Andere Orte – Freiburg

Sie mögen sich fragen, warum ich „Andere Orte“ für die Überschrift gewählt habe. Wenn ich Freiburg mit meiner langjährigen Wahlheimat München vergleiche, so ist es einfach ein anderer Ort. Nicht nur geografisch.

Wir kamen an einem grauen Freitag Nachmittag, Dank der deutschen Bahn mit erheblicher Verspätung, in Freiburg an, das uns mit einem grauen Himmel und feuchter Kühle willkommen hieß. Das Münster war, man ist geneigt zu sagen wie immer, eingerüstet, die Straßen waren gefüllt mit zahllosen Touristen und vielen Einheimischen. Alles in allem ein spätherbstlicher Tag, an dem nur die recht dezente Dekoration an den beginnenden Advent erinnerte.

Freiburg im Advent - © Thomas Michael Glaw

Freiburg im Advent – © Thomas Michael Glaw

Es waren die Einheimischen, die aus der Masse herausragten. Es waren Typen. Wenn man durch München läuft, sehen die Mädels eines gewissen Alters alle gleich aus. Und die Frauen jenseits der vierzig oder gar der fünfzig wollen auch noch so aussehen wie die Mädels mit ihren gebügelten Haaren, ihren großen und doch leeren Augen und den gar so verführerisch geschminkten Lippen. Hier in Freiburg laufen Männer und Frauen durch die Straßen, die sich selbst zu genügen scheinen. Die ihre Identität gefunden zu haben scheinen und nicht irgendwelchen verstiegenen oder dümmlichen Idealen hinterher geistern. Die Gesichter sind nicht leer oder angespannt von der verzweifelten Suche nach dem gerade opportunen Gesichtsausdruck, sondern natürlich. Hier gibt es noch Typen.

Als wir am Abend gegen dreiundzwanzig Uhr, nachdem wir uns von unseren Freunden nach einigen Schoppen verabschiedet hatten, durch die Stadt liefen, fiel uns auf, dass aus dem und zum Münster immer noch Menschen strömten. In Freiburg war die „Nacht der Lichter“. Anders jedoch als in München, wo dieser „Event“ zu einem Jugendschauspiel geworden ist, herrschte in Freiburg ein Kommen und Gehen von jung und alt. Viele Menschen suchten zu später Stunde noch einen ruhigen Moment, bei ruhiger Musik und bei Gott. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass die Freiburger Innenstadt, im Gegensatz zur Münchner, noch lebt.

Nacht der Lichter - © Thomas Michael Glaw

Nacht der Lichter – © Thomas Michael Glaw

Ähnlich unaufgeregt verlief am Samstag Abend ein Pontifikalamt mit Bischof Stefan. Endlich mal kein Pomp and Circumstances, wie in München.  Ein Bischof, der mit seiner Gemeinde, ohne irgendwelche vermeintlichen Insignien der Macht, den Beginn des Kirchenjahres und des Advents feiert.

Auch deshalb nannte ich diesen Post „Andere Orte“. Bisweilen braucht man andere Orte, um zu erfahren, dass Leben und Glauben auch anders geht. Und das ist gut so.

Herbsttag

Herbsttag - © Thomas Michael Glaw

Herbsttag – © Thomas Michael Glaw

Ein fauler Tag. Das Gegengewicht zu einer ausgefüllten Woche. Nein, sie war nicht übervoll, aber voll. Es ist schön, an einem der letzten Oktobertage noch einmal die milde, wärmende Sonne zu genießen. Menschen zuzuschauen, die schon lange Schatten werfen. Rilke kommt einem in den Sinn. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren.

Letztere sind eher rar geworden. Die Menschheit vertraut der digitalen Spielart der Zeitmessung, am besten verbunden mit dem Handy. Briefmarkengroße bunte Bildchen, die uns stets daran erinnern, was gerade so geschieht, wer etwas von einem will, was man alles noch tun muss, wo man eigentlich sein sollte.

Mir geht manchmal der Sekundenzeiger auf meiner bald zwanzig Jahre alten Schweizer Uhr zu schnell.

© Thomas Michael Glaw

© Thomas Michael Glaw

Die milden Farben der Bäume und Sträucher lassen die harten Glas- und Betonkonstruktionen weicher erscheinen. Auf einem Spielplatz spielen Kinder unterschiedlicher Kulturen miteinander. Die Mütter sitzen immer noch brav getrennt. Kopftuch neben Kopftuch, Osteuropa neben Osteuropa, Fernost neben Fernost. Beim Fußball der unter 1,30 m großen scheint eher das Team der Vereinten Nationen unterwegs zu sein. Die Väter stehen vereinzelt am Spielfeldrand, die Hände in den Hosentaschen vergraben und scheinen auch nur mit denen zu sprechen, die in der jeweiligen Muttersprache parlieren können.

