Wien, mal wieder

Wenn ich diesen Blogbeitrag auf Englisch geschrieben hätte, hätte ich ihn vermutlich Vienna the Umpteenth betitelt Ich weiß wirklich nicht mehr, wie oft ich schon in dieser Stadt war. Es sind nicht nur die Philharmoniker, die Oper, der Kaffee, der Wein, die Grantler …

Eigentlich bin ich zum arbeiten in Wien. Wir haben Anfang des Jahres bei mediathoughts eine Reihe von Jugendreiseführern mit unserem Romführer VIVA ROMA bemerkenswert erfolgreich begonnen, die wir jetzt mit einem Buch über Wien fortsetzen werden. Zugegeben, ich hatte ein Wörtchen mitzureden, aber die Zahl an Schulklassen und Jugendgruppen die jedes Jahr die oesterreichische Hauptstadt besuchen ist hoch und Wien ist einfach eine faszinierende Melange von Menschen, Kulturen, Religionen und Geschichte.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Ich bin also mal wieder in Wien. Neben den zahlreichen Bildern für den Führer war das Wetter heute auch so typischer wienerisch zwischen Dunst und tiefstehender Sonne angesiedelt, dass ich natürlich ein wenig vom Pfad der Tugend (oder was meine Verlegerin dafür hält) abgewichen bin, um Architektur auf schwarz weiß zu fotografieren.

Wagemutig sind sie nämlich schon die Wiener. Auch wenn sie richtig mit Herzblut über die Umgestaltung ihrer Stadt streiten. Ich verfolge die Streitereien seit langen und mit großem Vergnügen aus der Distanz meiner Wahlheimat München im Falter (wenn Sie mehr wissen wollen gehen Sie mal auf Falter.at).

© 2018 Thomas Michael Glaw – Gasometer Wien

Es gibt faszinierende Aus- und Durchblicke in dieser Stadt. Nicht nur bei den Durchhäusern und Pawlatschen, über die ich hier schon einmal geschrieben habe, sondern auch bei der modernen Architektur – und bei den Überbleibseln. Beispielsweise bei den Flaktürmen aus der deutschen Besatzungszeit, die, von Zwangsarbeitern 1941 erreichtet, hier im dritten Bezirk, wo ich üblicherweise wohne, einfach so neben Kinderspielplätzen ihre martialischen Betonwände in den Himmel recken.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Flaktürme im 3. Bezirk

Richtig daneben gegriffen haben die Wiener nur bei der Donau City, von der die UNO City ein Teil darstellt. Abgesehen von einer kleinen, aber interessanten, katholischen Kirche, in der die Messe überwiegend auf englisch gelesen wird, konkurrieren Hochhäuser miteinander, die ohne jegliches Gespür für Dimension, Licht und Wirkung nebeneinander gepflanzt wurden. Nicht nur kann man sie quasi nicht fotografieren, man kann sie eigentlich auch nicht ansehen. Also ich nicht. Ich bekommen von so etwas Magengrimmen.

© 2018 Thomas Michael Glaw – Wien Donau City

Die UNO City ist übrigens nicht zugänglich. Außer mit Sonderausweis oder in meinem Fall mit Akkreditierung und dann auch nur zu besonderen Zeiten und so weiter und so fort. Die Welt bezahlt für die Clowns in ihren teuren Limousinen. Das mindeste wäre, dass sie der Welt erzählen, was sie da eigentlich treiben. Transparenz hilft. Eine bessere Architektur auch. Aber das ist ein anderes Thema.

Über irgendetwas muss man ja granteln hier.

Beim Grünen Veltliner.

 

Schwarz Weiß Wien

Das ist kein Abzählreim und auch keine Fußballmannschaft, es ist einfach mein fotografischer Lieblingsblick auf diese vielschichtige Stadt an der Donau. Wenn man erst einmal den quirligen ersten Bezirk, der in den Pfingsttagen vorwiegend von Amerikanern dominiert wird, hinter sich lässt, und langsam durch die Bezirke jenseits der unter Kaiser Franz Joseph geschleiften Befestigungen spaziert, kommt man der Wiener Realität, vielleicht gar der Wiener Seele, etwas näher. Ein wenig auch den modernen Auswirkungen der Donaumonarchie, die dazu führt, dass es Plätze, Straßen und Parks gibt, in denen man sich wie auf dem Balkan vorkommt, wo ältere Männer unter großem stimmlichen Engagement Karten spielen, Mütter, Großmütter und ältere Töchter sich um die kleineren Geschwister kümmern, und über allem ein Hauch Großfamilie schwebt.

