicht zu faul sind, in einen ausufernden Wagen verfrachtet. Sie laufen. Und es scheint ihnen sogar Spaß zu machen.

Prag ist eine hochinteressante Mischung aus Urbanität und Ländlichem, aus Weltläufigkeit und Provinzialismus, aus Offenheit und Nabelschau. Vieles lässt sich am Gesicht der Stadt, sprich an den Fassaden zeigen. Dazu das nächste mal mehr.

Der gespaltene Kafka

Nein, es war keine Schnapsidee. Diese Idee wurde eher aus dem Dunst von Burgunder, Espresso und Cognac geboren: Silvester in Prag könne doch gar keine so schlecht Idee sein.

Prag … da fällt einem Kafka, sein bester Freund Max Brod, Franz Werfel, vielleicht sogar der Rabbi Löw ein.

Prag im Winter - Blick von der ehem. Niklas Brücke (chechuv most) - © 2016 Thomas Michael GLaw

Prag im Winter – Blick von der ehem. Niklas Brücke (chechuv most) – © 2016 Thomas Michael Glaw

Gesagt, getan. Eine Zugfahrkarte für knapp 50 Euro für zwei war schnell gefunden, sogar ein bezahlbares Apartment ließ sich, trotz der anscheinend üblichen Silvesterinflation, bewerkstelligen. Dann kam der Tag der Wahrheit. Am 29. Dezember machten wir uns zum Münchner Hauptbahnhof auf, wir wollte etwa 20 Minuten vor Abfahrt dort sein, da man Online beim „Alex“ keine Platzreservierung vornehmen konnte. Hocherfreut stellten wir fest, dass der Zug 22 Minuten vor Abfahrt schon auf dem angekündigten Gleis stand, weniger erfreut waren wir, als wir feststellten, dass quasi jedes Abteil von jungen Damen und Herren (ob der korrekten Verwendung des Begriffes in diesem Zusammenhang bin ich mir nicht sicher) in Begleitung nicht etwa einer Gouvernante, sondern eines Kastens Bier belegt war. Die Stimmung war bereits (es war etwa Viertel vor neun Uhr morgens) gehoben.

Meine Stimmung sank gefühlt auf etwa 7 Grad Kelvin oberhalb des absoluten Nullpunkts, zumal sich herausstellte, dass man wohl doch hätte Platzreservierungen vornehmen können. Wie und wo haben wir allerdings bis jetzt nicht herausgefunden. Es war dem Zufall, der Persistenz meiner geliebten Doro und dem Versagen der Beleuchtung zu verdanken, dass wir schließlich doch noch zwei Plätze in einem Abteil, in dem bereits Ärzteehepaar aus Schwandorf mit ihrer Tochter saßen, ergatterten. Deutsche Jugend scheint Angst vor Dunkelheit zu haben. Pünktlich verließen wir ratternd, wie einst die berühmte Linie acht, den Münchner Hauptbahnhof. Während man sich um mich herum in „Gynäkologische Praxis“ beziehungsweise „Arzt und Wirtschaft“ vertiefte (das Töchterlein hatte offenbar eine harte Nacht hinter sich und schlief selig) und in den anderen Abteilen das lateinischer Verb „prodessse“ im Konjunktiv konjugiert wurde, widmete ich mich ein weiteres Mal Klaus Wagenbachs wunderem Buch „Kafkas Prag“. Es war einer der Mitauslöser zu dieser Reise gewesen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, auf welch kleinem Terrain dieser Autor sein ganzes Leben gelebt hatte, in welchem Umfeld er seine Ideen gehabt und wo er sie zu Papier gebracht hatte. Es sollte sich als schwieriger als gedacht herausstellen.

Aber der Reihe nach. Da wäre Paula zu nennen. Paula trug einen schreiend gelben Schal, redete furchtbar gerne (am liebsten wohl über sich selbst), hatte, im Gegensatz zu so manch einem Kommilitonen, Orthopädie bestanden und endete glücklicherweise im Abteil nebenan. Mit den drei Herren, die in Schwandorf die Plätze der bereits approbierten Doktores und des Töchterleins einnahmen, ließ sich trefflich über Medizin im Allgemeinen, Gott und die Welt plaudern. Noch ein Wort zu „Alex“ dem Zug. Nehmen Sie ihn nicht nach Prag. Er ist langsam, rappelt, ist eine echte Servicewüste und erinnert mich fatal an meine Erfahrungen mit der Polnischen Staatsbahn. Sollten Sie von München aus unterwegs sein, nehmen Sie lieber den Bus, er ist schneller, komfortabler und meistens sogar billiger. Darüber aber später mehr, denn wir haben das auf der Rückfahrt auch getan.