Ob es wirklich nur noch eine Generation dauern wird, bis all diese Jungen (Mädchen spielen in Neuperlach nur selten Fußball) in diesem Land, in diesem Kontinent gemeinsam an dessen Zukunft bauen werden? Und die Mädchen auch?

Herbsttag - © Thomas Michael Glaw 2016

Herbsttag – © Thomas Michael Glaw 2016

Die Herbstsonne bleibt bei ihrem milden Licht, auch wenn es langsam kühler wird. Immerhin haben wir heute eine geschenkte Stunde. Nein, von den Kindern gibt es keine Bilder. Ich hätte ja jede einzelne Mutter, jeden einzelnen Vater fragen müssen.

Spiel

Was haben Vögel mit Spiel zu tun?

Nun sie spielen. Leidenschaftlich gerne. Mit sich, mit uns, mit einer Nuss um sie zu knacken.

Vögel  Spiel 1

Vögel Spiel 1

In gewisser Hinsicht spielen sie auch mit meiner Fantasie. Nein,nicht die Singvögel in meiner Hecke … eher die Raubvögel, die kreisend den warmen Wind unter ihren Flügeln spüren – ein Gefühl, das mir nicht einmal als Segelflieger vergönnt war. Des Menschen uralter Traum vom Fliegen ..

Andererseits werden auch jene zu komischen Gestalten, wenn sie auf den Pfosten hocken, die wir für sie in die Landschaft stellen, damit sie überhaupt noch etwas haben, auf dem sie sitzen können. Sic transit gloria mundi … Die Freiheit des großen Räubers reduziert auf .. ja was eigentlich? Irgendwie ist er ja noch frei und doch zwingen wir ihm unseren Willen auf.

Da sind mir die Krähen und Raben doch lieber …

Vögel - Freiheit 2

Vögel – Freiheit 2

Sie spielen … ich habe mich in den letzten Tagen intensiver mit Johan Huizingas „Homo Ludens“ auseinandergesetzt. Ein wahrlich spannendes Buch, das mir Joachim Klose wieder ins Gedächtnis gerufen hatte. All unser Handeln ist bestimmt von dem Trieb zu spielen … nichts ist uns wirklich. Wenn man bedenkt wann Huizingas dieses Buch schrieb und dass es vor gar nicht so langer Zeit Nobelpreise für die Erforscher der Spieltheorie im ökonomischen Handeln gab …

Aber meine Raben … sie begleiten mich durch diesen November, der kein einfacher ist. Ich sehe sie oft am Straßenrand und fast immer scheint ein leicht herablassendes Lächeln ihren Schnabel zu umspielen; so mögen vielleicht die Halbgötter der griechischen Mythologie uns Sterbliche betrachtet haben.

Vögel - Spiel 3

Vögel – Spiel 3

An kalten und grauen Tagen zaubern sie mir doch ein Lächeln …

Ich will nicht hier sein
und nicht da

Ich will nicht im jetzt sein
und bin es doch

Ich komme nirgendwo hin.
Ich komme immer nur her.

Farewell

Ich hatte meine Bedenken, ob ich wirklich einige der Bilder dieses letzten herbstlichen Spaziergangs online stellen sollte. Im Herbst scheint einfach jeder zu fotografieren; Farben, Strukturen, Luft, Licht … alles scheint zu inspirieren.

Ich war schon immer lieber Solist, vielleicht sogar Solipsist.

Und doch kann auch ich mich diesem großartigen, letzten Aufbäumen der Natur, bevor sie wieder von einem dünnen, weißen Film überzogen wird, nicht entziehen. Nun gut, hier in Bayern ist dieser Film bisweilen auch etwas dicker; nichtsdestotrotz ist die Auswirkung dieselbe.

Herbst 1

Herbst 1

Ein tiefer Schlaf scheint sich allem und aller zu bemächtigen.

Aktivitäten mögen sich auf Pisten oder auf Christkindlmärkte verlagern; mit letzteren kann ich mich arrangieren, erste sind zur Modebühne der Eitelkeiten, zur Darstellungslandschaft unserer ach so sportlichen Gesellschaft verkommen. Es ist schon lange nicht mehr der Spaß am „Schifoan“, wie Wolfgang Ambros einst sang, sondern das Sehen und Gesehen werden, vor allem aber der Sonnenbrand am Montagmorgen der beweist: ich gehöre dazu.

Aber ich schweife ab.

Herbst.

