Warschau: Eine Suche

Vor 44 Jahres war ich das letzte Mal in Warschau. Ich war durchaus zwischendurch in Polen, meistens jedoch in Schlesien. Dort läuft das Leben ein wenig langsamer als im hippen Warschau, wo ich gestern ankam. Aber ich übertreibe. So hip ist Warschau nämlich gar nicht, auch wenn es das wohl gerne wäre. Natürlich gibt es auch hier all das Jungvolk, das nichts besseres zu tun hat, als auf diesen wunderbaren neuen elektrischen nicht-mehr-Tretrollern durch die Straßen zu pesen, natürlich sind auch hier sämtliche Sushi Bars mittags von jungen Männern in Konfirmationsanzügen in verwaschenem blau bevölkert, die mit nackten, stachligen Männerbeinen in Sneakern demonstrieren, dass sie voll im Trend liegen. Und auch all die gebräunten jungen Damen , die ihre nackten Beine in kurzen Röcken auf dem abendlichen Weg zum Weichsel Strand möglichst dekorativ in der Tramlinie 4 arrangieren, auch sie sind natürlich voll hip.

Markthallen wie in der Provinz – © 2019 T M Glaw

Daneben gibt es aber noch die vielen jungen Familien, die die Einkäufe nach Hause schleppen, die vielen alten Frauen, die sich mit dem Rollator aus Jaruzielskis Zeiten durch die Stadt bewegen und die vielen alten Männer in Unterhosen auf irgendwelchen baufälligen Balkonen, die morgens um elf wohl schon ein Rendezvous mit der Wodkaflasche hatten.

Wenn man als Deutscher nach Warschau kommt, egal wie jung oder alt man ist, wird man den letzten Krieg nicht los. Es waren die Deutschen, die diese Stadt auf der Westseite der Weichsel dem Erdboden gleich gemacht haben – auch wenn die rote Armee auf der Ostseite einfach tatenlos zugesehen hat. Zumindest verdanken wir dieser Tatsache heute einen außerordentlich kreativen Stadtteil namens Praga, der sich in den vergangenen 6 Jahren von der dunklen Seite Warschaus zur hippen gemausert hat. Na ja,da haben wir es wieder: hip … Sagen wir lieber chaotisch – kreativ, das wird man dort lieber hören und es entspricht auch eher der Wahrheit. Ein wenig wie die Anfänge von Haidhausen vor dreißig Jahren, wenn ich das mal als Wahlmünchner so behaupten darf. Ich bin gespannt, ob man hier in Warschau die Gentrifizierung aufhalten kann, oder ob die Jüngelchen mit ihren gestylten Mädels und den Konfirmantenanzügen hier demnächst auch Einzug halten. Natürlich mit Bart. Bei so manchem fragte ich mich heute Mittag, ob letzterer vielleicht doch aus einem Theaterfundus stammt – irgendwie war das Kind zu jung dafür.

Wandkunst – © 2019 T M Glaw

Der Wandel der Bausubstanz ist faszinierend. Neben den überwiegend aus den fünfziger Jahren stammenden Plattenbauten stampft man ein Hochhaus neben dem nächsten aus dem Boden. Durchaus wagemutige Architektur, nebenbei bemerkt. Liebeskind lässt grüßen. Das faszinierende ist, dass es irgendwie ein Gesamtbild ergibt. Das Störenste ist vielleicht die nach dem Krieg nach den Canaletto Bildern wieder erstandene Stare Miasto, die Altstadt, heute das Mekka der Touristen und der Con-Artisten. Wie haben sie nur kurz gestreift und eigentlich war das schon zu viel.

Einkaufzentrum im Herzen Warschaus – © 2019 T M Glaw

Kann man die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Deutscher in Warschau vergessen? Ich glaube nein, aber all das Leben, das um einen herum passiert, zeigt, dass die Zeit weitergeht. Was könnte es besseres geben, als in der Geschichte verankert zu sein, während das Leben weiterhin seine Geschichten schreibt.

Shades of Crime

Keine Angst.

