Cadiz

oder die Rückkehr zum Meer: Geplant war, was man auf Englisch so schön „a gentle drive“ nennt. Ein unübersetzbarer Ausdruck in Deutschland, einem Land, in dem die Freiheit zu Rasen, zu den vom ADAC verteidigten Grundwerten menschlicher Existenz gehört. In Spanien ist das bei einer gesetzlich verordneten Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h auf Autobahnen zugegebenermaßen schwierig. Freie Fahrt für freie Bürger -vielleicht wäre das ja eine weitere Idee für Pablo Iglesias „Podemos“ Bewegung. Nachdem es dem durchschnittlichen Spanier, beziehungsweise der durchschnittlichen Spanierin, beim Autofahren jedoch ein wenig an Übersicht mangelt, vielleicht doch keine so gute.

Auf dem Weg nach Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Auf dem Weg nach Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Aber ich lenke ab. Der Weg von Granada nach Cadiz sollte eigentlich der Landschaftsfotografie gehören. Wir wollten zumindest einmal erste Pflöcke einschlagen, um irgendwann im Frühjahr zurückzukehren und uns dann der Wildheit der Landschaft zu widmen – Spring it will be … Petrus hatte leider kein Einsehen und garnierte unsere Reiseroute mit einem permanenten Nieselregen, der nur durch zeitweilige Regengüsse unterbrochen wurde – zugegebenermaßen ein wenig schwierig, unter diesen Umständen Farben, Licht und Wolken in Einklang zu bringen. Abgesehen von den Unbilden des Wetters, steht auch das spanische Straßenbauamt der Idee des „Stehenbleibens“ auf Landstraßen nicht sonderlich positiv gegenüber – die Straßenränder fallen mal eben etwa einen halben Meter ab. Nachdem wir leider keinen Landrover, sondern einen Renault Captur zur Verfügung hatten (allein der Versuch, zwei Koffer und eine Fotoausrüstung in dieser Kiste unterzubringen, ist eine Herausforderung) keine empfehlenswerte Lösung.

Cadiz - © Thomas Michael GLaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Ich glaube, es war Lord Byron, der vom glänzenden Cadiz sprach. Zunächst einmal sind wir wie einst Jesus über das Wasser gewandelt, denn unser TomTom kannte, trotz Update auf neue Europakarte direkt vor der Reise, die im September 2015 eröffnete Brücke noch nicht und gab erschreckte Töne von sich. Ich habe Cadiz nicht als glänzend wahr genommen, aber für mich ist die Rückkehr zu einer Stadt am Meer immer etwas Besonderes. Es ist schwer zu erklären, aber die Nähe der See, der permanente Wind, das besondere Licht … ich kann mich dem nur schwer entziehen. Ich könnte stundenlang auf das Meer schauen. Nicht auf diese Badewanne zwischen Europa und Afrika, zugegebenermaßen, aber auf das wirkliche Meer. Es zu riechen, es in seinen Haaren zu spüren, die Bedrohung, wie auch die Tiefe, wahrzunehmen, die gefühlte Unendlichkeit des Horizonts (auch wenn er fototechnisch durchaus endlich ist), die unbewusst vorhandene Tiefe.

Strandgut - © Thomas Michael Glaw 2016

Strandgut – © Thomas Michael Glaw 2016

Für meinen nächsten Gedichtband sammle ich seit drei Jahren „Strandgut“ in fotografischer Form: Angetriebenes, Steine, Federn, Taue, Kadaver … was das Meer wieder ausspuckt erinnert mich in manchem an meine Gedichte, die auch aus Zeilen bestehen, die das Leben von sich gegeben hat.

Die Stadt Cadiz selbst ist – zumindest im Winter – voll reizvoller Normalität. Es fällt auf, wie viele Europa- oder weltweit agierende Geschäfte selbst hier, im südwestlichsten Zipfel Spaniens, ihre Filialen haben, die Menschen wirkten ein wenig entspannter, als im shopping gestressten Granada. Auch hier boxten sich allerdings Gruppen weiblicher Teenager durch die gemächlich treibende Masse, um noch ihren letzten Einkäufen vor dem Eintreffen der Reyes Magos zu frönen.

Cadiz - © Thomas Michael Glaw 2016

Cadiz – © Thomas Michael Glaw 2016

Während wir den Heiligen Königen in Granada nie begegneten – die Schlange vor dem Rathaus, wo man sie angeblich persönlich treffen konnte betrug am Abend stets mindesten 100 Meter – liefen wir ihnen in Cadiz förmlich in die Arme: reizende ältere Herren, die mit Kindern und Erwachsenen gleich liebenswürdig umgingen.

Noch ein letztes Wort zu dieser wunderbaren Stadt am Rande des Ozeans: Suchen Sie sich ein Hotel an der Westseite, und wenn Sie Hunger verspüren, besuchen Sie das Restaurant La Despensa. Üblicherweise geben wir hier unsere kleinen Geheimnisse nicht Preis, aber so viele Leute wird es schon nicht nach Cadiz verschlagen, und dort kocht man wirklich gut. Nur ein Wort der Warnung: wenn Sie Spanisch sprechen und sich mit der Bedienung gut verstehen, seien Sie vorsichtig, wenn Sie zum Café Solo einen Carlos I bestellen. Es könnte passieren, dass man ihnen eine 1/3 Flasche auf zwei Gläser verteilt, und dann wird die bildnerische Arbeit am Nachmittag, wie soll ich mich ausdrücken, spannend.

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