Da gibt es auch noch viele jener Stiegen, von denen die literarisch bewanderten allenfalls die Strudelhofstiege kennen werden. Manche sind schön und nützlich und verbinden die Straßen eines Bezirks, wie des siebten miteinander, der auf unterschiedlichen Ebenen liegt, manche sind hässlich oder langweilig, aber sie erfüllen denselben Zweck. Es sind einzelne ästhetische Elemente,  die mich interessieren, wie diese Lampen an der Vereinsstiege.

Wien: Vereinsstiege ® Thomas Michael Glaw 2017

Eigentlich wollten wir nachschauen, was von den Wiener Durchgangshäusern noch übriggeblieben war. In einem Merian aus dem Jahr 1968 hatte ich einen Artikel über diese Eigenheit Wiener Architektur gefunden. Höfe, die den Augen des Betrachters zunächst entzogen, dem Kundigen jedoch vertraut sind und die er gerne nutzt, um den dicht bevölkerten Gassen und Straßen ein Schnippchen zu schlagen. Wir fanden tatsächlich noch einige dieser Durchhäuser, im ersten wie auch in anderen Straßenbezirken. Manche hatten sich mittlerweile zu biederen Hinterhöfen gewandelt, andere boten mit den umlaufenden Balkons, den Pawlatschen, eine atmosphärisch dichte Darstellung des Wiens der Kaiserzeit, nur wenige scheinen noch als „Durchhäuser“ genutzt zu werden. Viele waren schlicht verschlossen, bewacht von Kameraaugen, dem Auge des interessierten Betrachters entzogen – wie in Prag.

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – © Thomas Michael Glaw 2017

Wien: Innenhof mit Pawlatschen – ® Thomas Michael Glaw 2017

Es ist der ruhige Moment im hektischen Treiben, der ebenso fasziniert, wie die technische Herausforderung an den Fotografen.

Treppen und Aufgänge finden sich aber nicht nur in den Stiegen, die Stadt ist voll von ihnen. Auch die Aufgänge zu Museen wie der Albertina oder geradezu herrschaftliche Auffahrten wie zum Parlament, laden zu einer schwarz weißen Darstellung ein.

Wien: Treppenaufgang zur Albertina – ® Thomas Michael Glaw

Wien: Auffahrt zum Parlament – ® Thomas Michael Glaw

Der Fiaker von hinten ist quasi ein Abgesang an das alte Wien. Natürlich gibt es noch unzählige von ihnen. Natürlich verströmen etliche Plätze im ersten Bezirk, die die Wiener meist schnell zu überqueren scheinen, noch den Duft jener Wesen, auf deren Rücken das Glück der Erde ruht. Ihre Funktion ist jedoch zur reinen Touristenbelustigung verkommen, auch wenn den Kutschern immer noch die Aura des Originals anhaftet.

Fiaker – ® Thomas Michael Glaw

Ein Besuch im neunten Bezirk, dem Alsergrund, in dem Schubert seine Jugend verbrachte, und von dem ältere Führer behaupten, man könne dort ein wenig der Melancholie des neunzehnten Jahrhunderts nachspüren, führte uns nur in eine langsam verfallende Gegenwart. Vielleicht war die erwartete Reise in die Vergangenheit unrealistisch gewesen. Es fanden sich dieselben langsam alternden Wiener Gemeindehäuser, endgültig geschlossene kleine Läden und ein Lichtentaler Park, in dem man nicht mehr romantisch wandeln kann, weil er mit einem Basketballcourt und einem Haufen moderner Spielgeräte vollgestellt ist. Unbenommen, alles nützliche Dinge, aber vielleicht wäre in einer, ansonsten recht drögen, Umgebung auch einmal ein Platz, an dem man einfach seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, an dem man Träumen kann, keine schlechte Idee gewesen.

Es gebe noch viel zu berichten, aber der eigentliche Grund unserer Reise war der Besuch der Egon Schiele Ausstellung in der Albertina. Bis Mitte Juni ist sie noch zu sehen, und wer immer dem Werk Egon Schieles rational und emotional näher kommen möchte, dem ist sie zu empfehlen. Mir sind die Eindrücke noch zu nah, als dass ich hier darauf eingehen möchte, zumal ich auf der Ausstellung auch nicht fotografiert habe. Man hätte es dürfen, aber ich stand viel zu stark unter dem Eindruck von Schieles Bilder, und die Hängung bot auch kaum Möglichkeiten, Betrachter und Bild abzulichten, ohne die Aufmerksamkeit von Schieles Werk abzulenken.