Hier wird niemand gefesselt und gibt auch keine albernen Sexspielchen. Höre ich da ein Bedauern? Sorry, Ladies … and Gentlemen. Mir geht es wieder einmal um zwei meiner Lieblingsthemen: Schwarz – Weiß Fotografie und Kriminalromane. Abgesehen von einigen anderen unternehmerischen Aktivitäten verdiene ich mich beiden einen Teil meines Lebensunterhalts und zugleich machen sie mir sehr viel Spaß.

Warum also Shades of Crime?

© 2019 Thomas Michael Glaw

Nun, ich wollte nicht auf Shades of Grey zurückgreifen, denn es erschien mir, wie soll ich sagen, besetzt 🙂 . Gute Kriminalromane drehen sich um die Zwischentöne im menschlichen Leben. Wir betrachten die Welt zwar gerne als einen Zirkus in schwarz und weiß, zumal in Deutschland, wo die Medien immer genau zu wissen scheinen, wer der Gute und wer der Böse ist. Die Realität ist jedoch eine andere.

Um meinen neuen Kriminalroman, der in Münster angesiedelt ist und unter dem Projektnamen „Kreuzbube“ läuft, fertig zu stellen, war ich für ein paar Tage an den Bodensee gereist. Ich mag Martin Walser nicht sonderlich, aber seiner Einschätzung des Sees als Quelle des Lichts, der Inspiration, würde ich durchaus zustimmen. Ich habe es schon immer als schwierig empfunden, die letzten 50 bis 100 Seiten eines Romans zu schreiben. Man muss viele Fäden zusammenfügen, lose Enden verknoten und darf dabei das einmal gewählte Ziel nicht aus dem Auge verlieren.

© 2019 Thomas Michael Glaw

In meiner Erfahrung sind es häufig die Figuren selber, die auf den letzten paar Dutzend Seiten die Regie übernehmen. Der versöhnliche Alte erweist sich auf einmal als stur, die schwache Ehefrau als stark, die entscheidend zur Lösung eines Problems beiträgt. Ich weiß nicht ob Sie das verstehen, aber ich komme mir als Autor oft so vor, als würde ich meinen Figuren nur die Hand leihen. In meinem Fall im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich schreibe jeden Erstentwurf von Hand in Kladden von Clairefontaine. Ich mag dieses Papier – nicht nur als Fotograf, sondern auch als Schreiberling. Was hat das mit den Bodensee zu tun? Das Wetter hat mich nicht nur zeitweise an den Schreibtisch gefesselt, sondern auch einige wunderbare Naturstudien in schwarz – weiß ermöglicht.

© 2019 Thomas Michael Glaw

Nein, also eigentlich nicht in schwarz und weiß, sondern in Graustufen. So wie das Leben. So wie jeder gute Roman, jeder gute Krimi. Ich freue mich auf die kommenden Wochen und auf die Arbeit mit meiner Lektorin, in der um ganz viele Worte gerungen werden wird. Man sagt George Simenon habe seine Manuskripte immer geschüttelt um zu sehen, ob nicht noch das eine oder andere Adjektiv herausfalle. Wenn es nicht wahr ist, so ist es zumindest gut erfunden. Da hat man es als Fotograf einfachen: Man muss nur auf das Licht achten 🙂

Brügge oder Zuviel

Wenn man in der Nähe des Kanalsystems wohnt, das Brügge umschließt, bemerkt man zunächst gar nicht so viel von den allgegenwärtigen Touristen. Das eine oder andere Paar geht über die schmalen Bürgersteige, die durch entlang der Hauswände abgestellten Fahrräder noch enger werden. Wenn man eine Wohnung, oder wie wir ein Haus in der Peripherie zeitweise bewohnt, fällt einem Ende August allenfalls auf, dass sich Belgien noch im Sommerferienmodus befindet. Die Bäcker und Metzger sind noch geschlossen. Beim morgendlichen Lauf entlang des Kanals begegnen einem nette Menschen, die lächeln und freundlich grüßen. Katrijn hat mich beim gemeinsamen Stretchen sogar auf einen Kaffee eingeladen. Das rüde Erwachen folgt, wenn man sich nach der ersten, in wunderbarer Ruhe verbrachten Nacht, in Richtung Stadtzentrum aufmacht.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Je näher man diesem kommt, desto zahlreicher werden die Menschen, die irgendwie unorientiert, obwohl meist die Frauen (Mütter, Gefährtinnen, Töchter) die Nase in einen Führer zu haben scheinen, einem nicht näher definierten, magischen Zentrum zustreben.

