Verfall

Ich war kurz versucht, dieses kleine Feuilleton „Auslöschung“ zu nennen, ganz im Sinne des gleichnamigen Romans von Thomas Bernhard. Aber es geht eigentlich nicht wirklich um Auslöschung, es geht um die Faszination am Verfall, der die Fotografie schon der der Frühzeit und nicht erst seit den digitalen Zeiten beherrscht.

Grafik des Verfalls

Walter Benjamin hat sich damit auseinandergesetzt, Susan Sontag schrieb in Melancholy Objects: „But the old world cannot be renewed – certainly not by quotations, and this is the rueful, quixotic aspect of the photographic enterprise.“

Was fasziniert uns Photographen am Verfallenden oder Verfallenen? Es kann nicht die Lust an der Dokumentation des Vergangenen sein, denn wir dokumentieren ja nur den Verfall desselben, die Dokumentation bedarf des erhaltenen. Ist es die Tatsache, dass Linien gebrochen sind, dass Formen nicht mehr dem Ideal des Planers oder den ästhetischen Idealen entsprechen?

Auch mich ziehen solche unvollkommenen Szenarien an, aber ich würde Susan Sonntag nicht beipflichten, dass es sich um einen Trieb zum Surrealen handelt. Der Verfall von Bauwerken ist äußerst real und bietet dem Photographen Formen und graphische Elemente, die eben nicht perfekt sind. Das Urheberrecht macht es heute sehr schwer eben jenes nicht Perfekte bei menschlichen Wesen einzufangen und zu publizieren. Vielleicht dienen Gebäude hier einfach Projetionsfläche, gewissenmaßen als pars pro toto, für das menschliche Handeln insgesamt.

Widerstreit im Verfall

Interessant ist, dass es der Natur stets gelingt, auch im natürlichen Verfall eine gewisse Würde zu bewahren; eine Würde, die den Früchten der menschlichen Arbeit meistens verwehrt bleibt. Der Schöpfung wohnt eben doch schon ihr Tod inne – und die Auferstehung.

Perfektion im Verfall

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4 Gedanken zu “Verfall

  1. Diese Lust am Verfall trägt, meine ich, manchmal schon perverse Züge. Bei den beliebten Fotos aus kubanischen Palästen etwa, auch in manchen Filmen von Wim Wenders („Lisbon Story“) – da ist die Grenze zu einer Ästhetisierung der Armut nicht weit, wenn nicht schon überschritten. Thomas Bernhard wäre das nicht passiert.

    • Das sehe ich genauso. Das Interessante ist, dass Susan Sontag es schon in den Siebzigern, Walter Benjamin, wenn auch deutlich kryptischer, es noch früher sah. Was aber macht den wirklichen Reiz dieser Versuche einer Ästhetisierung aus?

      • Was mir einfällt: Das ist sicherlich eine Reaktion auf den Überfluss an glatten, im Grunde einwandfreien Waren. Ähnlich wie mit dem allgegenwärtigen Lob der Handarbeit. Meinem Großvater noch wäre es nicht in den Sinn gekommen, ein handgearbeitetes Stück für wertvoller zu halten als ein fabrikmäßig hergestelltes. Ebenso mit dem Verfall. Menschen, die in Mittelamerika von 200 USD pro Monat leben, dürften sich nicht für Verfall begeistern. Ich werde der Frage nachgehen, fahre nämlich in 3 Wochen dahin!

  2. Das ist ein guter Punkt, aber es erklärt die Faszination der Photographen an diesem Sujet nicht vollständig. Der Verfall lässt sich als Thema schon in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts thematisieren und wenn wir heute vieles, vor allem was von Amateuren publiziert wird, betrachten, finden wir genau, genau dasselbe Thema. Sind es wirklich nur ästhetische Momente?
    Viel Spaß in Mittelamerika. Die Mehrzahl meines Aufnahmen von dort sind noch auf 35mm Agfa Professinonal 🙂

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