Schnitt

Im modernen Film ist es Mode geworden, mit harten, schnellen Schnitten zu arbeiten. Auch in der preisträchtigen Literatur dieser Jahre werden Charaktere nicht mehr langsam entwickelt, sondern entstehen oft aus sich schnell aneinanderreihenden Konflikten. Heute morgen las ich in einem Blog über die Gedichte John Burnsides, um kurz darauf in einem leicht wippenden Sessel in seine langsam dahin fließenden Worte einzutauchen. Fuchsspuren im Schnee, Vororte verborgen hinter Hecken, das Auge des Betrachters blickt durch seine Augen. Langsamkeit geht also doch noch.

Trotzdem scheint mir im Moment auch das Leben selbst voll harter Schnitte zu sein. Zuerst ein Spaziergang im fast sommerlichen München, ein erstes Eis am Gärtnerplatz, Menschen, denen die Sonne ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte, spielende Kinder, viele verschiedene Sprachen.

München im April – © Thomas Michael Glaw

Am Abend kamen dann die Meldungen aus Stockholm

München im April / 2 © Thomas Michael Glaw

Für mich war es, als ob alles, was ich gesehen hatte, all die Farben, das Bunte, das Treiben auf den Straßen, das Lachen des Kellners, der unsere Pizza servierte, als ob all das mit einem Mal grau geworden war. Ein harten Schnitt. Leben in Schwarz – Weiß. Von religiösen Fanatikern in unser Leben getragen: Farbe/Schwarz-Weiß, Leben/Tod, Lachen/Tränen. Ich frage mich manchmal, wie lange wir das noch aushalten können. Natürlich kann man von der Realität in seine eigenen Gedankenpaläste fliehen, aber die Realität holt einen beständig ein, ob nun in Form von tollwütigen LKWs oder menschlichen Bomben. Und immer ist der Mörder jemand, der es im Namen Allahs, des gütigen, tut.

Wir Christen begehen heute den Tod unseres Religionsstifters. Sein Tod war ebenso brutal wie der der zahlreichen Opfer islamistischen Terrors in den letzten Wochen, Monaten und Jahren. Was haben wir falsch gemacht, dass selbst aus unserem Land sich junge Männer aufmachen, um das  Morden zu lernen?

Der Karfreitag heißt auf englisch „Good Friday“. Ich frage mich heute mehr denn je, was denn gut an diesem Freitag ist. Und gut an dieser eigenartigen Zeit in der wir leben.

„Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“
(Friedrich Hölderlin: Der Gang aufs Land)

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