Die Vielgestalt der Sprachen nimmt zu, die Vielgestalt der Geschäfte nimmt ab. Wer braucht denn wirklich 12 Schokoladengeschäfte (belgische Schoki natürlich) auf einem viertel Quadratkilometer? Zara, Boggi, H&M und wie sie alle heißen, habe ich auch in München. Gewiss, ich hatte damit gerechnet, dass es auch in Brügge ein gerüttelt Maß an Geschäften gibt, die den modernen Touristen bedient. Dass sie die ganze Altstadt in Besitz nehmen, hat mich schon erstaunt. Da ist mir Rom oder Madrid lieber. Zugegeben, diese Städte sind schlicht größer, da fällt es nicht so auf.

Erstaunlich fand ich allerdings auch die hohe Zahl an Leerständen: zum Verkauf oder zur Vermietung anstehende Geschäftsräume, überdies viele leere Galerien. Ob der Verkauf der Seele an den Tourismus vielleicht nur zum Teil geglückt ist?
Wenn dieser Verkauf überhaupt ein Glück sein kann.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Begriff des „overtourism“ macht seit Jahren die Runde. Er findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung ebenso wie in der Financial Times  und anderen, angesehenen internationalen Publikationen. Ich verband in der Vergangenheit das Phänomen des übermäßigen Tourismus meistens mit Venedig. Diesen Sommer ist mir in Rom bewusst geworden, was der plötzliche Zustrom von 60.000 Menschen – in diesem Fall Jugendliche überwiegend mit den besten Intentionen – für eine Stadt bedeutet.

Durch Brügge lief ein wohlhabendes, internationales Publikum, wir hörten ein dutzend Sprachen oder mehr. Vor jedem auch nur halbwegs alt wirkenden Haus bewegten sich zahllose Handies durch die Luft, um es auf die nicht mehr existierende Platte zu bannen und danach nie mehr anzuschauen. In Navid Kermanis Buch „Entlang der Gräben“ sagt eine Führerin, das Fotografieren der Fresken sei auch ohne Blitz verboten. Wegen der Eiligkeit. Als uneiliger Fotograf, finde ich, dass sie durchaus Recht hat. Auch ein gutes Bild bedarf der Zeit, des Nachdenkens über Licht und Schatten, und gegebenenfalls des Wiederkommens. Aber es geht gar nicht mehr um Bilder. Das Selfie ist zur Gewohnheit geworden. So wie man das Telefon abnimmt, wenn es läutet. Man denkt nicht darüber nach und vergisst es danach schnell. So wie die auf dem Handy gespeicherten Bilder. Außer sie sehen richtig cool aus. Dann kann man sie posten.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Für mich sind die Touristen, die ich in Brügge erlebte, die Totengräber des Reisens. Oberflächlich oder gar nicht informiert, vor allem aber mehr oder minder gar nicht interessiert an den Menschen, die dort leben, an der Sprache, die diese Menschen sprechen, an der Kultur, in der sie leben. Eigentlich möchte man nur ein paar schöne Bilder machen, sagen, dass man da gewesen ist. Belgische Schokolade gekauft hat. Die Geschäfte mit belgischer Spitze waren übrigens meistens leer. Too old school.

Es gibt Orte, wo mich dieser Tourismus nicht überrascht. Im schönen, alten Brügge war das schon der Fall. Vielleicht hatte ich einfach die Anziehungskraft der Stadt unterschätzt, noch mehr allerdings den Einfluss auf das normale Leben im städtischen Kontext. Der Gesichtsausdruck der Brügger, wenn sie sich auf ihren Fahrrädern durch die Menschenmassen schlängeln, ist zwischen genervt und stoisch. Die Stadt scheint vom Tourismus zu leben. Dass dem nicht so ist, bemerkt man erst, wenn man jenseits des Altstadtgürtels unterwegs ist und sieht, wie viel mittelständische Industrie existiert; wenn man durch normale Wohngebiete schlendert und normale Märkte und Geschäfte besucht – wenn sie denn offen waren. Wenn man mit normalen Menschen in der Kneipe am Eck ein Bier trinkt. Dort beginnt man mit drei fehlerbehafteten Sätzen auf Niederländisch ein Gespräch, das sich meist auf Englisch fortsetzt. Und Spaß macht.

