Gefrorene Zeit

Ich musste mir letzte Woche ein wenig Köln von der Seele schreiben. Es ist selten, dass mich eine Stadt so überrascht hat. Auch in Köln erlebte ich Momente, die ich wohl gerne „eingefroren“, für lange Zeit konserviert hätte.

Fotografie tendiert oft dazu den einen entscheidenden Moment festzuhalten. Ein nacktes Mädchen, das vor amerikanischen Napalm Bomben weg läuft, oder denken wir an etwas weniger martialisches, wie Henri Cartier-Bressons berühmtes Bild, das einen Mann beim Sprung über eine Pfütze in Paris erfasste. Cartier-Bresson hat später eingeräumt, dass das Bild gestellt war, nichtsdestotrotz war es der Versuch den „one moment in time“ von dem Whitney Huston singt festzuhalten.

Wasser in Rom 1

Wasser in Rom 1

Fotografie erfasst, im Gegensatz zum Film, tatsächlich einen Moment unserer Zeit. Einige Beispiele meiner letzten Arbeiten aus Rom sollen das hier zeigen. Wasser ist wohl das klassische Beispiel wenn wir den Fluss der Dinge demonstrieren wollen. „Panta rhei“, schrieb Heraklit, alles fließt.

Auch in den römischen Brunnen fließt alles – wenn nicht mal wieder die Technik versagt. Umso faszinierender ist es den Fluss optisch einzufrieren und das Detail zu betrachten. Die vielen kleinen Tropfen, die sich aus dem Fluss ergeben, oder umgekehrt betrachtet, erst den Fluss ausmachen. Ein Teil unserer bildnerischen wie philosophischen Auseinandersetzung mit der Form des Wassers, wird sich auch mit den Übergängen zwischen den Formen und den Übergängen innerhalb der Formen befassen – soweit es sich eben bildnerisch darstellen lässt.

Wasser in Rom 2

Wasser in Rom 2

Tropfen, die einen Strom formen, um beim Auftreffen auf eine andere Form, sei es nun Stein oder stehendes Wasser, wieder zu Tropfen zu werden. Mir fiel dabei das Wort „Ihr müsst werden wie die Kinder“ ein. Vielleicht weil es einige Albernheiten in Köln gab, vielleicht weil ich mir vor einiger Zeit den, allerdings schmunzelnd vorgebrachten, Vorwurf anhören musste, ich wolle nicht wirklich erwachsen werden.

Ich genieße manchmal zwischen Verhaltensrepertoires zu springen. Es gibt Momente im Leben, die man fast nur mit kindlicher Unbekümmertheit meistern kann; legt man die nachdenklichen Maßstäbe des Erwachsenen an, so endet man häufig in Sackgassen, aus denen der Ausweg zumindest zeitintensiv ist.

Wasser in Rom 3

Wasser in Rom 3

Die Betrachtung der Formwechsel beim Wasser mag anregen darüber nachzudenken, wie solche Formwechsel auch bei uns Menschen täglich passieren.

Gefrorene Zeit – es gibt wirklich Momente in denen man die Zeit anhalten möchte, das Geschehen nicht vom Ende her betrachten möchte. Doch die Zeit fließt weiter.

Es ist das Verdienst der Fotografie solche Momente festzuhalten und dabei doch zum Weiterdenken anzuregen. So schließt sich der Kreis: aus einem Moment der Stille, des Stehenbleibens, des Verharrens erwächst uns oft die Kraft zum Weitermachen, vielleicht sogar die Vision eines Zieles, das es wert ist erreicht zu werden.

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