Das Oppelthaus - © 2016 Thomas Michael Glaw

Das Oppelthaus – © 2016 Thomas Michael Glaw

Kafkas Prag. Egon Erwin Kisch beschrieb die Prager Deutschen so: „Das waren fast ausschließlich Großbürger, Besitzer der Braunkohlengruben, Verwaltungsräte der Montanunternehmen und der Skodaschen Waffenfabrik, Hopfenhändler (…) Zucker-, Textil-, und Papierfabrikanten sowie Bankdirektoren. (…) Ein deutsches Proletariat gab es kaum.“ Vielleicht rührt daher das gespaltene Verhältnis des offiziellen Prag zu seiner deutschsprachigen Literatur. Man rühmt sich an einigen Stellen durchaus der herausragenden literarischen Vertreter wie Kafka, Brod oder Werfel, aber ihre Spuren in der Stadt sind nur schwierig zu finden. Gab es in Triest zahlreiche, unauffällige Täfelchen, die den Betrachter auf die Spuren von Joyce und Svevo hinwiesen, so hatte man in Prag, trotz Klaus Wagenbachs trefflichen Führers, große Probleme, auch nur die Häuser zu identifizieren, in denen Kafka den kurzen Zeitraum seines Lebens verbrachte. Ungeachtet der Massen an Touristen, auf die ich in meinem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen möchte, wurde zumindest klar, auf welch kleinem Terrain Kafka lebte, liebte und all die Erfahrungen machte, die sich in seinen Werken wiederfinden.

Am Altstädter Markt, dem staromestké námèsti, steht noch das Oppelthaus, in das die Familie 1913 übersiedelte und in dem Kafka bis 1914 und dann wieder ab 1918 wohnte. Um die Ecke gibt es sogar eine Kafka Buchhandlung, kafkovo knihkupectvi, in der ein reizender älterer Herr nicht nur Ausgaben Kafkas in verschiedenen Sprachen verkauft, sondern auch Literatur zum jüdischen Leben in Prag (allerdings meistens auf Tschechisch), eine große Menge englischer Literatur, zahlreiche Bücher über die Zeit zwischen 1930 und 1945, und etlichen, wohl dem Umsatz geschuldeten, literarischen Ramsch. Von einem Besuch des ebenso in der Nähe gelegenen Restaurants „Franze Kafky“ würden wir abraten ….

Winterlicher Biergarten im letenké sady - © 2016 Thomas Michael Glaw

Winterlicher Biergarten im letenké sady – © 2016 Thomas Michael Glaw

In den Kronprinz Rudolf Anlagen, die Kafka wohl, wie die meisten seiner Zeitgenossen, „Belvedere“ nannte und die heute auf den Namen „letenské sady“ hören, ist er oft spazieren gegangen. Kafkas Spaziergänge … Das Wetter war einfach zu grau, zu feucht und zu kalt, um sich dort auf seine Spuren zu machen. Wir werden im Mai wiederkommen. Warum ich diesen Beitrag der gespaltene Kafka nannte? Da schwingt ein wenig das Verhältnis des Meisters zu seiner Religion, seiner Familie und seiner Stadt mit – aber auch umgekehrt das Verhältnis der Prager, oder der Tschechen allgemein, zu ihrem großen, wenn auch deutschsprachigen, Sohn. Die Fotografien sind bewusst schwarz-weiß gehalten. Es war nicht nur der, sowohl der Moldau, wie der Temperatur, geschuldete Dunst, der über Prag während unseres Besuchs lag. Es war auch ein wenig das Gefühl des Verlusts, das mich während unseren Besuchs bewegte.

Kafkas Prag ist trotz der Touristenmassen noch sehr lebendig, ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Silvester sollte man allerdings von der Liste der möglichen Besuchstermine streichen. Darüber mehr nächstes Mal.