Ob die Stadt ihre Seele den omnipräsenten Heuschrecken verkauft hat, die nichts verstehen und alles konsumieren? Die Gastronomiepreise bestärken diesen Eindruck. Das belgische „Nationalgericht“ moules frites habe ich selbst in Paris schon deutlich günstiger gegessen. In Brügge ist es ab 24 Euro pro Person zu haben … Croque Monsieur haben wir zu Preisen zwischen 11 und 16 Euro gesehen. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Toast mit Käse. In der Nähe des Place d’Italie in Paris bezahle ich dafür 4,50 Euro.

Brügge – © Thomas Michael Glaw 2018

Der Tourist mag es zahlen, und dennoch ist es der Massentourismus, der zukünftig das Reisen schwierig, wenn nicht gar unmöglich machen wird. Städte, die aus diesem Trend Kapital schlagen wollen, sind zur geschminkten Gesichtslosigkeit verdammt. Sie müssen oberflächlich versuchen, den einzigartigen Charakter ihrer Stadt zu präsentieren, während ihnen hauptsächlich daran gelegen sein muss, die Notwendigkeiten des internationalen Tourismus zu befriedigen. Sie müssen Touristenströme managen, die glauben, sich in einem einzigen großen Disneyland zu bewegen. Und dort ihr Geld verteilen. Das, was die Städte wirklich ausmacht, historisch, gastronomisch, aber auch zwischenmenschlich, bleibt dabei auf der Strecke.

Für mich bedeutet das nichts anderes als Selbstaufgabe, es bedeutet die Transformationen historischer Stadtzentren, zauberhafter Landschaften, zu Themenparks.

Europa, das so voll von realer Geschichte ist, wird nur noch second hand erfahrbar werden. First hand ist zu kompliziert. Vielleicht auch zu ehrlich. Auf alle Fälle zu groß und zu bunt. Wir mögen es heute aber nur einfach und am besten auf einem kleinen Bildschirm.

Atlantikwall und andere Bunker

Bunker sind nicht mehr zeitgemäß … oder doch? Wenn man die Schlagzeilen überfliegt, den kurzen Nachrichtenschnäppchen zuhört, die in Rundfunk und Fernsehen angeboten werden, könnte man meinen, es wäre höchste Zeit, wieder mit dem Bau neuer Bunker zu beginnen.

Nicht nötig.

Man könnte auch einfach ein Stück Dünenlandschaft an der belgischen Küste erwerben, dort stehen noch genügend herum. Als ich darüber las, dachte ich mir: kann doch nicht sein. Da hat einer irgendwo zwei Bunker fotografiert und erzählt jetzt, die gäbe es überall. Weit gefehlt. Alles was in Deutschland, aber auch in Frankreich, Italien, Österreich und anderen Ländern nach den zweiten Weltkrieg zerstört wurde – um es dann Ende der fünfziger Jahre, atombombensicher, und mit erheblich größerem Aufwand neu in irgendwelche Berge und Hügel zu sprengen – ist an der belgischen Atlantikküste stehen geblieben. Die Frage nach dem „warum?“ konnte mir niemand schlüssig beantworten. Ich hätte mit Gedenkstätten gerechnet, mit der einen oder anderen aus historischen Gründen erhaltenen Geschützstellung. Nicht aber damit, dass man beim Spazierengehen in den Dünen regelmäßig vor kleineren oder größeren Bauwerken aus Beton steht, die sich einfach in die friedlichen Dünen verirrt zu haben scheinen. In einem Blog habe ich gelesen, dass sich ab und zu Liebespaare dahin zurückziehen. Ich könnte mir eine romantischere Umgebung feststellen. Es sind doch eigentlich genügend Dünen da, Sterne auch, zurzeit sogar Vollmond …

Belgische Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michel Glaw 2018

Interessant fand ich meine eigene Reaktion auf diese steinernen Reminiszenzen eines Krieges, der 12 Jahre vor meiner Geburt beendet wurde. Während mich die Flanders Fields, die Hügel und Felder, die Friedhöfe, Plätze und Dörfer rund um Ypern wirklich bewegten, stand ich diesen Bauwerken entlang der Küste eigentlich nur erstaunt gegenüber. Natürlich denkt man den „D-Day“, auch wenn diese Strände ein ganzes Stück weiter südlich waren, natürlich drängen sich Erinnerungen an Filme und an Bücher auf. Das Gefühl für die Schrecken des Krieges, das in Ypern überaus präsent war, stellte sich bei mir jedochnicht ein.

