Weihnachtsstrauß

Ich gebe ja zu: es war zwar nicht fünf vor zwölf, aber doch zehn vor eins, als ich den Blumenladen in Neubiberg betrat um ein paar Blumen für den Esstisch zu erwerben. Um Eins schließen sie am Samstag. In den Minuten danach stürmten noch drei weitere Männer in den Laden. Die anwesenden Damen lächelten milde. Ich hatte mich schnell mit der Chefin auf eine Amaryllis, ein paar Disteln und ein wenig Drumherum geeinigt. Ich wusste ihr auch zu berichten, dass die Distel das Nationalgewächs Schottland sei. Mein Freund Alex meinte immer, der Grund dafür sei, dass die Distel „prickly and hard to eradicate“ sei – also stachlich und nur schwer auszurotten. Das würde ich ein wenig auch für mich in Anspruch nehmen .

© Thomas Michael Glaw

Der Herr hinter mir hatte es eilige, Griff schnell einen fertigen Strauß, verlangte noch nach einem dieser wunderbaren, geschmackvollen Einstecker in Herzchenform und bezahlte. Als schon halb durch die Ladentür gegangen war, drehte er sich noch einmal um und fragte: „Brauchen die jetzt eigentlich Wasser?“ Die Verkäuferin sah ihn an, als hätte er gefragt, ob der Papst katholisch sei. „Ja freilich!“ antwortete sie. Er erwiderte: „Ich meinte ja nur. Wegen des Tannengrüns.“ „Das braucht auch Wasser“, war die Antwort. „Sonst nadelt es“.

Als er den Laden verlassen hatte haben wir alle herzlich gelacht. Wenn Männer schon einmal Blumen kaufen …

Politik am Stammtisch

Eine Antwort auf Tanja Drückers in ZEIT Online vom 24.6.2016

Es war der letzte Satz dieses Beitrags in der Zeit, der mich zu diesen Zeilen bewog.

„Politik darf nicht am Stammtisch entschieden werden.“

Das ist ein Klischee, das in der gegenwärtigen politischen Debatte in Deutschland gerne bedient wird.

Die Leute am Stammtisch sind blöd.

Schottische Landschaft bei North Berwick - © 2015 Thomas Michael Glaw

Schottische Landschaft bei North Berwick – © 2015 Thomas Michael Glaw

Ich hingegen glaube, die Menschen, die in den Pubs, Beisln, Tavernen und Stammtischen dieser Welt verkehren, haben möglicherweise ein klareres Bild ihrer Lebenswirklichkeit, als viele Politiker oder Kommentatoren. Das macht sie nicht weniger anfällig für die verführerischen Töne machtgieriger Parvenüs, ob sie nun Johnson, Kaczynski, Orbat oder Iglesias heißen.

Diese Menschen sehen, dass unsere Gesellschaft sie mit einem müden Lächeln zurück lässt. Sie sehen, dass das „Internet of Things“, das die Eliten in den Himmel loben, ihnen nichts bringt. Sie sehen, dass sie seit mehr als zehn Jahren kaum einen Euro mehr als Netto vom Brutto haben.

Und wir zeigen mit dem Finger auf sie, halten sie für ungebildet und leicht verführbar.

Drehen wir doch die Frage einmal um:

Was haben wir getan, um sie zu bilden?
Fordern und fördern ist, zumindest hier in Bayern, grandios gescheitert. Unsere Schulen füllen noch immer leere Eimer, anstelle ein Feuer zu entfachen, unsere Universitäten (und viele Einrichtungen, die diesen Titel, weiß Gott, nicht verdienen) jagen jungen Menschen durch fragwürdige Curricula, ohne ihnen Denken und soziale Kompetenz beizubringen.

Ich gebe gerne zu, lange ein Fan von Gerhard Schröders „Agenda 2010“ gewesen zu sein. Langsam aber glaube auch ich, dass wir wesentliche Teile unserer Gesellschaft damit im Regen haben stehen lassen. Da hilft auch kein Lamentieren über Bildungsunwilligkeit. Es ist die Aufgabe der besser gestellten, der besser gebildeten, sich derer anzunehmen und sie auf ein Niveau zu führen, in dem sie informierter am politischen Willensbildungsprozess teilnehmen können.

Wenn es uns, als Gesellschaft, nicht gelingt, diese Mitmenschen, diese Bürgerinnen und Bürger zu erreichen, so dass sie die Ziele eines friedlichen, gemeinsamen Europas zu ihren Zielen zu machen, sehe ich diesen Kontinent am Ende. Das, was uns in den letzten Jahren verbunden hat, waren die Ziele der Aufklärung, die Furcht vor einem weiteren, vielleicht endgültigen Krieg und der Glaube an das Gute im Menschen.

