Irisches Tagebuch (Teil vier)

Steine.

Manchmal hart, kantig, dann wieder sanft, schmeichelnd, oft glatt, wie so manche Typen, die einem im beruflichen Alltag begegnen, dann wieder porös, rau, ungeschliffen.

Mich haben Steine schon immer fasziniert, ich besitze einige Schubladen voll. Da gibt es faszinierende Minerale, die ich einem Busfahrer am Ätna abgekauft habe, Feuersteine, die mich an die Steinzeit erinnern, Halbedelsteine aus Südamerika und Fossilien, die ihre ganz eigene Geschichte haben.

Es gibt aber auch Steine, die niemand anderem, außer mir, etwas bedeuten. Steine, die ich in einen besonderen Moment aufgehoben habe. Steine, die mich an einen Sonnenaufgang im Petrified Forest erinnern, Steine, die mir auf einem Spaziergang oder bei einem Gespräch ins Auge gefallen sind und in meine Tasche wanderten.

Wenn es um Jäger und Sammler geht, bin ich, was Steine, Schneckenhäuser, Muscheln und angeschwemmtes Holz angeht, definitiv der Sammler. Ich habe kaum Probleme, mich von dem sich ansammelnden Unsinn des Alltags zu lösen, aber diese Kleinigkeiten, mit denen ich Stimmungen, Momente, Licht, Schatten, Wetter, den Duft nach See, feuchtem Laub oder Spätsommerwiesen verbinde, behalte ich in meinen Schubladen.

Burren - © Thomas Michael Glaw

Burren – © Thomas Michael Glaw

Erinnern Sie sich noch an „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff? Immer wenn ich im Schwarzwald oder in Freiburg bin, muss ich an diese Erzählung in Märchenform denken. Der Köhlersohn, der sich ein steinernes Herz einsetzen ließ, um soviel Geld wie nur irgend möglich zu haben und damit am  Ende doch scheitert. Leider hält die Realität nicht mit dem Märchen Schritt, und viele Menschen, die ihre Seele an den schnöden Mammon verkauft haben, können damit bis zu ihrem Tod sehr gut leben.

Auch im Westen Irlands fand ich Steine. Da gab es den von Wind und Wetter langsam, über Jahrhunderte zersetzten Kalkstein an den Klippen, da gab es den Solitär am Strand, der, zumindest fotografisch, natürlich in meine Sammlung „Strandgut“ wanderte.

Burren - © Thomas Michael Glaw

Burren – © Thomas Michael Glaw

Und da gab es den Burren.

Der Burren, oder irisch An Bhoireann, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein steiniger Ort. Es ist eine Karstlandschaft, nicht unähnlich der auf der Insel Skye oder dem Karst in Teilen von Yorkshire. Fotografisch sind die in den Stein eingegrabenen Linien, die Veränderungen, die das Wasser dem Stein über die Jahrhunderte angetan hat und die Sonne, Licht und Schatten enthüllen, das, was den Burren ausmacht.

Die meisten Touristen scharen sich um Dolmen, beispielsweise um den  Poulnabrone Dolmen (irisch Poll na Brón also  „das Loch des Mühlsteins“, auch Poll na mBrón, also „das Loch der Sorgen“, genannt). Dort versucht man dann verzweifelt, Kinder fotografisch günstig aufzustellen, oder Familien vor der abgesperrten steinzeitlichen Grabstätte zu arrangieren. Ich fand das ganze recht pietätlos und zudem recht lächerlich. Mit weiteren Kommentaren zum modernen Tourismus werde ich mich aber schön brav zurückhalten.

Wenn man über die locker liegenden Platten weiterging, boten sich ungewohnte Perspektiven – sowohl in der Weite wie in der Nähe. Vieles ließ sich am besten in schwarz weiß festhalten, weil die Dramatik der Steine so besser zum Ausdruck kommt.