Vielleicht ist es die Zufälligkeit, mit der man über diese Betonklötze stolpert, vielleicht ist es die Abwesenheit von Friedhöfen, die es einfacher macht, den Gedanken an den tausendfachen Tod, der sich auf diesen Stränden ereignet hat, zu verdrängen.

Belgiscge Küste zwischen Oostende und Nieupoort – © Thomas Michael Glaw 2018

Mein Sohn würde wahrscheinlich sagen, es sei schon ziemlich schräg. Die Strände sind durchaus einen Besuch wert, die Küstenstädte weniger. Wo es in Italien tausende von „letti sole“ am Strand aufgereiht gibt – Ensemble, die ich von je her vermieden habe und bestenfalls fotografisch oder geometrisch interessant finde – hat man in Belgien die Küste mit hochaufragenden Apartmenthäusern zugekleistert. Den etwas hilflos in den Dünen herumstehenden deutschen Befestigungsanlagen hat man Wohnanlagen für Durchschnittsbürger gegenübergestellt, in denen man auf 40 oder 60 Quadratmetern seinen Sommerurlaub verbringen kann. Die Häuser erinnerten mich an Bienenwaben, nur nicht ganz so kunstvoll – und definitiv nicht so süß gefüllt. Ein Apartment neben dem nächsten und ganz viele übereinander. Es ist eine graue Mauer entlang der See, die deutlich bedrohlicher wirkt als die Bunker, die ein paar hundert Meter weiter südlich in den Dünen stehen.

Strand bei Oostende – © Thomas Michael Glaw 2018

Es sind Formen des Tourismus, die ich nicht verstehe. Warum quetscht man sich samt Familie für zwei oder drei Wochen auf engem Raum zusammen? Warum in einer hässlichen Stadt? Warum an einem windigen Strand, wo es oft regnet und man stets die kolossalen Unterbringungsanstalten im Rücken hat? Es erschließt sich mir noch weniger, als die Touristenmassen, die sich durch den historischen Kern von Brügge wälzen. Aber davon später.

Emmaus und Neuperlach

Nein, Emmaus und Neuperlach trennen Welten. Und doch nicht.

Ostermontag.

Ich weiß nicht, wie oft ich über diesen Gang nach Emmaus nachgedacht habe. Ich weiß nicht, mit wie vielen Jugendlichen ich darüber gesprochen habe. Man wird alt.

Nicht erkennen, was ist.

Ostermontag in München Neuperlach © Thomas Michael Glaw

Gehen wir nicht alle auf einem Weg, ohne zu erkennen, wo er wirklich hinführt? Wenn ich das das, was jener Zimmermanns Sohn sagte, ernst nehme, hieße das, ich muss meinen Nächsten lieben. Nur, wer ist das? Die Frau in meinem Wohnblock, der wir unser selbstgebackenes Brot vorbeibringen, wissend, dass sie in der reichen Stadt München am Rande des Existenzminimums lebt? Ist es die Frau drei Häuser weiter, die nur mit ihren Augen sichtbar gemeinsam mit ihren Kindern einkaufen geht? Ich kann die ängstlichen Blicke, die sie im Supermarkt begleiten, verstehen und muss mich immer wieder an die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit erinnern.

Heute Morgen sah ich die Osterbotschaft des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Ein Machwerk, nein, Verzeihung, ein Meisterwerk an politischer Manipulation. Ob er je Leni Riefenstahls berühmten Film „Der Triumph des Willens“ gesehen hat? Mehr entsetzt hat mich allerdings der Kommentar eines alten Freundes, der meinte, ein guter Christ sei man nur, wenn man mindestens Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag die Messe besuchte.

