Der gespaltene Kafka

Nein, es war keine Schnapsidee. Diese Idee wurde eher aus dem Dunst von Burgunder, Espresso und Cognac geboren: Silvester in Prag könne doch gar keine so schlecht Idee sein.

Prag … da fällt einem Kafka, sein bester Freund Max Brod, Franz Werfel, vielleicht sogar der Rabbi Löw ein.

Prag im Winter - Blick von der ehem. Niklas Brücke (chechuv most) - © 2016 Thomas Michael GLaw

Prag im Winter – Blick von der ehem. Niklas Brücke (chechuv most) – © 2016 Thomas Michael Glaw

Gesagt, getan. Eine Zugfahrkarte für knapp 50 Euro für zwei war schnell gefunden, sogar ein bezahlbares Apartment ließ sich, trotz der anscheinend üblichen Silvesterinflation, bewerkstelligen. Dann kam der Tag der Wahrheit. Am 29. Dezember machten wir uns zum Münchner Hauptbahnhof auf, wir wollte etwa 20 Minuten vor Abfahrt dort sein, da man Online beim „Alex“ keine Platzreservierung vornehmen konnte. Hocherfreut stellten wir fest, dass der Zug 22 Minuten vor Abfahrt schon auf dem angekündigten Gleis stand, weniger erfreut waren wir, als wir feststellten, dass quasi jedes Abteil von jungen Damen und Herren (ob der korrekten Verwendung des Begriffes in diesem Zusammenhang bin ich mir nicht sicher) in Begleitung nicht etwa einer Gouvernante, sondern eines Kastens Bier belegt war. Die Stimmung war bereits (es war etwa Viertel vor neun Uhr morgens) gehoben.

Meine Stimmung sank gefühlt auf etwa 7 Grad Kelvin oberhalb des absoluten Nullpunkts, zumal sich herausstellte, dass man wohl doch hätte Platzreservierungen vornehmen können. Wie und wo haben wir allerdings bis jetzt nicht herausgefunden. Es war dem Zufall, der Persistenz meiner geliebten Doro und dem Versagen der Beleuchtung zu verdanken, dass wir schließlich doch noch zwei Plätze in einem Abteil, in dem bereits Ärzteehepaar aus Schwandorf mit ihrer Tochter saßen, ergatterten. Deutsche Jugend scheint Angst vor Dunkelheit zu haben. Pünktlich verließen wir ratternd, wie einst die berühmte Linie acht, den Münchner Hauptbahnhof. Während man sich um mich herum in „Gynäkologische Praxis“ beziehungsweise „Arzt und Wirtschaft“ vertiefte (das Töchterlein hatte offenbar eine harte Nacht hinter sich und schlief selig) und in den anderen Abteilen das lateinischer Verb „prodessse“ im Konjunktiv konjugiert wurde, widmete ich mich ein weiteres Mal Klaus Wagenbachs wunderem Buch „Kafkas Prag“. Es war einer der Mitauslöser zu dieser Reise gewesen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, auf welch kleinem Terrain dieser Autor sein ganzes Leben gelebt hatte, in welchem Umfeld er seine Ideen gehabt und wo er sie zu Papier gebracht hatte. Es sollte sich als schwieriger als gedacht herausstellen.

Aber der Reihe nach. Da wäre Paula zu nennen. Paula trug einen schreiend gelben Schal, redete furchtbar gerne (am liebsten wohl über sich selbst), hatte, im Gegensatz zu so manch einem Kommilitonen, Orthopädie bestanden und endete glücklicherweise im Abteil nebenan. Mit den drei Herren, die in Schwandorf die Plätze der bereits approbierten Doktores und des Töchterleins einnahmen, ließ sich trefflich über Medizin im Allgemeinen, Gott und die Welt plaudern. Noch ein Wort zu „Alex“ dem Zug. Nehmen Sie ihn nicht nach Prag. Er ist langsam, rappelt, ist eine echte Servicewüste und erinnert mich fatal an meine Erfahrungen mit der Polnischen Staatsbahn. Sollten Sie von München aus unterwegs sein, nehmen Sie lieber den Bus, er ist schneller, komfortabler und meistens sogar billiger. Darüber aber später mehr, denn wir haben das auf der Rückfahrt auch getan.