Burren - © Thomas Michael Glaw

Burren – © Thomas Michael Glaw

Hätte es nicht die sanften grünen Hügel am Horizont gegeben, so hätte man sich in einem völlig anderen Land fühlen können.

 

Schwankende Platten,

Tiefen, die gar nicht so

tief waren

und doch

fast in der Unendlichkeit

zu versinken schienen.

 

Halme,

Blumen,

Blüten,

dich sich den grauen Flächen

trotzend

im Winde neigten.

 

Menschen,

die scheinbar ziellos

mit leeren Gesichtern

auf Millionen von Jahren

herum trampelten.

Burren - © Thomas Michael Glaw

Burren – © Thomas Michael Glaw

Es war das einzige touristische Ziel, das wir in dieser Woche besuchten, aber es war, trotz der vielen deutschen Studienräte mit familiärem Anhang, die Reise  wert. Ich spüre noch die schwankenden Steinplatten, den Wind in meinen Haaren und die Verwunderung ob der vielen Steinformationen in mir.

 

Irisches Tagebuch (Teil drei)

Mühelos.

Weite auf einer Insel finden.

Mit der Weite auf einer Insel ist es ein wenig, wie mit der Weite im eigenen Leben: man muss über den Tellerrand schauen.

Viele Jahre bin ich auf Berge gewandert, um Einsamkeit, um Weite in der Nähe zu finden.  Das hat durchaus funktioniert, wenn man die richtigen Berge gewählt hat. Sonst hat man vielleicht Weite in Nähe, gewiss aber nicht Einsamkeit gefunden.

Küste bei Kilkee - © Thomas Michael Glaw

Küste bei Kilkee – © Thomas Michael Glaw

Wir hatten glücklicherweise gute Beratung (Danke, Gina), so suchten wir die Weite wirklich da, wo sie sich mit Einsamkeit verband.

Wenn man der Küste östlich von Kilkee folgt, kann man nicht nur die zerstörerischen Kräfte, die das Meer ausübt, hautnah studieren, man realisiert auch die, zugegebenermaßen endliche, Weite des Ozeans.

Als Fotograf finde ich hier ein lichtstarkes Weitwinkel grandios. Es erweitert quasi die eigene Perspektive. Es zeigt Blickwinkel, Licht und Schatten, die uns unsere Augen, ob ihrer Beschränktheit, vorenthalten.  Bisweilen hilft uns tatsächlich die Optik, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

Klippen bei Kilkee - © Thomas Michael Glaw

Klippen bei Kilkee – © Thomas Michael Glaw

Die Küstenlinie verändert sich der Macht der Gezeiten folgend, Stürme reißen große Stücke heraus aus dem, was sich Menschen anmaßen zu besitzen. Die kleine Kapelle, die irgendwo dazwischen ihr Dasein fristet, wirkt vergleichsweise harmlos, angesichts der Gewalten, die die Natur – oder ein wie auch immer gearteter Gott – zu entfachen vermögen.

St. Senan's Kapelle - © Thomas Michael Glaw

St. Senan’s Kapelle – © Thomas Michael Glaw

 

Trotzdem ist diese Sicht in die Weite immer auch ein Blick auf sich selbst. Auf die eigene Weite. Und auch auf die eigenen Werke. Vielleicht gar auf die eigenen Werte.

 

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Felsturm – © Thomas Michael Glaw

Einsam und trotzig ragen vereinzelte Felstürme in den Himmel. Wenn man am Rand des Abgrunds steht, kommen sie einem vor wie der eine oder andere Politiker, der sich mit den Gegebenheiten des Lebens im 21. Jahrhundert nicht abfinden will oder kann.  Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen finden sich solche Beispiele, besonders bedauerlich finde ich es in der Jugendarbeit.

 

Die Weite der See verführt geradezu, loszulassen.

Anderen das Feld zu überlassen.

Oder aber sich einzulassen.

Auf neue Zeiten.

Mit Ideen.

 

Anderen neue Weiten aufzuzeigen.

Tief durchzuatmen.

Und dann … loszugehen.