Es ist immer wieder Rainer Maria Rilkes wunderbares Gedicht Herbsttag, das mir durch den Kopf geht, wenn ich an solchen Tagen ein wenig durch die Fluren stromern darf:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Ein wenig später, bevor Rilke auf die Zeit zu sprechen kommt, der wir uns jetzt langsam nähern, heißt es:

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage …

Herbst 2

Herbst 2

Von allen seinen Gedichten ist es mir fast das Liebste, vielleicht einmal abgesehen einmal vom Panther, aber das mag biografische Gründe haben.

Der Herbst symbolisiert für mich noch mehr den Wandel als der Frühling. Es ist schwer zu begründen, vielleicht liegt einfach die Schwermut stärker in meiner Natur. Ich mag es, wenn die gefallenen Blätter beim Morgenlauf um meine Beine wirbeln, wenn ich alle paar Meter stehen bleiben könnte um eine Momentaufnahme der Natur als Skizze festzuhalten. Es ist dieses letzte Aufbäumen, die unglaubliche Pracht der Farben und Formen, bevor sie als formlose Masse durch die Aufsicht der Münchner Gärten und Parks entsorgt wird, die mich fasziniert.

Auch der Übergang zum Tod, in Form brauner Blättermassen, wie man sie jetzt schon und bald noch mehr beim Spaziergang durch die umliegenden Wälder sieht hat etwas Anziehendes, etwas Endzeitliches. Das allgemeine Braun schreit förmlich nach schwarz-weißer Darstellung und harrt des weißen Films, der es in absehbarer Zeit bedecken wird.

Herbst 3

Herbst 3

Zumindest solange noch, bis der Klimawandel an Bayerns Seen Palmen sprießen lässt. Aber dann werde ich diese vermutlich schon von unter betrachten.

Oder war das jetzt wieder einer der vom dahin treibenden, braunen Laub inspirierten trüben Gedanken? Wie schreibt Rilke doch so schön:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Alte Liebe / Ye old Fairground

Doch, die Auer Dult ist eine alte Liebe von mir. Ursprünglich war es ein Markt für Händler, Handwerker, Bauern … für all jene, die keinen Zugang zur Stadt München hatten. Sie mussten ihre Waren vor den Toren der Stadt verkaufen.

Heute ist die Auer Dult eine der letzten Ur-Münchner Institutionen. Ein Platz, wo sich das alte München, das neue München, die Alteingesessenen und die Zugezogenen, die Hiesigen und die Touristen treffen.

Eine Mischung aus Haushaltswarenmarkt, Trödelmarkt, Bierzelt, Schaustellerbuden …

Dult 1

Dult 1

Das alles im milden Licht einer herbstlichen Sonne …

Nein, wirklich … man kann dort zauberhafte Momente erleben. So manches, was ich heute gesehen habe und fotografiert habe, kann ich hier nicht publizieren, denn Kinderbilder ….

Begeisterung auf der Schiffsschaukel … ein glückliches Lächeln mit Zuckerwatte …

Fast wie die Begeisterung von alt und jung am Kettenkarussell … oder die Begeisterung der Älteren bei einer Maß Bier und einem Steckerlfisch.

Es war ein wenig, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Es war ein wenig, als wenn es da keinen Montag mit all seinen Terminen gäbe.

Dult 2

Dult 2

Sollten wir nicht öfters mal die Zeit anhalten?
Oder zumindest verlangsamen?
Das Jetzt genießen?
Den Schimären des 21. Jahrhunderts nicht nachjagen?

Das hätte doch was, oder?

—-

It is indeed an old love of mine.

Munich’s “Auer Dult” was a market for traders who couldn’t afford the access to the city itself and had to sell their stuff outside the city limits. Today this market takes place three times a year and is a mixture of household goods, all sorts of second hand stuff and … a fairground.

An old-fashioned one.

I was able to take some priceless shots, depicting smiles on a swingboat or a chairoplane.

It was a bit, as if the time stood still.

As if the now, the right now, was transcended to what we often call the old days.

As if there was no Monday, with all it’s appointments.

Dult 3

Dult 3

Maybe we should try to stop time.
At least from time to time.
Or try to slow down.

Enjoy the moment in time.

Haiku

Geschenkte Zeiten

Verschwendet, Weggeworfen

Schwebend im Nebel.

Herbstliche Nebel

Die Welt in siebzehn Silben.

Der japanische Haiku hat mich schon lange vor meiner ersten Asienreise fasziniert.

Warum ist es immer wieder der Herbst, der diese Form der Lyrik in mein Bewusstsein ruft?

Vielleicht ist mir die Natur besonders nahe in dieser Zeit.

Vielleicht war es auch der Mensch, von dem wir heute Abschied nahmen.

Er hat seine geschenkte Zeit wohl nicht verschwendet.

Und wir?