Nun, ich glaube, ein guter Christ ist man, wenn man die Werte, die jener Jude namens Jechua, den man später zum Gottes Sohn erklärte, beherzigt. Zentraler Wert ist und bleibt für mich dabei: Liebe deinen Nächsten. Ich saß in der Osternacht (doch ich gehe da immer noch gerne hin, auch wenn es dieses Mal eine rechte Laienspielertruppe war) hinter drei hübschen Mädels mit Schmollmund. Meine Vermutung: sie waren da, weil Mama und/oder Papa es wollten. Sie wussten kaum wohin mit ihren Händen während der Messe. Ich fand das recht amüsant, weil es mir immer wieder die Unzeitgemäßheit unserer eigenen Symbole deutlich macht. Aber wollen wir daran wirklich unseren Glauben fest machen?

Wissen Sie, was mich heute Morgen (zugegeben: ich lese Zeitung, digital und im Bett) noch beeindruckte? Ein Gespräch zwischen Réne Scheu und Peter Sloterdijk in der NZZ. Man mag zu Sloterdijk stehen, wie man will, aber seine Äußerungen sind immer nachdenkenswert. Sie finden sie provozierend? Genau deshalb sind sie nachdenkenswert.

Darf ich zitieren?

„Was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Medien. Medien sind Themen-Umwälzanlagen. Das ist die eine Hälfte der Wahrheit: Weltwissen entsteht überwiegend medial, die sogenannte eigene Erfahrung spielt eine immer kleinere Rolle.“

Da zitiert Sloterdijk Niklas Luhmann, und die Aussage wird mit zunehmendem Alter nicht weniger wahr. Unserer eigenen Erfahrungen zählen immer weniger. Steven Spielberg schrieb gestern, er sähe in Virtual Reality die ultimative Droge. Was zählt ist nicht, was ist, sondern was ich glaube. Ich kann mir das gut vorstellen. Wenn ich mir die Reaktionen vieler meiner Freunde (männlich und weiblich gemeint – ich möchte die Kiste genus vs. sexus hier nicht aufmachen) auf Aussagen im Web betrachte, kann ich nur den Kopf schütteln. Soviel Hass, so beschränkte Weltsicht. Darf ich noch einmal auf Soterdijk zurückkommen?

Die Heftigkeit und Giftigkeit der Invektiven in Europa, ja, im ganzen Westen und, wie man so sagt, im Rest der Welt, hat zugenommen, und zwar in allen Richtungen: links gegen rechts, der rechte Rand gegen den linksliberalen Mainstream, oben gegen unten, Geschlecht gegen Geschlecht, Inländer gegen Ausländer, Alt gegen Jung.

© Thomas Michael Glaw

Die Veränderungen kommen immer schneller, und viele wünschen sich, in der Vergangenheit zu verharren. Einer Vergangenheit, die keinen Deut besser war. Nur langsamer. Wir leben zu kurz, um die großen Veränderungen auf diesem Planeten wirklich erfahren zu können. Wir verweigern uns ihnen. Große Veränderungen waren immer von großen Wanderungsbewegungen begleitet. Die neue Verbindung von Menschen und Ideen hat immer zu dem beigetragen, was wir heute idiotischerweise Fortschritt nennen.

Fortschreiten von was?

Wir gehen auf etwas zu, das wir noch nicht kennen. Nur gemeinsam werden wir in einer besseren Zukunft ankommen. Das christliche Ideal erscheint mir dafür nicht völlig ungeeignet. Auch ohne drei Gottesdienste an Ostern zu besuchen.

 

Rowohlt-Gernhardt-Ente

Ihnen kommt der Titel merkwürdig vor? Da haben Sie völlig recht. Aber was soll man sonst an einem grauen Dezembertag schreiben? Als ich heute morgen aufstand, zugegebenermaßen um halb zehn, aber ich habe Urlaub, wirbelten draußen kleine, fiese Schneeflocken. Die Art von Flocken, die sich immer zwischen Hals und Kragen niederlassen und dann als einsamer Wassertropfen zwischen Stoff und Hals versinken.

