Das goldene Prag

Im Winter ist es gar nicht so einfach, das „goldene“ Prag zu finden. Es ist die Moldau, die die Stadt bis auf zwei, höchstens drei Stunden pro Tag in eintöniges grau hüllt. Nur selten gelingt es der Sonne vor 13 Uhr den Dunst zu durchbrechen, und gegen vier wird es bereits wieder dunkel. Die Moldau heißt auf tschechisch Vitava, was für mich – zumindest melodisch – nur schwer mit Friedrich Smetanas gleichnamigen Tonwerk in Einklang zu bringen ist.  Smetana verkörpert ein wenig das Dilemma der tschechischen Gesellschaft. Er wandelte sich erst spät zum tschechischen Patrioten,  sein erster erhaltener Brief auf Tschechisch stammt aus dem Jahr 1856, da war er bereits 64 Jahre alt. Trotzdem wird er, neben Dvorák, in Tschechien als der tschechische Musiker vermarktet.  Auch die tschechische Gesellschaft scheint immer noch auf der Suche nach ihrer Identität zu sein. Seinen Ausdruck findet das unter anderem darin, dass es sehr schwer ist, sich in Prag ohne gute Tschechischkenntnisse zurecht zu finden. In München, Paris, Rom oder Madrid – nennen Sie einfach eine beliebige europäische Großstadt –  finden Sie die wichtigen Informationen mehrsprachig, mindestens jedoch auf Englisch, der neuen lingua franca. Nicht so in Prag.

Winterliches Prag - © 2016 Thomas Michael Glaw

Winterliches Prag – © 2016 Thomas Michael Glaw

Nun ist es nicht so, dass ich mich nicht sprachlich auf diese kurze Reise vorbereitet hätte, ich  erachte es als höflich und wertschätzend, mich zumindest ein wenig der Sprache meines Gastlandes bedienen zu können. Es gibt auch durchaus Parallelen zwischen Tschechisch und Polnisch, letzteres eine Sprache, mit der ich drei Jahre lang verzweifelt gerungen habe. Nein, nicht um Wisława Szymborska oder Adam Mickiewicz lesen zu können, erstere ist kongenial von Karl Dedecius übersetzt, und Pan Tadeusz hat sich mir nie wirklich erschlossen, sondern um im Alltag überleben zu können.  Die Parallelen helfen aber nicht, wenn es darum geht, den Automaten des Nahverkehrs zu bedienen oder Informationen in der „Elektrischen“ zu bekommen. Gut, am Prager Hauptbahnhof spricht der Automat auch Deutsch und Englisch und wir hatten tatsächlich binnen weniger als fünf Minuten unsere 72 Stunden Tickets zum Preis von weniger als einer Streifenkarte hier in München, aber sonst?  Prag geriert sich als als internationale Metropole und ist im Herzen doch nur eine Provinzstadt. Persönlich finde ich das nicht unsympathisch, denn das hat sie mit München gemein; für den Reisenden ist es bisweilen allerdings ein wenig lästig.

Prags Elektrische - © 2016 Thomas Michael Glaw

Prags Elektrische – © 2016 Thomas Michael Glaw

Bleiben wir beim Nebel und der Elektrischen. Der Nebel, oder Dunst, scheint zum winterlichen Prag zu gehören wie der frisch geriebene Kren zu den Würsten, die man Ihnen hier zum Bier serviert. Die Tram gehört einfach zu Prag, wie die Busse zu Rom oder London. Wenn man sich ein wenig auskennt, fährt man Tram. Man wird reich belohnt, denn man sieht deutlich mehr von Prag, als wenn man eine der U Bahn Linien benutzt, und man kann die Prager ebenso wie die Besucher deutlich besser studieren. Was die jugendlichen Besucher zu Silvester anbelangt, die überproportional aus deutschen Landen zu stammen scheinen, so fällt mir dieser wunderbare Satz von Alfred Polgar ein:  „Man muss sich mit Alkohol imprägnieren, bis man lärmdicht ist, muss sich einen Rettungsgürtel aus künstlicher Fidelität umschnallen.“ Mit wenigen Ausnahmen erreichten die Herrschaften am 30. Dezember vollgetankt Prag und verließen es am 2. Januar wieder, müde, die Fahrt im Bus verschlafend, mit guten Kenntnissen von Prag bei Nacht und den einschlägigen Clubs. Gut, es mag billiger gewesen sein als in München oder Berlin. Aber warum fährt man nach Prag, um morgens um fünf volltrunken ins Bett zu sinken und am Nachmittag nach fünf für eine neue Runde aufzustehen? Vielleicht ist es ja mein Alter, mein neunzehnjähriger Sohn konnte mir das bis dato freilich auch nicht schlüssig erklären.

Nehmen Sie trotzdem die Tram. Fahren Sie einmal von einem Ende Stadt zum anderen. Sie werden staunen. Diese ratternden Gefährte transportieren nicht nur die Prager und die Gäste der Stadt, sie scheinen mir auch die Seele der Stadt darzustellen. Ein wenig laut, ein wenig kalt, trotzdem stets zu einem Scherz bereit, bisweilen auch lauthals lachend, rumpeln sie auf ihren vorgegebenen Wegen. Vorsicht ist nur geboten falls Sie nach dem offiziellen Familienfeuerwerk am 1. Januar mit der Nummer sechs in die Stadt fahren, um ins Neujahrskonzert der Philharmoniker zu gehen. Sie wären überrascht, wie viele mögliche Schienenwege es gibt, um vom einen Ufer der Moldau auf das andere zu gelangen. Sie landen dann schon irgendwo in der Altstadt, wo genau ist indessen ob der Hinweise auf tschechisch und der Dunkelheit ein anderes Thema. Es gibt Momente, da ist man bei aller Skepsis, für Google Maps durchaus dankbar.

© 2016 Thomas Michael Glaw

© 2016 Thomas Michael Glaw

Was fällt noch auf, bei einem ersten Umschauen in Prag? Laufende Kleinkinder. Sie meinen, das sei doch kein Thema, natürlich würden Kleinkinder irgendwann einmal laufen? Völlig richtig, die Frage ist nur wann. In Prag sind die Anlagen voll von Müttern mit Kindern, die zwischen ein und zwei Jahren alt sind, und keinen Kinderwagen dabei haben. Die Kinder laufen einfach. Sie werden nicht, weil es so unendlich bequem oder die Kinder schlicht zu faul sind, in einen ausufernden Wagen verfrachtet. Sie laufen. Und es scheint ihnen sogar Spaß zu machen.

Prag ist eine hochinteressante Mischung aus Urbanität und Ländlichem, aus Weltläufigkeit und Provinzialismus, aus Offenheit und Nabelschau. Vieles lässt sich am Gesicht der Stadt, sprich an den Fassaden zeigen. Dazu das nächste mal mehr.

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3 Gedanken zu “Das goldene Prag

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