Kraft

Das Brechen der Welle auf dem Bild des Lake Michigan ist fast zu hören:
Kraftvoll bricht sich die das Wasser an den Steinen, spritzt in den Himmel und zieht sich dann, leise gurgelnd, wieder in den See zurück. Die Energie, die in dem Wasser steckt, lässt sich bei dem Blick auf den ruhigen See hinter der Welle kaum erahnen.

Brandung am Lake Michigan - © Thomas Michael Glaw

Brandung am Lake Michigan – © Thomas Michael Glaw

In den letzten Tagen in diesem März ist die Energie schon spürbar, die in der Natur steckt. Auch wenn die Bäume noch keine Triebe erkennen lassen – durch die Sonne sind die Frühlingsboten schon erkennbar. Nicht nur die ersten Blumen wagen sich aus der Erde, auch die Cafés haben bereits ihre Tische und Stühle ausgepackt und viele nutzen die ersten warmen Sonnenstrahlen für ein Sonnenbad.
Es scheint eine geheime Kraft zu geben, die Leben in Bewegung bringt, die motiviert, aufzubrechen, Neues zu schaffen. Durch sie entsteht ein Rhythmus von Aktivität und Entspannung, ein Rhythmus, dem die Natur entspricht, geprägt von Phasen der Spannung und Entspannung im Tun, von Tages- und Jahreszeiten. Weder die Welle, noch der Leopard laufen unentwegt, sie beginnen zu laufen, steigern ihre Geschwindigkeit bis zum Höhepunkt und laufen dann aus. Danach folgt die Phase der Entspannung, das sich Zurückziehen und Kräfte sammeln für den nächsten Lauf.
Auch wir Menschen werden von dem natürlichen Rhythmus beeinflusst, aber wir haben viele Mechanismen entwickelt, um jederzeit die gleiche Leistung bringen zu können. Künstliches Licht, Heizungen und Klimaanlagen sorgen für die Unabhängigkeit von Helligkeit und Temperaturen. Möglichst alles immer verfügbar zu haben und selbst jederzeit verfügbar zu sein, gehören zum selbstverständlichen Anspruch in unserer Gesellschaft. Der weltweite Handel ermöglicht uns, unabhängig von der Erntezeit jede Art von Obst und Gemüse das ganze Jahr zu bekommen. Arbeit am Wochenende, ein paar schnelle Emails nach Feierabend oder aus dem Urlaub gehören immer mehr zur Normalität. Nicht nur im Beruf, auch die Freizeit will gut genutzt sein, manch ein privater Zeitplaner ist mit Sport- Hobby-, Kultur- und Bildungsterminen ebenso voll wie der berufliche. Wir versuchen, immer mehr zu geben, den Level der Leistungsfähigkeit nicht nur zu halten sondern noch zu steigern, möglichst immer gut drauf und fit zu sein, ohne zu merken, wie wir, je länger wir „laufen“, an Kraft verlieren.
Die Selbstverständlichkeit, wie dieser Lebensstil in unserer Gesellschaft gelebt wird, macht mich nachdenklich. Der Wert des Lebens scheint sich immer stärker an dem Ideal des leistungsfähigen, jungen Menschen zu orientieren. Das Leben entspricht jedoch nicht immer dem Ideal und sein Wert ist mehr als die Summe des erzielten Einkommens und des Status. Manchmal bedarf es erst einer Grippe, einer Erkrankung oder eines einschneidenden Ereignisses, um zur Entspannung gezwungen zu werden, zur „Besinnung“ zu kommen und dieses zu erkennen.
Lassen wir es nicht so weit kommen. Nutzen wir die Kühle am Morgen, die Mittagspause in der Sonne und die zunehmende Dunkelheit am Abend, um den Rhythmus der Natur in uns aufzunehmen. Freuen wir uns an den aufbrechenden Knospen im Frühjahr, dem frischen Obst, das in den nächsten Wochen die Märkte füllen wird und entdecken die kleinen und größeren Wunder, die das Leben in seinem Rhythmus für uns bereithält. Nehmen wir uns die Zeit zum Entspannen, lauschen wir dem Brechen der Wellen und spüren die Sonne, um dann mit neuer Kraft einen Aufbruch zu wagen, neues zu schaffen und von Lebenskraft zu sprühen.

Gastbeitrag von Dorothea Elsner.

Das Bild ist das Blatt „März“ aus unserem Jahreskalender 2015 „La forma dell‘ acqua“ zur Ausstellung „formen des wassers„.

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