Noch einmal Prag

Man könnte noch viele Beiträge über die Stadt Prag verfassen, sich über Fensterstürze verbreiten, über Musik, über Literatur oder über die Konsequenzen von Absinth, der im modernen Prag keine größere Rolle spielt als in anderen europäischen Hauptstädten.

Ein Kollege, dessen Blog ich nur wärmsten empfehlen kann, meinte, man könne die schönsten Façaden im jüdischen Viertel finden. Was die Façaden angeht, stimme ich mit ihm nicht überein, denn Façaden sind für mich wie Gesichter, und ich finde die Schönheit vor allem in den Unterschieden. Das gilt natürlich auch für Prag, wo man die Koexistenz der letzten Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, fast körperlich spüren kann. Man findet jedoch einiges mehr in diesem Viertel.

Dem ehemaligen jüdischen Viertel.

Josevo - © Thomas Michael Glaw 2017

Josevo – © Thomas Michael Glaw 2017

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, so ist von Juden in diesem Viertel nicht mehr viel zu spüren. Wir beobachteten zwei teuer und elegant gekleidete Herren am Sonntag beim Betreten des jüdischen Gemeindehauses, sie erinnerten in Kleidung und Haartracht ein wenig an Chassidim. Das jüdische Leben in Prag schien sich ansonsten auf die Zurschaustellung einer hunderte von Jahren alten Tradition zu beschränken. Tausende von Touristen zückten ihre Brieftaschen und wirkten dennoch desinteressiert. Als ob sie nur einen Punkt auf einer Liste abhakten. Eine überaus geschminkte ältere Dame schien mehr an ihrer Zigarette als an dem, was sie umgab, interessiert zu sein, als sie über den Friedhof schritt. Da sie schwieg, vermag ich nicht zu sagen, welcher Kultur sie entstammt.

Alter Jüdischer Friedhof Prag - © Thomas Michael Glaw 2017

Alter Jüdischer Friedhof Prag – © Thomas Michael Glaw 2017

Ich wurde mit den Massen über den alten jüdischen Friedhof geschoben. Es war ein respektloses Geziehe entlang oder oberhalb geweihter Erde. Natürlich kann man mit einem alten Friedhof trefflich Geld verdienen, aber ist es das wert? Welchen Sinn macht es, am Eingang darauf hinzuweisen, dass man als Mann sein Haupt bedecken muss – natürlich kann man sich für ein paar Kronen eine Kippa leihen – wenn es danach nicht mehr kontrolliert wird? Den großen, alten, jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs kann man im Übrigen ohne derartige Vorkehrungen besuchen. Wenn man dort an einem sonnigen Morgen spazieren geht, spürt man etwas von der Würde des Ortes, die in Prag nur schwer wahrzunehmen ist. Als Träger einer Baskenmütze ist man zwar generell in diesen kultischen Orten im Vorteil, aber das ganze bekommt in Prag eine gewisse absurde Komponente.

Ähnliches gilt für die Synagogen, die größtenteils aufgelassen sind und als Gedenkstätten oder Museen genutzt werden. Je nachdem wie viele man ansehen möchte, umso teurer wird das Ticket. Was man zu sehen bekommt, lässt einen zum Teil sehr nachdenklich zurück, besonders die Klausen Synagoge, an deren Wänden die Namen der ermordeten Juden Prags zu lesen sind. Aber auch durch dieses Haus schieben sich die Massen. Mir fehlte ein Konzept, das die Menschen lenkt, zum Verweilen anhält, die Massen steuert, diesem Ort zu der Nachdenklichkeit verhilft, die mehr als nur angebracht wäre. Leider blieb ein fahler Nachgeschmack, dass es hier eigentlich nur um Umsatz und Profit geht

Klausen Synagoge Prag - © Thomas Michael Glaw

Klausen Synagoge Prag – © Thomas Michael Glaw

Auch in der Spanischen Synagoge, die man heute als Museum nutzt, hatte man den Eindruck, dass die gegebenen Möglichkeiten nicht wirklich genutzt wurden. Wenn man den Strom der Besucher betrachtet, sollte eigentlich genug Geld vorhanden sein, um eine der heutigen Zeit angemessene Ausstellung zu kuratieren, die sich nicht überwiegend in der NS Zeit bewegt, sondern auch die blühende jüdische Kultur des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts (Kafka, Brod, Werfel, Torberg und viele andere) beleuchtet und adäquat darstellt. Der tiefe Fall, den die Faschisten verursachten, lässt sich nur verstehen, wenn man die Fallhöhe kennt.

Ich möchte wirklich niemand von einem Besuch des Josefov, der alten Josefsstadt, des alten jüdischen Viertels abhalten. Vielleicht suchen Sie sich eine Jahreszeit, in der weniger Touristen dorthin strömen, wenn es sie den gibt. Vielleicht lesen sie vorher ein wenig in Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ nach, bei Anton Kuh oder dem großartigen Egon Erwin Kisch.

Nehmen Sie ein paar Bücher mit, lesen einige weitere bevor Sie sich nach Prag aufmachen. Dann müssen Sie nur noch der Melancholie standhalten, die Sie umfängt, wenn Sie durch die alten Gassen gehen und versuchen, den ganzen Lärm, der Sie umgibt, zu vergessen. Trinken Sie im Zweifelsfall einfach ein Pils und einen Slibowitz in der nächsten Kneipe.

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