Harry Rowohlt zu lesen ist ein ausgezeichneter Beginn für einen solchen Tag. Nicht weggeschmissene Briefe Band I. Selten etwas besseres zu Weihnachten bekommen.  Harry würde mir da, auf Wolke siebzehn, wo er derzeit sicher sitzt, zweifelsohne zustimmen. Der Kampf geht weiter, nicht war Harry? Er tut es wirklich, nur momentan sind die Protagonisten von „Martin“ bis „Siggi“ eher ins kabarettistische Genre abgeglitten. Sei’s drum.

Über Harry landete ich irgendwann bei Robert Gerhardt. Harry echauffierte sich furchtbar über eine ziemlich dumme Kritik von Fritz Raddatz in der ZEIT aus Anlass von Robert Gerhards 65. Geburtstag, Darf ich zitieren? „Raddatz, daß Sie ein dummes, unberatenes, abgebrochenes Ostzonen-Arschloch sind, das nie irgendwo ankommen wird, das ist ein alter Hut mit alter Krempe …“

Robert Gernhardts Gedichte polarisieren noch immer. Vielen sind sie zu humoristisch. Nicht ernst genug. Auch die Tatsache, dass Gernhardt relativ lange festen Reimformen verhaftet blieb, machte ihn in Deutschland eher verdächtig. Oder lächerlich. Weil nicht modern genug. Nein, ich möchte hier keinen Rundumschlag beginnen. Dazu bin ich, weiß Gott, nicht vertraut genug mit der Materie. Aber ein Nachdenken wäre es schon wert, oder?

Robert Gernhardt schrieb in einer seiner Poetik Vorlesungen, dass Lyrik bisweilen auch direkt zum Herzen sprechen könne. Er verglich das Gedicht mit der Vorführung eines Jongleurs, bei dem man sich auch keine Gedanken mache, warum die Bälle gleichzeitig in der Luft wären, sondern einfach das Schauspiel genieße. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich gerade eine Serie von schwarz-weiß Bildern aus dem Jahr 2017 zusammenstelle, die in mir die Erinnerung an ein Brecht Gedicht wach rief. Erinnern Sie sich an „Die Liebenden“ ?

© Thomas Michael Glaw

Dieses Bild ist in mancherlei Hinsicht eines meines Lieblingsbilder aus diesem Jahr. Die beiden waren so versunken in einander. Ich komme mir als Fotograf nicht so oft als „peeping tom“ vor, hier war es fast der Fall. Ihre Intimität hatte etwas Unschuldiges, etwas Wunderbares, etwas, in das man nicht eindringen sollte. War es Neugierde, die mich dennoch bewog, ein Bild zu machen? Ich würde das bestreiten. Der Moment war einfach zu schön, um nicht festgehalten zu werden. Zumal in den Zeiten, in denen wir leben.

Aber wir waren bei Brechts „Liebenden“ stehen geblieben. Nachdem ich in einem anderem Leben die wunderbare Berlin/Frankfurter Ausgabe von Brechts Werken zurücklassen musste – nicht, dass sie dort je einer liest – bin ich in meinem neuen Domizil auf Suhrkamps „Ausgewählte Werke in sechs Bänden“ angewiesen. Heute morgen bemerkte ich wieder einmal die Lückenhaftigkeit dieses Machwerks. „Die Liebenden“ hatten sie schlicht vergessen. Vielleicht war es ihnen auch nicht wichtig genug. Darf ich es hier trotzdem noch einmal zitieren?

Seht jene Kraniche in großem Bogen!
Die Wolken, welche ihnen beigegeben
Zogen mit ihnen schon als sie entflogen
Aus einem Leben in ein anderes Leben.
In gleicher Höhe und mit gleicher Eile
Scheinen sie alle beide nur daneben.
Daß so der Kranich mit der Wolke teile
Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen
Daß also keines länger hier verweile
Und keines anderes sehe als das Wiegen
Des andern in dem Wind, den beide spüren
Die jetzt im Fluge beieinander liegen:
So mag der Wind sie in das Nichts entführen.
Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben
So lange kann sie beide nichts berühren
So lange kann man sie von jedem Ort vertreiben
Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.
So unter Sonn und Monds verschiedenen Scheiben
Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.
Wohin ihr? – Nirgend hin. Von wem davon? – Von allen.
Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?
Seit kurzem. – Und wann werden sie sich trennen? – Bald.
So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

Passt doch zu dem Bild, oder?

