Übergänge (2)

Übergänge sind in der Photographie ebenso wichtig wie im wirklichen Leben. Wenn man zwischen dem Kalenderfrühling und dem wirklichen Frühling durch München läuft, begegnet einem so manches.

München Ostpark - © Thomas Michael Glaw

München Ostpark – © Thomas Michael Glaw

Es sind nicht nur die Menschen, die den Wandel herbei sehnen, es ist auch die Natur. Es sind Bäume und Sträucher, die förmlich darauf warten, „ausschlagen“ zu dürfen. Fausts Osterspaziergang drängt sich auf, die Suche nach Veränderung, nach etwas Befreiendem …

Rabe / Ostpark - © Thomas Michael GLaw

Rabe / Ostpark – © Thomas Michael GLaw

München hatte am Ostermontag eher graues Wetter zu bieten, Schneeflocken an Anfang April.
Es ist jedoch nicht nur die Wetterlage, die uns vorwärts gehen lässt – es ist der Weg selbst. Wer auch immer es heute in eine katholische Kirche geschafft hat, hat die Geschichte vom Weg der Jünger nach Emmaus vernommen. Die Reise zweier zutiefst enttäuschter, verunsicherter Männer, die gerade noch zur rechten Zeit erkennen, dass am Ende ihres Weges die Wahrheit liegt.
Liegt nicht oft am Ende des Weges die Wahrheit, die wir zu Beginn nicht erkennen konnten – oder wollten?

Ostpark - München /  Thomas Michael Glaw

Ostpark – München / Thomas Michael Glaw

Als Photograph liegt die Wahrheit oft zwischen dem, was man sieht und der Art und Weise, wie man es darstellt. Nein, ich möchte hier nicht auf die vielen Filter, die Photoshop bietet eingehen; allein die Auswahl von Blende und Verschlusszeit ermöglicht völlig unterschiedliche Tiefenschärfen.
Und damit auch völlig unterschiedliche Sichtweisen.

Ostpark - München / © Thomas Michael Glaw

Ostpark – München / © Thomas Michael Glaw

Wie gehen wir damit um?
Wie gehen wir mit dem Erwachen der Natur um?
Wie mit uns?
Wie mit einem Schöpfer? (Wenn wir uns denn einen vorstellen können)

Kraft

Das Brechen der Welle auf dem Bild des Lake Michigan ist fast zu hören:
Kraftvoll bricht sich die das Wasser an den Steinen, spritzt in den Himmel und zieht sich dann, leise gurgelnd, wieder in den See zurück. Die Energie, die in dem Wasser steckt, lässt sich bei dem Blick auf den ruhigen See hinter der Welle kaum erahnen.

Brandung am Lake Michigan - © Thomas Michael Glaw

Brandung am Lake Michigan – © Thomas Michael Glaw

In den letzten Tagen in diesem März ist die Energie schon spürbar, die in der Natur steckt. Auch wenn die Bäume noch keine Triebe erkennen lassen – durch die Sonne sind die Frühlingsboten schon erkennbar. Nicht nur die ersten Blumen wagen sich aus der Erde, auch die Cafés haben bereits ihre Tische und Stühle ausgepackt und viele nutzen die ersten warmen Sonnenstrahlen für ein Sonnenbad.
Es scheint eine geheime Kraft zu geben, die Leben in Bewegung bringt, die motiviert, aufzubrechen, Neues zu schaffen. Durch sie entsteht ein Rhythmus von Aktivität und Entspannung, ein Rhythmus, dem die Natur entspricht, geprägt von Phasen der Spannung und Entspannung im Tun, von Tages- und Jahreszeiten. Weder die Welle, noch der Leopard laufen unentwegt, sie beginnen zu laufen, steigern ihre Geschwindigkeit bis zum Höhepunkt und laufen dann aus. Danach folgt die Phase der Entspannung, das sich Zurückziehen und Kräfte sammeln für den nächsten Lauf.
Auch wir Menschen werden von dem natürlichen Rhythmus beeinflusst, aber wir haben viele Mechanismen entwickelt, um jederzeit die gleiche Leistung bringen zu können. Künstliches Licht, Heizungen und Klimaanlagen sorgen für die Unabhängigkeit von Helligkeit und Temperaturen. Möglichst alles immer verfügbar zu haben und selbst jederzeit verfügbar zu sein, gehören zum selbstverständlichen Anspruch in unserer Gesellschaft. Der weltweite Handel ermöglicht uns, unabhängig von der Erntezeit jede Art von Obst und Gemüse das ganze Jahr zu bekommen. Arbeit am Wochenende, ein paar schnelle Emails nach Feierabend oder aus dem Urlaub gehören immer mehr zur Normalität. Nicht nur im Beruf, auch die Freizeit will gut genutzt sein, manch ein privater Zeitplaner ist mit Sport- Hobby-, Kultur- und Bildungsterminen ebenso voll wie der berufliche. Wir versuchen, immer mehr zu geben, den Level der Leistungsfähigkeit nicht nur zu halten sondern noch zu steigern, möglichst immer gut drauf und fit zu sein, ohne zu merken, wie wir, je länger wir „laufen“, an Kraft verlieren.
Die Selbstverständlichkeit, wie dieser Lebensstil in unserer Gesellschaft gelebt wird, macht mich nachdenklich. Der Wert des Lebens scheint sich immer stärker an dem Ideal des leistungsfähigen, jungen Menschen zu orientieren. Das Leben entspricht jedoch nicht immer dem Ideal und sein Wert ist mehr als die Summe des erzielten Einkommens und des Status. Manchmal bedarf es erst einer Grippe, einer Erkrankung oder eines einschneidenden Ereignisses, um zur Entspannung gezwungen zu werden, zur „Besinnung“ zu kommen und dieses zu erkennen.
Lassen wir es nicht so weit kommen. Nutzen wir die Kühle am Morgen, die Mittagspause in der Sonne und die zunehmende Dunkelheit am Abend, um den Rhythmus der Natur in uns aufzunehmen. Freuen wir uns an den aufbrechenden Knospen im Frühjahr, dem frischen Obst, das in den nächsten Wochen die Märkte füllen wird und entdecken die kleinen und größeren Wunder, die das Leben in seinem Rhythmus für uns bereithält. Nehmen wir uns die Zeit zum Entspannen, lauschen wir dem Brechen der Wellen und spüren die Sonne, um dann mit neuer Kraft einen Aufbruch zu wagen, neues zu schaffen und von Lebenskraft zu sprühen.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner.