Viele, die jetzt eine Führungsrolle anstreben, sind berauscht vom Gedanken an persönliche Macht, vernarrt darin, andere Menschen zu führen, egal wohin, und vor allem möchten sie ihren eigenen Beutel füllen.

Wenn wir diejenigen, die den bei weitem größten Teil unserer Gesellschaft ausmachen, weiterhin herabsetzen, an Stelle ihnen auch in der Welt des 21. Jahrhunderts Möglichkeiten zu eröffnen, die ihr Leben wieder lebenswert erscheinen lassen, wird uns diese friedliche Union um die Ohren fliegen. Auch wenn das heute fast vergessen erscheint: das oberste Ziel der Römischen Verträge von 1957 war der Erhalt des Friedens. Ich glaube, wir waren in den vergangenen 30 Jahren nie so kurz davor, ihn hier in Europa wieder zu verlieren. Diese Union hat entschlossene, wenn auch selbstverliebte, Gegner. Wir müssen uns ihnen stellen.

Das begleitende Bild ist bewusst gewählt. Mir persönlich bietet Schottland immer wieder einen Rückzugsraum. Einen Platz zum Nachdenken, zum Runterkommen. Vielleicht zeigt sich das ja auch in den Menschen, die dort leben und in ihrer überwiegenden Mehrheit für den Verbleib in der Union gestimmt haben.

 

Next Exit Europe

When I went to bed on Friday morning, it was 1 p.m. in UK and things on the BBC looked O.K. Not great, but O.K. When some birds woke me up five hours later the unimaginable had happened.

Still that very evening I am sitting on a balcony on the sixth floor of a Munich flat taking pictures of a thunderstorm at the horizon, drinking Jeff’s Bavarian Ale brewed in Bayreuth.

Wetterleuchten © 2016 Thomas Michael Glaw

Wetterleuchten © 2016 Thomas Michael Glaw

Germans call far away thunderstorms “Wetterleuchten”, they are often considered foreboding. So Britain has voted itself out of the European Union. I would agree with my friend Nigel, that in the end it won’t be that bad. I do believe, that regulations will be worked out, allowing Europeans to work in UK (or whatever is going to remain of it) and vice versa.

I do also believe, that economic relations will continue. It won’t be easy because the British public chose to exit from a complicated, peaceful and prosperous, but certainly not easy partnership. For all the wrong reasons, if I may add.

I would encourage the young generation to continue to make Europe their home – no matter what an elderly majority feeling marginalized opted for. Britain has always been a pain in the *** for the continent as well as a wonderful partner.

Let’s have it our way. Let’s take the best from all the member states together. Let’s not forget, that this union first and foremost was established to guarantee peace after two devastating wars and economic prosperity remains only one factor in that process. Let’s not belittle those, who acted fearful or followed certain political scaremongers. Let us explain to them again and again what Europe is all about, and assure their social security.

And let’s stop some self-centred, power obsessed middle class upstarts drive a wonderful project against the wall.

Krippkes kieken

Krippen anschauen – scheint eine der Lieblingsbeschäftigungen der Münsteraner zwischen den Feiertagen zu sein. Wer in der süddeutschen Krippentradition groß geworden ist, steht staunend vor den großen Figuren aus Holz oder Wachs, die oft sehr persönliche Züge haben.

Krippe Heilig Kreuz Münster

Krippe Heilig Kreuz Münster

Es sind nicht die Stereotypen, die man seit der Barockzeit in den süddeutschen, aber auch italienischen Krippen oft findet. Die Größe der Gesichter erlaubt es dem Schnitzer oder Wachmodellierer individuelle Züge zu schaffen. Viele Figuren tragen norddeutsch – westfälische Züge, ein milder Josef, ein tumber Hirte …. Fotografisch gesehen waren die Lichtverhältnisse die größte Herausforderung.

Krippe Ludgeri Münster

Krippe Ludgeri Münster

Angesichts des heutigen Anschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris fällt es mir, ehrlich gesagt, schwer über so ein harmloses Thema wie Krippen zu schreiben. Wieder einmal ist im Namen einer Religion getötet worden. Sinnlos getötet worden. Sapere aude, frei übersetzt, habe Mut zu denken, war das Motto der Aufklärung. Ein Motto, das für mich durchaus mit Glauben vereinbar ist. Glaube ist eine sehr individuelle Sache; es ist die Aufgabe unserer Staaten, unserer Demokratie, die freie Ausübung dieses Glaubens zu schützen. Für jeden. Egal ob er Freitags eine Moschee, Samstags eine Synogoge oder Sonntags eine Kirche besucht.