Ich glaube Gernhardt hat recht. Es gibt Gedichte, da vergisst man die Form, um sich ganz dem Inhalt hinzugeben.

Irgendwann kam dann dann der Ruf nach einem verspäteten Mittagessen.
Ich hatte noch eine Entenbrust im Kühlschrank.

Was ich daraus fabriziert habe, sehen Sie hier:

Entenbrust, Rotkrautsalat, Honigschalotten – © Thomas Michael Glaw

 

Das Rezept dazu finden Sie, wie immer, auf http://www.steaktogether.com/what-we-cook/

 

 

 

 

 

 

Verwaschener Herbst

Manchmal kommt es mir so vor, als könne ich Farben nicht mehr richtig sehen. Alles wirkt irgendwie verwaschen. Ich schiebe es dann meist auf auf meinen Optiker oder meinen Weinlieferanten. Wenn ich mir die Weltgeschichte, so wie sie sich momentan darbietet, anschaue, scheinen mir meine heutigen Bilder des Herbstes eher schmeichelhaft.

In der Presse ist von Rechtsruck, von Nazis, von linkem Pöbel, von islamistischen Gewalttätern die Rede. Selbst die gute alte Tante FAZ beginnt in diesem Konzert schrille Töne anzustimmen. Eigentlich schade. Neben der Neuen Zürcher war sie lange Jahre eine Stimme der Vernunft, aber vielleicht hat ja das schrille neue Design der „Web Version“ dazu beigetragen. Den Designer haben sie ja kurz nach der Fertigstellung gefeuert, nein, Gott bewahre, er hat sich neuen Aufgaben zugewandt.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Verwaschen. So scheint mir die Welt. Und ich kann verstehen, dass diese Unsicherheit Menschen Angst macht. Ich würde mich da nicht ausnehmen. Was ich mir von den Medien wünschte, wäre die Trennung von Meldung und Meinung, ein Grundgedanke fairen Journalismus, den man mir vor 45 Jahren eingebläut hat, als ich auf Bezirksligaspielen und Hasenzüchtervereinshauptversammlungen (ist Deutsch nicht eine wunderbare Sprache) erste Märker im Journalismus verdiente.

Was ich mir wünsche, wären Mitmenschen, die die unglaublichen Möglichkeiten dieses Netzes nützten, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Was ich mir auch wünschte ist, dass wir Menschen, egal welcher politischer Couleur, wieder ausreden ließen, auch auf der Frankfurter Buchmesse. Ich habe noch Professoren erlebt, die nieder geschrien wurden, weil ihre Lehrmeinung wenigen linken Damen und Herren anno 1979 nicht passte. Hat es irgendetwas besser gemacht? Nein. Und Adorno haben die Schreier sowieso nicht verstanden, dazu waren sie zu dämlich.

© 2017 Thomas Michael Glaw

Ich mache mir Sorgen um unsere politische Kultur. Sie mögen argumentieren, bei einem Glas Chateau Brejoux aus dem Jahr 2010 und den Balladen von John Coltrane ließe es sich leicht Sorgen machen. Es macht das Nachdenken, meiner Ansicht nach, zwar einfacher, die Welt aber nicht besser.

Trump.
Erdogan.
Orban.

Brexit.
Ein totalitäres Regime in China.
Armut, Mord, Hunger, Wassermangel … ich mag gar nicht alles schreiben, was mir einfällt, in Afrika.

Was das alles mit diesen Bilder zu tun hat?

© 2017 Thomas Michael Glaw

Dieses Netz, in dem auch ich mich bewege, scheint uns alle taub und blind zu machen. Es macht uns unempfindlich, für all das, was passiert, und zugleich überempfindlich für einen Haufen sinnloser Kleinigkeiten, die sich wie ein süßer Brei über unsere Wahrnehmung gießen.

Uns entgleitet die Kultur der politischen Debatte.
Uns entgleitet der Streit.
Wer uns nicht passt, wird nieder geschrien, anstatt uns mit ihm (oder ihr 🙂 ) auseinanderzusetzen.

Es bleiben Schemen.
In diesem Herbst sind die Schemen noch schön.
Bunt.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie bald unschön werden. Erst Rot dann Braun. So wie Blut, das gerinnt.