Einstieg unter Tage

Das Ruhrgebiet – eine Legende, Vergangenheit, fast vergessen..
In den letzten Jahren waren wir mehrfach in diesem ehemaligen Industriezentrum Deutschlands unterwegs, auf den Spuren der Kohle, des Bergbaus und der Gewinnung von Eisen und Stahl.

Zeche Zollern - © 2016 Thomas Michael Glaw

Zeche Zollern – © 2016 Thomas Michael Glaw

Vorhängeschlösser – eine ganze Reihe zieren dieses Bild. Sie gehören zu den ersten Dingen, die man bei der Besichtigung der Zeche Zollern sieht: In der Waschkaue, den Räumen, in denen sich die Bergleute umzogen, bevor sie unter Tage fuhren, wurde die normale Kleidung gegen die Bergmannskluft getauscht und in Körbe gesteckt, die unter die Decke gezogen wurden. Mit dem Schloss, zu dem nur der Bergmann selbst Schlüssel besaß, wurde das Hab und Gut gesichert.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, als Enkelin eines Bergmanns auf diese Vorhängeschlösser zu schauen: es gibt keine Spinte oder Schränke, der private Platz, der den Bergleuten damals an ihrem Platz zugeteilt wurde, beschränkt sich auf den einen Korb, so groß wie ein mittelgroßer Topf mit ein paar Haken, der Kette, an dem er hängt und das Schloss. Die Stechkarte, die in einen Kasten gesteckt wurde, zeigte, wer gerade alles tief unter der Erde arbeitete, und wessen Familien zu informieren waren, sollte es einen Zwischenfall geben. Ein einfaches, aber auch notwendiges Prinzip, betete doch jede Familie darum, dass der Ehemann und Vater nach der Schicht heil nach Hause kam. Nicht immer wurden diese Gebete erhört, es gab immer wieder Unfälle, die eine Familie vergeblich auf die Rückkehr warten ließ.
Besucht man heute diese Denkmäler der Industriekultur, kann man, trotz guter Darstellungen, Erklärungen und der Möglichkeit, viele Orte Begehen und Begreifen zu können, sich die damalige Situation nur schwer vorstellen. Heute, wo Arbeitsplätze auch gesundheitlich so sicher wie möglich sind, so dass wir es uns leisten, nicht nur den Betriebsunfall sondern alle möglichen Eventualitäten abzusichern, ist diese Angst der Menschen damals unvorstellbar.
Nein, es waren andere Zeiten. Ich lade Sie ein, sich eines der Vorhängeschlösser auszusuchen und in den nächsten Monaten auf eine Entdeckungsreise in eine fast vergessene Gegend mitzugehen, die vor den Toren meiner Heimat liegt.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zu unserem Jahreskalender 2016 : Nahaufnahme Ruhrgebiet – Analoge Industrie

Mechanisch

Ein Freund von mir befasst sich in seiner knapp bemessenen Freizeit mit mechanischen Uhren. Das Wissen dazu hat er sich selbst aus spanischen und englischen Handbüchern beigebracht. Er kann zauberhafte Geschichten über diese kleinen Wunderwerke der Technik erzählen.

Andere Freunde können Tage, ja Wochen über irgendwelchen vier, sechs, acht oder mehr Zylinder Motoren aus den dreißiger oder vierziger Jahren verbringen. Auch hier: reine Mechanik. Klar spielte Elektrik auch eine gewisse Rolle, aber was bewirkt die Faszination des Mechanischen?

Zeche Zollern - Kauen

Zeche Zollern – Kauen

Die meisten meiner Freunde sind zwischen vierzig und fünfzig, stehen mit beiden Beinen im Leben des einundzwanzigsten Jahrhunderts … und sind doch fasziniert von der Technik des zwanzigsten, wenn nicht des neunzehnten.

Ist es die Tatsache, dass sich reine Mechanik leichter nachvollziehen lässt, als all das, was sich im allerkleinsten, sei es in Kybernetik, Physik, Mikrobiologie oder Genetik … die Aufzählung ließe sich fortsetzen, abspielt?

Zeche Zollern - Kauen

Zeche Zollern – Kauen

Ich gebe gerne zu, dass auch ich bei den modernen Wissenschaften zwischen Faszination und Erschrecken vor der Komplexität schwanke. Vor einigen Jahren hatte ich „Molecular Microbiology of the Gene“ mit in einen Griechenlandurlaub genommen, in der Hoffnung, es „auf die Schnelle“ einmal durchzulesen. No such thing. Die Details dieser Wissenschaft sind phänomenal und machen es einem, wenn auch durchaus wissenschaftlich vorgebildeten, Außenseiter wirklich schwer, Zusammenhänge zu behalten. Es ist gar nicht einmal das Verstehen, es ist das Behalten, das erklären können.

All das war zugegebenermaßen im mechanischen Zeitalter einfacher.

Zeche Zollern - Maschinenhalle

Zeche Zollern – Maschinenhalle

Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, einige Standorte, sprich Museen, des Landschaftsverbandes Westfalen – Lippe zu besuchen. Ich war fasziniert; nicht nur von der Art der Präsentation, den Erklärungen, die wirklich ein industrielles Zeitalter zu neuem Leben erweckten, es war das schier Mechanische, das mich in seinen Bann zog. Vielleicht auch die Größe. Vielleicht auch, dass man in dieser Zeit noch versuchte, das rein Mechanische mit dem Schönen zu verbinden. Eine Zeche mit Elementen des Jugendstils.