Das Bild ist das Blatt „März“ aus unserem Jahreskalender 2015 „La forma dell‘ acqua“ zur Ausstellung „formen des wassers„.

Benn

Doch, doch, stimmt schon. Nicht Ben, als Kurzform von Benjamin, sondern Benn, Gottfried Benn. Als ich mein Blog über die grauen Zeiten schrieb, war er mir sehr präsent, ich habe viele seiner Gedichte wieder gelesen. Ich denke den meisten wird zumindest seine „Krebsbaracke“ noch im Gedächtnis sein. Meist bekommen es die Schüler, wie so vieles im Schulalltag, viel zu früh um die Ohren gehauen, als dass sich ein tiefes Verständnis für den Inhalt des Gedichtes oder gar die psychische Verfasstheit des Autors einstellen könnte.

Warum gerade heute Benn, nachdem, zumindest hier in in Deutschlands Süden, fast die ganze Woche die Sonne schien?

Spring Flower 2

Spring Flower 2

In der FAZ fand ich diese Woche einen Artikel unter dem Titel „Mein schäumender Lebensbecher“; zufällig war ein frühes Liebesgedicht Benns aufgetaucht, dass ich dem Verfasser der Krebsbaracke nie zugetraut hätte:

Meines heißen, wilden Herzens
Sünd‘ u. Sehnsucht wollt‘ ich nun
Dir in Deine Hände geben:
Nimm es hin u. lass es ruhen.

Ich möchte es nicht weiter zitieren. Wen es interessiert, der kann es leicht googeln – und ich bin mir der Copyright Implikationen heutzutage nicht mehr so sicher. Das Original wurde am 16. April bei Stargardt in Berlin versteigert.

Liebe, und sei sie noch so überschäumend, beinhaltet immer eine ungeheure Kraft. Sie treibt einen an … sie bringt einen zum Blühen .. ein wenig wie es die Sonne der letzten Tage mit den Pflanzen tat, die nur darauf gewartet zu haben schienen.

Spring Flower 1

Spring Flower 1

Die Sonne.
Einfach nur auf der Haut zu spüren.

Ich habe mich diese Woche auch mit der Übersetzung einiger Gedichte von Philip Larkin befasst; so kommt dann doch der Schatten wieder zurück ins Leben. Eines davon, „No Road“, hat mich zu einem Haiku inspiriert:

Wege leer, Büsche wachsend.
Türen vermauert.
Und doch fliegt das Laub herum.

Es gibt immer Hoffnung.
Auf ein morgen.
Auf die Sonne.

Enjoy 🙂

Grigio

Warum ich das italienische Wort für grau benutze?
Vielleicht weil „grau“ in Italien seltener in Erscheinung tritt.

Der graue Alltag

Mir scheint das eine sehr deutsche Formulierung, vielleicht sollte ich präzisieren, eine sehr deutschsprachige Formulierung. Es gibt sie wohl auch in Österreich und in der Schweiz.

Wie soll man grau fotografieren?

Grau ist keine Farbe, es ist eher ein Zustand.

Noch nicht einmal das.

Grau

Und nein, ich mag auch keinen Pinot Grigio.

Ich halte diese italienische Version des Grauburgunders für relativ – im wahrsten Sinne des Wortes.

Relativ geschmacklos. Relativ leicht. Relativ nichtssagend. Relativistisch im Sinne des letzten Papstes.

Eigentlich ist es also ein Blog über nichts.

Es gibt nichts Schlimmeres als grau. Gut, vielleicht kaltes grau, was wiederum keine wirkliche Farbe ist. Es ist mehr ein Seelenzustand.

Ich hatte eigentlich noch nie in meinem Leben depressive Neigungen, aber dieser graue, nicht enden wollende Winter … Neben einigen italienischen Cantautori, vielleicht in der Hoffnung auf Sonne, habe ich in den letzten Tagen ziemlich oft „Passenger“ gehört. Die Lieder riefen in mir eine große Sehnsucht nach meiner alten Heimat Schottland hervor und vielleicht auch jene typisch schottische Melancholie, die eigentlich nur stärker wird, wenn man versucht sie mit Whisky zu bekämpfen.

grau.

flach.

farblos.

lieblos.

emotionslos.

emotionslos?

Nicht wirklich.

Mich macht dieses grau langsam wütend.

Langsam sehe ich rot.

Rot

Rot

Aber wie soll man jetzt in der Natur rot fotografieren?

Vielleicht in Rückgriff in vergangene Zeiten.

Eine Hoffnung.

Auf Sonnenschein.

Auf Wärme.

Auf Liebe.

Auf … ja …auf mehr. Egal was.

Vielleicht hoffen wir einfach zusammen.

Das Bayern 3 recht hat – zumindest für meinen Mikrokosmos.