Irisches Tagebuch (Teil zwei)

Die Grafschaft Clare ist uralt. Der Name bedeutet so etwas Ähnliches wie „Planke“ – wenn man Wikipedia vertraut – und bezieht sich auf einen Übergang aus Planken über den Fluss Fergus an der Stelle der heutigen Ortschaft Clarecastle im 12. Jahrhundert.

Für mich bedeutet Clare: Ruhe, Meer, Torffeuer und sternenklare Nächte. Letzteres kann ich leider nicht fotografisch belegen, da ich ein winziges, aber wesentliches, Teil meiner Ausrüstung in München vergessen hatte: den Schnellspannclip, um die Kamera auf dem Stativ zu befestigen.

Nachdem ich seit drei Jahren wieder im nächtlich lichtverseuchten München beheimatet bin, war der Anblick der Milchstraße wahrlich atemberaubend. Er machte mir, wie schon oft in der Vergangenheit, klar, wie begrenzt und beschränkt unsere kleine Welt das ist. Millionen Lichter, die oft schon lange erloschen sind, bevor ihr Licht bei uns eintrifft.

Küste bei Doughmore - © Thomas Michael Glaw

Küste bei Doughmore – © Thomas Michael Glaw

Clare ist jedoch vor allem das Meer.
Eine kommende und gehende Gewalt, die den Menschen hier jedes Jahr ein paar Meter Land raubt. Wenn man auf den Klippen ganz nach vorne geht – in den weniger touristischen Gegenden ist das möglich, bisweilen mit fatalen Folgen, an die Gedenktafeln erinnern – so sieht man Tonnen von Gestein, die hundert, oder zweihundert Meter tiefer vom Meer umspült werden und noch gar nicht so lange dort unter liegen. An den Küstenstreifen sollen aufgeschüttete Deiche aus vom Wasser rund geschliffenen Kalksteinen die Küste schützen. Bei Hochwasser gleiten die Wellen kaum einen halben Meter unterhalb der Deichkante aus. Die geologischen Veränderungen sind überall den der Küste sichtbar und in schwarz weiß überaus faszinierend.

Deich - © Thomas Michael Glaw

Deich – © Thomas Michael Glaw

Bei dem Aufenthalt in Clare wollte ich auch versuchen, fotografisch „Weites“ und „Nahes“ zusammenzubringen. Wenn man die Aussagen Roland Bartes in „La chambre claire“ weiter denkt, so liegt das Wesen der Fotografie als Kunst genau in diesen beiden Begriffen. Mit dem Blick auf Naturpanoramen, wie auch auf die Resultate der zerstörerischen Kräfte der Natur, kam ich den beiden Antipoden näher. Für mich liegt der Reiz der fotografischen Darstellung, besonders in der heutigen, schnelllebigen Zeit, im Blick auf das Ganze und das Detail, das eben dieses Ganze konstituiert.

Erosionen- © Thomas Michael Glaw

Erosionen- © Thomas Michael Glaw

Das französische Wort „claire“, dass fast genauso klingt wie das englische „clare“ (auf gälisch schreibt man es Clár, auch wenn man fast gleich ausspricht) lässt sich mit „Licht“ oder „hell“ übersetzen. Es ist die Helligkeit, die sogar an schattigen Tagen den besonderen Reiz dieses Teil Irlands ausmacht und den Fotografien ihre eigene Tiefe verleiht.

Wasserspuren - © Thomas Michael Glaw

Wasserspuren – © Thomas Michael Glaw

Lyrischer Abschluss
(Doughmore / 2.9.16)

das rauschen
des meeres
begleitet
wie der klang
einer tiefen, alten
glocke

mal langsam
mal schneller
schwingend
reihen sich
wellenkämme
aneinander

rufend
rauscht die see
meine seele
umfangend
um sie im nichts
zu verlieren

Irisches Tagebuch (Teil Eins)

Der Titel ist ein hoher Anspruch, dem der Text vermutlich nicht gerecht werden wird. Es war Mitte der siebziger Jahre, als ich Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ las. Seit diesem Zeitpunkt wollte ich das Land einmal sehen; vordergründig, um die Konflikte in dessen Norden zu verstehen, aber auch, um dem Melancholisch – Fröhlichen, das bei Böll zwischen den Zeilen durchschimmert, ein Stück näher zu kommen. Dem ursprünglichen Motto Bölls, „Es gibt dieses Irland: wer aber hin fährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“, kann ich mich durchaus anschließen.