Das Oppelthaus - © 2016 Thomas Michael Glaw

Das Oppelthaus – © 2016 Thomas Michael Glaw

Kafkas Prag. Egon Erwin Kisch beschrieb die Prager Deutschen so: „Das waren fast ausschließlich Großbürger, Besitzer der Braunkohlengruben, Verwaltungsräte der Montanunternehmen und der Skodaschen Waffenfabrik, Hopfenhändler (…) Zucker-, Textil-, und Papierfabrikanten sowie Bankdirektoren. (…) Ein deutsches Proletariat gab es kaum.“ Vielleicht rührt daher das gespaltene Verhältnis des offiziellen Prag zu seiner deutschsprachigen Literatur. Man rühmt sich an einigen Stellen durchaus der herausragenden literarischen Vertreter wie Kafka, Brod oder Werfel, aber ihre Spuren in der Stadt sind nur schwierig zu finden. Gab es in Triest zahlreiche, unauffällige Täfelchen, die den Betrachter auf die Spuren von Joyce und Svevo hinwiesen, so hatte man in Prag, trotz Klaus Wagenbachs trefflichen Führers, große Probleme, auch nur die Häuser zu identifizieren, in denen Kafka den kurzen Zeitraum seines Lebens verbrachte. Ungeachtet der Massen an Touristen, auf die ich in meinem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen möchte, wurde zumindest klar, auf welch kleinem Terrain Kafka lebte, liebte und all die Erfahrungen machte, die sich in seinen Werken wiederfinden.

Am Altstädter Markt, dem staromestké námèsti, steht noch das Oppelthaus, in das die Familie 1913 übersiedelte und in dem Kafka bis 1914 und dann wieder ab 1918 wohnte. Um die Ecke gibt es sogar eine Kafka Buchhandlung, kafkovo knihkupectvi, in der ein reizender älterer Herr nicht nur Ausgaben Kafkas in verschiedenen Sprachen verkauft, sondern auch Literatur zum jüdischen Leben in Prag (allerdings meistens auf Tschechisch), eine große Menge englischer Literatur, zahlreiche Bücher über die Zeit zwischen 1930 und 1945, und etlichen, wohl dem Umsatz geschuldeten, literarischen Ramsch. Von einem Besuch des ebenso in der Nähe gelegenen Restaurants „Franze Kafky“ würden wir abraten ….

Winterlicher Biergarten im letenké sady - © 2016 Thomas Michael Glaw

Winterlicher Biergarten im letenké sady – © 2016 Thomas Michael Glaw

In den Kronprinz Rudolf Anlagen, die Kafka wohl, wie die meisten seiner Zeitgenossen, „Belvedere“ nannte und die heute auf den Namen „letenské sady“ hören, ist er oft spazieren gegangen. Kafkas Spaziergänge … Das Wetter war einfach zu grau, zu feucht und zu kalt, um sich dort auf seine Spuren zu machen. Wir werden im Mai wiederkommen. Warum ich diesen Beitrag der gespaltene Kafka nannte? Da schwingt ein wenig das Verhältnis des Meisters zu seiner Religion, seiner Familie und seiner Stadt mit – aber auch umgekehrt das Verhältnis der Prager, oder der Tschechen allgemein, zu ihrem großen, wenn auch deutschsprachigen, Sohn. Die Fotografien sind bewusst schwarz-weiß gehalten. Es war nicht nur der, sowohl der Moldau, wie der Temperatur, geschuldete Dunst, der über Prag während unseres Besuchs lag. Es war auch ein wenig das Gefühl des Verlusts, das mich während unseren Besuchs bewegte.

Kafkas Prag ist trotz der Touristenmassen noch sehr lebendig, ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Silvester sollte man allerdings von der Liste der möglichen Besuchstermine streichen. Darüber mehr nächstes Mal.

 

 

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