Krippe Überwasserkirche Münster

Krippe Überwasserkirche Münster

Wir sollten nur all jenen, die dieses Recht in Frage stellen wollen, die die Religion wieder zum Maß aller Dinge innerhalb des Staates machen wollen, die Frauen ihre Gott gegebenen Freiheiten verwehren wollen, beherzt entgegentreten.

Das Kind in dieser Krippe ist Zeit seines Lebens den Pharisäern entgegengetreten, für die Religion nur das stumpfsinnige befolgen von Regeln war. Er stand auf der Seite der Schwachen. Mir ist beim Betrachten dieser Bilder, wie auch der Bilder aus Paris, klar geworden, dass wir stark sein müssen, um diesen Verbrechern im Mantel der Religion das Handwerk zu legen.

Schnell. Und möglichst endgültig.

Heilig Abend

Temperaturen, die zwar beim morgendlichen Lauf recht angenehm waren, aber trotzdem eher in den März als in den Dezember gehören.

Ein Papst, der seinen Führungskräften den Kopf zu Recht setzt, vom hofieren der Vorgesetzten warnt, während der Münchner Kardinal seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Weihnachtsfeier ins Stammbuch schreibt, dass „die Treppe noch immer von oben gekehrt wird“.
Wie passt das alles zu dem Kind, dessen Geburt vor vielen hundert Jahren wir heute wieder feiern werden?

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Kein christliches Fest ist so tief in die Erlebniswelt des Menschen eingedrungen, wie Weihnachten. Wir erfahren an diesem Fest, dass Gott – wer auch immer das für dein einzelnen sein mag – die Welt bejaht.

„Ich verkündige euch eine große Freude.“

Ein Engel musste kommen, um uns klar zu machen, dass wir uns freuen dürfen.
Oft ist unser Leben freudlos. Wenn wir uns umblicken, dann jagen wir materiellen Gütern nach. Das Leben ist farblos, langweilig. In den Kurzmitteilungen vieler findet sich das Kürzel „lw“ … langweilig. Mir ist langweilig. Zuviel Arbeit, zuviel Ablenkung, zuviel von allem …

Dennoch ist da ein Engel, der spricht: „Ich verkündige euch eine große Freude.“

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Für mich heißt das: Unglücklich sein kann jeder. Freude verlangt Anstrengung. Man muss etwas dafür tun. Wir sollten wenigstens heute, an Weihnachten, am Tag der Freude, unsere Sorgen ablegen. Wie wäre es, wenn der Engel der Weihnacht heute vor uns stünde, wie damals vor den Hirten und sagte: Hab Freude.
Freude entsteht, wenn man guten Mut findet. Wenn man Vertrauen hat. Wenn man an die Zukunft glaubt. Wenn man anderen Menschen die Hand reicht. Ich glaube, dass der Dienst am Nächsten eine Bedingung echten Glücks ist. Egal wer der nächste ist. Der Nachbar. Tante Frieda. Der Flüchtling aus Syrien. Vielleicht sollte man das auch mal den Pappnasen von Pegida klar machen, die um ihre gefüllten Fleischtöpfe fürchten.

 

Euch allen ein wahrhaft frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

Dezember – Scheinwelten

New York City – die bunte, leuchtende Straßenreklame beherrscht das Bild. Einige Menschen stehen auf dem Gehsteig, hab verdeckt von den Autos und Taxen auf der Straße. Eigentlich kein typisches Weihnachtsbild, was man im Dezember vermuten würde, aber dennoch erzeugen die Lichter eine ähnliche Stimmung wie die der Fenster, an denen man im Dezember in deutschen Städten vorbei läuft.

Bunte Fassaden – so wirken auf mich die Fenster von Häusern und Geschäften, die Gesichter der Menschen, die durch die Stadt laufen, um noch schnell die letzten Geschenke und all das, was man für die Feiertage braucht, zu besorgen.

New York

New York

Die staade Zeit, wie es hier in Bayern so schön heißt, findet man nur noch sehr selten.

Die Tage des Advents und des Weihnachtsfestes sind überlagert von Äußerlichkeiten, man schafft Scheinwelten: der Christbaum, der schon lange nur noch Weihnachtsbaum heißt, Plätzchen, Weihnachtsmärkte und besonders Geschenke sind viel wichtiger als die Geschichte des Kindes in der Krippe, die Begegnung mit dem Anderen.

Sich Zeit schenken und zuhören.

