Ewige Jugend

heißt eine Studie des Stanford Professors Robert Pogue Harrison auf Deutsch. Ich finde den Titel des Amerikanischen Originals „Juvenesence“ deutlich erhellender. Harrison geht es um die Kulturgeschichte des Älter Werdens, genauer gesagt, um die Bedeutung des Alters in der Gesellschaft und um den – seiner Meinung nach – seit rund fünfzig Jahren um sich greifenden Jugendkult.

Hip - © 2016 Thomas Michael Glaw

Hip – © 2016 Thomas Michael Glaw

Wenn ich mit den Augen des Fotografen durch München gehe, scheint es mir seit etwa zehn, vielleicht fünfzehn Jahren mehr als nur auffällig: Man ist jung. Besser gesagt: Frau ist jung. Oder gibt sich zumindest so. Früher gab es einmal den bissigen Spruch „Von hinten Lyzeum, von vorne Museum“; soweit möchte ich jetzt nicht gehen. Es ist jedoch äußerlich durchaus fühlbar, dass sich die Generation der Eltern immer mehr auf ihre Kinder zubewegen. Gestern ging ich im Supermarkt an einer Mutter/Tochter Gruppe vorbei, die völlig identisch gekleidet war: Sneakers, zerrissene Jeans, wilde Haare – bliebe nur der Altersunterschied 15/55. Natürlich kann sich jeder/jede so kleiden, wie es ihm/ihr beliebt, mich bewegt jedoch eine ganz andere Frage.

Wenn man junge Menschen heute fragt, wer ihre besten Freunde sind, erhält man oft zur Antwort: meine Eltern. Ich finde das, ehrlich gesagt, erschreckend. Der Generationenkonflikt ist eine Bedingung des Erwachsen Werdens. Wenn meine Eltern meine besten Freunde sind: wie will ich mich selbst als Erwachsener finden? Einer der Gründe mag darin liegen, dass viele Mütter (und Väter) selbst relativ unreif sind – ihr oberstes Ziel ist, geliebt zu werden. Ihr oberstes Ziel sollte jedoch sein, junge Menschen in die Welt zu senden und sie dazu anzuhalten, ihren eigenen Weg zu finden.

Einsam ? - © 2016 Thomas Michael Glaw

Einsam ? – © 2016 Thomas Michael Glaw

Es gibt eine zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Erwachsene kleiden sich nicht nur wie Kinder, sie drücken sich zunehmend auch so aus. Amerikanische Wissenschaftler haben mit Hilfe des „Flesch Kincaid Grade Level Test“ ermittelt, dass sich mehr oder weniger sämtliche republikanischen Präsidentschaftsbewerber von Trump bis Kasich sprachlich auf dem Niveau von 8 – 12 jährigen bewegen. Schade, dass es den Test nicht auf Deutsch gibt. Die Ergebnisse wären wohl vorhersehbar. Die anstehenden Probleme, von der Integration fremder Kulturen bis zum Erhalt des sozialen Friedens verlangen jedoch komplexes Denken und, im wahrsten Sinne des Wortes, erwachsene Lösungen. Ludwig Erhard schrieb die „Soziale Marktwirtschaft“ nicht für einen Haufen kreischender (Pseudo) – Jugendlicher, gekleidet in angesagten Marken.

Kurz bevor ich diesen Text schrieb, hörte ich wieder einmal Beethovens 8. Sinfonie (Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern). Sie ist eines seiner am meisten unterschätzen Werke. Eine „kleine“ Sinfonie; eingequetscht zwischen die Siebte und die Neunte; beide sind nicht nur bedeutende musikalische Werke, sondern auch Werke mit einer politischen Dimension. Kent Nagano interpretiert in seinem Buch „Erwarten Sie Wunder“, den zweiten Satz dieser Sinfonie, das Allegretto Scherzando, als eine Allegorie auf die immer knapper werdende Zeit. Die Bläsersätze zerhacken förmlich die Streicher, um sich am Ende selbst zu zerlegen. Er sieht darin Beethovens sehr frühe kritische Betrachtung des Industriezeitalters, als einer Zeit, die uns allen immer mehr Zeit stiehlt. Seit dem ich seinen Text gelesen habe, habe ich die Sinfonie mehrfach gehört und mich auch mit der Partitur befasst. Ich finde den Gedankengang faszinierend, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Beethoven das wirklich so früh schon gespürt hat.

Mangel an Zeit.

Wenn ich mit Jugendlichen in meinen Seminaren spreche, fällt mir immer wieder auf, dass es ihnen vor allem an zwei Dingen mangelt: Muße und Einsamkeit. Alles wird in der Gruppe unternommen. Alles ist zielorientiert. Und selbst wenn es nicht zweckgerichtet ist, wird die Zeit mit anderen verbracht. Oder vor einem kleinen Bildschirm.

Das Wesentliche ? - © Thomas Michael Glaw

Das Wesentliche ? – © Thomas Michael Glaw

Die Konzentration auf das Wesentliche fehlt.

Wenn ich mit meinem Sohn zusammen bin, spielen neue Clips in den sozialen Medien eine zentrale Rolle. Es scheint eine Generation zu sein, die beständig mit fremden Stimmen im Kopf lebt. Leider sind es Stimmen, die sie in der Bedeutungslosigkeit des hier und jetzt festhalten.

Die Vergangenheit fehlt.

Oder um mit Nietzsche zu sprechen: „Man muss eine Verbindung zur Vergangenheit herstellen, um zum Schöpfer des Zukünftigen zu werden.“

Sich der Zeit bewusst zu werden, heißt auch, sich der Endlichkeit bewusst zu werden. Wenn man sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst geworden ist, hat man den ersten Schritt in Richtung Weisheit unternommen.

Ein Schritt, der vielen Eltern zu wünschen wäre.

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