Übrig

Vieles bleibt übrig in unserer Welt. Plastik in den Ozeanen. Ein Lachen, das in den Weiten eines großen Platzes verhallt. Eine Träne, die vielleicht nicht einmal sinnlos vergossen wurde, und doch auf einem polierten Tisch langsam eintrocknet.

Es gibt sogar übrige Gedanken, nein keine sinnlosen, sondern Gedanken, die einem einfach zusätzlich in den Sinn kommen. Gedanken, die sich manchmal aufdrängen, obwohl man sie gar nicht gebrauchen kann in diesem Moment. Bisweilen entstehen aus diesen Gedanken phantastische Gebilde, Ideen, Pläne … oft bin ich nicht schnell genug mit dem Aufschreiben, dann schweben sie davon. Ein wenig wie diese vergessenen Ballons in den Bäumen.

Ballons

Ballons

Bisweilen platzen sie auch. Manchmal mit einem sanften „Plopp“, bisweilen aber auch mit einem vernehmbaren Knall, bei dem ich mich immer umwende, um sicher zu stellen, dass auch niemand diesen gerade dahin gerafften übrigen Gedanken gehört hat.

In unserer heutigen Zeit kann sich eigentlich kaum mehr jemand solche übrigen Gedanken leisten. Was würde der Chef sagen, die Freundin, die Frau .. wir müssen doch effektiv denken, etwas leisten, nein, etwas mehr leisten. Mehr als die anderen.

Ich mag meine übrigen Gedanken. Ich genieße sie oft sogar. Sie machen mich glücklich, wenn mich die Gedanken, die ich denken muss, einmal wieder durch neblige Täler oder kalte Winternächte führen.

Und ab und zu .. lässt sich sogar mit so einem übrigen Gedanken etwas verdienen. Und sei es nur das Lächeln eines geliebten Menschen 🙂

tela di ragno

Eigentlich ist es ein Lied des vielleicht besten Cantautore, mit „Liedermacher“ nur unzureichend übersetzt, den Italien im Moment zu bieten hat, Gianmaria Testa, das mich auf dieses Bild brachte und meine Gedanken in eine bestimmte Richtung lenkten.

Sono un tela di ragno sospesa singt er. Ich bin ein Spinnennetz in der Schwebe. Fühlt sich nicht jeder manchmal wie so ein Spinnennetz? Frei schwebend, dem Wind ausgesetzt. Nein, nicht wie die Spinne im Netz, wie das Netz selbst.

Zart, irgendwie schutzlos, eine durchfliegende Hummel zerreißt es mir nichts dir nichts. Reißenden Winden jedoch hält es oft lange stand. Ich habe eine Holzfassade, wo ich im Herbst und selbst noch im frühen Winter oft fasziniert beobachte, wie lange die Überbleibsel eines längst vergangenen Spinnenlebens den Elementen trotzen.

Manchmal wünschte ich mir eine ähnliche Widerstandskraft; manchmal ist es so sinnlos sich widerstrebenden Kräften zu stellen; man erreicht mehr, wenn man mit den Kräften ein wenig mitgeht, um dann in seinen Ausgangsstellung zurückzuschwingen. Winde verblasen sich, das Netz bleibt und erfüllt seinen Zweck.

tela di ragno

tela di ragno

All das kam mir in den Sinn als ich am Starnberger See dieses gefrorene „Spinnennetz“ fand. Man braucht sicherlich erheblich mehr Energie um es zu zerstören, es war jedoch eher die Ästhetik und eine gewisse mathematische Strenge, die mein Auge anzog.

Gianmaria Testa gehört seit längerem zu meinen Lieblingspoeten, denn die Poesie ist das zentrale Element seiner Kunst, auch wenn er seine Worte mit wunderbaren Melodien unterlegt. Er vermag Melancholie zu schaffen und wieder aufzulösen, Liebe mit einfachen Worten, niemals schwülstig, zu besingen und regt bisweilen äußerst subversiv zur Auseinandersetzung mit der Welt in der wir leben an.

Sono la cosa che voglio e non posso – Ich bin die Sache, die ich will und nicht kann; so endet das Lied das vom Spinnennetz. Mir geht es oft ähnlich.

Ruhe

Ein erster ruhiger Samstag morgen seit Weihnachten. Nein, wirklich. Ein früher morgen. Voll von einem grauen Weiß. Im Tal liegt Schnee, nur ein paar Zentimeter, aber der Himmel scheint noch mehr vorrätig zu haben. Es sieht ein wenig aus wie Watte, wie die Watte, in die manchmal auch unsere Gedanken gebettet sind.

Die Weihnachtstage, Silvester, Familie im Übermaß, Freunde … kaum Zeit zur Ruhe zu kommen, kaum Zeit seinen Gedanken freien Lauf zu lassen .. alles irgendwie stumpf, eben wie in Watte gepackt.

Bei einem Spaziergang in Pasing, einem ehemals wirklich schönen, weil noch nicht von Kommerz und einfallsloser Architektur überzogenen Teil Münchens, machte ich diese Aufnahme.

Lauf des Lebens

Lauf des Lebens

Eigentlich war ich recht ziellos unterwegs – zum einen wollte ich Abstand gewinnen von einem für meinen persönlichen Geschmack zu inhaltslosen, zu sehr mit Geschwätz angefülltem Weihnachten, zum anderen ob eines wirklich schönen Lichts, mit einer schräg stehenden Wintersonne, einige Bilder für ein Projekt mit Münchner Villen aus der Gründerzeit machen.

Und dann sah ich diesen Baum.

Für mich symbolisierte diese Szene in diesem Moment wirklich ein wenig das Leben, unser Leben. Das Leben fließt einfach, manchmal fließt es um uns, manchmal unter uns. Es fließt einfach. Wenn wir versuchen es aufzuhalten, kommt es meist zur Katastrophe, irgendwann bricht der Damm. Wir sind ein kompliziertes Geflecht, da gibt es starke Äste und dünne Zweige; wenn wir Glück haben dann biegen wir uns nur wenn die Elemente an uns ziehen und brechen nicht. Wenn wir jedoch brechen, gibt es immer eine Chance, dass neues Leben entsteht, genau dort wo ein Bruch statt fand.

Merkwürdige Gedanken für einen Nachmittag in Pasing? Nun, vielleicht war es ja in den Tagen zuvor einfach ein wenig zu viel Süße; der Spaziergang brachte ein wenig wirklicher Wärme zurück.