Weihnachten gilt als Fest der Familie, und ja, viele Familien treffen sich auch nach wie vor in den Weihnachtstagen und verbringen Zeit miteinander. Aber wie viel Begegnung steckt wirklich in diesen Treffen? Versuchen wir nicht meist, ein besonders gutes Bild von uns und unserem Leben zu geben? Wollen wir wirklich wissen, wie es dem anderen geht und was er oder sie das Jahr über erlebt hat? Interessieren uns auch die nicht so schönen Ereignisse, die oft viel prägender sind, als die „Highlights“?

Jack Daniels machte in den letzten Wochen in U-Bahn Stationen mit „Weihnachten mit der Familie“ Werbung für seine Produkte – also für eine Familie verschiedener Whiskeys. Nichts gegen einen guten Whiskeys am späten Nachmittag oder Abend. Ich hoffe jedoch, dieser bleibt in vielen Familien etwas, was man gemeinsam genießt und nicht, was den Familienbesuch erträglich macht.

Nutzen wir die Tage zu echter Begegnung und nicht dem Bestaunen von Fassaden, die nur Scheinwelten zeigen.

Dies ist wieder ein Gastbeitrag von Dorothea Elsner zu unserem gemeinsamen Kalender 2014 – den Kalender 2015 werden wir hier demnächst vorstellen.

Piove

Doch, ja, es hat den lieben langen Tag geregnet in München. Mir ging dabei den ganzen Tag das Lied „Gli amanti di Roma“ durch den Kopf … ein eigenartiger synästhetischer Effekt. Dabei waren auf Münchens Straßen, zumindest heute, wenige Liebende unterwegs.

Gut, ich bin bereit das einzuschränken – wenige, bei denen man es hätte so einfach erkennen können. Wer geht schon engumschlungen im strömenden Regen spazieren …

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Regen war schon immer Sinnbild für so vieles. Spätestens seit der Erfindung der Cinematographie wurde er zum Sinnbild der Trauer, des Abschieds … kein noch so abgenudeltes B-Movie kommt ohne Regentropfen auf irgendeiner Fensterscheibe aus, die dann Tränen symbolisieren sollen.

Ich weiß nicht … vielleicht hängt es mit der in Schottland verbrachten Zeit zusammen: Regen hat mir eigentlich nie viel ausgemacht. Er kommt … er geht. Meine Großmutter pflegte zu sagen: „There is no bad weather, only inappropriate clothing“

Ich mag den Regen. Ich mag Pfützen. Ich mag die Spiegeleffekte, die man am helllichten Tag bekommt. Na gut – so hell war der Tag heute nicht …

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Ich bin schon lange nicht mehr in Schwabing bei strömendem Regen spazieren gegangen. Gli amanti di Roma .. sono tanti, singt Gianmaria Testa. Wer öfters einmal einen Blick in diesen Blog wirft, hat sicher schön von ihm gehört. E parlano, e ridano, e tocano …. Miteinander reden, lächeln, einander berühren … vielleicht wollte ich einfach ein wenig träumen, als ich da so im Regen lief, mich auf etwas freuen ….

Vielleicht kann ein regnerischer Tag ja auch eine Einladung sein.

Miteinander Reden.
Miteinander Lächeln.
Einander Berühren

Wenn es richtig „greislich“ wird, wie man in diesem Teil der Welt wohl sagt, ließe sich vielleicht noch ein Feuer entzünden und eine Flasche Barbera entkorken.

Salute.

Snowflake

Ein grauer Morgen.

Schneeflocken Mitte März.

Ich musste an die Bücher von Pierre Basieux denken, die sich mit mathematischen Problemen und Strukturen zwischen Wirklichkeit und Fiktion auseinandersetzen.

Die Struktur der Schneeflocken ist mathematisch beschreibbar, ihre Schönheit jedoch nur ästhetisch wahrnehmbar und bis zu einem gewissen Grad darstellbar. Das für mich faszinierende ist die Vielfalt der Formen in der Einheit dessen, was wir als Schönheit empfinden.

Warum empfinden so viele von uns die Schneeflocke als schön? Warum erscheint sie uns gar als Symbol von Reinheit, von Unschuld?

Komplexe, symmetrische Gebilde.

Ob wohl unsere Seele, oder unser Gewissen ähnlich strukturiert sind?

Verlangt das Gewissen auch nach gewissen Symmetrien? Können wir Gut und Böse, die sich aus erworbenen Analogien speisen, nur symmetrisch wahrnehmen?

Schneeflocken

Schneeflocken

Ich versuchte heute morgen fallende Schneeflocken festzuhalten. Es war ein Experiment mit unterschiedlichen Einstellungen, Belichtungszeiten, Blenden … es sollten Bilder für ein Ausstellungsprojekt werden, das unter dem Arbeitstitel „Forma d’Acqua“ läuft und im Herbst dieses Jahres realisiert werden soll.

