Stade Zeit

Seit ein paar Tagen leuchten sie nun schon, die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung in den Häusern, auf Balkonen, in den Straßen und Geschäften. Die Stade Zeit – wie es so schön in alten Erzählungen heißt – ist schon lange nicht mehr stad; oder doch?

Spätherbst am Starnberger See - © Thomas Michael Glaw

Spätherbst am Starnberger See – © Thomas Michael Glaw

Grau und kalt wirkt das Bild auf dem Kalenderblatt. Der erste Schnee bedeckt die Pfähle im Starnberger See, grau und trüb wirken Himmel, Wasser und Umgebung. Der November ist für mich ein merkwürdiger Monat, eine Zeit des Übergangs: es ist nicht mehr Herbst – aber Winter ist es auch noch nicht; die Feiertage, die in die Novemberwochen fallen – Volkstrauertag, Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag – thematisieren das Abschiednehmen und Erinnern. Die grauen, feuchtkalten Tage, die häufig mit Nebel und Sturm einhergehen, lassen auch mich langsamer werden und meinen Blick auf meine eigenen Füße und auf das vergangene Jahr richten:
Was ist passiert in diesem Jahr? Passiert im eigentlichen Sinne des Wortes: wer und was ist mir begegnet, an mir vorbei gezogen? Welche Begegnungen, Erlebnisse und Ereignisse haben bei mir Spuren hinterlassen, wirken noch nach? Wo stehe ich heute? Worauf – was gibt mir Standfestigkeit? Was umgibt mich?
Auch wenn diese Fragen normalerweise mit Silvester verbunden werden – mir erscheint der ruhige November als eine gute Zeit, zurückzublicken und den Erinnerungen einen guten Ort zu geben, in aller Ruhe, vor einer Kerze sitzend nach einem Spaziergang am grauen Starnberger See.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner zum Novemberblatt unseres Jahreskalenders