Narben

Narben sind hochinteressant. Sie lassen uns wissen, dass unserem Gegenüber schon einmal etwas Schmerzhaftes passiert ist. Auch bei der Diagnose sind sie durchaus hilfreich. Seelische Narben sind bei weitem schwieriger zu identifizieren; wenn man sie entdeckt, ist einem häufig schon eine Situation um die Ohren geflogen.

Bei Gebäuden ist das anders.

Köln

Köln

In der letzten Woche hatte ich das Glück wieder einmal in Köln und Aachen zu sein. Neben der selbstironisch freundlichen Atmosphäre, die einen dort umfängt und das Nachdenken über drängende Fragen ungeheuer erleichterte, hatte ich auch einige Momente der Muße oder gar des Müßiggangs, um mit offenen Augen durch die Straßen zugehen.

Mir fielen die Narben auf.

Köln

Köln

Wer, wie ich, einen großen Teil seines erwachsenen Lebens in München verbracht hat, weiß sehr wohl um die Kunst Narben zu verbergen. Das lernt man nicht nur als junger Alumnus in der medizinischen Fakultät, man lernt es auch wenn man mit offenen Augen durch die Straßen geht. Es ist alles in allem eine Frage der Ästhetik. Kann ich es ertragen im Stadtbild Lücken zu lassen, muss ich sie mit zeitnahen Rekonstruktionen auffüllen oder kann ich es vielleicht gar aushalten, dass sich dort einfach temporäre Architektur – so schlecht sie auch sein mag – breit macht.

Ich finde es überaus interessant, dass sich gerade im Rheintal, das über Jahrhunderte unter wechselndem Kriegsglück, aller Arten von Besetzungen und unglaublichen Zerstörungen zu leiden hatte, diese Leichtigkeit des Seins bildete. Oder vielleicht gerade deswegen ?

Köln

Köln

Man mag so manches, was dort architektonisch gewachsen ist, für unschön halten. Gewiss. Aber es steht für die Menschen und die Gesellschaft, in der es gewachsen ist. Insofern ist es für mich zunächst einmal schön. Der Ausdruck menschlichen Seins (und auch des Unsinns, den es gebiert) gebietet durchaus eines gewissen Respekts, zumal ich finde, dass eine solche Haltung wesentlich realitätsnaher ist als die, die nur ein Disneyland mit anderen Mitteln schafft.

Geschichte und Geschichten, die sich auch und immer wieder in Narben zeigen.
Ich hatte gestern das Glück einen Menschen zu bewirten, der Geschichte und Geschichten in recht einmaliger Weise verquickt.
So wie die Stadt Köln.

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