Irisches Tagebuch (Teil fünf)

Es ist unfair, ich weiß. Man kann einen heißen Tag, mit unglaublich blauem Himmel in Triest nicht mit einem Tag in Dublin vergleichen.

Und doch kommt es nur auf das Tertium Comparationis an.

In diesem Fall ist es James Joyce.

Eigentlich war ich nach Triest gefahren, um nach langer Zeit einmal wieder in der Stadt Italo Svevos so weilen. Doch wirklich, ich wollte dort weilen. Italo Svevo, der als Aron Hector Schmitz geboren wurde, gehört für mich zu den faszinierendsten italienischen Literaten des zwanzigsten Jahrhunderts. Gewissermaßen habe ich vor vielen Jahren italienisch gelernt, um endlich einmal „La coscienza di Zeno“ im Original lesen zu können.

Svevo lernte Joyce bei der Konkurrenz kennen. James Joyce arbeitete als Englischlehrer in Triest bei Berlitz, die auch heute noch miserabel zahlen. Sie befreundeten sich und Joyce spornte den älteren Svevo zum Weiterschreiben an.

Triest - © Thomas Michael Glaw

Triest – © Thomas Michael Glaw

Man mag es dem Tourismus zurechnen, trotzdem finde ich es schön, in Triest kleine Täfelchen zu finden, die auf den einen oder anderen der beiden hinweisen. Die ersten entdeckten wir im Café „Stella Polare“, wo wir uns nach einer umständlichen Parkplatzsuche einen Espresso und ein Glas Wasser gönnten.

Svevo und Joyce. Joyce, der Meister des inneren Monologs, den man als Schüler hasst, weil Lehrer, die ihn mit Liebe erklären können (und seine Bedeutung vielleicht sogar selber verstanden haben), rar sind und weil man zudem zu jung  ist, um Leopold Bloom oder Marion zu verstehen. In ein paar Tagen werde ich wieder in Paris vor der Buchhandlung stehen, die das Erscheinen dieses großartigen Buches erst ermöglichte. Und Italo Svevo, dessen subtiler Triester Humor auch in den modernen Übersetzungen in die deutsche oder englische Sprache nicht völlig wahrzunehmen ist.

Joyce und Svevo in Triest - © Thomas Michael Glaw

Joyce und Svevo in Triest – © Thomas Michael Glaw

Ich sehe die beiden in diesem Café. Ich sehe sie in den schmalen Straßen dieser Stadt am Meer.

Ich gebe gerne zu, dass mein Bild von Dublin durch Joyce, Shaw  und Flann O’Brien geprägt ist. Umso größer war der Schock, als wir uns von unserem bescheidenen Hotel in der Peripherie ins Zentrum aufmachten. Freunde hatten mich gewarnt. Dublin sei ein „dump“, angefüllt mit jungen Leuten, die möglichst schnell möglichst große Mengen Alkohol in sich hinein schütten wollen.  Es sei eine Stadt, die, abgesehen von den angesagten Vergnügungsvierteln, am Verfallen sei, es sei eine gespaltene Stadt.

Meine Freunde hatten Recht

Dublin - © Thomas Michael Glaw

Dublin – © Thomas Michael Glaw

Ganz ehrlich: ich hatte auch die Kleinstädte in Clare nicht als besonders reizvoll empfunden. Limerick, wo wir auf dem Weg ein schnelles Lunch zu uns nehmen wollten, empfand ich als oberflächlich und langweilig. Vielleicht war die Enttäuschung in Dublin nur ob der Erwartungshaltung so groß. Die Fallhöhe bestimmt letztendlich den Schmerz.

Nein, ich hatte wirklich nicht das Dublin Leopold Blooms erwartet. Aber ich hatte eine irische Großstadt erwartet, die mit ihrer eigenen Geschichte synchron läuft. Die die Brüche lebt und versteht. Die nicht irgendwelche Pseudomonumente verehrt, sondern sich aktiv mit ihren Werten auseinandersetzt. Einmal davon abgesehen, dass man in Dublin praktisch nirgendwo etwas erträgliches essen kann.

Dublin - © Thomas Michael Glaw

Dublin – © Thomas Michael Glaw

Dublin ist ein wenig so, als gäbe es hier in München an jeder Ecke ein Hofbräuhaus und zudem ein permanentes Oktoberfest. Ich finde das Oktoberfest für zwei Wochen und die Existenz eines Hofbräuhaus schlimm genug.

Ich werde nach Irland zurückkehren, weil ich mich in das Land, seine Küste, seine Hügel und die Menschen dort verliebt habe. Ich habe mich in die Wirklichkeit verliebt. Eine Wirklichkeit jenseits von Tourismus, Langeweile, Alkohol und schlechter Volksmusik.

Triest - © Thomas Michael Glaw

Triest – © Thomas Michael Glaw

Wenn ich die Bilder vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, kann ich mich von dem Gedanken nicht lösen, dass Irland immer noch nicht wirklich frei ist. Es mag sich politisch emanzipiert haben, die Vergangenheit hängt aber immer noch über dem Land, so wie die grauen Wolken an jenem Samstag über Dublin hingen. Vielleicht braucht es ja den blauen Triester Himmel und ein wenig Wärme. Vielleicht auch ein bisschen weniger Alkohol.

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