Prager Façaden

Wer mich und diesen Blog ein wenig kennt, der weiß, wie sehr mich Façaden faszinieren. Die Front einen Hauses ist für mich wie das Gesicht eines Menschen, man kann unglaublich viel daran erkennen. Ich mag auch altmodische Schreibweisen. Façon, Façade … Der Alte Fritz pflegte angeblich zu sagen in seinem Staat könne jeder nach seiner Façon selig werden. Erst viel später hat man dieses Wort mit „SS“ geschrieben.

Jüdisches Viertel - © Thomas Michael Glaw 2017

Jüdisches Viertel – © Thomas Michael Glaw 2017

Alle großen Städte haben viele verschiedene Façaden, in Prag fielen mir jedoch die Unterschiede mehr auf, als anderswo. Es mag damit zu tun haben, dass meine Besuche in östlichen Städten, einmal abgesehen von Polen und der ehemaligen DDR, mehr als zwanzig Jahre her sind, trotzdem empfand ich in Prag eine Normalität, die nur schwer zu beschreiben ist.

Im Zentrum Prags ist es nicht einfach, Façaden zu fotografieren. Das hängt zum einen mit der Enge der Straßen zusammen – man muss dann schon gewaltig in die fotografische Trickkiste greifen – zum anderen mit der Tatsache, dass die Weihnachtsmärkte mit Buden und tränentreibenden Fichtenholzfeuern die Sicht verstellen. Im Zentrum ist es schön zu sehen, wie viele Häuser den letzten großen Krieg überlebt haben. Prag war in dieser Hinsicht wirklich glücklich. Die Tatsache, dass in den untersten Etagen jetzt dieselben Luxusboutiquen hausen wie in Berlin, München oder Paris ist, ein anderes Thema. Leidig ist es, dass man auf Grund dieser Luxusmieter nicht mehr in die Innenhöfe dieser Häuser vordringen kann, um die Pawlatschen, die umlaufenden Balkone, zu fotografieren. Die spannenderen Arrangements fanden sich daher in der Peripherie.

Prag - © Thomas Michael Glaw

Prag – © Thomas Michael Glaw

Mehr als in anderen Städten im Osten Europas, kann man in Prag auch die Koexistenz von alt und neu beobachten. Wer sich, zumindest vage, an die Romane Joseph Roths erinnert, jenes großartigen Chronisten der untergehenden k.u.k. Monarchie, wird durch weite Teile Prags laufen und vor seinem geistigen Auge die Gespräche zwischen Vater und Sohn von Trotta hören. Wer dann, nach einem schnellen Pils an der Eckkneipe, auf die Elektrische springt und ein paar Stationen weiter in Richtung Peripherie fährt, wird die Häuser finden, in denen, zumindest vor meinem geistigen Auge, die jungen Menschen lebten, die gemeinsam mit Alexander Dubcek nach Freiheit suchten.

Prag - © Thomas Michael Glaw 2017

Prag – © Thomas Michael Glaw 2017

„Dubcek“ und „Swoboda“, Ota Sik und so manch anderer sind heute Geschichte – allerdings eine Geschichte, die die Tschechische Republik konsequent ignoriert, die im Leben der Stadt Prag nicht wahrzunehmen ist. Dieser kurze Moment, dieser Prager Frühling, verdiente ein wenig mehr Aufmerksamkeit, denn wir alle könnten daraus auch für unsere gegenwärtigen Krisen lernen. Gleiches gilt übrigens auch für den arabischen Frühling. Darf ich noch eine letzte Façade hinzufügen?

© Thomas Michael Glaw 2017

© Thomas Michael Glaw 2017

Wer weiß, worum es sich hierbei handelt, spricht entweder Tschechisch, hat sich der Mühe unterzogen, die Worte bei Google Translator einzutippen oder ist schlicht ein Genie. Ich wäre nie darauf gekommen.

 

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2 Gedanken zu “Prager Façaden

    • Danke für die Blumen 🙂 Das alte jüdische Viertel hat in der Tat interessante Gesichter und Façaden, aber ich bin in gewisser Hinsicht auch ein Schüler von Bernd und Hilla Becher, sprich ich versuche die Normalität adäquat abzubilden- und da machen sich konzentrische Spaziergänge in Prag durchaus bezahlt.

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