Wenn wir einen Blick auf unsere heutige Industriearchitektur werfen – einmal abgesehen, von einigen wagemutigen Beispielen, die meistens in der „campagna“ zwischen Mantova und Rom vergammeln und auch die Verbindung zwischen Mensch, Natur und Technik vermissen lassen, herrscht Öde.

Welcher Architekt wagt es noch, Industriearchitektur zu schaffen, die dem Menschen entspricht, der Arbeit förderlich ist und … Schönheit ausstrahlt.

Ich weiß.
Schönheit.
Horribile dictu.
Brauchen wir nicht.

Doch.
Dieses „doch“ der deutschen Sprache ist ein wunderbares Wort.
Mächtig 🙂

Deshalb noch einmal:
Doch

Schiffshebewerk Henrichenburg

Schiffshebewerk Henrichenburg

Wir brauchen Schönheit.
Im Alltag.
In allem was uns umgibt.
Sie erhebt uns über eben jenen Alltag.
Sie lässt uns teilhaben an der Schöpfung.

Und sie sollte auch ihren Platz in der Industriearchitektur haben.

Die Aufnahmen entstanden in der Zeche „Zollern“ und im Schiffshebewerk „Henrichenburg“; ich hoffe, in den nächsten Jahren auch die anderen Standtorte des Landschaftsverbandes Westfalen – Lippe besuchen und für eine Ausstellung zu fotografieren. Die Museen, wenn man diese Standorte überhaupt als solche bezeichnen kann, sind vorbildlich, faszinierend, spannend … einen Besuch wert. Und vergesst die Kamera nicht 🙂

Herbst

Gebt es doch zu, liebe KollegInnen – herbstliche Natur ist langweilig. Wir alle haben diese Bilder schon dutzende mal gemacht.. Sonne, Wolken, Farben … und doch verführt das, was die Natur uns da gratis und franko bietet, immer wieder dazu die Linse darauf zu richten – selbst zu papiernen Zeiten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie viele herbstliche Bilder aus mindestens drei Kontinenten in meinem Archiv als Negativ oder Papierbild schmoren.

Herbstliche Nebel
(Degerndorf/Obb.)

Kann man dem Herbst mehr abgewinnen? Herbst des Mittelalters vielleicht .. aber wie soll man Huizingas wunderbares Buch bildlich erfassen, Herbst des Lebens … ist noch ein Weilchen hin bis Allerseelen …

Ich verbinde Herbstliches erstaunlicherweise oft mit Rost, mit industriellen Ruinen … vielleicht der Herbst unseres industriellen Zeitalters. Überbleibsel des industriellen Zeitalters haben, sofern man sie nicht zu düster porträtiert, etwas hilflos anheimelndes und eine ganz eigene Ästhetik. Klar kann man die Ästhetik eines vergangenen industriellen Zeitalters auch so porträtieren wie Bernd und Hilla Becher. Als Lehrmeister werden sie unerreicht bleiben, ihre lichtbildnerische Darstellung hat meine persönliche Sichtweise, besonders im Bezug auf Industriephotographie, bleibend geprägt. Trotzdem glaube ich, dass gerade viele der industriellen Dinosaurier es verdient haben, herbstlich dargestellt zu werden.

Technik im Herbst
Herbst der Technik

Schließlich stehen sie ja im Spätherbst ihres irdischen Daseins. Ich hoffe, wir werden sie als Denkmäler erhalten, denn sie stehen für eine vergangene Zeit, die sicher für viele ArbeiterInnen eine Vorhölle war. Trotzdem glaube ich, dass das digitale Zeitalter, in dem wir jetzt beginnen zu leben, nicht nur uns Lichtbildner vor viele Probleme stellt. Es wird uns alle in der Arbeitswelt wie auch privat mit einer Form von Entfremdung konfrontieren, gegenüber der die Voraussagen von Karl Marx harmlos anmuten werden.

Oder ist es nur der den Deutschen oft unterstellte Pessimismus, der mich hier wieder umtreibt?

Technology

Technik ist durchaus auch für Photographen faszinierend. Ich hatte gehofft ein wenig im rust belt, dem ehemaligen Zentrum der Kohle und Stahlproduktion photographieren zu können. Alte Technik fasziniert mich; ich habe immer wieder versucht die Technik der Vergangenheit – vor allem in schwarz-weiß – zu dokumentieren. Bisweilen erfordert ein Familienurlaub auch Kompromisse .-)

Das National Aeronautics and Space Museum, ein Teil der Smithsonian Institution, entschädigt ein wenig dafür, dass man Technik im wirklichen Leben nicht auf die Platte bannen konnte.

Natürlich könnte man sagen, dass die Motorentechnik der zwanziger und dreißiger Jahre in gewisser Hinsicht ein Rekurs auf eine alte Zeit sei, von der wir nicht wissen ob sie wirklich gut war. Trotzdem fasziniert mich die handwerkliche Perfektion, die wir heute auch mit CAD und CAM nicht wirklich erreichen.

Trotzdem denke ich, dass das nächste Bild das beste der Reihe ist. Licht und Schatten, regelmäßige Strukturen … was macht eine Photographie wirklich besonders? Für mich ist ein Bild etwas besonderes, wenn es zu mir spricht. Ich kann nicht erklären, warum gerade dieses Bild mich so anspricht … und trotzdem ist dieser Blick in ein Saturn V Triebwerk etwas besonderes …

And NO .. no food section today 🙂 but a BIG thanks to all the folks from Smithsonian who made this experience possible.