Die Formen des Wassers. Eigentlich hat Wasser gar keine Form. Wir finden oder empfinden es in den Formen, die wir ihm geben. Genau darum wird es auch bei der geplanten Ausstellung gehen.

Während ich zahlreiche Aufnahmen machte und Notizen schrieb, gingen mir die Ideen Basieux zur Struktursymmetrie durch den Kopf, ich machte mir aber auch Gedanken zu Zufall und Wahrscheinlichkeit. Wo würde die nächste interessante Konstellation dicker Flocken auftauchen?

Nicht einfach.

Fast wie im richtigen Leben.

Manchmal denke ich die Ereignisse fallen langsam vom Himmel wie Schneeflocken und wir stehen fasziniert daneben und sind nicht in der Lage zuzugreifen und unser Glück zu machen, wie es bei den Gebrüdern Grimm heißt. Ob es wohl immer ein Glück wäre? Ob wir durch das uns innewohnende Zögern bisweilen beschützt werden?

Ich weiß es nicht.

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte mich bei den wirklich wichtigen Dingen im Leben leichter entscheiden. Andererseits: was sind die wirklich wichtigen Dinge im Leben?

Darf ich dich zitieren, liebe Ruth?

Muss man es wissen?
Soll man es wissen?

Ich gestehe: manchmal wüsste ich es schon gerne. Das dahinter liegende mathematische Konzept einer Schneeflocke. Was die Welt im innersten zusammenhält.

Oder warum man sich verliebt.
Das dürfte wohl am schwersten zu berechnen sein.

tela di ragno

Eigentlich ist es ein Lied des vielleicht besten Cantautore, mit „Liedermacher“ nur unzureichend übersetzt, den Italien im Moment zu bieten hat, Gianmaria Testa, das mich auf dieses Bild brachte und meine Gedanken in eine bestimmte Richtung lenkten.

Sono un tela di ragno sospesa singt er. Ich bin ein Spinnennetz in der Schwebe. Fühlt sich nicht jeder manchmal wie so ein Spinnennetz? Frei schwebend, dem Wind ausgesetzt. Nein, nicht wie die Spinne im Netz, wie das Netz selbst.

Zart, irgendwie schutzlos, eine durchfliegende Hummel zerreißt es mir nichts dir nichts. Reißenden Winden jedoch hält es oft lange stand. Ich habe eine Holzfassade, wo ich im Herbst und selbst noch im frühen Winter oft fasziniert beobachte, wie lange die Überbleibsel eines längst vergangenen Spinnenlebens den Elementen trotzen.

Manchmal wünschte ich mir eine ähnliche Widerstandskraft; manchmal ist es so sinnlos sich widerstrebenden Kräften zu stellen; man erreicht mehr, wenn man mit den Kräften ein wenig mitgeht, um dann in seinen Ausgangsstellung zurückzuschwingen. Winde verblasen sich, das Netz bleibt und erfüllt seinen Zweck.

tela di ragno

tela di ragno

All das kam mir in den Sinn als ich am Starnberger See dieses gefrorene „Spinnennetz“ fand. Man braucht sicherlich erheblich mehr Energie um es zu zerstören, es war jedoch eher die Ästhetik und eine gewisse mathematische Strenge, die mein Auge anzog.

Gianmaria Testa gehört seit längerem zu meinen Lieblingspoeten, denn die Poesie ist das zentrale Element seiner Kunst, auch wenn er seine Worte mit wunderbaren Melodien unterlegt. Er vermag Melancholie zu schaffen und wieder aufzulösen, Liebe mit einfachen Worten, niemals schwülstig, zu besingen und regt bisweilen äußerst subversiv zur Auseinandersetzung mit der Welt in der wir leben an.

Sono la cosa che voglio e non posso – Ich bin die Sache, die ich will und nicht kann; so endet das Lied das vom Spinnennetz. Mir geht es oft ähnlich.

Haiku

Geschenkte Zeiten

Verschwendet, Weggeworfen

Schwebend im Nebel.

Herbstliche Nebel

Die Welt in siebzehn Silben.

Der japanische Haiku hat mich schon lange vor meiner ersten Asienreise fasziniert.

Warum ist es immer wieder der Herbst, der diese Form der Lyrik in mein Bewusstsein ruft?

Vielleicht ist mir die Natur besonders nahe in dieser Zeit.

Vielleicht war es auch der Mensch, von dem wir heute Abschied nahmen.

Er hat seine geschenkte Zeit wohl nicht verschwendet.

Und wir?