Einen ersten Eindruck irischer Hemdsärmeligkeit bekam man schon am Flughafen. War man an Bord der Lufthansa noch der Herr Doktor („Noch eine Tasse Kaffee, Herr Doktor), so hatte man mit dem Autovermieter vermutlich schon im Sandkasten gespielt „(What else can we do for you, Thomas?“) Das soll jetzt bitte nicht arrogant klingen, aber als Jugendlicher kämpft man darum, endlich einmal „Sir“ genannt zu werden, und außerhalb der skandinavischen Welt – wo ich es sehr sympathisch finde – habe ich mit dem immer währenden „du“ durchaus ein kleines Problem.

Ausblick aus Clogher Cottage - © Thomas Michael Glaw

Ausblick aus Clogher Cottage – © Thomas Michael Glaw

Wir fuhren von Dublin aus gen Westen, die County Clare war das Ziel. Freunde aus München hatten den Landstrich empfohlen; man laufe dort nicht alle Nase lang einem Deutschen in die Arme. Very true. In einer Nichtigkeit namens Parkduff – wenn Sie auf Google Maps suchen, werden Sie eine Ansammlung verstreuter Häuser finden – hatten wir ein Cottage, genauer gesagt „Clogher Cottage“, für eine Woche zum stolzen Preis von 250 Euro gemietet. Es bot alles, was man sich vorstellte, vor allem aber etwas, das in unserer heutigen Welt nur sehr schwer vorstellbar ist: Ruhe. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Frieden. Letzteres auch der Tatsache geschuldet, dass die Netzanbindung an Irlands Westküste außerhalb der Touristenregionen, sagen wir einmal, „verbesserungswürdig“ ist.

Schattenspiele - © Thomas Michael Glaw

Schattenspiele – © Thomas Michael Glaw

Ein erster Spaziergang führte uns an die Klippen von Kilkee, in der untergehende Sonne werfen wir lange Schatten. Als ich dieses Bild machte, musste ich an eine Aufnahme von Königin Elisabeth II mit Prince Philip denken, die außerhalb Sicht des „Volkes“ nebeneinander liefen und deren Körper lange Schatten auf den Kies hinter Buckingham Palace warfen. Mir gingen viele Gedanken über meine Leben in den vergangenen dreißig Jahren durch den Kopf. Schatten der Vergangenheit. Werden unsere Schatten für eine zukünftige Zeit noch von Bedeutung sein?

Wenn man sich einmal an Irland gewöhnt hat, so lässt man dem Leben einfach seinen Lauf, und macht sich über Schatten weniger Gedanken.

Man beginnt das Grün der Wiesen wahrzunehmen.
Den Geruch des Torfs im Ofen.
Die zwischen den Wolken hervor scheinende Sonne, die sich im Wasser spiegelt.

Sonnenuntergang bei Doughmore - © Thomas Michael Glaw

Sonnenuntergang bei Doughmore – © Thomas Michael Glaw

Man beginnt, die Feinheit der Brandung, die man zunächst nur als „white noise“, quasi als Hintergrundrauschen, wahrgenommen hatte, zu verstehen.

Man wird langsam wieder zu dem, wozu Gott (oder für meine atheistischen Leser die Evolution) uns geschaffen hat: zu einem Menschen. Zu einem Menschen, der seine Umgebung wieder wirklich wahr nimmt, der in die Lage versetzt wird, ganz bei sich zu sein.

Und doch im Hier und Jetzt.